Selbstversuch vs Realität I

Tag 1 +2: Es ist schwer. Wenn ein Kind mit dem Filzstift den Katzenkorb anmalt, man das
verbietet sich umdreht, um ein anders schonmal anzuziehen, das kreative Kind ins Zimmer
gelaufen kommt und plötzlich einen braunen Schnurrbart vorzuweisen hat- ist es sehr
schwer, ruhig zu bleiben. Vorallem, wenn das kreative Kind vorher schon einen Schrank
anmalte. Wenn ein Kind beim Abendbrot erst 3 Mal die Salami fallen lässt, weil so schön
fettig und lustig, um danach im hohen Bogen das Würstchen durch die Küche fliegen zu
lassen, ist es irre schwer nicht zu blöcken. Ich rollte mit den Augen und dann sprach das
Kind, das Kunststücke liebt: „Mama nicht so gucken, sondern lachen!“ Das war leicht ;)

Der Tag ist nun geprägt von: „Wenn du nicht, dann“ oder „sonst“. Also kam es heute zu drei
großen Krisen mit beiden großen Kindern. Krise 1, eines der Kinder lief immerzu auf die
Strasse, unabsichtlich weil es an dieser Stelle keinen richtigen Bürgersteig gibt, sondern
alles ebenerdig ist. Alsa sprach ich: „Lauf bitte am Rand.“ Irgendwann passierte es wieder.
Also blöckte ich. Auf dem Rückweg sagte ich: „Wenn du nicht am Rand läuft, kommst du
an die Hand!“ Es kam, wie es kommen musste und beide gingen an der Hand nach Hause.
Krisenpunkt 2: Der Hausflur. Drei Treppen müssen die Kinder laufen, drei Treppen muss ich
Tom hochtragen, drei Treppen den Kinderwagen hochziehen. Ein Kind verweigert das
Laufen immer: Torkelt, schwankt absichtlich, macht sich schwer, verweigert alles. Also
ging ich mit Tom auf dem Arm und dem anderen Kind hoch, und sagte dem stillen Bocker:
„Auf der Treppe sitzen bleiben!“. Als ich dann wieder unten war, wollte das sich verweigernde
Kind plötzlich ganz schnell allein nach oben. Sonst zog ich es schonmal die Treppe hoch,
wutentbrannt. Hätte das nicht auf Anhieb geklappt, hätte ich erst noch den Kinderwagen
hochgezogen. Bis die Einsicht gekommen wäre.
Krisenpunkt 3: Buchauswahl beim Bett-Ritual. Dank eines Zwangs musste es monatelang
immer dasselbe Buch sein. Im Nachhinein irgendwie ein Segen, man konnte es bei
Fremdübernachtung auch mal vergessen, da wir es singen konnten. Nun immer das rosa
Buch! Aber das hat sehr viele Seiten. Sehr viele. Also sagte ich: „Nein, dass dauert zu
lange. Such bitte ein anderes heraus.“ Kreisch. Brüll. Nein!!! Also sprach das Muttertier:
„Entweder suchst du eines aus, oder ich!“ Brüll. Kreisch. Nein!!! Also nahm das Muttertier
ein anderes Buch heraus und begann zu lesen. Kreisch. Brüll. Nein!!! Also sprach das
Muttertier: „Entweder hörst du auch zu schreien oder ich geh mit Noah raus und lese
es ihm allein vor. Der will es lesen, versteht aber kein Wort, weil du so schreist“ Brüll.
Kreisch. Nein!!! Also ging das Muttertier mit Noah zur Tür heraus, las das Buch und danach
gingen wir wieder rein. Kein Gebrüll. Kein Gekreische. Das war eigentlich mal ein großes
Standbein unserer Erziehung: Die Kinder wussten, wir meinen es ernst.

Warum tun wir das? Die Kinder sollen lernen, dass alles was man tut eine Konseqenz mit
sich zieht. Kippt jemand ein Glas um und überschwemmt den Tisch, bringe ich Lappen
oder Tücher zum Aufwischen. Fliegt die Wurst durch die Küche, stehe nicht ich auf um
sie wieder aufzuheben. Das funktioniert ganz gut. So machten wir das auch, bis meine
Kraft nachließ und Anschreien leichter war.

Klappt es immer: Nein! Als ich heute Abend im Stress war, Tom schrie und weinte, weil
hungrig, aber die Kinder mussten umgezogen werden, der Stressspiegel stieg und ich
hatte erst bettfertig und das andere Kind ließ sich Zeit, ich zuoft bitten musste: „Hol
deinen Pyjama. Der Tom weint. Wir müssen uns beeilen.“ Und das Kind kommt dreimal
nackt zurück, aber ohne Pyjama. Ja dann ist da nichts mehr im Gehirn aktiv, was sagen
könnte: Von lauter Rufen geht da auch nichts schneller. Oder ein Teil des Hirns, der hätte
sagen können: „Komm wir holen ihn schnell zusammen.“ Alles aus: Stress.

12 Responses to “Selbstversuch vs Realität I”

  1. Cecie Says:

    nicht, dass ich – kinderlos – es wirklich beurteilen könnte, aber ich ziehe absolut den hut. und ich finde es beeindruckend, wie du es angehst, vielleicht mal fehltrittst, dann aber recht unverzüglich die lage für dich sondierst und es wieder in die richtigen bahnen schiebt.

    es triffts nicht ganz, aber: nur wer arbeitet macht fehler. und nur wer sich soviel mit seinen kindern beschäftigt und sich so viel gedanken macht, reagiert auch mal suboptimal. es hört sich vielleicht komisch an, aber jemanden wie dich nehme ich mir gern als vorbild.

    sie dürfen sich das gern ausdrucken und an die wand hängen, für schlechte tage ;o)
    und: herzallerliebst, die drei zwerge, und zum knutschen!

  2. Karin Says:

    Vor einiger Zeit wurde auch bei uns eher geschimpft manchmal recht laut geworden. Auch ich dachte damals, da muss sich was ändern. Ich verfahre so wie du. An manchen Tage geht es ganz gut. Meistens (wenn ich explodiere) ist es dann abends. Da bin ich ausgelaugt vom Tag und hab im Hinterkopf was sonst noch zu erledigen ist, wenn die Kinder schlafen. Und gerade diesen Stress und mr auferlegten Druck spüren die Mädls und tanzen dann total gegen meiner Nase! Manchmal könnt ich richtig heulen abends, weil mir einfach vorkommt sie tun mir alles z’Fleiß!
    Du machst das schon ganz richtig so und halte durch!

  3. Isabella Says:

    Ich bin irgendwie sehr erleichtert, dass ich heute von dir lesen konnte…

    Ich habe nur ein Kind und an manchen Abenden, würde ich am liebsten aus Wut ein paar Tassen und mcih selbst auf den Boden schmeissen, heulen, meinen Mann vor die Türe setzen ;)

    Ich bewundere dich und deine Art Dinge anzupacken und ich hoffe, sollte ich noch Nachwuchs bekommen, genauso wie du daran zu wachsen und die kleinen,großen Hürden des Lebens mit Kindern so toll zu meistern…

  4. Silberpfeil Says:

    Du hast meinen vollen Respekt. Ich wollte schon ganz viel klugschiesseriges loswerden. Aber Fazit ist: Ich kann noch überhaupt nicht mitreden.
    Ich hoffe, dass ich das Ganze auch so gut angehen kann, wie Du das schaffst. Und vorallem auch in sehr schwierigen Momenten, den für mich richtigen Weg immer wieder zu finden. Täglich den gleichen Kampf durchzustehen und dabei mich selber nicht ganz verlieren.
    Ich wünsche dir ganz viel Kraft und Geduld und für Dein strapaziertes Ich ein wenig ruhige Momente um sich ein wenig zu erholen. Hut ab und danke für Deine ehrlichen Worte.

  5. sevenjobs Says:

    Die Kinder provozieren das Schimpfen ja auch lustvoll. Außerdem darf man als Mutter auch mal schimpfen, denn man ist kein Übertier. Aber entschuldigen danach, das finde ich wichtig.

  6. sternchenjg Says:

    Du machst das echt spitze, ich hoffe Du hast die Kraft, am Ball zu bleiben!

    Und wie die anderen schon schreiben – manchmal muss man auch laut werden dürfen. Jeder Mensch hat eine Schmerzgrenze, auch Du. Das ist verzeihlich vor allem dadurch, dass Du Dir dessen hinterher bewusst bist und Dir Gedanken machst!

    Ich finde Dich einfach toll. Du bist eine gute Mutter!

    Liebe Grüße,
    Janine

  7. kassiopeia Says:

    @Karin: Genau so wie du es schreibst, im Kopf ist das nicht bei mir der Gedanke, dass sie ja
    gleich sowieso im Bett sind präsent, sondern: Und dann noch abwaschen, die Wäsche, Tisch
    decken (der Kuchen, die Zimmer, der Küchenfussboden…) Und dann kann ich mir meine freie
    Zeit an allen zehn Fingern abzählen… Dann hab ich das Gefühl, die Zeit rinnt mir einfach nur
    durch die Finger, man läuft und läuft und nie ist Feierabend…

  8. kaanu Says:

    Allein die Tatsache, dass Du Dir Gedanken darum machst, finde ich toll und beeindruckend. (Ich finde mich übrigens bestens in Deinem Text wieder…)

  9. Feuervogel Says:

    Ach Kassipeia, wie recht du hast. Und wie wenig man helfen kann. Nur ein bisschen trösten. Meine kleine Madame lächelt immer ganz freundlich, wenn ich losbrülle und verkündet dann triumphierend: „Mama s’impft!!“ – das holt einen dann auch wieder runter. Wird schon … irgendwie.

    PS: Was ich auch unbedingt noch loswerden wollte zu der Diskussion von vor ein paar Tagen … ich habe auch eine Freundin mit drei Kindern. Und immer wenn ich zu ihr sage „aber du hast ja auch 3“, dann meine ich das voller Hochachtung. Eben weil man auch mit einem Kind völlig an seine Grenzen kommen kann. Und man sich dann wage fragt, wie soll das nur werden, wenn vielleicht eines Tages mal doch noch eins dazu kommt. Bitte Kassiopeia, sieh nicht immer alles so negativ. Und freu dich vor allem, wenn jemand glaubt, du machst das alles mit links, denn das bedeutet doch nur, dass dieser Mensch dich bewundert. Bei mir würde der Alltag mit drei Kindern ganz sicher bedeutend chaotischer ablaufen. Ich hoffe du verstehst mich jetzt nicht komplett falsch …

  10. kassiopeia Says:

    @Feuervogel: Nein ich versteh dich nicht komplett falsch! ;) Es schraubt nur die eigene Leistung
    enorm runter, wenn mein Gegenüber wirklich denkt, meine Kinder seien viel unkomplizierter als
    andere Kinder, meine wären so unendllich pflegeleichter, einfacher- alles eben eine Sache der
    Gene. Das nervt!

  11. Feuervogel Says:

    Ach komm … die Sache mit den Genen. Meine Schwiemu findet auch immer alles genetisch. Und natürlich grundsätzlich aus ihrer der Linie. Aussehen, Charakter … einfach alles. Ich habe mich ewig darüber aufgeregt. Indessen sage ich – meistens je nach Tagesform: „Stimmt. Du hast so recht. Von mir hat das Kind eigentlich nix. Höchstens den eisernen Willen.“ Nimm’s mit Humor … wirklich, das hilft.

  12. Mama Schwaner Says:

    oh, danke für die ausführliche schilderung! bei uns klappt es ähnlich (gut), aber ich komme gerade nicht wirklich dazu, darüber zu schreiben. vielleicht ja doch… halte durch, ich finde es super!