Pure Panik

Vor ein paar Wochen lag ich abends im Bett und da roch ich Qualm. Sofort musste ich
an die dummen Nachbarn denken und an den Kachelofen, den wir eigentlich nicht mehr
benutzen dürfen. Vermutlich war es nur ein kleiner spanischer Ofen der Nachbarn
gegenüber, aber ich wurde panisch. In meinem Kopf spielte ich durch, was ich nur tun
sollte, wenn dem so wäre. Dann wurde ich ruhiger, schließlich lag mein Mann neben
mir, der könnte zwei nehmen. Gedanklich versuchte ich mich heranzuwagen, quasi
präventiv an das Thema, sollte ich in solch einer Situation allein sein. Gedanken
überschlugen sich förmlich. Wir wohnen im zweiten Stock, wo raus, wohin mit drei
Kindern?! Umbinden? Springen? Jemanden die Kinder zuwerfen, in dem Moment als
ich meine Beine auf dem Kopfsteinplaster aufkommen hörte, sprang ich aus dem Bett
und musste mich beinahe übergeben. Ich nutzte diese Gelegenheiten um für mich zu
sortieren, was eigentlich los ist. Jedem Kind gerecht zu werden, jedem das zu geben,
was es braucht fordert mich sehr, denn ich liebe sie alle. Also verbuchte ich es darauf.

Ein paar Tage später traf mich die Realität. Wir müssen vom Kindergarten hoch
in Altstadt laufen, wir sind zwei kleine Kinder und Tom der von mir im Wagen
geschoben wir. Die Steigung ist nicht ohne: 13%. Es gibt zwei Wege. Einen mit
kontinuierlicher Steigung, den ich immer nehme und einen der erst allmählich und
am Ende umso steiler ist. Diesen Weg lieben die Kinder, denn sie dürfen ihn allein
gehen, ohne die Mama. Dabei kann ich sie sehen, wenn ich denn so schnell bin wie sie,
ihnen zuwinken nach unten und sie können hochschauen. An jenem Tag war Zoe
schneller als Noah, stand oben und winkte mir fröhlich zu, wartete. Noah ging weiter,
guckte sich hin und wieder um. Als ich auch oben ankam, war Noah noch ein
paar Meter entfernt, ließ sich Zeit. Mutter und Tochter stellten sich kurz zum Italiener.
Zoe hatte die Idee Noah zu holen, ich dachte erst das packt der schon, aber Zoe
lief schon los. Es passierte, was passieren musste. Noah dreht sich um und rannte
los- zurück. Meine Tochter hinterher. Kein „Stop“ errreichte die Kinder mehr. Tom
vor mir im Kinderwagen, hinter mir eine 13% Steigung. Was tun? Welches Kind?
Ich stellte Tom so schnell es ging einigermaßen waagerecht. Und rannte. Schreiend.
(Mir kommen jetzt noch die Tränen) Autos fahren nur runter. Aber gerade zu auf
meine Kinder. Zoe kennt die Regeln, aber Noah nicht halb so gut. Es ging alles
gut. Sie waren schon wieder auf dem anderen Weg, als ich sie mir schnappte. Sofort
rannte ich hoch zu Tom. Mir war genauso schlecht wie in dieser einen Nacht. Es sind
zwei mehr als man einem hinterher laufen kann…

Seit diesem Tag, weiß ich das es um mehr ging als Einzelförderung. Es sind drei.
Sie sind grob 3, 2 und ein halbes Jahr alt. Sie sind klein. Sie sind drei. Ich bin allein.

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6 Responses to “Pure Panik”

  1. kaanu Says:

    Mir läuft schon beim Lesen ein Schauer über den Rücken. Wenn ich könnte, würde ich Dich jetzt in den Arm nehmen und Dir sagen, dass die Belastung, die Du auszuhalten hast, um ein vielfaches höher ist, als das, was ich gerade an der Arbeit durchmache. Dann wenn bei mir was schief geht, dann stehen wir vielleicht als Firma etwas dumm da. Aber das ist nichts gegen die Angst, als Familie einen Schicksalschlag zu erleiden.

    Ich bewundere Deine Leistung, tagein tagaus „allein“ für Eure drei zu sorgen so sehr!!!

  2. June Says:

    es ist die verantwortung die uns so schwer tragen lässt. und nicht in jeder situation kann und wird man schnell und richtig reagieren können. hier sind es nur zwei. und trotzdem passieren dinge, die nicht passieren sollten, die einem dir urangst spüren lassen. bennet ist neulich die wendeltreppe runtergefallen, stufe für stufe aufgeschlagen. ich hab es gesehen, hatte lola auf dem arm und habe nicht schnell genug reagiert. bennet sah mich panisch an, als er sich an einer stufe halten konnte und ich war zu langsam. lippe aufgebissen, zahn abgebrochen, kinn aufgeschlagen, stück zunge rausgebissen. noch heute mach ich mir vorwürfe…
    du hast in deiner situation schnell und richtig reagiert. leider befürchte ich, dass wir als eltern noch öfter derartiges durchmachen müssen. jetzt sind sie noch klein und wir müssen aufpassen, dass sie sich in der welt zurecht finden. wenn sie aber größer sind kommen andere probleme/sorgen/ängste. es wird nicht besser (in dieser hinsicht). die verantwortung bleibt, die panik auch. aber wir machen das beste daraus.
    fühl dich umarmt!!!

  3. Valrike Says:

    Ohje, ich lese so oft „drei“. Und ich kann es verstehen, auch wenn es hier bisher nur „eins“ ist. Fühl Dich gedrückt.

  4. Kate Says:

    Das kann ich soo gut nachfühlen. Bei uns sind es auch „nur“ zwei, aber das ist auch immer noch einer mehr als ich halten oder tragen oder dem ich hinterherlaufen kann. Als unser Kleiner (inzwischen 20 Monate) gerade geboren war, habe ich häufiger (Tag-)Alpträume von Tsunamis oder ähnlichen Naturkatastrophen gehabt und stand gedanklich ständig vor der Entscheidung: welches Kind hältst Du jetzt fest?
    Aber auch ganz ohne Ausnahmesituationen: Ich kann dieses erdrückende Gefühl, alleine für zwei zuständig zu sein, manchmal auch nur schwer aushalten, und bin deshalb sehr froh, dass bei uns Papa ziemlich präsent ist. Mit dreien alleine mag ich mir gar nicht vorstellen… Habe letztens mal von einer alleinstehenden Mutter gehört, die Drillinge bekommen hat – keine Ahnung, wie man sowas packen kann, ist mir völlig schleierhaft… ;-)

    Also: völlig normal, dass Dich das belastet. Aber auch völlig klar, dass Du das trotzdem packen wirst – und Deine Kinder auch! ;-) Ich wünsche Dir ganz viel Kraft und vor allem gute Nerven!

    Nach langer Zeit mal wieder viele Grüße – wenn ich schon nicht den Kopf frei habe für mein eigenes Blog, schaffe ich es zumindest mal wieder, mich in anderen „rumzutreiben“ – ist ja schonmal etwas … ;-)
    Alles Liebe,
    Kate

  5. kassiopeia Says:

    @June: Das klingt ja fürchterlich! Ich weiß noch als ich einmal Zoe kochend heißes Essen
    hingestellt habe, sie einfach nicht wie sonst, pustete oder wartete, sondern einfach einen
    Löffel in den Mund nahm. Diesen Blick, dieser schreckliche hilfesuchende Blick hat mich
    lange verfolgt, dann nicht enden wollendes Schreien… Was hab ich damals geheult und mir
    Vorwürfe gemacht… Aber diese Angst lähmt mich seitdem Tom da ist, diese Gewissheit
    nicht alle gleichzeitig packen zu können.

    @Kate: Schön, dass du wieder da bist! Und es ist genauso so wie du schreibst, dieser
    Druck, diese Angst, die Anspannung, es zerreißt mich dann einfach. Ich denke ich muss
    lernen, damit zu leben! Irgendwie, denn ich kann es nicht ändern.

  6. June Says:

    liebste kassio,
    du kannst dich nicht zerteilen. geht nicht. eine mama. drei kinder. rein rechnerisch und so geht das nicht. daher schieb die angst weg, das lähmt total. du tust, machst, liebst so gut du kannst. vertrau auf dich und auf deine kinder aber keine angst haben…echt nicht!
    fühl an dich gedacht!!!