Ein Halbes Jahr Mutter Dreier Kinder

Ich erinnere mich noch genau an das milde Lächeln meiner Schwiegermutter, die als Nachsorgehebamme in den ersten Tagen nach Tom’s Geburt sagte: „In drei Monaten habt ihr euch aneinander gewöhnt, dann kehrt die Routine wieder ein.“ Aneinander gewöhnt hatten wir uns schneller, aber auf den zweiten Teil warte ich vergeblich bis heute.
Woher sollte sie es wissen? Seitdem hier drei kleine Kinder hausen, ist hier nie wieder Ruhe eingekehrt. Hier herrscht Chaos. Dabei bin ich ein ordnungsliebender, gut organisierter Mensch. Noch immer miste
ich regelmässig aus, die Schränke sind ordentlich. Aber dennoch hat sich etwas verändert. Vor Tom’s Geburt war es ruhig. Am Abend räumten die Kinder ihre Zimmer langsam auf, ich zog beide um, wir setzten uns in die Küche um zu essen und singten oder spielten dabei. Im Anschluss putzten wir uns die Zähne, setzten uns zum Sandmann sehen vor den Fernseher. Am Ende des Tages gab ich nochmal alles, las eine Geschichte und sang für jeden einmal liebevollst „Lalelu“. Alles in Ruhe. Die Tage waren ohne Stress gut geplant, wir trafen uns regelmässig mit Freunden. Es war die perfekte Familienidylle. Dann kam Tom.
Mir kommt ein Baby zu zwei so kleinen Kindern vor, wie zwei kleine Kinder mehr. Nur damit Sie ein Gefühl dafür bekommen. Denn irgendetwas war immer. Am Abend war ich froh, wenn die Kinder essen konnten, während ich am Tisch saß, ich vor lauter Hektik niemandem vergaß die Zähne zu Putzen und mir keiner ins Ohr brüllte, wenn ich eigentlich singen wollte.
Hier ist niemand plötzlich völlig augebrannt. Noch immer schaffe ich regelmässig zu Putzen, doch wenn ich das Bad geputzt habe, dauert es nicht lange und schon haben zwei kleine Autonome sich selbst die Hände gewaschen und Kampfspuren hinterlassen: Fruchtzwerge am Wasserhahn, wenn es besonders hart war, sieht man nasse Waschlappen liegen. Am besten so hängend, dass am Boden schon so eine kleine Pfütze ist. Aber nicht nur die Großen, auch der Kleine verschönert das Waschbecken: Warum weiß, wenn es orange sein kann?! Ich drehe mich also im Kreis. Egal was ich tue, mindestens zwei Wäschekörbe mit verzweifelt, rufender „Leg mich zusammen!“ Wäsche stehen im Wohzimmer, ein Stapel Post auf meinem Schreibtisch, mindestens ein Paket zum Zurückschicken. Am Abend mache ich kleine Häufchen, nachdem ich auf das erste Auto getreten bin, und arbeite mich so vor, gehe mit kleinen (oder großen Häufchen) von Zimmer zu Zimmer und bringe Dinge an ihrem Ursprungsort. Und glauben Sie mir, hier zieht kein Rat ala: „Gönnen Sie sich einen Tag Ruhe“, oder „Machen Sie nur das Nötigste!“- DAS ist das Nötigste.
Ich wollte in dieser Woche ruhig starten. Aber dann klingelte das Telefon am Montag, am Dienstag, verabredet, Mittwoch traf ich jemanden auf dem Markt, verabredet und Freitag waren wir wieder unterwegs. Dabei müsste ich noch so viele Leute anrufen. Das tägliche Hin und Her. Dabei bin ich gerade dabei zu lernen, zu akzeptieren das es genau so ist. Monate habe ich gekämpft und auf mein altes Leben gewartet. Umsonst. Denn es ist weg. Einfach weg. Ich habe Zoe diese eine Woche drei Stunden früher abgeholt, damit sie nach 5 Wochen Ferien langsam starten kann und einmal, nur einmal nach den Ferien nicht am Nachmittag so eklig ist, und ich nur einmal nicht das Bedürfnis habe sie in die dunkle Abstellkammer zu stellen, weil sie provoziert und nöhlt, nicht zuhört, schreit und weint. Doch spätestens am Mittwoch fiel mir auf, dass das einfach nicht reicht. Das hilft nicht, ihr nicht sich leichter in die neue Rolle im Kindergarten zu finden. Egal wie gut ich alles organisiert habe, egal wie gut ich mich vorbereitet glaube, irgenwas ist immer.
Ich rede davon, dass an einem Tag an dem uns genau ein Kind besucht hat, abends drei angebissene Äpfel herumliegen. Und warum? Weil unser Besuch einen wollte, Äpfel gesund sind, die Kinder in das Alter kommen, wo sie ihn nicht mehr in Häppchen wollen und ein bißchen Apfel ist besser als gar keiner. Den Menschen, die sich an dieser Stelle um die Reste der Nahrung Sorgen machen, sei gesagt, dass diese am nächsten Morgen zu Schnitzen für den Kindergarten gemacht wurden. Ich rede davon wie es ist zu versuchen in Ruhe Mittag mit drei kleinen Kindern zu essen. Wir haben umgestellt. Ich sitze vorn am Kopf des Tisches, links sitzt Tom, neben Tom sitzt Zoe und rechts von mir sitzt Noah. Es gab Pfannkuchen. Also galt es frische Pfannkuchen zuzubereiten, während ich Tom im Sitz bei Laune hielt und ihn mit Brei fütterte, herum (!) lief und Pfannkuchen schnitt, eingoss, wieder eingoss, Pfannkuchen im Auge behielt und selbst aß. Ich habs geschafft. Tom schlief irgendwann seinen Mittagsschlaf und danach wusch ich schon wieder ab. Heavy Rotation. Es gibt keine Tipps, um es leichter zu machen. Vorher die Pfannkuchen backen, vorher durchschneiden, vorher eingießen. Wann vorher genau?!
In regelmässigen Abständen muss ich zu drei verschiedenen Elternabenden, dreimal Elternarbeit, dreimal Arzttermine, viermal wenn ich mich dazu zähle, fünf Menschen, die krank werden können, einmal Turnen in der Woche und 12 Freunde mit Kindern, die man gern regelmässig trifft, dabei werden es immer mehr. Mit jedem Jahr das die Kinder älter werden, werden die Kinder der Freunde selbstständiger und plötzlich kommt ein Anruf, ob man nicht mal kurz aufpassen könnte, oder an diesem und jenem Tag, so kommt es das eigentlich immer mehr als drei Kinder hier sind, noch mehr Rabauken, noch mehr Alltags-Chaos. Aber wissen Sie was? Genau so wollte ich das! Irgendwas ist immer.

Diesen Stein fand ich letztes Jahr an der Ostsee, als ich in der 6. SSW war.
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6 Responses to “Ein Halbes Jahr Mutter Dreier Kinder”

  1. Mareike Says:

    Wow! Meinen vollsten Respekt!! Und ich dachte immer, ich hätte mit 2 Kindern, Studium, Job, Haushalt und Hund schon viel um die Ohren!

  2. gleitsmaennchen Says:

    Ja, so stell ich mir das auch schon die ganze Zeit mit drei Kindern vor und durch deinen Post habe ich jetzt die Bestätigung. Am Mittwoch ist es soweit! Und dann beginnt ein neuer Lebensabschnitt oder mein altes Leben ist weg. Aber weißt du was, ich freu mich drauf!

    Liebe Grüße ;-)

  3. kassiopeia Says:

    @gleitsmaennchen: Darf ich fragen, wie weit deine Kids auseinander sind?! Ach so und viel Spaß beim
    neuen Leben im Chaos! ;)

  4. gleitsmaennchen Says:

    Klar darfst du fragen. Jan ist 3 1/2 Jahre alt und Leni ist 17 Monate alt. Altersunterschied also so ähnlich wie bei dir.

  5. Karin Says:

    Genau auf diese Routine warte ich auch seit Nr. 3 da ist! Aber ich habs auch akzeptiert und genieße einfach mein Leben mit den Geistern!

  6. eva Says:

    Mir wird ganz Angst und bang….

    Lg
    von einer stillen Mitleserin, die überraschend mit dem dritten schwanger ist (3. =8SSWo., 2. =14 Mon., und 1. =3 1/2 Jahre)