Zwischenwelt

Vergangenheit- Gegenwart- Zukunft

Einen Großteil des Tages liegt Ben auf meiner Brust, meinem Bauch, in meinen Armen oder wird
gestillt. Erst ganz langsam löst sich das enge Band. Er liegt mal auf seinem Papa oder in seinen
Armen, verbrachte schon eine Stunde beim besten Nenn-Onkel und ein paar Minuten bei seiner
künftigen Patentante, Tante und Oma, hin und wieder liegt er allein auf der Couch oder in unserem
oder seinen Bett, aber alles langsam. Ganz behutsam, denn schnell fehlt er mir. Als würde sich
der Babybauch ganz langsam verabschieden. Das was vorher so sehr fehlte, als es beschwerlich
wurde, ein kurzes Abgeben an den Papa, ist nun möglich und auch schön.
Ich lebe hier mit Ben eigentlich immer noch in einer Seifenblase: Ein stressfreier Raum. Hier zu
Hause hatten wir schon etwas Besuch und das klappte gut. Aber nach draußen gehen war bisher
eher abenteuerlich, denn es gilt mit einem satten Kind das Haus zu verlassen und schnell an den
Bestimmungsort oder nach Hause zu kommen, um wieder füttern zu können. Man ist quasi an das
Wohl dieses kleinen Menschen gebunden. Und obwohl das Kleinkind im Haus erst 18 Monate alt
ist, hat man all das schon wieder vergessen. Jetzt erinnert man sich und stellt sich wieder
darauf ein… und dann wird man es wieder vergessen, da die Kleinen zu schnell wachsen…
Das Stillen ist wunderschön und klappt an sich sehr gut, aber genauso verunsichert es mich. Ich
bin eben eine routinierte Flaschenmama. Stillen ist Neuland. Die Hebamme spricht von längeren
zumutbaren Pausen, aber immer wenn ich denke, wir hätten einen Rythmus nach dem Wochenende
gefunden, an dem ich stündlich stillte, endet eine Mahlzeit mit kleinen Pausen, Wickeln und Nickerchen
erst nach 80 Minuten oder er kommt doch wieder nach einer Stunde. Manchmal reicht aber auch ein
kurzes Nuckeln um wieder in den Schlaf zu finden. Und so zog mit dem Stillen noch etwas neues ins
Haus: Das Fehlen eines Nuckels. Heute bot ich ihn wieder an, aber begeistert ist anders. Wieder
Neuland. Es wäre verlockend nach drei Kindern mal schnullerlos zu bleiben, aber auch hier
völlige Unerfahrenheit, ob seine Ablehnung überhaupt bleibt, diese gut oder schlecht wäre.
Wenn mich also meine Kinder etwas gelehrt haben in den letzten 5 Jahren, dann das es trotzdem
immer wieder neu und anders ist und das man eben nicht alles weiß. Jedes Kind hat hier einen völlig
anderen Start hingelegt, hatte andere Bedürfnisse und wir waren wirklich jedem andere Eltern.
Wir sind sehr entspannt würde ich behaupten, aber machen immer wieder etwas anders, Routine
kehrt hier also auch beim Vierten nicht ein, es ist und bleibt immer ein neues Abenteuer.
Der Bauch ist weg, aber ich erinnere mich gern, schließlich war es mein Leben in den letzten
Monaten, auch wenn es mir körperlich viel besser geht seitdem ich entbunden habe und der kleine
Mensch, der immer dabei ist erleichert es mir sehr, nichts wirklich zu vermissen. Trotzdem
bleibt es eine einmalige Zeit in der Erinnerung, die unwiderbringlich vorüber ist und verabschiedet
werden muss, dafür versuche ich mir Zeit zu nehmen, aber das klappt nicht wirklich, weil mir auf
der anderen Seite wichtig ist im Hier und Jetzt zu leben. Ich kenne mich zu gut, bald werde ich
genau an diese Zeit zurück denken und sehr wehmütig sein. Die Balance zu finden zwischen
Abschied nehmen und den Tag zu genießen ist nicht immer leicht.
Gleichzeitig mach ich mir auch Gedanken wie das wohl sein wird, wenn Nils in zwei Wochen
wieder arbeiten geht und in weiteren vier Wochen wieder Vollzeit. Das klingt nach viel Zeit, aber
nun sind auch schon zwei Wochen vergangen. Und jedesmal wenn ich mich dabei erwische wie ich
das denke, versuche ich mir in Erinnerung zu rufen, wie fürchterlich hilflos und traurig mich noch
vor zwei Wochen der Gedanke machte mit diesen Schmerzen noch weitere Tage oder Wochen
schwanger zu sein.
Noch läuft der Anrufbeantworter. Ein paar Freundinnen habe ich schon gesehen, mit den meisten
schon via Mail oder Sms gesprochen. Andere warten noch immer auf Rückruf. Langsam kommt
das eine oder andere Treffen ins Rollen, man begibt sich zurück ins Leben. „Wir melden uns,
wenn die Welt sich für uns wieder weiterdreht…“ sagt der Anrufbeantworter dem unbekannten
Anrufer und so langsam setzt sich alles wieder in Bewegung, ganz langsam und in Seifenblase…
Genuss und Sorge, Anspannung und Entspannung, Ruhe und Müdigkeit wechseln sich ab. Alles
wird seinen Platz finden, aber bis dahin sitze ich mitterdrin im Gestern, Heut und Morgen.

4 Responses to “Zwischenwelt”

  1. Gabriela Says:

    Wie wunderschön du das geschrieben hast.
    Ich würde nicht zuseher an Morgen denken, sondern den Moment aus dem Bauch heraus gestalten, ganz da sein in dem, was der jeweilige Augenblick bringt, alles andere wird sich ergeben.
    Ich erlebe, dass es für die ganze Entwicklung der Persönlichkeit und Beziehung wertvoll ist, schon in den ersten Tagen dieses Individuelle wahrzunehmen, zu bejahen und zu lieben. So kann es gar keine abflachende Routine geben.
    Einen wunderbar richtigen Tag wünschte ich dir/ euch.

  2. DasDanny Says:

    *Gänsehaut hab*

    ohne Worte liebe Kassiopeia……

    Du rührst mich immer wieder zu Tränen….aber freudige Tränen ;°°°)

    Liebe Grüße
    DasDanny

  3. Alamne Says:

    *Seufz* Ich bin schwer beeindruckt, wie du das alles immer in Worte packen kannst!
    So ging es mir auch nach der Jüngsten. Diese Seifenblase habe ich so genossen.
    Und das Abschied nehmen vom schwanger sein auch ganz bewusst „vollzogen“.

  4. Karin Says:

    Du fasst alles so wunderbar in Worte! Ich bin noch immer irgendwie in dieser Seifenblase. Klar hat sich schon ein Rythmus eingpendelt und das Leben nebenbei läuft ja auch. Aber immer noch ganz viel Baby in mich aufsaugen – wann immer es geht! Genieß es!