Ratgebermüde

Lange Zeit habe ich keinen Ratgaber mehr lesen wollen, nicht weil ich mich für allwissend hielt,
sondern weil ich mich so leicht verunsichern lasse. Ich las auch keine Zeitschriften mehr für
Eltern, aus dem gleichen Grund. Man bekommt genug Input von Freunden und anderen Bloggern,
dachte ich. Es ist noch gar nicht lange her, da hatte ich eine Diskussion mit Frau Schussel zum
Thema Schlafen und Tragen. Ich hatte mir meine Meinung damals mit Zoe und Noah gebildet,
hatte gelesen und es gab in unserer 6-köpfigen Familie so etwas wie ein funktionierendes
Konzept. Um etwas konstruktives zu der Diskussion beizusteurern zu können, suchte ich nach
den alten Quellen für unser Konzept, merkte aber schnell, dass mir einfach die Zeit zum
Zusammensuchen für eine gescheite Diskussionsgrundlage fehlte. Was blieb war Interesse. Nach
der Geburt von Ben packte mich das Lesefieber wieder und ich kaufte mir seit langer Zeit wieder
eine Elternzeitschrift. Natürlich war wieder das Thema Schlaf aufgegriffen worden und was ich las,
machte mich traurig. Ich fragte mich, ob es ein Fehler gewesen war Zoe so zum Durchschlafen
gebracht zu haben, denn die Methode funktioniert, die Frage die im Raum stand war, ob es den
Kindern nachhaltig schadet. Das Problem nach 5 Jahren ist schlicht, dass man sich einfach so
schlecht erinnern kann. Wie war das genau?! Es belastete mich. Ich fragte mich unentwegt, ob Zoe
weniger hysterisch schreien würde, wenn sie sich verletzt oder verletzt wird, ausgeglichener wäre,
wenn sie nicht so an das Schlafen heran geführt worden wäre. Es lag dort auf meinem Herzen und
in Bezug auf ein kleines neues Baby im Arm, dass ebenso mit uns groß wird, lag es dort gut!
Dann fuhren wir zum Sealife mit den Kindern. Es sollte in der letzten Woche der Vollzeit-Elternzeit
einfach ein schöner erster Ausflug als 6-köpfige Familie mit Ben und ein letzter Ausflug für lange
Zeit unter der Woche sein. Nach Bezahlen der Karten gingen wir in den Vorraum. Hinter uns schloss
sich die Tür. Wir waren allein in dem dunklen Raum, die Stimme sprach aus den Boxen, an den
Wänden hingen Hirschgeweihe und alles war tatsächlich ein wenig skurril. Plötzlich fing Zoe an zu
schreien und zu kreischen. Nackte Panik. Sie schlug um sich und brüllte, wollte raus da. Sie hatte
Angst. In dem Moment schwabbte alles wieder hoch an die Oberfläche, Bilder der ersten Monate
mit ihr tauchten auf und mir wurde klar, dass ich mich nicht so detailiert an diese Zeit als Baby mit
ihr erinnern kann, weil es besser so ist. Weil das Gehirn einen so schützt, die eigene Seele schützt.
Und in den Moment wusste ich, dass wir nicht unbedingt das Richtige getan hatten, aber das einzig
mögliche. Für sie, für uns war es vielleicht sogar das Richtige.
All das war eine gute Erfahrung. Ich lese im Moment wieder gern Zeitschriften und auch den einen
oder anderen Ratgeber. Berichte folgen.

3 Responses to “Ratgebermüde”

  1. Ines Says:

    Ich war mal bei einem Erziehungseminar und es war sehr interessant.
    „Wir sind alle Opfer von Opfern“ und genau das geben wir unseren Kindern weiter. Das war mal ne Aussage. Jeder macht irgendetwas falsch, alles bekommt man als erwachsener Mensch da wieder präsentiert. Und manche Fehler sieht man gleich und fühlt sich schlecht dabei. Aber wie du schreibst – in vielen Momenten gibt es nur ein Richtig auch wenn es vielleicht das Falsche war aber für die Situation und die Akteure genau das Richtig.
    Mit diesen Erkenntnissen zu leben ist das eigentlich schwierige, nicht zwischen richtig und falsch zu unterscheiden. Was für den einen richtig ist, ist für den nächsten falsch und am Ende ist beides nicht richtig. (So hab ich meine konfusen Gedanken gerade klar ausgedrückt ;-))

  2. agichan Says:

    ach du liebe. was-wäre-gewesen-wenn-gedanken sind sinnlos. ehrlich gesagt.. ich finde das alles maßlos übertrieben. also die sache mit den ratgebern. da wird einem vermittelt, wie es idealerweise aussehen soll. aber es wird einem auch vermittelt, dass es wirklich so ideal sein muss. denn andernfalls werden die kinder geistig gestört oder zu kleinen tyrannen erzogen. sicherlich wird oft unterschätzt, was für eine wirkung ein wort oder ein böser blick oder irgendwas andres „kleines“ auf ein kind haben kann. auf der andren seite aber gibt es meines erachtes wiederum genug dinge, denen wir riesige bedeutung beimessen, am kind selbst aber unbeachtet vorbeiziehen.
    dazu eine kurze geschichte von hier. kürzlich habe ich meine mutter nämlich gefragt, was sie nun rückblickend anders machen würde. zunächst aber erzählte ich ihr, was mich wirklich schwer getroffen hat als kind. was mir in erinnerung blieb, was mir noch heute magenschmerzen bereitet. dabei schaute sie mich ununterbrochen an wie ein auto. umgekehrt erzählte sie mir von einigen situationen, in denen ihr ihr verhalten besonders leid tat. ein verhalten, was sie sich jahre danach noch zum vorwurf machte, weil es mich ganz sicher nachhaltig beeinflusst habe. tja.. was soll ich sagen? an die meisten situationen kann ich mich nicht einmal mehr erinnern.
    was ich damit nur sagen will ist, dass wir absolut nicht einschätzen können, wie sich unser verhalten auf unsre kinder auswirkt. ich will damit nicht dazu aufrufen fortan nun völlig unreflektiert an die erziehung unsrer kinder ranzugehen. vielmehr will ich damit sagen, dass uns – unwissend wie wir sind, weil wir nun mal keine hellseherischen fähigkeiten haben – nichts andres übrig bleibt, als es so gut zu machen, wie wir eben können. das kann mal besser und mal schlechter sein, aber solange die grundsubstanz da ist (damit ist nichts andres gemeint als liebe), ist es richtig. du, meine liebe, weisst nicht, wie zoe sich entwickelt hätte, wie sie mit ängsten umgehen würde, wenn du damals anders gehandelt hättest. der zusammenhang ist nicht offensichtlich kausal, sondern eine vermutung, die sein könnte. aber das ist auch schon alles. zoe ist wie sie ist und egal, inwieweit das mit dem schlafen zusammenhängt (ich glaube übrigens nicht daran), jetzt kommt es nur darauf an ihr beizustehen damit umzugehen. solange bis sie nicht mehr solche panikattacken bekommt. und auch hier wirst du es genau so gut machen, wie du kannst. und auch das wird genau richtig sein.
    *drück*

  3. Schlafen – mit 9 Monaten « Natürliche Babypflege Says:

    […] ein, er schläft an meiner Brust ein. Mein größter, derzeit 5Jahre alt (nennen wir in R.), bekam ab dem zarten Alter von 6 Monaten das klassische Training: er wurde um 20Uhr in sein eigenes Bett gebracht, das in unserem Eltern-Schlafzimmer stand, ich las […]