Der letzte Frauenarzt-Termin

Als ich heute* zum letzten Mal in Zusammenhang mit Bens Schwangerschaft die große
Gemeinschaftspraxis betrat, waren da alle lieben Gesichter, die ich kannte. Drei
Schwangerschaften wurde ich dort gut betreut und ich freute mich nun nach 10 Wochen
irgendwie noch mal alle wieder zu sehen. Da ich allein dort war, hatte ich eine Karte mit
unserem Quartett dabei und ein paar Pralinen: Seelenfutter. Ein wenig traurig waren sie schon,
dass ich den kleinsten Spross daheim gelassen hatte, doch sie hatten auch Verständnis für
ein erschöpftes eben eingeschlafenes krankes Kind. Irgendwie war es schön, noch mal zu
erleben wie sich so viele fremde Menschen mit einem freuen, keine Gefühl von Kinderbrüt-
Routine.
Als ich dann vor dem Zimmer meiner Ärztin Platz nahm, sah ich neben mir eine
hochschwangere Frau sitzen. Meine Ärztin kam aus ihrem Zimmer, lächelte mir kurz zu und
ging zu der Frau. Und so wurde ausgerechnet ich, Zeugin diesen wundervollen Gesprächs, das
diese Frau niemals mehr vergessen wird: „Sie können jetzt reinfahren. Es ist wirklich
Fruchtwasser!“ Während meine Ärztin das sagte, strahlte sie all jenen Zauber aus, dem dieser
Start eben inne wohnt. „Tatsächlich? Ich dachte ich schaue nur zur Kontrolle mal rein…“-
„Doch! Fahren sie nach Hause, essen Sie eine Kleinigkeit und rufen Sie ihren Mann an.“ Die
Frau erwiderte: „Es fühlt sich auch ganz anders an.“- „Sie haben auch ganz rote Wangen. Da
tut sich etwas, stimmts?“
Ich sah dieser Frau nach, die wohl in wenigen Stunden ihr Kind im Arm halten würde. Was ein
schöner Start in ein neues Leben. Als ich meine Ärztin ansah, sah ich das auch sie der Frau
nach gesehen hatte. Sie nickte mir lächelnd zu und bat mich gleich hinein. Sie freute sich
mich zu sehen. Als ich ihr ein Foto von Ben zeigte, sagte sie nur: „Wunderschön. Er sieht
genau so aus wie beim Ultraschall!“ Ich erzählte von den letzten Tagen der Schwangerschaft,
der Geburt, den ersten Tagen mit Ben, dem Stillen, den Nächten, der Elternzeit. Zwischendrin
kam eine der Arzthelferinnen rein und bat ihr eine der Pralinen an. Sie nahm sich wirklich Zeit.
Während wir in das Untersuchungszimmer gingen, fragte sie mich nach der Verhütung. Und
ich erwiderte, dass ich keine Pille möchte, solange ich stille. Doch diesen Satz noch nicht
mal ausgesprochen sagte sie, dass etwas anderes bei mir wenig Sinn machen würde,
schließlich hätte sie das Gefühl, dass das nicht unser letztes Kind gewesen ist. Ich konnte
nicht anders, als ihr sagen, dass sie recht hat. Und wie seltsam sich das angefühlt hat so
kurz nach Bens Geburt, dieses Gefühl. Dieses Wissen. Dieser Entschluss. Und wie verrückt.
Und dann plötzlich holte sie aus und erzählte, dass sie keine Kinder hätte, weil sie nur eine
handvoll Frauen kennt, die wie ihre eigene Mutter voller Herzblut sehen würden wie wichtig
die Aufgabe wäre, Kinder beim Heranwachsen zu begleiten. Ihre Mutter hätte ihr und ihren
zwei Geschwistern nie das Gefühl gegeben, etwas zu verpassen oder irgendetwas hinterher
rennen zu müssen, und allein deshalb -aus diesem Gefühl heraus, dass sie das nie so weiter
geben hätte können- hat sie sich gegen Kinder und allein für die Karriere entschieden,
denn Kinder seien nichts, was man bekommen sollte, weil es eben dazu gehört. Es gäbe
nur wenige Frauen, die nicht nur in ihrer Rolle aufgehen, sondern Kindererziehung als eine
richtige Arbeit ansehen. Eine, die man ernst nehmen sollte. Und unter ihren Patientinnen
gäbe es nur ein paar, die die Aufgabe ernst genug nehmen und diese Aufgabe voller Herzblut
erfüllen. Einer dieser wenigen Frauen wäre ich. Das war ein wunderschönes Kompliment.
Zwar hatte sie mir schon so oft gesagt, meine Kinder wären wundervoll, aber es ist das wohl
schönste Kompliment dazu aufgefordert zu werden noch mehr Kinder zu bekommen.
Mein Körper wäre bereit, alles ist dort wo es hingehört. Und als ich dachte rührseeliger und
schöner könnte dieser letzte Termin nicht werden, sagte sie mir, dass sich mich beim
nächsten Kind nur leider nicht mehr betreuen können wird, da sie aufhört. Noch einmal
sagte sie mir, dass das das Schönste an ihrem Beruf war: Zu sehen wie aus etwas so Kleinem,
Leben wird. Sie wäre nun zu alt, möchte noch ein paar Dinge erleben, für die es nicht zu
spät sein sollte. Noch, so sagte sie, hätte sie nicht das Gefühl etwas verpasst zu haben und
das solle so bleiben. Erneut Gänsehaut, denn das ist der Grund für unsere Kinderschar. Man
kann nicht in die Zukunft sehen, nur im Hier und Jetzt leben. Es war ein wunderschöner,
seltsamer, kurioser Besuch, ein traumhafter Abschluss dieser Schwangerschaft und irgendwie
auch Beginn einer neuen Zeit, denn mit ihrem Ende in der Praxis, endet auch für mich in
Zukunft der Ärztemarathon in einer -so denn- zukünftigen Schwangerschaft. Ein schönes
Ende. Aber dennoch Ende einer Ära…

*Es war Dienstag. Dank des Internetausfalls, konnte ich leider nicht alles sofort nieder schreiben.

10 Responses to “Der letzte Frauenarzt-Termin”

  1. Nebelkind Says:

    ♥ danke ♥

    du hast mir den Druck genommen mit diesem Beitrag. Ich werde im nächsten sommer 28, der Mann neben mir ist dann grad 26 geworden – und ich wünsche mir eigentlich doch recht schnell Kinder. Aber wir sind noch nicht bereit dafür – das ist mir jetzt (wieder einmal) klar geworden. Vor 3 Jahren bekam ich Panik, das ich ja nie Kinder haben würde. Damals wusste ich schon, Kinder sollte man erst bekommen, wenn man sie sich leisten kann – nicht nur finanziell, sondern auch emotional. Jetzt denke ich mir, ich möchte Kinder, wenn nicht nur ich bereit bin, sondern der Mann neben mir auch (hoffentlich dauert das nicht mehr allzu lange *lach*) Es ist manchmal hart, dieses Warten. Wenn ich durch die blogs husche, und überall (frisch geschlüpfte) Kinder sehe oder bald Mamis, die sich so über ihre Schwangerschaft freuen.
    Aber ich weiß auch, das es sich lohnen wird. Auch wenn ich beleibe nie eine Großfamilie haben möchte – den Part hat meine Schwester mit ihren 5 kindern bei uns übernommen, und auch sie wünscht sich noch mehr, obwohl der Mann abgehauen ist und sie allein erziehend ist und selbst dann noch, wenn sie abends erschöpft ins Wachkoma fällt. Es gibt eben Frauen, die können sowas – nicht nur Vollblutmami mit Leib und Seele sein (das möchte ich den Müttern mit „nur“ einem oder 2 Kindern nicht absprechen) sondern mit Leib und Seele Vollblutmami einer Großfamilie sein. Ich bewundere euch dafür.

  2. Nebelkind Says:

    *seufz* altes vergessliches ich, ich – ich werde 29, der mann neben mir ist zwei Jahre jünger… Altersdemenz ;)

  3. Ines Says:

    Ich hab dich für das nächstes Jahr noch nicht in deiner Hibbelliste gefunden??? :-)

  4. Chrizzo Says:

    *gänsehaut*

  5. Frische Brise Says:

    Oooh, ich glaub, ich hab da was im Auge…..
    Sooo schön!

  6. Fr. SchokoPerle Says:

    alles andere stand ja schon in der Mail damals.

  7. Giftzwerg Says:

    Das liest sich wundervoll :)

    (Oh, ich kann Dir ja Hebammenbetreuung in Schwangerschaft und Geburt empfehlen – das war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte… 8) )

  8. Indicatin Says:

    ..das ist so schön geschrieben. Wurde mir ganz warm ums Herz beim Lesen, weil ich viele Empfindungen teilen kann. Ich werde mal wieder vorbeisehen und wünsche einen schönen Advent!
    LG Indication

  9. agichan Says:

    ach. ich freu mich. deine ärztin hat wirklich kluge worte gesagt und damit wirklich recht. *drück

  10. kassiopeia Says:

    Und ich hatte Sorge, mich würde jemand missverstehen! Danke ihr, ich war so aufgewühlt nach dem Termin
    und auf der anderen Seite so glücklich und entspannt! Und Danke für die neuen Wortmeldungen! :)