So lang her, so kurz davor

Ich bin 26 Jahre alt. Als ich den Gatten das erste Mal las, war ich 16/17. Als ich den Gatten das
erste Mal sah, war ich noch 18. Bei der Hochzeit 20 und bei der Geburt unseres erstes Kindes
21. Das das Tochterkind also schon 5 ist, ist eine Sensation, schließlich ist das ja alles noch gar
nicht so lange her…
Wenn wir unterwegs waren und ich sah junge Menschen, die einer bestimmten Szene angehörten,
nickte ich in mich hinein, versank in Erinnerungen und dachte mir: Ist ja noch gar nicht lange her.
Wenn ich bestimme Sätze hörte, dachte ich oft bei mir: Sowas hab ich auch erzählt- Ist ja noch gar
nicht lange her.
Das Problem am älter werden ist nur, dieses Gefühl bleibt: Ist schließlich alles noch
gar nicht lange her.
Und während man das glaubt, entfernt man sich still und heimlich. Mit jedem
Tag. Es entfernt sich. Und als ich gestern zu sah, wie ein Mädchen in die SBahn einstieg mit einer
transparenten Strumpfhose und einem Sommerkleidchen, vor ihrer Freundin prahlte, sie hätte ja
das Kleid auch ohne Strumpfhose angezogen, wenn sie dann nur nicht so hässlich blau würden- die
Beinchen, dachte ich natürlich daran, dass ich so einen Scheiß auch gemacht habe. Ich dachte an die
Winterstiefel mitten im Hochsommer, die gar tolle Sachen an den Füßen wachsen ließen, war totschick
„damals“. Aber der Gedanke der sich durch mein Hirn fraß war nicht mehr: Ist ja gar nicht lange her,
sondern ein Neuer: Ist ja gar nicht mehr lange hin. Nicht mehr lange, dann werde ich mit meiner
Tochter über den Sinn einer Winterjacke diskutieren, über Nierenbeckenentzündungen und bauchfreie
Oberteile. Was ein Spaß! Also, genieße ich das hier und jetzt, ist schließlich gar nicht mehr lange hin

7 Responses to “So lang her, so kurz davor”

  1. giftzwerg Says:

    :) So schön geschrieben.

  2. Jacqueline Says:

    Bei einem meiner ersten Ausflüge mit dem Tochterbaby, vor knapp 4,5 Jahren, also noch nicht sooo lange her, da schaute ich mir das erste Mal wieder bewußt die Mädchen an.
    Vorpubertäre und pubertierende. Ich erkannte, dass sich alles vorverlagert hatte: das Bewußtsein für „Trends“, Mode und das Gruppengefühl. Ich fand es erschreckend und hoffe seither auf eine Umkehr. Aber machen wir uns nix vor, da müssen wir durch. Bleibt nur, unsere Kinder stark zu machen, damit sie eventuell an der richtigen Stelle „nein“ sagen.

  3. Fr. SchokoPerle Says:

    btw: Nierebeckenentzündung macht das Töchterchen nur einmal mit. Glaub mir ;)

  4. Marie Says:

    Das mit dem „Ist ja noch gar nicht lange her“ denke ich auch oft. Ist es aber irgendwie doch ;)

  5. jo Says:

    Und dann erschrecken wir uns plötzlich vor uns selbst, weil wir unsere eigenen Eltern werden, von wegen „Kind zieh Dir was an, so gehst Du mir nicht auf die Strasse!“ ;-)
    Und stimmt, das geht alles schneller als wir denken…

  6. Feuervogel Says:

    Könnte aber auch sein, du hast riesiges Glück, dass es eben doch noch nicht so lang her ist. Als junge Mutti ist man wenigstens halbwegs dicht dran an den Macken der Jugend. Ich war schon bei Tekkno und bauchfrei komplett außen vor. Schaun wir mal, wann das Tochterkind mir zum ersten Mal sagt, dass ich nun wirklich von vorgestern sei. LG

  7. bauchherzklopfen Says:

    Ich saß auch kürzlich in der Bahn, hinter mir ein Mädchen von ungefähr 11 oder 12, das telefonierte. Das klang alles schon sehr extrem, was sie da zusammentelefonierte. Die Ausdrucksweise und die Ansichtsweisen, selbst mit meinen 27 Jahren hatte ich schon das Gefühl meilenweit entfernt zu sein von dieser „Phase“. Ich fragte mich, wann mich meine eigene Tochter denn ebenso schockieren würde und da machte das Mädchen einen entscheidenden „Fehler“: Sie erzählte der Person am anderen Ende der Leitung sie wolle doch mal wieder was richtig chilliges unternehmen, so zum Abhängen vom krassen Alltag und so. Einen Besuch im Leipziger Zoo hat sie sich vorgestellt. Da war meine Welt gleich wieder in Ordnung ;-)