4 Monate mit Ben

Lieber Ben,

es ist fast ein bißchen unheimlich zu wissen, dass ein Drittel deines ersten Lebensjahres schon
vorüber ist. Vorüber. Nein, irgendwie ist das nicht das richtige Wort, denn die Zeit mit dir ist ja
nicht plötzlich weg, sondern die bleibt ja für immer da- als Erinnerung im Herzen, festgehalten
hier auf diesem Blog und natürlich auf den Fotos von dir.
Heute Nachmittag hatte ich dich auf dem Arm und hielt dich fest an mich gedrückt. Das gefiel
dir und du machtest einen Laut, den ich wie immer sofort nachahmte. Ich schloss die Augen und
wir brummten so eng umschlungen in einander- und plötzlich war es für einen kurzen Moment
wie früher, wie vor ein paar Monaten als du noch in meinem Bauch warst, als wir noch eins waren.
Dieses Gefühl war wunderschön, ich schnupperte an dir und versank völlig in diesem Augenblick.
Dann hast du in die Hose gepupst und alles musste wie immer schnell gehen. Definitiv eines der
Dinge, an die ich mich noch immer nicht gewöhnt habe, denn es ist anscheinend ein großer
Unterschied, ob man stillt oder das Fläschchen gibt, denn wenn man sich zuviel Zeit lässt auf
den Weg zum Wickeltisch, kann man eigentlich gleich neue Sachen zum Umziehen mitnehmen.
Blöd, dass ich diesen Moment so lange genossen habe. Gut, dass dein Papa da war um dich beim
Wickeltisch festzuhalten, schließlich drehst du dich gern auf die Seite und ich nehme an, dass es
nun nicht mehr lange dauert bis du plötzlich auf dem Bauch liegst. Papa machte also Blödsinn mit
dir und ich ging zum Kleiderschrank, in dem zwar eine Menge Oberteile zu finden waren, aber
wie in den letzten Tagen üblich leider kein einziger Body. Auch gut, dass es diese großen Körbe
gibt, in denen saubere Wäsche auch längerfristig gelagert werden kann. Mit den frischen
Sachen konntest du wieder sauber eingekleidet werden. In der Zwischenzeit hattest du dir
wieder ausgiebigst das Mobile angeschaut, dass über dem Wickeltisch bammselt. Du liebst die
grünen Frösche eigentlich schon lange, seitdem du sie sehen kannst eben, denn sie drehen
sich im Kreis- du lachst richtig und fuchtelst mit den Armen. Du würdest die Frösche wohl
gern festhalten, wie die Teile an deinem Spielebogen, die du eben nicht mehr nur haust. Du
krallst dich darin fest und ziehst. Der Bogen hält das bisher gut aus, stabiles Teil also.
Du bist immer noch so fröhlich. Du lachst so viel und vor allem laut. In dieser Woche hat sich
dein Lachen noch einmal etwas verändert, aber noch immer ist es deines. Du lachst nicht nur,
wenn du die Frösche siehst, sondern auch wenn man dich kitzelt und du bist so unheimlich kitzlig,
ob Achseln, Hals, Beine oder die Handinnenflächen, wenn man selber lacht oder wenn du jemanden
siehst, den du kennst, einen deiner Brüder oder deine Schwester oder wenn nur jemand etwas
witziges sagt, lachst du. Im Gegenzug fängst du bitterlich an zu weinen, wenn die Stimmung
nicht so gut ist, jemand weint oder gar schreit- dann stimmst du mit ein.
Wenn man mich fragt, wann du das letzte Mal gegessen hast oder wann du voraussichtlich wieder
Hunger hast, gibt es oft keine Antwort, weil ich es nicht weiß. Es gibt zwar Tage, an denen ich
dich bewusst anlege, weil wir zum Beispiel zu Toms Turnstunde müssen, aber ohne Grund mach
ich mir die Mühe nicht. Es gibt Tage an denen passt das toll, an anderen habe ich das Gefühl, dass
du kaum etwas anderes machst als trinken. Dann merke ich, dass wir schon länger stillen und es
irgendwann anstrengend wird. Genau so ist das in der Nacht, in der einen trinkst du nur zweimal
und das kurz ohne das ich groß wach werde und in der andern kommt es mir zumindest so vor als
wäre es häufiger. Wie bin ich da froh, dass du und Papa, dass ihr so ein eingespieltes Team seid.
Denn er weiß genau, wie er dich beruhigen kann. Während er dich gern mit den kleinen Finger in
den Schlaf geleitet, bin ich dafür schlicht zu faul, zumindest hab ich das Gefühl, dass das bei uns
beiden nicht funktioniert. Ob du riechen kannst, dass da Milch ist?
Auch wenn du gern mal vom Boden aus zuschaust, was wir so machen, bist du doch viel lieber
auf dem Arm und wirst getragen. Nur ist das für mich auf Dauer mit deinen über 8 Kilo ziemlich
ungemütlich. Und nach wie vor, tu ich mich mit den Tragehilfen schwer, da schlepp ich dich schon
eine längere Zeit bis mir das Tuch überhaupt wieder einfällt. Wenn ich es dann ungelenk binde,
bist du darin sehr glücklich. Es fühlt sich für mich nur einfach noch immer so ungewohnt an.
Mittlerweile hab ich mich belesen und weiß, dass dieses Gefühl normal ist. Diese Art Neues,
Veränderungen mag der Körper erstmal nicht. Er muss sich gewöhnen und ich arbeite daran.
Aber dir ist das sowieso egal, ob Tuch oder Arm- die Hauptsache ist von oben, angekuschelt.
Und für all die Dinge, die anfallen gibt es eben die vielen kleinen Fenster, in denen du da unten
auf dem Boden mit Gucken glücklich bist. Wir machen das doch ganz gut, wir zwei.
Auch wenn ich es genieße zu sehen, wie Tom dich knutscht und die Großen dich immer mehr
wahrnehmen und du nicht mehr so zerbrechlich wirkst und bist, erinnere ich mich so gern an
unsere ersten Tage zurück. Und immer dann wird mir bewusst, dass du eigentlich noch klein
bist, dann schnupper ich an dir, drücke dich fester an mich und genieße. Ich genieße die Abende,
die du eben doch noch bei uns bist anstatt drüben, ich genieße deine großen glänzenden
Kulleraugen, mit diesen umwerfenden Wimpern, deine wunderschöne Schnute, deinen wieder
dichter werdenden Flaum auf dem Köpfchen, deine runden Beine, die kleinen zauberhaften
Hände und Füße. Ach ich könnte einfach verschmelzen mit dir… Und das fühle ich ohne
schlechtes Gewissen, denn bei den Großen war das genau so und es dauert eben einen Moment
bis du einer von vielen Kindern bist, die alle zusammen geschimpft werden, weil das Zimmer
total verwüstet wurde…
Es ist so wunderschön, dass du da bist. Und ich bin so stolz deine Mama, eure Mama zu sein.
Wenn ihr so auf einem Haufen liegt, quillt mein Herz über. Alles meine. Dabei fühlt es sich
eben für uns oft so normal an, wer weiß wie das auf andere wirkt. Für uns seit ihr „nur“
unsere Vier und das ist das normalste auf der Welt, soviele seit ihr doch gar nicht, aber für
andere seit ihr vielleicht viele Kinder. Aber immer unsere.
In dieser Woche hatte ich so ein Erlebnis. Es dauert immer, bis so ein kleines Baby auch im
Kopf ein Kind wird. Bis dahin hat man eben drei Kinder und ein Baby. Du bist mein Baby.
Unser Baby. Aber in dieser Woche war ich einkaufen und kaufte Tischsets für die Kinder.
Als ich am Abend den Tisch in der Küche für das Frühstück deckte, hatte ich plötzlich
ein Set zuviel in der Hand: deines! Die anderen drei Sets hatte ich den Großen schon hingelegt.
Ich hatte beim Kaufen automatisch vier gegriffen und es war mir bis dahin nicht aufgefallen.
Das sind die Momente, in denen ich mich freue, dass bald du ein Teil der kleinen Meute bist,
die um mich herum wuselt, spielt, einfach lebt. Bis dahin bist du aber noch ein Teil von mir
und ich genieße…

4 Monate

2 Responses to “4 Monate mit Ben”

  1. Lea Says:

    Wunderschön :-)
    Mir geht gerade durch den Kopf, wie schön es für Ben sein muss, das alles später lesen zu können. Toll!

  2. Fräulein Tina Pappnase Says:

    Wundervoll.
    Danke.

    Ich kanns kaum erwarten :-)