Von Geschwistern

Wir hatten mal ein Baby. Eines, das wir hüten und beschützen konnten. Eines, das einzig an
unseren Mangel an Erfahrung litt und sich so mal verletzte. Später an ihrem eigenen Mangel
an Erfahrung litt und sich so selbst ein manches Mal verletzte.

Dann wollten wir ein zweites Kind und später mehr. Und damit begann etwas. Etwas Neues.
Die Kraft zwischen Geschwistern, die Unbedarftheit im Umgang miteinander. Auf der einen
Seite. Auf der anderen Seite unsere eigenen Gefühle. In einem weiten Spektrum. Von Mitleid,
wenn das jeweils ältere Kind, dem jüngeren das Spielzeug wegnimmt. Über Hilflosigkeit wenn
das jüngere Kind eng am Körper getragen werde möchte und das ältere aber auch Liebe und
Nähe braucht, sich verletzt und auf den Arm möchte. Wenn man dazwischen sitzt und weint,
weil man nicht weiß, wen man zuerst weinend liegen lassen soll. Zu Wut, wenn ein Kind das
andere verletzt. Plötzlich wird dieses bedingungslos geliebte Kind mit Erwartungen konfrontiert.
Nämlich die, das andere geliebte Kind nicht zu verletzen. Auch hier gibt es Abstufungen,
Rivalitäten unter einander beim Spielen, Unfälle und einfach Gewalt aus Unwissen. Ich sah
zu wie Noah und Zoe sich gegenseitig Spielzeug aus den Händen rissen, dabei schrien,
einander hauten. Ich sah mit an, wie Zoe auf den ganz kleinen Tom fiel, auf seinen Bauch.
Und riss mich zusammen angemessen zu reagieren, danach sollten wir zur Kontrolle zum
Kinderarzt. Heute wurde ich vom Bad aus Zeugin, wie Tom mit seinem Lauflernwagen von
Haba zweimal gegen den Kopf oder das Gesicht von Ben fuhr, der am Boden lag und spielte.
Ich war nur kurz Händewaschen. Ob Tom ihn gesehen hatte oder nicht, er hatte ihn verletzt.
Ich hatte Angst. Hab sie noch immer und werde wohl morgen erst wieder entspannt sein.
Ich war entsetzt. Auch wenn ich weiß, dass er es nicht voller Bösartigkeit getan hatte. Ich
fragte mich, warum die Großen die drum herum saßen, nicht reagiert hatten, aber dieser
Bruchteil des Handelns war wohl meiner gewesen. Ich hatte Tom in sein Bett gesetzt und
Ben sofort an mich gedrückt. Ein Kühlakku geholt und war panisch durch die Gegend gelaufen.
Erstmal trösten, später gucken. Erst Minuten danach beim Abtasten und Ansehen, fiel mir
auf, dass das Spielzeug noch in seinen Händen war… Es war nichts weiter passiert… Aber ein
Schreck…
Ich konnte nicht lange böse sein auf Tom, denn er brauchte mich auch, meinen Trost, meine
Liebe. Und da war der Gedanke. Es gibt Kinder, die bringen ihre Geschwister um, ungewollt.
Und die Eltern lieben sie trotzdem. Denn es geht nicht anders. Man kann nicht immer zur
richtigen Zeit zur Stelle sein, leider…

Später fiel Tom so unglücklich auf Noahs Bettkante, dass er ein blaues Auge und eine dicke
Beule an der Stirn davon trug. Und da war sie wieder die Angst um ein Kind. Ein Nachmittag.
Ein einziger Nachmittag. Und da war wieder der uneinfühlsame Satz des Kinderarztes der
damals nach dem Unfall gesagt hatte, so sei das eben in großen Familien. Aber das ist einfach
so in Familien. Kinder sind eben einfach Kinder.

Und dann sieht man zu, während das kleinste Kind seelig in den Armen schlummert, wie die
drei anderen mit- und neben einander spielen, liebevoll mit einander umgehen, so empathisch,
teilen als wäre es das natürlichste der Welt. Und in diesem Augenblick ist das Leben vollkommen.

5 Responses to “Von Geschwistern”

  1. Ines Says:

    Genauso ist es!

  2. agichan Says:

    so ein käse, also echt. als wenn mein einzelkind hier seltener blaue augen und dergleichen durch die gegend schleppen würde. himmelherrgott! du setzt eins deiner kinder mitnichten einer größeren gefahr aus, wenn du diesem kind geschwister bescherrst. die gefahren sind andere, aber nicht häufiger oder schlimmer oder sonstwie. ich bin mir sicher, dass sich das allen in allem die waage hält. kinder sind eben einfach kinder, wie du richtigerweise sagst.

  3. Karin Says:

    So blöd, alles. Aber genau so ist es! Hier wurde gestern das erste Mal Raphaela von einer älteren Schwester umgeschaukelt!

  4. DasDanny Says:

    So ist es, und es ist überall so!! Wirklich…Und es gibt Tage, die man am liebsten vom Kalender streichen will, weil an einem Tag so der Wurm drin ist…*seufz*

    Ach Mensch, ich drück Euch alle mal virtuell und schicke viele Gute-Besserungswünsche, Trostknuddels, und Kühlakkus :-)

    Liebe liebe Grüße
    Danny

  5. Zimtapfel Says:

    Von wegen große Familien, das ich nicht lache! Ich hab auch mit meiner einen Schwester immer ganz gut einstecken müssen und sicherlich würde niemand auf die Idee kommen, zwei Kinder als Großfamilie zu bezeichnen…