12+2

Ich dachte, es würde leichter werden. Ich dachte, wenn ich es nur ganz laut ausgesprochen hätte,
würde ich mich anders fühlen. Aber das passierte nicht. Ich kann genauso wenig hier schreiben
wie zuvor. Die Nachbarn fragen mich, ob ich schwanger bin, ich lächle und freu mich wirklich,
aber all das was in meinem Kopf vor sich geht, dass bekommt niemand mit. Ich bin nicht einfach
nur schwanger.
Es ist noch immer nicht in meinem Kopf angekommen. Ich weiß, dass ich schwanger bin, aber ich
fühle es nicht aus mir heraus. Wie schrieb ich mal in Bens Schwangerschaft: Wenn aus diesem Gefühl
von „Ich bin schwanger“ ein „In mir wächst ein Kind, mein Kind“ Gefühl wird. Das ist noch nicht
passiert. Und für ganz viele Menschen, passiert das noch viel später und ist es völlig normal, aber
das ist es nicht für mich. Es zeigt nur, einen Teil meiner Gefühle. Was da mit mir, in mir passiert.
Es ist auch nicht so das ich nicht glücklich wäre, es ist nur so als würde ich schweben und fallen
gleichzeitig.
Eine Freundin von mir sah, ahnte, fühlte vor ein paar Wochen bei einem Frühstück, dass ich
schwanger bin. Und sie meinte zu unserer anderen am Tisch sitzenden Freundin: Was ein Glück!
Andere probieren Monate und Jahre und du wirst einfach so nach vier Wochen wieder schwanger.
Einfach so? Ich erklärte ihr, also ich versuchte ihr zu erklären, durch welche Hölle ich in den
ersten Wochen gegangen bin. Ich erinnerte daran, dass die voran gegangene Schwangerschaft
auch beinah ein Jahr auf sich warten ließ. Ich möchte keinesfalls undankbar erscheinen, ich habe
Glück. Aber ich hatte auch Unglück.
Ich kann nicht sagen wieso, aber ich glaubte bereits nach einer Woche zu wissen, dass ich
schwanger bin. Ich fühlte mich genau so, exakt so wie in der Schwangerschaft zuvor.

„Am 5. Januar waren er und ich uns sehr nahe. Es war wunderschön und in keinster Weise stand
dieses Mal im Mittelpunkt, ich müsse schwanger werden. Ehrlich gesagt war das sehr weit weg und wenn
ich überhaupt an etwas dachte, dann nur an eine Urangst erneut ein Kind zu verlieren und deshalb
lieber nicht einander nahe sein zu wollen. Ich dann doch in dieser Angst, machte es plötzlich plopp,
ein Knoten platzte und ich war mir plötzlich sicher, dass das Schicksal das schon machen würde.
Das ist jetzt eine Woche her. Und schon Montag dachte ich, nein schon am Wochenende dachte ich,
ich sei schwanger. Einfach so. Irgendwo ist sicherlich der Wunsch der Vater des Gedanken, aber irgendwo
auch mal gar nicht. Es wäre möglich. Ein großer Zufall, aber möglich klar. Aber nicht überhaupt nicht
nötig um glücklich zu sein. Ich denke nur daran, dass der Körper schon wissen wird, was er wann tut.
Ich bin da entspannt, nie im Leben würde ich ein Müssen daraus machen wollen, dafür fahren meine
Gedanken noch einfach zu oft in die Trauer, aufrichtige Sehnsucht, kein Selbstmitleid. Und zu früh
freuen mag ich mich sicherlich auch nicht.
Aber, ich hab so ein Gefühl und wenn ich mich irre, dann kann ich diesen Post hier vergessen und
löchen. Und jeden den ich treffe, dem sage ich auch, dass ich gar nicht sofort unbedingt schwanger
werden muss, sondern alles seine Zeit hat. Ich trauere auch (…) Wenn es jetzt Zeit ist, dann wäre
das unglaublich schön (…) Es ist wirklich genau wie beim Herzkind und das ist sehr unheimlich. Tod
und Leben so nah zu spüren. Ich warte wie vor ein paar Wochen nicht auf eine Periode, sondern auf
Zeit zum Testen. Wie damals mit Ben, um Nils Geburtstag werden wir es wissen. Nicht mehr lang. Ich
habe gestern mit dem Seelchen geredet, also falls eines da ist. Weil ich nicht will, dass es sich allein
fühlt und gleich jemanden hat, es soll es sich gemütlich machen dürfen. Es soll einen Platz haben
dürfen, auch in meinem Herzen. Es ist so sehr willkommen. Es braucht keine Angst haben. Ich werde
da sein, jeden Tag, jede Stunde. Mehr wünsche ich mir nicht, es früh genug wissen und einfach
genießen… mehr kann ich nicht tun.“

Sieben Tage später schrieb ich…

„Eigentlich, weiß ich schon seit der Nacht der Zeugung, dass da ein Kind ist. Ein paar Tage später
war ich mir sehr sehr sicher. Nach einer Woche fiel mir auf wie sehr ich all diese Gefühle und
Veränderungen kannte und ich war mir noch sicherer. Ich weinte an diesem Abend, weil ich mir
sicher schien, dass mein Kind wieder da wäre. Es lief vom zeitlichen alles genau gleich ab. Genau
so. Wie ein riesengroßes Deja-vu. Es tat einfach weh. Es war grausam. Glück, Trauer und Angst
gleichzeitig. Hauptsächlich Angst davor, ich würde verrückt werden, ich sprach mit einem Kind von
dem ich nicht sicher sein konnte das es da ist. Ich konnte aber nicht anders. Ich wollte da sein,
von Anfang an, damit es nicht so allein sein muss. Am Wochenende machte ich einen Test und
interessierte mich so überhaupt nicht, dass der negativ war. Ich machte gleich am Dienstag noch
einen. Und auch der zeigte nicht wirklich viel neues in der früh, aber es war auch wieder einer
dieser 25er Tests. Ich hätte schwören können, dass ich da so verwaschen eine Farbveränderung
sah, aber sicher konnte ich mir da nicht sein. Und dennoch. Als ich mittags nach Hause kam und
den Test in die Hand nahm, sah ich wirklich kaum sichtbar eine Linie. Verdunstungslinie? Ich war
mir so sicher. Ich machte den Test und bekam auch nur so eine Andeutung von Linie präsentiert.
Schwanger.
Schwanger? Aber was bedeutet das jetzt? Es weiss niemand. Auch das ist grausam. Aber ich kann
mir im Augenblick nicht mal sicher sein, noch am Wochenende schwanger zu sein. Die Fehlgeburt
verändert einen so unglaublich. Man ist vielleicht schwanger, aber man weiß gar nicht für wie lange.
Ich habe Grippe, und war heute beim Arzt und Himmel, was der da alles über Kinder, Natur,
Fehlgeburten und Großfamilien sagte… ich hätte ihn auslachen sollen. Ich bin es aber müde, mich
darüber zu ärgern oder mich zu erklären. Ich bin keine 8 Jahre alt. Ich weiss, was ich da tue. Ich
möchte nicht mit jemanden darüber sprechen, ob ich in der Lage mit 5 Kindern gerecht zu werden.
Das werde ich jeden Tag. Ich liebe mein Leben. Ich liebe meine Kinder. Niemand muss eine
Großfamilie haben, aber ich will eine. Ich wollte eine, mein Mann auch und so machen wir, was wir
uns wünschen. Und leben leider damit, belehrt zu werden. Ich wurde heute sogar gefragt, ob wir
religiös wären und deswegen ein Kind nach dem anderen bekämen. Unglaublich. Ich sollte darüber
nachdenken den Arzt zu wechseln.
Aber ich bin schwanger. Und habe Angst. Ich weiß, ich kann nichts tun. Gar nichts. Ich kann nur
hoffen, dass alles gut wird. Ich habe Angst davor auf die Toilette zu gehen wie vor 7 Wochen und
aus heiterem Himmel Blut zu sehen, wo keines sein sollte. Ich weiß nichts. Ich dachte immer ich
würde einfach jeden Tag genießen. Und das tue ich. Aber ich kann mich nicht so darauf einlassen
wie ich möchte. Ich finde das so traurig. Mein Kind, was soll es später nur denken? Das wir nicht
an ihn glaubten? Das tue ich. Aber der Mann und ich haben vor ein paar Wochen beschlossen zu
schweigen, für dieses Kind. Wir sind ängstlich genug. Machen uns genug Sorgen. Wir wollen nicht
immer zu hören „Hoffentlich klappt es dieses Mal.“ oder „Wenn Gott/die Natur will, wird es
kommen.“ Mich interessiert Gott oder die natürliche Auslese da herzlich wenig, denn die Wahrheit
ist. Ich liebe dieses Kind, seit seiner Entstehung. Verrückt. Aber es ist so. Ich will kämpfen. Ich will
dass es sich dieses Kind gemütlich macht und bei uns bleibt. Ich wünschte nur man würde an uns
denken. Uns Glück wünschen. Aber wir schweigen. Das wird schwer. Ich hoffe, es wird mit der Zeit
leichter. Aber wir wollen nicht, dass dieses Kind auch von Außen im Schatten seines nicht geborenen
Geschwisterchens wachsen muss. Wir machen uns schon genug Gedanken um dieses Kind. Es geht
eigentlich gerade nur um dieses Kind und es braucht einen Namen. Mehr Anrede als „das Kind“.“

Ich bin nicht einfach unglücklich. Ich bin einfach nur nicht unbeschwert und ich halte fest, was ich
fühle, für mich. Und vielleicht auch für andere Frauen da draußen. Ich hatte zu Beginn eine ganze
Hand voll lieber Menschen an meiner Seite, die mich dieses Stück Weg begleitet haben.
Es gibt immer mehr Momente, in denen ich nicht glauben kann, wie weit wir schon gekommen sind,
und wie wenig Zeit eigentlich noch vor uns liegt. Wirklich 28 Wochen nur noch, 6 Monate nur noch,
2 Jahreszeiten nur noch. Und dennoch, ich wünschte so sehr, ich könnte entspannen, loslassen und
mich fallen lassen. Ich wünsche mir, ein bißchen mehr genießen können, vielleicht wenn ich das
Manschgal fühlen kann. Hoffentlich ganz bald.
In drei Tagen erneuten Schall, ein Blick auf die Nackenfalte. Ein Blick vor dem ich große Angst
habe. Und auf der anderen Seite, frage ich mich, wie groß unser Kind wohl schon wieder ist. Wie es
jetzt aussieht. Ein Auf und Ab. In Liebe.
Mein letzter Blick, jeden Abend ist der zu meinem Rahmen in dem ein Bild unseres Kindes zu
sehen ist. In der Schublade, keine zwei Meter weiter, liegen bereits vier Dinge für mein Manschgal,
ein Stück von Oma. Versteckt tief in mir. Unser Kind. Geliebt.

10 Responses to “12+2”

  1. Frau Muschel Says:

    *liebdrück* (((Kassiopeia)))

    Wunderschön geschrieben, und so klar im Gefühl.
    Als ich mit meinem 2. und 3. Kind schwanger wurde, wußte, nein spürte ich es genauso wie Du, dass ich schwanger sei.
    Und auch heute, denke ich oft daran, wenn ich die Drei beobachte….

    Und dann zieht es im Herz, denn dieses hätte so gerne noch, aber die Vernunft und die Gesundheit haben den dicken Riegel fest im Griff :°°°(

    Es ist wie es ist…….

    Liebgruß
    Frau Muschel

  2. fishly Says:

    Ich wünsche es Ihnen von Herzen, dieses Glück und auch dass sich doch noch ein bisschen Unbeschwertheit einstellt.
    Wie immer haben Sie die richtigen Worte gefunden, um der Situation gerecht zu werden.

    Sie machen mir Hoffnung, dass man diese Angst doch noch besiegen kann, noch kann ich nicht ganz daran glauben, bei mir ist der Verlust noch zu frisch und bis jetzt kein weiteres Kind unterwegs. Aber wenn die Zeit kommt, werde ich an Ihre Worte denken und sehen, dass es auch anderen so geht. Danke.

  3. Evi Says:

    Meine Gedanken:

    Warum es nach einer Fehlgeburt so schwer ist, sich auf ein neues Kind zu freuen:
    „Darf ich glücklich sein, wo ich doch um mein verlorenes Kind trauere? Oder werde ich dann bestraft und verliere auch dieses Kind?“

    Warum man sich besonders nach einer Fehlgeburt auf sein neues Kind freuen darf:
    „Es gibt keine Garantie und deshalb ist es so verrückt schön, dass wir eine neue CHANCE bekommen. Es gibt nichts tolleres als eine neue Chance auf Glück. Denn ohne das Risiko wäre es nicht ein solches Geschenk.“

  4. Mairlynd Says:

    Deine Worte berühren mich sehr. Und sie erinnern mich so an mein Kind… Danke.

  5. Ellenrieder Says:

    Hallo!
    Ich werde mit meinen 5 Kindern auch immer erzogen ! Es ist wirklich erstaunlich, dass „Einkindmamas“ alles besser wissen. Egal ob es um Ernährung, Erziehung oder Sonstiges geht. Es gibt immer etwas zu sagen oder beraten. “ also ich mache das immer so….“ ist der häufigste Satz. Probleme gibt es einfach nur mit vielen Kindern! So einfach ist das! Ich drücke dir für die Schwangerschaft die Daumen, aber ich habe ein gutes Gefühl!!!

  6. nane Says:

    Setze Dich in die Sonne, wenn möglich ohne Kinder, mit mehr als Kleidergröße 62 ;-)
    Halt inne…atme tief ein….horche in Dich hinein….leg eine oder beide Hände auf das Minibäuchlein und……schleicht sich gerade ein Lächeln auf Dein Gesicht ???????
    DAS ist Vorfreude und kleine Geschenke für das ungeborene Menschlein sammeln und heimlich begutachten…….DAS ist PURE FREUDE!!!!!

    Und mache Dir keine Sorgen…..keines Eurer noch kommenden Kinder (und ich bin sicher es werden noch ein paar sein ;-)) wird im Schatten eines anderen aufwachsen, dafür seid Ihr einfach ihr…

    Und da Du euer Engelchen NIE vergessen wirst….ist alles in Ordnung….

    wie oben schon beschrieben:es ist wie es ist

    Und Du wirst beiden (dem Herzkind und dem Manschgal) gerecht…keines der beiden bekommt weniger Liebe oder Aufmerksamkeit…aber eben auf verschiedenen Ebenen.
    und deshalb darfst Du eben traurig und vor Freude jauchzend durch die Welt marschieren.
    Du musst nicht ein Gefühl abstellen um ein anderes zu fühlen………..

    Und Dein Manschgal hat jetzt schon soooo viel Liebhaben erfahren…von Dir und deiner Familie…HALLO…es gibt schon einen NAMEN und von von seinem Herzkindgeschwisterchen auch, denn nur durch sein Sein hat es die Möglichkeit heranzuwachsen…und damit will ich nicht wieder den oben genannten Schatten heraufbeschwören NEIN, sondern die tiefe Geschwisterliebe….die jetzt schon im Manschgal ruht…..und die es Dir erlaubt auch mal öfter traurig und unsicher zu sein.
    Ich hoffe, dass Du mal wieder durchblickst durchmein Gedankenchaos ;-)
    Liebe Grüße aus Berlin

  7. die_schottin Says:

    Ich kann Dich gut verstehen. So ein einschneidendes Erlebnis geht nicht spurlos an einem vorüber. Ich glaube jede Frau hat nach einer Fehlgeburt Angst. Nur nicht jeder ist so offen und spricht es aus wie Du. In meinem Bekanntenkreis gab es zur gleichen Zeit wie bei Dir 2 Fehlgeburten. Eine der Mädels liest hier still mit und sie ist dankbar ob Deines Umgangs mit dem Thema. Ich bin mir sicher, dass ich das an dieser Stelle hier sagen darf. Mit der Zeit wird hoffentlich die Sorge nach und nach weichen und mehr Platz für Vorfreude machen. Gib Dir selber etwas mehr Zeit.

  8. Ines Says:

    Sei gedrückt.
    Ich wünsch dir viel Kraft das eine zu „verarbeiten“ und das andere richtig zu geniessen.

    Alles Liebe

  9. Julia Says:

    Auch ich wünsche dir viel Kraft, Momente zum Genießen und ein bisschen Ruhe für dich und dein Manschgal. Eine schöne Schwangerschaft wünsche ich dir/ euch!

  10. eva Says:

    nach den ersten tritten wird es besser und besser!
    lg aus dem skiurlaub ohne kind und kegel