Fremde Worte…

Eine Freundin schrieb die Tage:

Ihr lieben Eltern, Ihr,

seid nicht voll Schwermut und nicht voll Kummer, wenn Ihr an mich denkt! Und bitte: verhärtet nicht. Ich bin nicht verloren, nicht für Euch, und nicht für die, die sich auf mich gefreut haben.

Meinen Anfang habe ich aus Euch genommen, und ich bin in Euer Inneres zurückgekehrt. Für immer. Das hat die Liebe bewirkt, die ihr mir geschenkt habt. Klammert Euch nicht an mich. Ihr dürft loslassen, denn ich bin Eins geworden mit Euch, mehr als wenn ich mein Leben gelebt hätte.

Gewiss, die Zeit war kurz, die ich bei Euch sein durfte. Aber auch das längste Leben ist nur wie ein kurzer Blitz in der Zeitrechnung, die jenseits Eures kleinen wichtigtuerischen Planeten herrscht. Was mehr zählt, als die gemeinsame Zeit, ist der Geist, der sie erfüllt hat.

Beklagt Euch nicht, dass ich ohne Abschied von Euch gegangen bin, grübelt nicht, was Ihr hättet anders und besser machen können. Was zählt, ist meine Verbundenheit mit Euch und Eure Verbundenheit mit mir. Sie ist gewachsen und sie wird genährt durch all die Liebe, all die Zärtlichkeit und Hoffnung, die mir von Euch zuteil wurde. Diese Ernte einer guten Saat bewirkt, dass wir wieder eins geworden sind und dass wir eins bleiben werden.
Heute kann ich Euch ein wenig zurückgeben, von dem Geist der Hoffnung, den ich Euch danke, von der Kraft, zu der Ihr mir verholfen habt, von dem Lächeln, das ich von Euch bekommen habe.
– Ich bin nicht verloren, ich bin Euch nur vorausgegangen.

Lasst Euch durch nichts verwirren.

Erhaltet mir Eure Liebe. Sie, diese Liebe, gibt auch Eurem Leben die Tiefe, aus der Ihr Ruhe und Kraft schöpft.

Ich glaube, die Menschen um Euch brauchen Eure Erfahrung und brauchen Euren Frieden und alles, was in Euch an Verstehen und Hilfe gewachsen ist. Die Welt braucht den Trost, der von Euch ausgeht, weil Ihr in der Trauer um mich erfahrener, reifer, wertvoller werden konntet.

Lächelt nicht über mich und meine Gedanken – oder besser, lächelt doch, Ihr lieben Eltern, Ihr!

(Marie-Luise Haußer: \“Einschnitte\“ Gedichtband, SS: 1-2)

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