Ein Stück des Weges

Gestern auf dem Rückweg von einem schönen Nachmittag fuhren das Tochterkind und ich mit dem Bus ein Stück. Wir hielten lange, damit der Busfahrer seine Zeit einholen konnte. Und während wir da vorm KZ standen, sprang es mich fast an: Der Name unserer Stadt in dicken Lettern und der Zusatz, er wäre ein Symbol für all den Schrecken, den die Welt mit ihm verbindet.
Ich fragte mich, ob es nicht langsam Zeit wäre, mit den Kindern dorthin zu fahren und ein bißchen etwas von dem Teil der Stadt zu erzählen, in der wir leben, von dem sie noch nichts wissen.

Als ich jünger war, gab es eine Zeit, in der es für mich wahnsinnig wichtig war und ich hatte viele Gefühle, viele Fragen, die mir niemand in meinem Umfeld beantworten konnte oder wollte. Ich war wie gelähmt und erstarrt, so allein, während ich dutzende Bücher verschlang…
Und dann dachte ich, dass ich einfach warten werde müssen, (so wie wir es mit allem anderen halten) darauf dass sie von allein kommen und ihre Frage stellen und dann werde ich da sein und sie beantworten und ihnen alles erzählen, was ich weiß und den Weg mit ihnen zusammen gehen.

5 Responses to “Ein Stück des Weges”

  1. Frau Kreis Says:

    Sie werden kommen und fragen. Und sie werden eher fragen, als es im Unterricht Thema ist. Unser Großer ist in der dritten Klasse und liest, fragt, zweifelt am Menschsein deswegen.

  2. rage Says:

    hallo du… wir kommen sie mal besuchen! wie sie damit umgehen wollen, kann ich ihnen natürlich nicht sagen, aber ich kann sagen, wie es hier ist: der mann studierte geschichte, sehr intensiv erster und zweiter weltkrieg. natürlich haben die kinder das alles mitbekommen, und vor allem der erste interessiert sich sehr dafür. jetzt waren wir ja in verdun und aktuell in der normandie, wo man halt alles noch sieht und wir auch alles ansehen und angesehen haben… und es ist sehr spannend zu sehen, welche fragen insbesondere der grosse sohn stellt. die zusammenhänge, die er macht oder eben nicht. was der deutsche mann – ich schreibe den namen jetzt absichtlich nicht und verzichte auch auf das allgemein gültige synonym, wegen suchen und so – getan hat, das haben wir ihm aber nicht in aller deutlichkeit erzählt. wir haben nur gesagt, dass wegen ihm ganz viele unschuldige menschen sterben mussten. wie und so… da bekommen wir ja selbst noch halb das heulen. aber gell, wir können da unbeschadet davon berichten. wir haben weder verwandtschaft, die sterben musste, noch solche, die im krieg war. das einzige, was wir wissen, ist, dass der grossvater meines mannes an der österreichischen grenze in den bergen wache schieben musste. so gesehen ist hier alles entspannter und ich stelle mir das extrem schwierig vor, wenn man «betroffen» ist – und damit meine ich jetzt alle in ihrem land – und das seinen kinder «beibringen» muss… vor allem wenn die kinder in einem alter sind, wo gerechtigkeit noch eine grosse rolle spielt.

  3. rage Says:

    und bei den betroffenen, damit das alles richtig verstanden wird, gibt es ja auch noch unendlich viele stufen zwischen schwarz und weiss… schwierige sache. sogar für uns erwachsene :-)

  4. kassiopeia Says:

    @FrauKreis: Ich bin auch verzweifelt. Und es gibt ja Grauen überall- jeder Zeit… :( Man hofft ja als Kind, dass das da dann wenigstens Schluss mit Grauen und Töten war…

    @Rage: Mach Sie das mal! :)

    Ich weiß, was Sie meinen. Es ist eben nicht so einfach. Getötet wurde schon immer wegen Hautfarbe, Religion, anderer Meinung… aber ich denke das schlimme in diesem Fall, ist diese Ordnung, diese Kontrolle, diese Maschinerie.
    Und das erklären… Nicht mal ich kann „gut“ mit diesem Thema umgehen. Es macht mich nach wie vor sehr betroffen, und ich lese und sehe mir noch immer alles an, was es gibt, weil ich mich ein Stück weit verpflichtet fühle hin zusehen und es gibt auch immer wieder neue Facetten. Das ist ja das Traurige. Wie letztlich der Dokumentarfilm über Frauen, die im Lager Babies geboren haben.

  5. rage Says:

    ich sehe die schwierigkeiten… es war in verdun und auch in der normandie so, dass es ja kampfesstätten sind. man kann den kindern erklären, dass churchill der grosse mann war, der mit unterstützung frankreich von den bösen befreien wollte etc. (mein mann hat die gesamte churchill-autobio gelesen und ist fan…) so kann man das an sich organisierte verbrechen, wie sie es beschreiben, umgehen, zum glück. noch. vor einem kz zu stehen ist dann doch nochmals eine andere herausforderung. ich habe den kiz letztens einen kurzfilm über das sterben von hähnen gezeigt, die kurz nach der geburt vergast werden, und sie weigern sich seither, eier zu essen, und heulten, als sie es sahen. das gleiche mit menschen und kindern zu erzählen, wäre zu furchtbar. die allergrösste sorge meinerseits ist, dass sie zu nationalsozialisten werden. DAS gilt es zu verhindern.