Lost in Tierpark

Um den Kreislauf der Urlaubswehmut und dem abendlichen Aufräum- Reibereien zu entkommen, begab ich mich am Donnerstag frohen Mutes nach dem Frühstück mit den Kindern in den Tierpark. Allein, wenn man das angesichts der Kinderzahl so nennen mag.

Man muss dazu wissen, dass die Kinder momentan Probleme mit den Ohren zu haben scheinen. Die volle Funktionstüchtigkeit der angewachsenen sonst so mega praktischen Dinger, scheint noch unterwegs und erreicht unser Heim etwas zeitverzögert.

Es startete also schon recht abenteuerlich, als ich mein Stimmchen schriller erhob, um am Marienplatz auszusteigen, es folgte die Rolltreppe und der im Wind verloren geglaubten Tipps bezüglich der Benutzung dieser. Ansonsten bewegten wir uns beinahe störungsfrei zum Eingang des Tierparks.
Glücklich lächelte mich die kleine Familienkarte an: Ein Erwachsener plus eigene Kinder. Super. Dann zog die nette junge Frau am Schalter skeptisch die Augenbraue hoch, als ich ihr die abgezählten 15 Euro stolz überreichte: „Und das sind alles Ihre Kinder?!“ Zwischen den Zeilen hörte ich ein „Sind Sie da sicher?!“ Oh ja, dachte ich. Ich meine welcher Idiot fährt denn freiwillig allein mit fünf Kindern in den Tierpark?! Haha. Also wirklich!

Die ersten Minuten im Tierpark verliefen noch nach dem Streichelzoo recht entspannt, abgesehen vom Fütterungsdrama (zu wenig Kleingeld für zu wenig Kinder -> zu wenig Futter). Es gestaltete sich aber schon schwierig, ein sagen wir gemeinsames Lauftempo zu finden…
Dann kam der Spielplatz und bis auf ein *Überraschung* Kind waren alle weg. Der Zenmeister in mir bewahrte die Ruhe, weg würden sie schon nicht sein, nein. Hin und wieder erblickte ich in dem Haufen kleiner Menschen doch tatsächlich eines meiner Kinder. Als ich nach einer ganzen Weile keine Lust mehr hatte auf Emil aufzupassen, setzte ich diesen unter ein wenig Protest in den Kinderwagen zurück und fuhr ein Stück entlang des Zaunes. Was zur Folge hatte, dass fast alle meine Kinder unter vorheriger Verbreitung meines Wunsches diesen Ort langsam verlassen zu wollen, sich freundlicher Weise begannen um den Kinderwagen zu sammeln.
Ich wurde übermütig und kaufte ein Eis: 1,20 die Kugel. Kein Schnäppchen. Vor allem nicht, wenn man die sportlich Einlage beachtet, die von Nöten war, um die Wespen bei dem schönen Wetter abzuwehren.
Wir kamen genau bis zum nächsten Spielplatz, samt dramatischen Unterbrechungen. (Kein weiteres Eis, keine Zuckerwatte, keine Eisenbahn, keine anderen Fahrgeschäfte, auf Grund der Wespen kein Leberkäse, kein Hühnchen, nichts.) Um meinen Sohn an dieser Stelle zu zitieren: „Na, toll!“ (Bitte mit genervten Gesicht und brummeligem Ton vorstellen.)

Und dann passierte es, „alle“ (nicht fest geschnallten Kinder) waren weg. Als sich zwei Kinder eine halbe Stunde (oder wars einer halber Tag?) später in meiner Nähe gleichzeitig befanden, schlug ich zu, denn Emil war not amused. „Wir müssen jetzt gehen! Emil hat keine Lust mehr! Wo sind Zoe und Ben?!“ Es war so voll. Ich sah meine eigene Hand quasi vor lauter Kindern nicht. Meine letzte Frage stellte sich als taktischer Fehler heraus, denn ich hörte ein: „Ich geh sie suchen.“ Und da stand ich erneut nur mit einem Kind. Das wechselte sich ab. Bis ich das Spiel beendete und selbst suchen ging, nachdem Emil eingeschlafen war, ich mal wieder zwei Kinder an der Hand hatte und ich mich von der Spielhölle weg bewegt hatte und somit immerhin schon drei von fünfen hatte. Nach 5 Minuten hatte ich Glück und sah wie Noah Ben überwältigte. Nun waren wir vereint. Es hätte weiter gehen können, aber auf einmal lag Ben auf dem Boden. Menschen gingen an uns vorbei, fragten besorgt, ob dies mein Kind sei.
Ich hätte ja wirklich gerne gelogen. Aber macht man ja nicht. Erfahrene Mütter gingen mit dem Finger zeigend an uns vorüber und erklärten ihren Kindern wie bei den anderen Lebewesen im Park: „Kleiner Mensch, müde. Kann nicht mehr laufen.“
Genau so. Erkaaanabeernischerkannngaaarnixmeeehr. Ich solle ihn tragen. Oder nein. Emil. Und er würde im Wagen fahren. Ein weiteres Überbleibsel des Urlaubs. Generell super Idee, aber nicht mit angehenden schmerzendem Milchstau. Also Trick 182 nach zig anderen zum Scheitern verurteilten Lösungsvorschlägen: „Komm! Wollen wir gucken, wo es hier was zu Naschen gibt?!“ Ein Wort: Spontanheilung. Er konnte wieder gehen. Heiligt der Zweck wirklich alle Mittel?!- Oh wie süss, Eichhörnchen Pinguine.

Wenig später Halleluja: Leberkäse. Eis. Gummischlangen. Aber auch: Wespenausweichmanöver. Anschliessend Raubtierhaus. „Alle“ Kinder weg. Im Wechsel.
Aber egal in diesem Gewusel traf ich ein liebes Gesicht aus alten Blogger- und aktuellen Twitterzeiten. Freute mich so sehr. Nach dem kleinen Treffen, spielte ich das „Such- die- Kinder- Spiel“ ein weiteres Mal und auch wieder fanden sich alle und vorbei an den Elefanten ging es zu den Schildkröten. Tolle Sache dort, denn es gab keine Möglichkeit sich gross zu verstecken.

Die Stunden vergingen. Und ich blieb immer mal wieder stehen. Um zu warten bis wir alle bereit waren weiter zu gehen. Das konnte dauern. Manchmal 10- 15 Minuten. Unnötig zu sagen: „Kommt doch bitte zu mir.“ Oder „Lauft nicht so weit vor!“ Sätze mit „nicht“ soll man ja auch nicht sagen. Aber es mangelte mir so langsam nach 6 Stunden auch an Konzentration. War schon ein Kind vorbei gelaufen oder noch hinter mir?
Nach den drei As: Aquarium. Affen. Alligatoren, sollte der Ausgang folgen. Denn es war mittlerweile halbsechs. Aber beim Thema Ausgang scheiterte es endgültig.
Zwei Kinder waren weg. Einfach weg. Und ich wusste nicht wo. Es gab drei Richtungen: hinter mir, vor mir oder falsch abgebogen. Mittendrin ein weiterer Anfall von Erschöpfung von Bens Seite aus. Das hatte mich abgelenkt. Mit Kind auf den Schultern, suchte ich einen Weg ab. Fand nichts.

Ich schrieb vorsichtshalber dem Kindervater. Stellte die drei vorhandenen Kinder an einer Kreuzung ab und ging die letzten Beiden suchen. Ich fand sie nicht. Versuchte Ruhe zu bewahren. Als ich zurück lief und planvoll Richtung Ausgang wollte, standen fünf Kinder abholbereit an der Kreuzung. Also alles meine, keine Fremden. Ein verschollendes Kind weinte, das andere war obercool. Es wäre doch voll logisch gewesen Richtung Ausgang zu gehen, aber wir wären ja nicht gekommen. Ich sehe lustige halbstarke Zeiten auf mich zu kommen und begab mich wieder ruhig und den Kindervater Entwarnung funkend Richtung Ausgang, nachdem ich das andere Kind getröstet hatte. Wo ich verkündete, ich Miststück von Mutter: Es gäbe nach diesem unterhaltsamen Tag nichts aus dem Shop beim Ausgang. (Angesichts der angespannten Kinderzimmer- Aufräumproblematik kein unüberlegter Entscheid.) Außerdem muss ein neues Basecap her, denn wie von Zauberhand war eines unauffindbar zwischen Raubtier und Affenhaus entschwunden. Ich erntete wenig Begeisterung, den Hinweis im Shop gäbe es ja Caps zu kaufen und Überraschung einen Ben auf dem Fußboden. Der nach meinem Veto nun entschieden hatte sich heute keinen Millimeter mehr zu bewegen. Ein anderes Kind musste zur Toilette und während ich mit Engelszungen Ben beschwörte doch noch einmal bittedanke aufzustehen und eine letzte Runde Getränke ausgab, fiel mir auf, dass erneut ein weiteres Kind fehlte. Was mich nervös machte, weil ich erwachsene Stimmen vernahm, dass das Tor gleich geschlossen werden würde. Öhm. Und da sah ich es, das obercoole Kind hinter dem Drehkreuz, zwischen uns ein Zaun, ein Kind streikte, eines war noch immer auf dem Klo. Nun wurde ja sogar ich nervös.

Aber ich darf Sie beruhigen, wir benutzen alle noch diesen Ausgang, obwohl ich einen Filmriss habe wie wir das organisiert hatten. Keine Angst, es wurde keine Gewalt angewendet. Ich schaute auf mein Handy, der Kindervater in der Nähe. Puh. Sah hoch und weg waren zwei Kinder auf der Brücke über der Isar. Das immer gleiche Fragespiel: Sind sie vor oder hinter mir?! Ich entschied mich dem Strom zu folgen und wartete vor der Straße wo „oh Wunder“ nach ein paar Minuten Zoe und Ben auch zu uns stießen mit den Worten, Ben hätte halt erst mal alle Liebes- Schlösser anfassen müssen.

Fast geschafft, ich konnte die Unterführung zur U-Bahn gerade sehen, rannten zwei Kinder vor. So schnell konnte ich nicht mal sagen, sie mögen bitte stehen bleiben. Ich bezog wie schon nach der U-Bahn vor sieben Stunden Stellung und wartete darauf, das den Kindern auffiele, das niemand hinterher käme. Der Weg zurück zu uns ist immer Strafe genug. Ich begab mich pädagogisch wertvoll auf Augenhöhe mit dem obercoolen Kind und rang mich durch zu: „Ich weiß du bist cool. Ich weiß, du kennst den Weg und weißt wo es lang geht. Aber richtig cool wäre es, wenn du mit uns zusammen gehen würdest und den kleineren Kindern ein gutes Vorbild wärst und nicht vor laufen würdest! Auch wenn du den Weg im Schlaf kannst, denn dein Bruder ist dir nach gelaufen. Alles klar?!“

Da steht auch schon der Kindervater an der Unterführung und meine Nacken und Schultermuskeln beginnen sich zu entspannen. Meine Füße tun weh. Ich habe alle Kinder. Und als ich gerade los legen will und dem Kindervater die neuesten Kindernews erzählen will, höre ich von allen Seiten: „Und Papa da war eine Schlange/ eine Vogelspinne/ eine Eidechse bei den Schildkröten… “ und denke mir: Hey scheiss drauf, das war es doch, was du wolltest, dass die Kinder einen schönen Tag haben… Ich muss schmunzeln, denn den hatte ich auch und höre zu, dass zwischen all dem Chaos und den vielen Lost in Tierpark- Momenten wir doch alle Spaß hatten und heute echt viele Tiere gesehen haben… :)

9 Responses to “Lost in Tierpark”

  1. claudia Says:

    Sorry, aber ich musste sehr schmunzeln und…..

    egal ob ein Kind oder fünfe. Sie sind nie da wo sie sein sollen und sagen hinterher immer, war doch ganz pipieinfach dich wiederzufinden:-) ich weiss gar nicht warum du mich gesucht hast.

  2. Wolfram Says:

    Nur eine Anmerkung: Die Gäste und die Pfarrfrau haben vorhin für eine Kugel Eis 2,20 bezahlt. Einszwanzig ist ein Schnäppchen. Leider.

  3. Frau Kreis Says:

    :-) Hut ab. Ich wäre danach erschöpft auf dem Sofa zusammengebrochen.

  4. kassiopeia Says:

    @claudia: Dazu ist es da- zum Schmunzeln.

    Ich war ja schon zwei, drei Mal mit den Kindern unterwegs und hab das bisher nie so erlebt. Gott sei Dank. :)

  5. isabella Says:

    oh mein gott.

    ich weiß ich wiederhole mich, aber du bist eine heldin. eine superfrau!

    ich hab nur drei kinder und das geht super, ich hab zwei hände und manchmal schafft eine hand zur not auch zwei kinder :-)

    ich frag mich immer wieder wie mütter einer großfamilie das schaffen und aushalten und trotzdem das glück wissen und genießen in all dem (schönen aber furchtbar anstrengenden) chaos.

    hut ab. tausend mal.

  6. Ines Says:

    :-) Im Bergwerk gehts besser…ein Kind ist angeschnallt und die anderen 4 laufen nur soweit das Licht strahlt – (gerade gemachte eigene erfahrung). Wir haben dann meistens noch ne blutige Nase / Knie / Finger und mein Mantra „Es ist abgeschlossen hier / es gibt einen Zaun / es gibt nur einen Ausgang….“
    Warum ist man eigentlich auch so „blöd“ und will mit den Kindern einen schönen Tag verbringen…….;-)

  7. jule Says:

    ey meine hochachtung. ehrlich. ich würde durchdrehen:)

  8. Zitronenmädchen Says:

    Ich ziehe meinen Hut vor dir (und bin das warte Mal froh darüber, im Kaff zu wohnen und mir somit mangels Möglichkeiten, diese Art von Ausflügen erspart bleiben ;) )
    Liebe Grüße

  9. Zitronenmädchen Says:

    warte = erste :D