Into the blue

Kleine Wellen schwappten von der Sportbahn herüber und ich fühlte mich beengt, kurz hatte ich das Gefühl jemand oder etwas käme auf mich zu geschwommen, aber da war niemand. Ich erschrak über mich selbst. Hatte ich das Gefühl überrannt zu werden ins Wasser mit genommen? Und genau das fühlte ich in dem Moment, mich abschütteln wollen: Nun lasst mich doch alle in Ruhe!
Mit dem geschlossenen Mund im Wasser nahm ich eine Bahn mehr in Beschlag, als sie aus dem Becken gestiegen war. Ich versuchte genau zwischen den schwarzen Linien zu bleiben, in der Mitte. Es war anfangs gar nicht so einfach. Es kostete mich Kraft.
Auf einmal spürte ich eine Wut von ganz tief drinnen. Soviel Wut, dachte ich bei mir und Verärgerung. Über andere, alles was ich je hatte hören müssen, Sätze die sich angestaut haben, Verletzungen die fest sitzen. Wut auch über mich selbst, weil ich all das mit mir geschehen hab lassen und nicht drüber hinwegsehen kann. Wut, soviel Wut. Ich biss mir auf die Zähne. Und schwamm weiter.
Zug um Zug wollte ich noch wissen, was da ist. Mich spüren, endlich fassen, was zur Zeit mit mir los ist. Und da war sie die Hoffnungslosigkeit, meine Schultern sackten trotz der Schwimmbewegungen merklich nach vorn. Ich kauerte, meine Mundwinkel fielen scheinbar ins Bodenlose und ich konnte die Schluchzer, die da heran rollten nur mit Mühe zurückhalten. Da war Angst und Sorge. Ein Stück weit liess ich los, immer leichter fiel es mir mittig zu schwimmen. Eine andere Frau kam. Ich sah ihr zu, wie sie sich auszog, duschen ging und auch ins Becken glitt.
War da auch Trauer? Wie von selbst spürte ich mich fragen: Wann warst du eigentlich das letzte Mal so richtig traurig?! Das Schreiben fehlt mir, die liebe Zeit fehlt mir. Wieso hab ich nicht mehr Zeit? Warum reicht es zur Zeit nie? Warum sehe ich nur das zu wenig und nicht wie sonst in meinem Leben, greife, packe ich nicht nach dem was da ist? Ist es wirklich zu wenig? Ich schwimme dem Blau entgegen, lasse Teile des Wasser hinter mir, erreiche den Beckenrand, stoße mich ab und schwimme zurück… Ungerechtigkeit fühle ich und die nächste Frage: Warum schaffe ich es so selten, zu sagen was ich denke?! Wieso zensiere ich mich selbst so sehr? Es ist viertel vor acht, ich steige aus dem Wasser, laufe schnell zu den Umkleiden.
Im Laufen denke ich: Wenn ich jetzt einen Grabstein bekäme, stünde darauf: Sie war stets bemüht. Und ich hoffte so sehr, es wäre so liebenswert wie verzweifelt und auch traurig. Wieso gestehe ich mir meine Gefühle nicht ein? Wieso hadere ich so? Wieso ist es so wichtig was andere denken? Wieso kann ich nicht mal mehr aufschreiben, was ich denke ohne Rücksicht? Ich stehe in der Umkleide und spüre allem noch einmal nach, während ich ruppig den nassen Badeanzug ausziehe, mich abtrockne und anziehe. Wieso kann ich kein Arschloch sein, wie so viele andere? Einfach ohne Rücksicht immer raus damit? Sind die anderen überhaupt Arschlöscher oder passen die nur besser auf sich auf?
Was ist nur los? Wieso bin ich so wütend? Und warum hatte ich keine Ahnung wie sehr mich Das mitgenommen hatte?! Wieso trifft es mich jetzt mit voller Wucht? Und wieso nur versuche ich genau das zu vermeiden? Wieso das nicht aushalten können und immer zu dagegen ankämpfen? Wieso immer die Mitte? Wieso kann ich nicht los lassen? Wieso immer aufreiben zwischen Kontrolle und der Panik nicht genug zu planen?
Ich strampel mir mal wieder gerade so einen ab, gegen meine Gefühle anzukämpfen und vergesse dabei zum wiederholten Male, dass erst das Zulassen wirklich Freiheit bringt. Das erst dann sich alles auflösen wird können.
Ich packe meinen Kram und fahre nach Hause. Auf dem Rad denke ich an das Gespräch heute mit einer Freundin. Bin ich gerade überfordert? Würde es mir schwer fallen das zu zugeben? Könnte ich das? Oder bin ich nur gefordert, angestrengt? Wieso wäre das ein Problem? Ich spüre dem nach wie sehr es mich gerade fordert auf jedes Kind in schwierigen oder leichten Situation zuzugehen. Wie viel mich da die Menge beschäftigt, fordert. Fünf sind nicht eins. Keines gleicht dem andern. Wo ist der Blick für das andere im Moment? Das worauf mein Blick sonst haften kann, all das Wundervolle, das was bereichert, schenkt, Kraft gibt? Warum ist mein Blick gerade so verbaut? Habe ich die Mauern selbst errichtet? Kann ich sie abreißen? Und warum habe ich sie überhaupt gebaut? Wozu?
Das Wasser hilft mir mich zu finden und anderes weg treiben zu lassen, vermutlich fühle ich mich deswegen so heraus gerissen aus dem Urlaub, ich hätte noch Zeit gebraucht zu heilen.
Eine Stunde habe ich mir heute genommen. Für mich. Eine kleine Stimme kräht wieder in mir: Zu wenig! Mehr! Und die andere ist grad nur froh, dass ich mir nehmen konnte, was ich brauche.

7 Responses to “Into the blue”

  1. Schwesterherz Says:

    Hallo liebste Schwester .

    Ich will mich mal trauen dir zu schreiben.

    Du hast einen kleinen urlaubsblues es geht dir gut an der Ostsee nur du und deine liebsten keiner der sich einmischt oder die Idylle stört ! Du kannst alles hinter dir lassen.

    Mir geht es genauso mit den Leuten . Mein mann regt das an mir auch so auf. Oft verletzten die einen mit Sachen und warscheinlich zum teil weil die genau wissen was ein traurig macht und Menschen merken wenn jemand eher labil ist. Zum Teil verletzten sie einen um sich selbst besser und größer zu fühlen.

    Ich bin auch krankhaft zu lieb ,weil ich ja selbst weiß wie scheiße man sich fühlt nach einem verbalangriff. Ich merke die Wut im selben Moment. Weiß selbst das war nicht richtig, aber es verschlägt mir die sprache.

    Mein mann meckert immer weil er es hasst das ich nicht antworte und sagt mir was ich antworten muss aber oft hilft mir das nicht fürs nächste mal. Weil es ja ziemlich unterschiedliche Situationen sind. Ich glaube es geht vielen so.

    Ich denke manchmal muss man einfach den Mut haben um sich selbst zu schützen. Das man es nicht zu lässt das jemand urteil. Das ist dein leben du magst es so. Bist Glücklich.

    Schnauze würde papa sagen . *lach*

    Versuchen wir es doch mal den Leuten Grenzen zu zeigen oder stop zu sagen. Ich glaube ist die Heilung.

  2. littlebinHH Says:

    Ich weiß nicht, ob es ein guter Tipp ist, aber wäre nicht eine Mutter-Kind-Kur etwas für Dich? Ich weiß, dass es mit fünf Kindern nicht einfach ist und sicher auch nicht alle mitkönnen, aber vielleicht gäbe es Dir die Chance, wirklich Kraft zu tanken und andere Strategien für den Alltag kennenzulernen.

  3. Kassiopeia Says:

    @LittlebinHH: Nein, gar keine Option. Schon gar nicht ohne jemanden. Und erholsam mit schon gar nicht ;) Kuren sind Arbeit.
    Ich brauch keine Strategien für den Alltag. Das hier ist ja grad kein Alltag, sondern Sommerferien und das Finden eines neuen Alltags im Jetzt und danach ohne Arbeit. Und es geht mir gut. Ich brauche keine lebensverbessernden Maßnahmen, eigentlich ist das ja quasi eine therapeutische Maßnahme ohne Rücksicht auf die Gefühle anderer meine hier auf zu schreiben. Lieb dass du an mich denkst und mir schreibst! Das bin nur ich. Auch ein Teil von mir. Der nicht therapiert werden braucht, so nehme ich doch an ;) Alles Gut! Danke!

    @Schwesterherz: So schön, dich lang und ausführlich zu lesen! Es ist ja nicht so akut, viele Sachen bewegen mich auch noch nach langer Zeit. Ich vergess leider nie was. ;) Und ich mag nicht mal denken, dass einem Menschen oft mit Absicht weh tun dank ihrer Wahllosigkeit der Worte, aber genau diese Gedankenlosigkeit nervt mich wahnsinnig.
    Ich kann nur leider auch nicht vergessen, wenn ich Mist gemacht hab. Auch wenn es oben nicht so genau steht, bin ich nicht nur wütend, wegen meiner Unfähigkeit das passende Wort zur rechten Zeit parat zu haben, sondern allgemeine vergessene oder Fehltaten. So ist das. Kennst mich ja…
    Und es ist schön über dich und ihn zu lesen! Wirklich! Und ich glaube leider auch, dass es nicht immer einfach ist Vorurteilen entgegen zu treten! Ich drück dich fest!

  4. isabella Says:

    Oh Kassiopeia! Du rührst mich zu Tränen! Mutter sein ist so schön, aber auch so schwer. UNd es wird schwerer mit jedem Kind mehr, aber auch schöner. Man traut sich nicht sagen:“Es ist anstrengend.“ Denn dann hieße es, man hätte nicht so viele Kinder bekommen sollen. Aber es ist doch auch schön! Man kann aber auchnicht sagen:“Es ist schön so viele Kinder zu haben.“ ohne, dass einem mit vernichtenden, ungefragten Antworten die Arbeit abgesprochen wird.

    Jammert jemand über seinen Job und darüber, dass er müde ist, ist es ok. Is ja klar, der oder die haben sich den Job und das Leben ja nicht selbst ausgesucht. Nur eine Mutter „hat es sich so ausgesucht“ und darf nicht einfach mal zugeben wie sauanstrengend das Muttersein kann, ohne dass einem ÜBERforderung unterstellt wird. Und selbst wenn, wäre Hilfe von außen (angeboten von Freunden) besser als ein „warum denn dann so viele“ oder „ihr wolltet es so“

    ich kann mir durch deine texte immer wieder deinen fleiß, deinen eifer, deine anstrengung und lieb soo gut vorstellen und es kränkt mich, dass es dir grad so geht. und dass du nicht die einzige bist. ich kenne ein paar wenige mehrfach-mütter wie dich, die auch mal, mal weniger müde und erschöpft sind und immer wird blöd und garstig geredet. warum? was wird erzielt? was ist die motivation?

    ich helfe gerne und habe nicht das bedürfnis mich an jemand anderem zu messen „ich hab ja selber kinder und dies und das“ ist jemand da, der mich braucht, den ich gerne habe, möchte ich helfen. nciht nur, aber auch, weil es nett im Gegenzug wär.

    großfamilien bzw. mütter von vielen kindern haben es definitiv schwer(er) und sie haben keine lobby. und vor allem wenn es so großartige mütter wie du es bist, sind, die viel schaffen und erreichen und eigentlich viel weniger jammern als mütter mit wenigen kindern. ich weiß nicht, wer, was, warum gesagt hat. ich hab grad die vorstellung, dass es mehrere leute sind. weißt du, menschen wie du sind anderen oft ein dorn im auge. du nimmst dir was vor und tust es. du wolltest jung heiraten. du heiratetest, egal was man sagte. du wolltest viele kinder. du bekamst viele kinder, ganz gleich was andere denken. du hast mut zum eigenen indivduellen glück. du bist absolut hübsch und attraktiv. nach, so wie vor den schwangerschaften. du bäckst dinge, die aussehen wie kunst und dein haus sieht aus wie ein schlößchen von innen. und die kinder erst! so viele und so hübsche und bestimmt nicht weniger toll und sympathisch wie die mama.

    ich würde dich so gern in den arm nehmen, einfach weil du toll bist und ich wünsche dir mehr nachsicht mit dir selber, ein dickeres fell anderen gegenüber.

    ich denke, dass du oft nicht kontra gibst, ist gar nicht so schlecht. man muss nicht alles bereden und schon gar nicht kontra auf dummheiten geben. dafür bist du doch zu schade, aber dass dich das nachher so lang beschäftigt ist blöd :( wenn es nur einfacher wäre neid und missgunst nicht an sich heranzulassen. oft sind es sogar eigene freunde und verwandte.

    ich schick dir viel kraft für den alltag und gute nerven, für dummes gerede und etwas sonne im herzen <3

    lass dich nicht unterkriegen und dir die freude an deinem glück dadurch nehmen.

  5. isabella Says:

    Und hinzu kommt, dass Du über so viele andere Qualitäten verfügst, die mit deinem Muttersein gar nichts zu tun haben. Du bist intelligent und gebildet, aber ohne es nach außen zu tragen und damit zu prahlen. Du bist also durch und durch auch wirklich eine interessante Person und nicht nur Mutter. SO.

  6. kassiopeia Says:

    Liebste Isabella, ich bin so unglaublich gerührt, ich bin sprachlos. Mal wieder! Vielen Dank! Einfach danke! Von Herzen! Viel davon.

  7. jule Says:

    <3