Ein Tag

Alles begann schon vorm Frühstück, ein fragiler Moment, wenn das kleinste Kindergartenkind sich nicht anzieht, also griff ich ihm liebevoll unter die Arme um nur Minuten später zu hören: „Ich mag aber nicht in den Kindergarten gehen…“ Erfahren wie ich bin, Mutter von fünf Kindern, entfuhr mir Erwachsenenlogik: „Nun gehst du erstmal hin und wenn es nachher wirklich so blöd ist, sagst du der Lisa Bescheid und die kann mich dann anrufen, mir Bescheid sagen, dass ich dich abholen soll!“ Bombenidee. Das Kind war selig, aß sein Frühstück und war vergnügt drauf. Nachdem ich die Schulkinder zum Bus gebracht hatte und unter der Dusche stand, bekam ich via WhatsApp vom Mann die Information, es wäre beim Übergeben im Kindergarten alles okay gewesen. Spitze! Mein Vormittag konnte kommen. Da hatte ich aber das Elefantengedächtnis meines Sohnes unterschätzt. Viertel nach 9Uhr erleuchtete mein Handy ein Anruf, den ich vergnügt wie ich war, erst gar nicht mitbekommen hatte. Ich rief selbstverständlich zurück und erfuhr, mein Sohn wäre nun bereit abgeholt zu werden. Upps. Das war natürlich nicht im Sinne der Erzieherinnen, die darin einen Rückschritt gesehen hätten, sollte ich nun das Kind wirklich abholen. Für mich stand dummerweise nur im Vordergrung, dass ich ihm ja ein Versprechen gegeben hatte. Die Erzieherinnen wollten noch einmal mit ihm sprechen. In der Zeit des Wartens rief ich den Mann an, bis erneut Lisa anrief: Ben würde schon geholt werden wollen, aber Tom nicht. Irgendwie lustig. Ene, mene, muh und raus bist du. Ich entschied mich dazu, da das abholwillige Kind mittendrin im Spiel war, es zwar früher, aber nicht sofort und jetzt abzuholen, so dass Tom noch seinen Obsttag in Ruhe beenden würde können und Ben trotzdem eher seine Mama sehen würde. Emil schlief nun. Ich entspannte mich etwas, obwohl in meinem Kopf alles Samba tanzte: „Was wenn das jetzt wieder so schlimm wird? Was wenn er will, dass ich ihn immer bringe? Für zwei Stunden Kindergarten morgens zwei Stunden hin und her fahren?“ Drei Telefonate hin und her am Vormittag. Das fing ja gut an.
Im Kindergarten um 12Uhr passte dann alles. Beide waren glücklich- ich auch. Ich traf eine Freundin. Und brachte zufriedene und ausgeglichene Jungs nach Hause. Weil Tom mittlerweile Angst hat, die Minuten allein zu Hause zu sein, Ben aber genau das wollte, (das zieht sich so durch) setzte ich den müden Ben tricky wie ich fand, in den Zwillingswagen, daneben den Emil und so fuhren wir zu viert und höchst zufrieden, Zoe und Noah vom Bus abholen.
Zu Hause angekommen hatten wir ein zweites Mal am heutigen Tag nur wenig Zeit- in der Zoe sich Sorgen um ihre Freundinnen machte, die den Bus verpasst hatten, wir zu einer Entscheidung kamen, ob sie nun hier zu Hause warten würde oder mitkommen, alle etwas trinken konnten, Taschen abladen und dann ging es zurück zur Bushaltestelle. Bis dahin hatte ich also die Bushaltestelle drei mal begrüßt und schon zwei Mal verabschiedet.
Pünktlich betraten wir die Zahnarztpraxis, nahmen kurz im Wartezimmer Platz und wurden schon nach einem kurzen Moment aufgerufen, also zog es uns zu fünft ins Behandlungszimmer, wo genau das passierte was ich annahm: „Hatte er Schmerzen? Nein? Großartig! Die Zähne werden von Woche zu Woche wieder fester. Das machst du prima, Noah. Macht weiter so mit der Zahnpflege, das ist super. Auf wiedersehen bis ins zwei Wochen!“ Ich schnallte also Emil wieder im Kinderwagen fest und wir flitzten nach einem Blick aufs Handy zur Haltestelle, wobei ich Tom fast über den Haufen rannte. Ich küsste freudig die Kinder, wir waren so schnell gewesen, entschuldigte mich bei Tom, soviel Ruhe war dann noch, denn der Bus brauchte sogar noch um die Kurve zu nehmen. Nun standen wir vor dem Bus und wunderten uns warum die hintere Türe nicht aufgemacht wurde. Der Busfahrer sah mich an, ich sah ihn an, ich versuchte zu kommunizieren er möge doch bitte die Türe aufmachen, schließlich standen wir genau davor, doch sie blieb zu. Und die vordere Türe schloss sich. Ich hüpfte aufgeregt herum und rief dem Fahrer zu, er möge die Türe aufmachen, wir wollen mit! Und er fuhr los. LOS! Meine Kinder waren doch eben noch zur Haltestelle gerannt! Das hatte saugend gepasst. Ohne nach zu denken, rannte ich hysterisch mit dem Armen fuchtelnd dem Bus hinterher und schlug wie ein Geisteskranke an die vordere Tür, wo der Busfahrer gnädig doch auf die Idee kam, die scheiß Tür aufzumachen. Ich war fix und fertig, ob dieser groben Fahrlässig- und Ungerechtigkeit, ging zurück zu den Kindern und hob Kinder und Wagen irgendwie in den Bus, denn wir standen ja nicht mehr an der Bordsteinkante, sondern auf der Straße. Und dann sagte der Busfahrer doch allen ernstes zu mir, er wusste ja nicht, ob wir tatsächlich einsteigen würden wollen. Und ich rief außer Atem nach vorn, peinlich berührt – ja, mir war das alles furchtbar peinlich so mitten vor über 20 Menschen- dass das doch der Sinn einer Haltestelle wäre, man stünde dort, weil man Busfahren möchte! (Und da fährt auch nur dieser eine Bus, verfluchte Mistkacke!) Ich wurde äußerlich ruhiger, mein Herz pochte aber noch, zu Hause war Zoe allein, Ben war müde, die Kinder hatten so toll mit gemacht, das gehörte doch alles belohnt, wir wollten nach Hause… und während ich da stand und eine ältere Dame mir leise beipflichtete, kam da wieder diese altbekannte Wut und Hilflosigkeit, wegen der Abhängigkeit diesen Männern und wenigen Frauen gegenüber, Angst davor beim nächsten Mal nicht mit genommen zu werden usw. Und ich fragte danach die Kinder, wie sie die Situation erlebt hätten- ich war ihnen nicht als Rumpelstilzchen in Erinnerung geblieben, sondern nur der doofe Busfahrer, was mich ein bißchen erleichterte. Aber ich fühlte mich nach wie vor, wie ein wütender Zwerg. Wenigstens waren wir so nur 40 Minuten unterwegs gewesen.
In den eigenen vier Wänden angekommen, kochte ich dann und bekam einen netten Zettel hingelegt „8,90Euro für xyz“. Natürlich hatte ich nicht soviel Kleingeld, zählte was ich hatte und bat den Kindervater via Twitter irgendwie heute Abend den Rest in bar bereit zu haben. Mittags jagte ich die Kinder wie immer hoch zum Zähneputzen, auch das zog sich an diesem Tag sehr in die Länge, es war schon viel später, als normaler Weise. Nur wenige Augenblicke später informierte mich ein Kind freundlicherweise, während ich mir frech einen Kaffee hingestellte hatte und so etwas wie eine kleine Pause machen wollte, über Farbe, Konsistenz und Menge der Dinge, die den Weg in die Toilette gefunden hatten. Höchst interessant. Ich liebe ja diese Art von Gesprächen.
Am Nachmittag spielten die Kinder zusammen wieder total versunken- eine Fusion aus Filly und Lego Ninjago und ich dachte frech bei mir, davon könnten sich doch Politiker eine Scheibe abschneiden. In hohen Maße muttiviert schnappte ich mir Staubsauger und Wischmop, um den dreckigen Boden zu wischen, wohlwissend dass es keine halbe Mahlzeit so bleiben würde. Diese verrückte Idee hatte ich gehabt, als ich Emil wickelte und seine nackten Füße genauer betrachtete. Und während ich so wischte und über Fusionen, Krümel- und andere Essensreste sowie Busfahrer sinnierte, hörte ich von oben seehundähnliche Geräusche und ehe ich mehr Zeit hatte mich zu fragen, was da wohl gerade passierte, lauschte ich einer Diskussion, ob sich so oder wenn nicht so wie dann, eine Alarmanlage anhören würde.
Irgendwann abends brachte ich das Kleinkind ins Bett und als es schlief, tropfte ich vorsichtig und bedächtig erst in das eine, dann in das andere Nasenloch (die Pause dazwischen ist entscheidend) die Nasentropfen und fühlte mich wie ein Held, weil das Kind davon nicht aufwachte… Unten angekommen machte ich mir einen Tomatensalat und sah verblüfft auf die Uhr, als ich diesen tatsächlich noch vor 20Uhr gegessen hatte und auf dem Sofa saß. Himmlische Ruhe. Nun würde ich versuchen möglichst viel Freizeit in so wenig Zeit wie möglich zu packen- Feierabend eben… und ich bloggte.

2 Responses to “Ein Tag”

  1. frl_mieke Says:

    Ach Du!
    Das tut mir so gut und hilft mir so sehr, von Deinem/Eurem Alltag zu lesen und zu wissen, da gibt es noch mehr Leute, die einen kunterbunten chaotischen ALLTAG leben, zusammen mit allem was dazugehört.
    Wie wichtig das ist, Dinge gemeinsam zu erleben, aber auch die Zeit und die Kraft zu haben, den Kindern, jedem in seiner Einzigartigkeit, Raum und Möglichkeit zu geben, sich zu entwicklen, zusammen zu wachsen, manchmal aufregenden und manchmal schnöden Alltag zu erleben.
    Und nicht nur abends in einer Stunde oder zwei alle wichtigen Punkte abzuarbeiten, abzuhaken, Kinder ins Bett und am morgen in aller Frühe wieder alle rein ins Hamsterrad.
    Auch wenn dieser ‚Job‘ nicht bezahlt wird, in all den schicken Lifestyle-Magazinen unter Modell der 50er Jahre läuft und ich oft das Gefühl habe, mich für mein ’nichts tun‘ rechtfertigen zu müssen (vielleicht auch nur in meinem Kopf und vor mir selbst) –
    ich bin so unendlich froh, dass ich nach dem Lesen bei Dir immer wieder weiss, dass ich so, wie es gerade ist, richtig und auf meinem ganz eigenen Weg bin.Du mein rolemodel! ;)
    Sorry für die Abhandlung, aber ist leider gerade wieder mein Thema im Moment.(Immer und immer wieder – wie war das mit dem ‚You are enough‘? Wenn man es sich doch nicht nur unter die Haut sondern auch direkt ins Hirn schreiben könnte ….)

  2. kassiopeia Says:

    An mein Herz, du Liebe! Mich berührt das so sehr zu lesen, zu wissen! Danke für deine Zeilen! Ich hatte auch mal so eine liebe Frau in meinem Leben, die ich gern las und mir Mut machte, mich für immer berührt hat! <3
    Und es wird immer Thema sein, ich würde da so gern mal richtig mit dir drüber reden... Fühl dich umarmt!