Im Herzen

Ich hatte einmal einen Freund, dessen Mutter sich Jahre zuvor das Leben genommen hatte. Er sagte immer, er wüsste nicht genau wann das passiert sei, ihren Geburtstag hätte er auch nicht mehr im Sinn, aber er bräuchte eben kein Datum um sich an sie oder das, was geschehen war zu erinnern, das täte er sowieso.

Bei mir ist das anders. Das Datum heute suchte mich. Kurz nach Toms Geburtstag kam da eine Welle der Erinnerung, dann wurde es ruhiger und ich dachte noch, vielleicht umschiffen wir dieses Jahr dieses Datum ganz ruhig. Dann merkte ich, wie ich unruhig wurde, als die 10er des Monats sich dem Ende entgegen neigten, aber noch war ich gut beschäftigt, Nils war nicht da- ich war zwei Tage voll und ganz mit den Kindern allein, die teilweise auch noch eine hartnäckige Bindehautentzündung mit sich herum trugen.
Gestern war ich schon sehr angespannt und als ich heute morgen aufwachte, war da dieses Gefühl: „Heute vor drei Jahren ist es passiert…“

Jetzt ist es drei Jahre her und in mir hat sich vielleicht ein wenig was bewegt und das mag ich aufschreiben und auch für diejenigen, die sich nicht fragen trauen, mich nicht so lange kennen und aus den Fragmenten, die man hier findet, keine Antwort finden. Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich das hier je so klar formulieren konnte.
Kurz nachdem „es“ passiert war, war ich mir nicht sicher, mit der Zeit und den Symptomen des Körpers kristallisierte sich für mich wirklich immer mehr und mehr heraus, dass es doch sehr wahrscheinlich so war…

Am Nachmittag des 22. März fuhr ich mit meinen Kindern aus der Altstadt mit dem Bus nach Hause, kurz davor- man konnte unser Haus quasi schon hinter der Schallschutzmauer sehen, bremste der Bus stark ab, so richtig, weil jemand ihm zu schnell in der engen Straße und Kurve entgegen gekommen war. Eines meiner Kinder stürzte, Köpfe stießen gegen die vorderen Sitzreihen, ich fiel und mein Kinderwagen fiel samt Kleinkind direkt auf mich drauf, die eine spitze Seite des Plastik- Lenkers bohrte sich genau in meinen Bauch. Ich war erschrocken, musste Kinder trösten, sammelte die drei „Großen“ ein und stieg aus. Keine große Sache. Mein Bauch tat weh, aber ich hätte niemals gedacht, dass das Allerschlimmste passierst sein könnte. Aber das war es, denn schon am nächsten Tag bei meinem Kontrolltermin fand meine Ärztin in der 14. Woche keinen Herzschlag mehr, dafür einen großen Bluterguss. Da das kleine Menschlein im Bauch weiter gewachsen war und alles noch frisch aussah, konnten wir uns nur aus dem was passiert war schließen, dass der Schlag, der Aufprall des Lenkers, ausgelöst durch Kräfte der Vollbremsung quasi die Plazenta verletzt hatte. Es gab eine Einblutung, die die Versorgung des Kindes unterbrochen hatte, das Herz hatte aufgehört zu schlagen- simple Worte für den Tod des eigenen Kindes. Noch Wochen später hatte ich Blut in mir, dass so tief in die Schichten gedrungen war.
Heute morgen stand ich vorm Spiegel im Bad und erinnerte mich: Am meisten quälte mich die Frage, ob es schnell passiert war, ob er leiden musste, sich gequält hat.

(Er- ein Gefühl. Unser Manschgal, so sein Spitzname. Es dauerte sehr lange bis ich diesem Gefühl nachgeben konnte und den ungeborenen Kindern „ihren“ Namen lassen konnte. Es war ein Abschied für immer. Endgültig.)

Zwei Tage später war ich dann im Krankenhaus und dort wurde die „Geburt“ quasi eingeleitet. Was mir bis heute nahe geht, ist dass ich unser Kind nicht sehen konnte, man riet mir ab und ich hatte keine Kraft mir das zu erkämpfen. Aber ich hätte es zum Verarbeiten gebraucht, sehr.
Nur wenige Tage später bestatteten wir unser wenige Zentimeter großes Kind individuell wie es hieß, aber anonym, alles was wir haben ist ein Stein in der Spirale des Lebens auf unserem Friedhof, ein kleiner Ort zum Erinnern und zudem damals nicht die Normalität, aber ich hatte Hilfe und Unterstützung auf diesem Weg durch eine liebe Bekannte.
Viel hat sich in den letzten Jahren getan, seit 2012 werden diese sogenannten „Sternenkinder“, auch Kinder die weniger als 500g wiegen als Person anerkannt, dürfen ins Familienstammbuch eingetragen werden und haben ein Recht auf Bestattung.

Das alles hat mich verändert. Manchmal gefühlt dieser Unfall mehr, als die Fehlgeburten vor und nach diesem Tag. Es ist diese Willkür, dieses Unvorhersehbare, dass mich gebrochen hat.
Ich würde von mir behaupten ein glücklicher Mensch zu sein, voller Dankbarkeit im Herzen, aber da ist auch diese Angst, wie ein kleines Tier im Wald, an manchen Tagen warte ich auf den Schuss. Sorge begleitet mich um die Menschen, die ich liebe und die ich im Herzen trage. Das ist geblieben, nicht über die Maßen, die beängstigend wäre, aber da und nicht weg zu (durch) denken.
Ich kann nie wieder unbeschwert schwanger sein, das wird nicht mehr gehen, daran glaube ich nicht, was blieb ist die Dankbarkeit und Erleichterung, als die Geburt geschafft und ich unser Kind im Arm hatte. Vier Mal war ich schwanger bis dieses Gefühl da war, bis dann Emil da war. Leben ist unplanbar.

Heute war ich mit zwei Kindern erst in der Gärtnerei, dort bekamen wir wieder viel Liebenswürdigkeit und außerdem noch Weidenkätzchen geschenkt, im Anschluss gingen wir mit unseren Blumen und der Kerze auf den Friedhof.
Ich war heute angespannt, die Arbeit am Nachmittag im Garten hat mich aber etwas geerdet.
Morgen werden nach Monaten meine Eltern wieder zu Besuch kommen und all das wird mich ablenken, mich wieder hinein bringen in den Puls unseres Lebens.
Jetzt am Abend nahm ich mir die Kiste, gefüllt mit all den Briefen, all dem Zuspruch, etwas Kleidung und ein paar Unterlagen, mit allem was so bleibt. Eine kleine Anhäufung von Unworten wie Fötensarg, pathologisch- anatomischer Begutachtung und Krankenhausunterlagen, aber auch viel Liebe, einem Mutterpass, der für immer nur halb ausgefüllt sein wird und ganz vielen Erinnerungen.

8 Responses to “Im Herzen”

  1. blumenpost Says:

    Mir bricht schon das Lesen das Herz.

    Ich denke heute ganz fest an euch und euer Baby, das nicht bleiben durfte.
    Mir fehlen immer noch die Worte für dieses Unglück.

  2. coolcat Says:

    3 jahre ist das schon her. es macht mich heute immer noch so traurig wie damals, als ich es mitlas.
    ich finds schön, dass die erinnerung an das manschgal einen platz in eurer familie hat.

  3. risikomanagerin Says:

    Ich fühle mit dir. Kann dich verstehen, leider. Gerne würde ich dich nicht so gut verstehen können, weil ich es dann nicht selbst erlebt hätte. Es ist so schlimm und ich denke auch heute noch an unser 1.Kind das nicht bleiben durfte. Es ist als hinge manchmal (nicht immer) so ein grauer Schleier über dem Leben, der wehmütig und traurig macht – zeitweise.

    Sie gehören zu uns, für immer.

    Liebe Grüße

  4. frau musgrave Says:

    danke fuer das teilen – sei fest gedrueckt und umarmt.

  5. kassiopeia Says:

    Ich bin sehr dankbar, dass ihr hier ein paar Worte gelassen habt. Vielen Dank!

  6. raniso Says:

    Jedes Mal wieder sehr ergreifend, euer Weg… Schon viel habe ich an das Manschgal und den Unfall gedacht, jedes Mal mit Gänsehaut.
    Falls ich darf, schicke auch ich eine Umarmung. Ganz liebi grüäss, anja

  7. Ines Says:

    3 Jahre schon….. ich bin jedes mal total ergriffen. ich wünsch euch alles gute.

  8. kswim Says:

    Als ich vor kurzem mit meiner vierten Fehlgeburt im Krankenhaus lag, da habe ich an sie gedacht (sie erinnern sich vielleicht, ich war das vierte Mal Schwanger, als sie den kleinen Manschgal verloren).
    Ich hatte nach der Geburt meines Kindes die drei vorangegangenen Fehlgeburten verdrängt. Nur selten noch dran gedacht, wenig drüber gesprochen. Spätestens als ich jedoch wieder Schwanger war, habe ich gemerkt, wie auch die Angst wieder kam, die Gedanken, an die verlorenen Kinder, die schwere Zeit damals. Und kann daher total verstehen, dass sie nie wieder unbeschwert schwanger sein können.

    Aber es hat auch meine Sicht auf Dinge geändert. Ich bin umso glücklicher mit dem, was ich habe. Ich habe damals die vierte Schwangerschaft (als es sich abzeichnete, dass alles gut geht) sehr genossen. Auch nach der Geburt war da immer die enorme Dankbarkeit, diesen kleinen Menschen zu haben. Aber mit der Zeit ist das verblasst. Die vierte Fehlgeburt hat mich daran erinnert, dass man das, was man hat, schätzen sollte und dankbar dafür sein sollte.

    Ich las soeben ihren neuesten Blogeintrag. Ich wünsche ihnen alles erdenklich Gute. Mögen sie die Schwangerschaft bei all den Sorgen und Ängsten auch ein wenig geniessen. Die Sternlein passen gewiss ganz doll auf den neuen kleinen Menschen auf!