Hätt ich mal nix gesagt…

Ein bißchen gespannt war ich, ob nach vier kindergartenfreien Tagen die Jungs nun heute wirklich beide fit wären, um in den Kindergarten zu gehen und als sie gehen konnten, genoss ich den Alltag und den entspannten Vormittag mit Emil. Morgens noch hatte ich in Ruhe geduscht, oben im Schlafzimmer dekoriert, gefrühstückt und mich dann langsam auf den Weg gemacht, um die Jungs mittags einzusammeln. Unterwegs kaufte ich Erdbeeren am Stand, lief das Stück zurück auf meinen Weg und hopste noch kurz in den Biobäcker, um ein Brot zu kaufen. Emil schlief schon, ich genoss es meinen Gedanken nach zu hängen, sog gierig wie eine Ertrinkende die Frühlingsluft ein. Es duftete nach Flieder, nasser Erde, immer wieder ließ sich die Sonne blicken. Es war wirklich wunderschön und ich liebe diese halbe, dreiviertel Stunde zum Kindergarten sehr, die erdet mich. Besonders nach Tagen im Haus mit kranken Kindern, wenn man quasi nicht mal einen Schritt vor die Tür gemacht hatte.
Diesen Weg laufe ich (lieber als Bus fahren), seitdem ich schwanger bin. Ich erinnerte mich an die vielen kleinen Etappenziele und das langsame Vergehen der Wochen. Alles zog sich, ich fieberte hin auf liebe Besuche, Nikolaus, Weihnachten, Nils Geburtstag, die Taufe von Emil, Paris, Kindergeburtstage, Ostern und nun ist Mitte Mai, dachte ich heute. Ich war dankbar. An meinem Lieblingsstückweg an der Amper entlang zwischen den Bäumen konnte ich gar keine Stämme mehr sehen, nur Äste und Blätter. Alles so wunderschön anzusehen- grün oder blühend. Vor Wochen war da noch alles grau und braun gewesen, nur vereinzelt sah man sich das Grün durch die dunklen Farben kämpfen. Nun ist es perfekt. Ich war dankbar. Ganz schrecklich dankbar und versuchte mit der Zeit Schritt zu halten. Genau heute liegen noch 11 Wochen vor mir und ich hoffe, dass wir diese Zeit noch gut herum bekommen, damit ich unser Kind bald im Arm halten kann, es kennen lernen, noch mehr lieben, stillen und aufwachsen sehen kann.

Lieblingsweg

Ich wollte pünktlich sein, soweit wie es eben geht mit rundem Bauch. Traf noch eine andere Mama am Ende des Wegs, die ich sehr mag, wir liefen noch das letzte Stück zusammen und unterhielten uns. Der Tom strahlte mich drinnen an, ich sprach mit den Erzieherinnen wie der Tag gewesen war, nach den Tagen Pause und wollte gerade los mit den Kindern. Wir rollten raus. Emil drohte aufzuwachen, schimpfte ein bißchen, noch die Helme aus dem Anhänger holen: „Heute ohne Streiten, wer zuerst an der Haltestelle ist…“ sagte ich noch, weil wir spät dran wären. Sonst ist das großes Thema und sorgt jeden Mittag für Tränen. Und dann sah ich Ben, wie er gegen den Maibaum lief. Wir reden hier nicht von einem echten Baum, einer kleinen Birke angebunden als Liebesbeweis, sondern einem dicken Stück bemalten Holz, einem Stamm, eingekeilt zwischen Metal. Ben schrie. Ich ließ alles liegen und ging in die Knie, ich wollte es mir ansehen und dann sah ich schon wie kleine Rinnsäle an seinem Kopf herunter liefen. Ich nahm das Kind, den Kinderwagen, unseren Kram, Tom und sagte, wir müssten nun sofort wieder rein. Tom solle bitte die Leitung holen. Er ging jemand anderen holen und man brachte sofort Verbandszeug und legte Ben einen perfekten Druckverband an. Ich rief sofort Nils an und sagte nur irgendwas von er müsse sofort kommen. Denn da saß ich: ohne Auto, mit einem verletzten Kind, einem größerem und einem kleineren und dickem Bauch, zwei andere Kinder warteten auf uns. Ben müsste unbedingt ins Krankenhaus, vielleicht muss man es nähen oder kleben, vor allem muss da jemand drauf schauen. Ich dachte nur wie furchtbar das wäre, Ben nicht die ganze Zeit tragen zu können und mit dem Bus sogar einmal Umsteigen zu müssen um überhaupt zum Krankenhaus zu kommen. Ben jammerte ohne Unterbrechung: „Ich hasse das! Ich hasse das!“ Ich fühlte, dass er Angst hatte, das Blut machte ihm Angst. Dieses Rinnen am Kopf. Da half auch nicht, dass ich versuchte für ihn total ruhig zu bleiben. Denn eigentlich war mir unglaublich schlecht. An mir klebte das Blut meines Kindes, ich machte mir Sorgen. Wir kühlten, ich trug Ben in die Garderobe und setzte ihn auf meinen Schoß. Er war ganz still. Atmete schwer und ruhig. Und schlief fast ein. Das weckte etwas Panik in mir. Auch wenn ich das von einem anderem unserer Kinder kannte, aber gerade bei Verletzungen am Kopf ist Schlaf nicht so toll als erste Option. Ich wischte Ben das Blut ab, weil Noah kein Blut sehen kann und ich ja nun nicht genau wusste, wie wir weiter vorgehen. Keine fünf Minuten später fiel mir meine Schwiegermama ein, die hatte Nils aber schon längst angerufen, die hatte ein Auto und Zeit und war sofort auf dem Weg. In meinem Kopf kreiste nur ein wenig alles um den Alltag. Es war 20 Minuten nach 12. In 40 Minuten würden Zoe und Noah aus der Schule kommen, die müsste einer einsammeln, beide haben keinen Schlüssel.
Meine Freundin und Leitung des Kindergarten hob Emil auf meine Bitte aus dem Kinderwagen und der saß um uns herum, wir aßen Gummitiere und Ben wurde fitter, als wir wegen anderer Kinder die Garderobe lieber verließen. Schon kam meine Schwiegermama packte uns ein und fuhr uns zum Krankenhaus. Wo wir kompetent empfangen wurden, nicht lange warten mussten und von einem lieben Arzt versorgt wurden, der so toll auf Ben einging. Eine Narbe würde bleiben, erklärte er mir, während Ben ihm ein Ohr abkaute. Ich freute mich, weil er wieder richtig gut beieinander war. Beobachten sollen wir ihn natürlich, das kennen wir schon und ist nunmal bei Kopfverletzungen so, deswegen liegt das Häschen auch neben mir und schnorchelt. Wir entschieden gemeinsam die Wunde zu kleben mit Hautkleber und draußen saß dann schon der beste Mann und nahm uns ihn Empfang, transportiert wurde der kleine Patient nun im Fahrradhänger von seinem Papa (geschoben). Viertel nach zwei waren wir ungefähr zurück zu Hause, wo die Oma ihre Enkel versorgt hatte. Und ich war erschlagen. Und dankbar. Für unser Gesundheitssystem und die Ärzte und Krankenschwestern und Pfleger, die ihren Job gut machen und für einen da ist, wenn man verletzt ist, dankbar für die beste Schwiegermama, die immer sofort zur Stelle ist, wenn es brennt (und wir hatten Glück, letzten Monat war sie vier Wochen am Stück nicht da!) und die tollen Frauen im Kindergarten, die super Ersthelfer waren.
Ich kam etwas zur Ruhe, legte mich nur kurz hin und machte uns dann mit dem neuen Waffeleisen ein paar Seelenschmeichler. Besprach mit dem Liebsten den weiteren Tag, denn eigentlich standen noch ein paar Dinge an. Der Mann zog sich um, meine Freundin kam und er fuhr mit dem Rad zur Schule, wo man auf ihn zählte und wir leider auch noch Elternstunden leisten müssen. Ich versuchte die Kinder soweit bettfertig zu bekommen, Emil weinte beim Duschen und Umziehen, Noah kämpfte mit den Hausaufgaben, ich kämpfte mit Noah. Und dann schnappte die Tür hinter mir zu.

Und während ich so davon eilte, fragte ich mich noch, ob es das jetzt wirklich wert wäre, der ganze Stress um weg zu kommen, um eine Auszeit zu haben, aber es musste sein. Das erste Mal seit Monaten, seitdem ich schwanger wurde und länger, machte ich mal etwas anderes als Freundinnen treffen nur für mich. Ich glaube kaum Jemand hat eine Vorstellung davon, wie wichtig diese 60 Minuten für mich waren. Vorher hatte ich mich nicht getraut mich anzumelden, für andere Kurse auch nicht, Schwimmen war früher auch nicht gegangen… Und heute wollte ich also zum ersten Mal in dieser Schwangerschaft zum Yoga. Gerade rechtzeitig, heißt ein bißchen zu spät, kam ich dort an und wirkte bestimmt wie ein aufgedrehtes Huhn. Mein Atem ging schnell, ich schnatterte und war wie aufgezogen. Wir stellten uns einander vor, die Leitung zeigte sich etwas amüsiert darüber, dass mein Mann immer anriefe und nie ich und schon ging es los. Ich kenne die Yoga- Lehrerin schon lange, war in anderen Schwangerschaften schon ein paar Mal da und liebe ihre Stunde. Es war großartig. Ich war wirklich entspannt, obwohl ich immerzu leicht panisch auf mein Handy sah, ob es immerhin noch nichts anzeigte. In mir waren Stimmen vom Tag, die ich teilweise zuließ, teilweise wegstieß und währenddessen bewegte Anton sich… Drei Mal kann ich jetzt noch hin, dann pausiert sie, bis im Juli kurz vor meinem Entbindungstermin wieder ein Kurs losgeht. Kurz nach sieben verließ ich also die Praxisräume der Hebammen. Kugelte in Ruhe nach Hause, dachte an den Verlauf des Abends, las Twitter und hing meinen Gedanken nach. Zu Hause wartete meine liebe Freundin und hatte sogar schon die Zähne der Kinder geputzt. Gegen halbacht verließ sie uns und ich brauchte die Kinder ins Bett. Das war nun also mein Tag. Durch und durch durchwachsen. Voller Tief- und Höhepunkte und ganz viel Dankbarkeit.

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