Und manchmal…

wird nur ein Gefühl zur Realität…

Die ganze Schwangerschaft über mit Anton bisher, war es da- dieses Gefühl. Als würde da etwas warten, sich wiederholen können. Ich war nicht ernsthaft besorgt in den letzten Wochen, es war nur eine Ahnung. Ich fühlte mich oft wie in Noahs Schwangerschaft, _irgendetwas_ fühlte sich ähnlich an und ich könnte nicht einmal sagen was genau… Und ich hoffte, dass es einfach nur Zufall wäre.
Im letzten Trimester werden die Wochen anstrengend. Einen wunderbaren, fürsorglichen Mann habe ich an meiner Seite, der mir die Freiheit ließ zwischen Nestbau und totaler Erschöpfung. Ich schlief aus, immer länger als er, ich machte Pausen, er kam so schnell nach Hause wie es eben ging und brachte sich wie immer viel ein.
Natürlich gibt es auch mal Tage, da wächst einem alles über den Kopf, wie letzten Mittwoch, als ich keine große Wahl sah und das irgendwie schaffte mit dem Kieferorthopädentermin und dafür 4 Stunden ab Stück mit Bus unterwegs war, um alle Kinder einzusammeln. Ich war kaputt an dem Tag, da waren auch Wehen, aber sobald ich auf dem Sofa Platz genommen hatte mit meiner Wärmflasche, beruhigte sich mein Bauch und sie verschwanden. Alles gut soweit, ganz normal in den letzten Wochen der Schwangerschaft, der Körper darf üben und ich war ja in guten Händen.

Am Wochenende kamen dann Schmerzen, als würde Antons Kopf nach unten drücken. Das steigerte sich etwas, aber ich machte mir in der 33. Woche erst langsam Gedanken und fieberte ein bißchen dem Frauenarzttermin entgegen, dachte der würde mir wieder mehr Ruhe bringen, mich erleichtern. Und solange Anton sich bewegte, was sollte da schon sein? Das ich angespannt bin, war auch klar, Emils OP Termin rückte immer näher und das beschäftigt mich ja auch.

Alles gipfelte dann Dienstag, als ein stinknormaler Tag mich mehr als unruhig machte, weil mir schlecht war, die Schmerzen so unerträglich wurden, der Druck und ich nicht laufen konnte, die Kinder anmotzte und nicht wie sonst mittags im Bett von Ben zur Ruhe kam, sondern dort anfing zu weinen vor lauter Verzweiflung. Da verlor ich dann meine Ruhe, bat den Mann doch schnell zu kommen und ging ins Krankenhaus. Unruhig, aufgewühlt, ein bißchen ängstlich. Denn was war da los? Sollte er kommen? Ich war so unruhig an diesem Tag wie an Emils Tag der Geburt, nun stand Emil da und winkte mir hinterher, aber wieder hatte ich mich nicht von den Jungs verabschiedet, denn irgendwie, wollte ich wieder kommen- aber die Parallen waren unheimlich. Ich schniefte in das T-Shirt vom Mann: „Was wenn ich nicht mehr wieder komme?!“ Und er sagte nur liebevoll: „Dann bist du eben ein paar Tage nicht da, wir kommen zurecht!“ Ich wusste, dass unser KH keine Frühchen aufnimmt, erst ab der vollendeten 36. Woche, also würde man mich in die große Stadt schicken, weit weg von zu Hause- für wie lange? Oh mir kam da alles so ungut bekannt vor, da lagen so viele Erinnerungen von Noah in meinem Herzen… und soviel Unsicherheit direkt vor mir.

Ich ging dann über die Notaufnahme hoch in den Kreisssaal, wo sich die Ärztin von Februar sofort an mich wandte, was ich zum einen super toll fand, weil ich wirklich keine Sekunde warten musste und mich wie ein Notfall fühlte, man war auf der Stelle für mich da.
Nur wie?- Die Ärztin war zwar super nett, aber so aufgeregt, fragte mich warum ich erst jetzt käme und suchte hektisch nach einem Untersuchungszimmer. Man könne mich ja nicht vor Ort behalten im schlimmsten Fall, müsste mich verlegen. Alles war sehr unruhig und für meine eigene Anspannung, Unsicherheit und innere Unruhe, alles andere als gut.
Und dann war da leider bei der Untersuchung auch noch alles sehr weich, der Gebärmutterhals auf 2,5cm verkürzt. Dafür war der Muttermund noch zu, immerhin. Aber Anton drückte mit 2,5kg nach unten. Sie meinte: „Es könnte sein, dass sie jetzt starten!“ und ich musste schlucken. Ich bin halt ein Spezialfall, alle haben Angst und natürlich könnte das passieren, dass das Kind super schnell kommt. Alles was noch zu tun blieb, war ein CTG zu schreiben. Also ging es zurück in den Kreisssaal, wo die Hebamme, die mich seit Jahren kennt, anlächelte und etwas versuchte wie „Ja, Sie kommen ja immer an Ende der Schwangerschaften, um schon mal Kreisssaalluft zu schnuppern.“ Jein, dramatisch mag ich es nun nicht. Auch wenn es nett ist, ein paar Gesichter vorher zu sehen, aber dafür gibt es Kreisssaalführungen und Geburtsvorbereitungskurse, dafür brauch ich keine Ausflüge dieser Art. Das CTG ließ die Hebamme, dann auch ernst schauen. Es sah nicht wirklich schön aus, reichlich Wehen, aber vor allem viel Unruhe, kaum Pausen und Anton hatte einen Herzschlag nie unter 140, der war total aufgeregt, galoppierte gern über 180. Dann meinte sie schon, dass es nicht schlecht wäre, in der 33. Woche noch eine Lungenreife zu machen für den Ernstfall, falls er doch am Ausgang steht.
Es hatte von Anfang an fest gestanden, es gäbe generell nur zu Hause streng ruhen, Behandlung im KH vor Ort oder München, aber auf jeden Fall musste was passieren. Ich versuchte bei diesem Befund Bereitschaft zu zeigen gern hier im Krankenhaus zu bleiben, lieber als weg zu fahren, noch weiter weg zu sein von meinen Lieben, wo der Ernstfall gefühlt noch näher war. Der Ernstfall: Ein Kind sieben Wochen zu früh auf der Welt. Mir war das alles recht, ich wollte Anton helfen, in mir halten. Erstmal wenigstens die Lunge reif bekommen. Also nahm man mir Blut ab und ich bekam einen Zugang noch im Kreisssaal gelegt, Adalat, Bryophyllum, Cortison gespritzt für die Lungenreifung und später noch eine Antibiose, dann alle 8 Stunden und die regelmässige Anti- Thrombosespritze.
Anders als 2006 bei Noah, als die Tokolyse- die Wehenhemmer- noch Bluthochdruck (bei mir) machten, Kopfschmerzen und weitere Tabletten -dagegen- brachten, hat Adalat generell den Vorteil, dass es ein Blutdrucksenker ist. In meinem Fall aber nicht unproblematisch, weil mein Blutdruck eh immer im Keller ist, deswegen bekam ich noch intravenös Flüssigkeit, um den Blutdruck stabil zu halten und auch nur wenig von dem Medikament.
Zu Hause saß Nils nun allein mit fünf Kindern, brachte mir nur abends schnell noch eine Tasche mit Sachen, als alle Kinder schon schliefen. Als ich ihn Dienstag Abend fragte, wie es ihm ginge, sagte er nur, dass müsse ankommen und so ging es mir auch. Es war alles so schnell gegangen und wir waren beide total überrumpelt, dann war er auch schon weg. Und ich blieb durch einander zurück im Krankenhaus.

Die Nacht war unruhig, die total nette Nachtschwester kam alle 2 Stunden Blutdruckmessen und legte die erste und später die zweite Antibiose in ihrer Schicht. Ich hatte Kopfschmerzen und fühlte mich matschig und aufgedunsen. Da ich nicht gleich nach 12 Stunden die nächste Cortisonspritze bekommen hatte, ließ mich glauben, das wäre ein gutes Zeichen, denn auf meine Nachfrage hatte die Hebamme am Abend noch erklärt, entweder gleich nach 12 oder nach 24 Stunden, je nachdem wie viel Zeit bliebe. Obendrein gab es ein ruhiges neues CTG gleich morgens, ein EKG und Visite.
Es war so verdammt still im Krankenhaus, trotz der Geräusche. Es war keine Zerstreuung möglich, ich hatte kein Netz, manchmal gerade wenn die Infusion gerade durch lief, starrte ich minutenlang ins Nichts. Ich konnte nichts recherchieren über Möglichkeiten und Chancen, musste aber auch niemanden etwas erklären oder erzählen, denn es ging erst gar nicht. Im Nachhinein vielleicht nicht das Schlechteste.
Dennoch saß eine Freundin schon an meinem Bett, die dort arbeitet und Nils getroffen hatte. Sie erzählte mir von der Caritas und versuchte mir das alles schmackhaft zu machen, aber mir waren die Hände gebunden, alles blieb an Nils kleben. Ich konnte nichts tun und sie tat das einzig richtige und setzte sich mit Nils in Verbindung und bot Hilfe auch ihrerseits an.
Ich begann zu hoffen Freitag Heim zu dürfen, immerhin wäre eine schönes langes Wochenende doch das Richtige um zu Hause anzukommen. An mehr konnte ich erstmal nicht viel denken. Legte die Hand auf den Bauch und hoffte, alles bliebe nur so ruhig wie jetzt.
Ganz viel Kraft gab mir ein Kurzbesuch von Nils und den Kindern, Zoe war gerade frisch aus dem Schullandheim gekommen, sie aßen nur ein paar Kekse, brachten mir Bilder, fragten verschiedene Sachen- alles war irgendwie komisch für sie. Nicht greifbar. „Was hast du da, Mama?!/ Für was ist das?!/ Warum?“ Aber Emil war morgens auch schon einmal so kurz da gewesen und guckte mich nicht mehr so erschrocken an, das war schön.
Nachdem die liebe Krebspatientin aus dem Zimmer war, hatte ich etwas Sorge, wer da jetzt kommen würde. Denn morgens war eine Frau panisch aus dem Zimmer gerannt, als sie sah, dass man mir das CTG anlegen wollte. Das müsse sie nicht mit ansehen, hatte sie gesagt und war getürmt. Eine Myompatientin. Die Schwester, die mir morgens von ihren Schicksalen erzählt hatte, eine Fehl- eine Tod- und eine Lebendgeburt, ging hinter ihr her, denn Kinderwunsch wäre ja da oft Thema und sie wollte ein anderes Zimmer anbieten. Die Frau sah ich nie wieder, aber als eine andere Myompatientin ins Zimmer gefahren wurde, hatte ich total Sorge, weil meine Kinder mich nachmittags besuchen wollten. Das ungute Gefühl war einfach geblieben. Immer eine Akt der Jonglage auf der Frauenstation.
Ich dachte viel an die Zeit mit Noah und wie ich damals damit umgegangen war, eine Woche weiter als jetzt, welche Zeit danach kam und welche Unsicherheiten sie brachten bis zu seiner Geburt kurze Zeit später. Vielleicht wäre ich stärker als damals, dachte ich. Und versuchte tapfer zu sein. Aber die Sorge der Ärzte, sorgte mich. Ich hätte gern Nils angerufen, wusste aber er wäre gerade so mitten im Stress und wollte da nicht auch noch weiter und mehr aufbürden. Er hatte die Großen, ich kümmerte mich um Anton. Aber ich vermisste ihn und die Kinder so sehr.
Noch vier Wochen hatte die Schwester gesagt, genau genommen noch 30 Tage. Das erinnerte mich doch sehr an Paris und die Blutungen in der 19. Woche, als ich die Tage zählte bis zu einer echten Überlebenschance. 30 Tage, der Rest ist Bonus dachte ich.
Natürlich fragte ich mich, ob ich Schuld wäre. Ob es an meinem Gewicht liegt (in beiden Schwangerschaften startete ich schon schwer) oder doch heute wie damals Schicksal (dieser zweier Kinder)? Wie verkraften das die anderen (eh schon aufgewühlten) Kinder zu Hause alles? Was hatte ich falsch gemacht? Hätte etwas anders machen können? Ich ging immer und immer wieder alles durch, die Tage, versuchte die Situation einzuschätzen, was mir aber natürlich nicht gelang, weil wir schwerelos hangen und einfach nur abwarten konnten. Mehr nicht. Eigentlich nach wie vor genau das tun.
Am meisten umtrieben mich die immer gleichen Sätze, in ihrem Sinn zumindest, die mich nicht aus dieser Schuldspirale holten, sondern hinein warfen: „Was machst DU denn?!“ / „DU musst mehr auf dich aufpassen!“/ „DU musst dir Hilfe suchen!“ / „DU hast dich übernommen!“ DU. DU. DU. Alles landete bei mir. Und ich drehte alles immer wieder. Ja, ich war viel gelaufen. Aber keinen Marathon. Ich mag kein Busfahren und wollte fit sein, also lief ich langsam und in Ruhe zum Kindergarten, natürlich fiel mir das schwerer, aber auch weil ich schwanger bin. Ich kann doch nicht gar nichts mehr tun. Ich wollte Kraft für die letzten Wochen und wenigstens „laufen“ sollte mir gut tun. Auf gar keinen Fall wollte ich meinem Kind schaden! Ich schlief und ruhte mehr, als manch einer sich vielleicht denken mag…
Es schnürte mir einfach die Luft zu und es wurde nicht besser.

Erwachen am Donnerstag. Die Nacht war ein Traum. Nach der allerersten unruhigen Nacht, konnte ich schlafen trotz der Antibiose, die Nachtschwester freute sich für mich mit. 22 Tage waren es noch bis zu einer möglichen Entbindung hier im Haus. 29 bis er kein Frühchen mehr wäre.
Einer der Ärzte aus meiner Praxis kam morgens erneut und sah nach mir, wie schon am Abend, ein Blitzbesuch. Im Gehen dann die Frage: „Und der Mann passt zu Hause auf die Bagage auf?! Extra frei genommen?“ (Nein, die sind im Heim.) – „Ja.“ – „Das ist ja toll, Hut ab!“ Ich lächelte. Dachte mir aber wieder einmal wie komisch unsere Gesellschaft ist, mein Mann ist ein Held (das ist er ja für mich grad wirklich!), weil er zu Hause ist, aber ihn (oder mich) fragt man immer öfter im Moment was ich (noch) beruflich mache?! LKW Fahren natürlich! ;)
Der Mann kam total überraschend kurz nach 8Uhr und ich freute mich noch kurz, weil er erst nur sagte, sie hätten den Bus zum Kindergarten verpasst, dann aber erzählte er von seinem Hexenschuss und ich dachte nur, ich muss mich verhört haben. Ich spürte die Hilflosigkeit in mir hoch kriechen, mir waren die Hände gebunden, aber ehe ich all das begreifen konnte, waren sie ja schon wieder weg, um den nächsten Bus zu bekommen. Emil rief noch „Tschüss, Mama! Viel Spaß!“ erst lachte ich, dann hörte ich ihn weiter und weiter weg noch „Mama“ rufen und mir tat das Herz so weh. Dann waren da noch Nils Schmerzen. Ich konnte nichts tun. Ich lag dort und es machte mich verrückt.
Mittlerweile hatte ich Verspannungen vom Liegen, Rücken- und Kopfschmerzen. Auch ein paar Krämpfe. Aber bei der Visite war der Oberarzt total lieb und meinte, selbst wenn etwas wäre, natürlich hätte Anton erstmal Schwierigkeiten, aber er wäre in guten Händen und käme durch, er wäre kein frühes Frühchen mehr. Außerdem wären Krämpfe eben nicht gleich Wehen. Wenn es ruhig bliebe, könnte ich vielleicht schon morgen nach Hause gehen. Ein schönes Gespräch so an sich.
Doch das CTG zeigte kleine Hügelchen an, die ich auch spürte, während meine Freundin mich überraschend auch kurz zwischen den Prüfungen besuchte und versuchte mich aufzumuntern. Diese Wehen machten mir Angst. Lösten unterschiedliche Gefühle aus, für die ich mich dann wieder schämte. Ich sah mein nach Hause kommen schwinden und dachte nur, egal, es muss dir egal sein, hauptsache er bleibt drinnen. Aber die Unsicherheit blieb. Mit der Hebamme hatte ich ausgemacht, dass ich dem weiter nach spüre und mich melden würde, wenn es schlimmer werden würde, andernfalls würde ein CTG erst wieder abends geschrieben werden.
Ich fasste mir ein Herz und eine ruhige Minuten im Krankenhaus und rief meine Mama an. Erzählte ihr alles in Ruhe. Ein schönes Gespräch. Dann hatte ich den Mann am Apperat und ich hörte sein Verzweiflung, wie wir das nur schaffen sollen grad. Er sorgte sich, um alles. Und das Letzte, was er brauchte waren dann diese Schmerzen. Ich versuchte für ihn da zu sein, aber spürte meine Machtlosigkeit gerade jetzt so sehr.
Im Laufe des Tages hatte ich eine ungute Vorahnung. Tom wurde als drittes Kind am 03.03. geboren und morgen wäre der 06.06. bei witzigen 33+0. Gefühlt waren die Wehen länger, minimal kräftiger aber vor allem noch da geblieben, also meldete ich mal kurz vorsichtig Bedarf nach einer Hebamme. Die auch kam, genau als Nils von seinem Arzt Termin kam und mir nur erzählen wollte, wie es gelaufen war. Ich wurde dann wieder dank eingeschränkter Bettruhe mit dem Rollstuhl in den Kreisssaal gefahren und auf dem Weg dahin, fing sie schon an zu schimpfen. Wie oft die Wehen kämen? Und ich sagte nur alle paar Minuten. Und ob ich denn nicht wüsste, dass mein Kind hier nicht bleiben könne, ich verlegt werden müsste oder mein Kind. Ja, natürlich wusste ich das, denn ich wollte eine Geburt gerne verhindern, daher meine Bitte um Kontrolle! Ich wollte Hilfe, Halt und Entwarnung. Auf keinen Fall wäre es möglich Anton hier zu bekommen, schimpfte sie. DAS weiss ich. Und wie ich das weiss. Deswegen lag ich dort zittrig. Und voller Angst. Nichts war grad selbstverständlich. Ich lag in den Tag hinein. Brav, ohne Jammern, ohne Meckern, dabei war das alles nicht ohne. Und nachdem sie mir das CTG angelegt hatte, holte sie final aus und sagte leider ernst: Ich würde das alles nicht ernst genug nehmen! Ich schwöre, ich schwöre, ich wäre umgekippt, hätte ich nicht schon gelegen, so geschockt war ich. Ich stotterte nur herum, dass ich etwas anderes ausgemacht hätte mit der Hebamme morgens, aber sie ging Kopf schüttelnd hinaus. Ich sah zum Mann und der sagte dann noch irgendwas Doofes, wie „siehste mal…“ oder ähnliches und da brach alles aus mir raus. Ich fing bitterlich zu weinen an und all die Anspannung purzelte so mit den Tränen aus mir heraus. Das war wirklich so unheimlich genau wie bei Noah, als die Hebamme damals fragte: „Wollen Sie ihr Kind etwa rauswerfen?!“ Das sind Sätze, die ich nie vergessen werde. Wie viele Mütter gibt es wirklich, die ihr Kind freiwillig in Gefahr bringen? Dieser Satz saß wie ein Splitter in meinem Herzen und bohrte, schmerzte und tat weh! Ich war fix und fertig. Aber rang nach Fassung. Ich liebe Anton so sehr! Ich versuche alles ihm den besten Start zu ermöglichen! Ich war verantwortungsbewusst! Bin es noch.
Gott sei Dank zeigte das CTG keine großen Wehen an und die beiden Ärzte, die mich im Anschluss untersuchten machten mir auch Mut, alles schien vorerst stabilisiert, der Muttermund weiterhin zu. Man könnte eventuell einen Trichter sehen, aber… Mein Lieblingsarzt vom Morgen, der sich schon öfter um mich gekümmert hat, nannte mich immer so nett „meine Liebe“ ich fand das schön und fuhr mich sogar höchst persönlich ins Zimmer zurück.
Der Abend verlief recht ereignislos. Nach dem Adalat fühlte ich nichts mehr. Und das Allerbeste überhaupt, Anton war in den letzten Tagen immer ruhiger geworden. Sein Herzschlag nur noch bei 120-140 und nicht mehr pausenlos so hoch. Ich bekam ein besseres Gefühl und so etwas wie Hoffnung.

Und plötzlich ging alles ganz schnell und ich saß um 13Uhr zu Hause beim Mittagessen. Unglaublich! Morgens kam erneut einer meiner Frauenärzte und fragte mich, ob ich heim wolle. Ja, unbedingt, wenn es geht. Alles hing am morgendlichen CTG und auf das musste ich ungewöhnlich lange warten. Bis dahin hatte ich mich davon gestohlen und endlich geduscht, mir die Haare gewaschen. Sauber fühlte ich mich, aber heißes Wasser auf den verspannten Körper und die Haare schön, das fehlte mir. So sehr. Aber auch das ging nicht ohne Geschimpfe der lieben Krankenschwester, die all das selber erlebt hatte: „Ich würde das nicht machen! Wieso sollte es Ihnen besser gehen als mir damals?!“
Als die heutige Hebamme kam, fühlte ich meine eigene Aufregung und auch ihre Vorurteile. Das machte mir kein schönes Gefühl. Sie gab sich Mühe freundlich zu sein, aber auch sie ermahnte mich. Als wäre ich unmündig und würde zu Hause gleich erstmal alle vier Etagen saugen und wischen wollen, dabei will ich nur eines: Mein Kind schützen! Aber sie erkannte mich von Februar, als ich mit Blutungen da gewesen war. Damals hatte sie mir dahin gehend gut getan, als sie liebevoll meinte, ich wäre schon so weit gekommen. Aber auch sie hatte mir damals schon Hilfe ans Herz gelegt, dabei glaube ich fest, bis auf Kleinigkeiten machen wir das gut.
Das CTG war gut, wurde dann noch einmal abgesegnet, ich packte in Ruhe und ließ mir den Zugang ziehen und dann schwebte ich nach draußen ans echte Leben, denn bis zum Morgen hatte ich die Tage nur in diesem Zimmer, im Bett verbracht.
Meine Schwiegermama holte mich ab und sie hat mir als Hebamme wirklich gefehlt- sie kam gerade wieder zurück aus dem Kurzurlaub. Sie erdete mich so schnell, machte mir Mut, gab mir Kraft und wir hatten ein schönes Gespräch allein. Und sie warf mal einen ganz anderen Blick aufs Geschehen. Vielleicht hatte ich wirklich eine Infektion und Anton hatte die Reißleine gezogen? Deswegen war er vielleicht so aufgeregt. Mir gab das soviel. Mal nicht, dieses „Du bist Schuld und hättest besser aufpassen sollen.“ zu hören. Man kann sich drüber streiten, wie sinnvoll so kurz vor knapp noch die (teilweise umstrittene) Lungenreife war, ob wirklich akute Gefahr bestand, aber ich denke wirklich feste, dass es das Richtige war. Irgendwas war ganz und gar nicht in Ordnung. Und so hänge ich auch noch jetzt nach Stunden und Tagen, zwischen verantwortungslos und hysterisch- irgendwo in der Mitte.

Am Dienstag startete hier alles um diese Zeit und nun bin ich wieder hier. Es ist so schön zu Hause zu sein. Nur habe ich Angst auf mein Gefühl zu hören, horche in mich- wartend.
Ungewohnt ist noch alles. Unwirklich. Und eben wunderschön. Ich habe erstmal nur die Kinder bestaunt und betrachtet, die nach und nach am Nachmittag und frühen Abend nach Hause kamen. Als hätte ich sie ewig nicht gesehen. Nun haben wir Ferien. Endlich!

Jetzt wo es still wird, arbeitet alles noch nach. Ich sehe auf die Uhr und zähle wie zu Beginn der Schwangerschaft die letzten Stunden des Tages. Jeder Tag ein Gewinn. Jeder Tag im Bauch zu Hause ist ein Tag ohne Zerrissenheit zwischen den Kindern mit weniger Sorge um Anton. Was würde auf uns warten? Pendeln in die Stadt, um unser Kind zu sehen und zu Hause die anderen fünf Kinder. Immer nie wirklich irgendwo, zwischen den Welten und in ständiger Angst. Ich mag hoffen, dass wir schön weit kommen.
In der nächsten Woche hatte Nils wegen Emils OP schon einen Tag Urlaub genommen, ein Tag ist Feiertag und falls das mit dem Rücken besser wird, nimmt er eben noch drei Tage Urlaub um die erste Ferienwoche hier abzudecken. Stück für Stück alles erobern, erplanen, immer mit dem Wissen, alles kann gleich wieder neu gewürfelt werden. Aber so war das und so wird das auch immer bleiben. Ich hüte das Bett, das Sofa und oder ruhe und brüte. Aber kann meine Kinder anfassen, mittendrin sein. Auch wenn der gerade kommende Sommer, nicht so gefeiert werden kann, weil ich für Unternehmungen gerade nicht zur Verfügung stehe, versuchen tapfer sein, denn es könnte doch schlimmer sein.

Von Herzen Danke an alle, die an uns gedacht haben und oder für uns da waren!

16 Responses to “Und manchmal…”

  1. rita Says:

    hab‘ so oft an dich gedacht. anton, bleib‘ noch ein bisschen an ort und stelle! euch wünsche ich viel kraft (auch die letzten tage zu verdauen) und dir freude wieder mitten unter deinen lieben.

    liebe grüße:)

  2. Sabine Says:

    Ich wünsche Dir alles erdenklich Liebe! Unendlich viel Kraft und Zuversicht! Ihr schafft das!!!

  3. Emma Says:

    Ich denke an euch.

  4. Lajulitschka Says:

    Ich wünsche dir alles alles Gute. Du bist eine starke Frau mit einer tollen Familie. Liebe Grüsse, Lajulitschka

  5. Kat Says:

    Woah! Das war ja ein Krimi! Ich drücke fest die Daumen das Anto noch ein paar Wochen aushält! Ich bin in Gedanken bei euch!

  6. Ellie Says:

    Ich bin ja nur Mitleserin und habe mir doch schon Sorgen gemacht, weil es in Twitter nichts neues gab..
    So gut, dass der Kleine noch drinnengeblieben ist. Alles Gute für die nächsten Tage und Wochen und ganz viel Gelegenheit zum Ausruhen wünsche ich!

  7. Sonnyside Says:

    Liebe Frau Kassiopeia,
    Was für ein Schreck! Ihr macht das wirklich alles so toll. Anton kann sich freuen in so eine liebevolle Familie zu kommen. Schön, dass du wieder Zuhause bist. Ich bin ganz sicher, alles läuft gut weiter, Anton nimmt sich die Zeit und die Ruhe, die er braucht. Die Liebe in eurer Familie ist alles was zählt und stärker als alle Zaubermacht. Herzlich
    Sonja

  8. B. Says:

    Ich versteh dich so gut! Wir mussten zu unserem Kind pendeln und du hast es so treffend beschrieben „Immer nie wirklich irgendwo, zwischen den Welten und in ständiger Angst.“ Auch wenn bei uns nicht 5 sondern nur 1 Kind noch wartete. Schlimm ist es so oder so.
    Deshalb wünsche ich dir und Anton, dass er so lang wie möglich noch in deinem Bauch bleibt! Ihr schafft das. Alles Gute!

  9. Frische Brise Says:

    Ich denke an Euch und drücke feste alle meine Daumen, dass Euch noch ein paar ruhige Wochen bevorstehen.

  10. julia Says:

    ach du schreck!!! ich habe das die letzten tage gar nicht mitbekommen – du liebe, was für ein mist…..ich drücke dir und anton so sehr die daumen, deiner seele wünsche ich ruhe und gelassenheit, die rückkehr zu deiner inneren mitte, kraft und zuversicht in rauen mengen.

    von herzen alles liebe.

  11. juniorfleur Says:

    Auch unsere Daumen sind aus der Ferne feste gedrückt, auf das es sich der kleine Mann nochmal gemütlich macht und euch und sich noch ein wenig Zeit läst!

  12. raniso Says:

    Auch ich denke hier ganz feste an euch und schliesse euch in meine Gebete ein! Dir ganz viel Kraft und mögen noch so einige Tage zuhause folgen!
    Ganz liebi grüäss, anja

  13. kassiopeia Says:

    Ganz vielen lieben Dank für jeden einzelnen Kommentar, jeden Wunsch, jeden Daumen, jedes Gebet, jede liebe Zeile- aus vollem Herzen! <3

  14. Laura Says:

    Ich wünsche dir für die letzten Wochen noch ganz viel Kraft! Du machst das ganz großartig.

    Manchmal wissen Menschen (in dem Fall die Hebamme) nicht, was sie mit solchen Worten anrichten können.

    Ende Juli werden wir dann unsere beiden Glückskinder im Arm halten – ich freue mich schon so sehr!

    Achja und lieber Anton, du bleibst bitte noch ein paar Wochen wo du bist! Es gibt wirklich keinen besseren Platz als unter dem Herzen deiner liebevollen und fürsorglichen Mama! :)

    Grüße an dich,

    Laura

  15. Sigri Says:

    Lieber Anton,

    warum verursachst Du so eine Aufregung?
    Ich hoffe für Dich und Deine Mama, dass Du immer noch an Ort und Stelle bist.

    Alles Gute!

  16. Lea Says:

    (.)