Wochenbettlich

Schon gegen Ende der Schwangerschaft mit Anton wusste ich, dass es kein allzu entspanntes Wochenbett werden würde können. Meine Zähne spielten mir zu übel mit und auch der späte Zeitpunkt, den sich der kleine Mensch auserwählt hatte um zu Schlüpfen, ließen nicht wirklich mehr Hoffnung aufkeimen.
In der ersten Woche ging es mir soweit gut und ich wurde auch wo es nur ging vom Mann verwöhnt, nur lagen noch zwei Schul- und vier Kindergartentage vor uns, die bewältigt werden wollten mit einem Neugeborenen. Gleich am Tag von Antons Geburt waren zwei Abschiedsfeste in der Schule und ich verpasste Toms Rauswurf drei Tage später, das war nicht so einfach, aber ich hatte mich damit arrangiert. Wir hatten viel auszufüllen und zu telefonieren, die paar Tage wollten und mussten wir noch füllen bis zum Urlaub. Ich bekam auch gleich einen Termin für den Zahnarzt am Dienstag, knapp eine Woche nach der Geburt. Aber trotz und neben der üblen Nachwehen, der Zahnschmerzen und dem Milcheinschuss ging es mir gut, denn ich verbrachte sehr viel Zeit oben im Schlafzimmer, in meiner Höhle und machte nur soviel, wie mir gut tat, zumindest versuchte ich das und es schien zu gelingen.
Die zweite Woche startete dann mit einem Termin beim Kieferorthopäden für Zoe, den die liebste Oma übernahm. Am Tag darauf ging ich zitternd zu meiner Zahnärztin. Ich war sehr aufgeregt und wusste nicht, ob sie mir den Zahn nun ziehen würde oder oder.
Mir war aber nicht nur deswegen flau. Es war der erste Gang an der frischen Luft seit der Entbindung und ich war das erste Mal allein. Zu Hause war Anton bei seinem Papa und seinen Geschwistern geblieben. Wach. Lieber hätte ich ihn in den Schlaf gestillt, aber das war nicht gelungen. Ich war also hin und her gerissen zwischen meiner Aufregung vor der Ungewissheit, was gleich an Schmerzen auf mich zu käme und wie es zu Hause wohl meiner Familie und meinem kleinsten Sohn ginge, ob er es gut aushielte ohne Mutter(milch). Letzten Endes wurde mir der Zahn recht unspektakulär provisorisch verschlossen und ich erfuhr mal eben nebenbei, dass ich gar keine Chance hätte noch meinen Weisheitszahn ziehen und den anderen Zahn behandeln zu lassen, weil meine Zahnärztin nun morgen in den Urlaub fahren würde. All die Sorgen, all die Gedanken, die ich mir gemacht hatte, waren umsonst gewesen. Ich kam erleichtert und trotzdem geknickt heim.
Einen Tag später fiel mir auf, dass ich keinen Wochenfluss mehr hatte. Und am nächsten Morgen als sich immer noch nichts tat, riet mir meine Schwiegermama als Hebamme, ins Krankenhaus oder zu meiner Ärztin zu gehen. Also fuhr Nils mit drei Kindern zum Augenarzttermin eines Kindes und ich mit den anderen drei Kindern in die Frauenarztpraxis. Das war also der erste Ausflug mit unserem kleinsten Kind im Kinderwagen. Ich war geknickt. Noch geknickter war ich, als ich von der Vertretungsärztin nur ein Ultraschallbild bekam und die Aufforderung sofort ins Krankenhaus zu gehen. „Dort“ wäre noch „was“. Und man müsse eben schauen, ob es noch der Muttermund so geweitet werden kann oder gleich eine Ausschabung gemacht werden müsse. Mir stiegen die Tränen in die Augen. Das war einfach zuviel. Natürlich war unser Bus gerade weg und so lief ich das letzte Stück Weg mit den Kindern gerade auf das Krankenhaus zu, auf dem Weg zur Notaufnahme, als meine Schwiegermama zurück rief. Quasi im letzten Moment, sie bat mich erst nach Hause zu gehen, sie müsse kurz überlegen, käme sofort und dann würden wir schauen. Sie brachte mir Tee mit und gab mir Tipps und sagte, sie glaube nicht, dass eine Ausschabung gemacht werden müsse, das kriegen wir auch so hin, die Gebärmutter bildete sich zu gut zurück und ich hatte kein Fieber. Sollte ich noch Fieber bekommen, müsste ich sofort in die Klinik, auch wenn die Mittel nicht wirken, ich hätte Zeit bis morgen früh, dann würden wir erneut telefonieren. Es war und ist, als wäre mir jedes Körpergefühl durch die Entbindung verloren gegangen, als sie mich fragte: „Was ist denn dein Gefühl?!“ konnte ich keine Antwort geben. Und wenn ich etwas nicht kann, dann abwarten. Es gibt für mich nichts Schlimmeres als die Worte: „Das müssen wir beobachten!“ Könnte schlimm ausgehen, muss es aber nicht. Denn es bleibt das Gefühl vom Damoklesschwert, das jeden Moment auf einen herunter rauschen _könnte_.
Ich tat mein Bestes in den folgenden Stunden (und Tagen). Trank meinen Frauenmantel- und meinen Hirtentäscheltee, massierte den Bauch mit Wochenbettöl, lag auf dem Bauch, teilweise auf einer Wärmflasche, machte feuchtwarme Wickel, nahm Buscopan, damit sich alles entspannt und sogar Pulsatillakügelchen. Ich gab alles. Denn ich hatte so furchtbare Angst ins Krankenhaus zu müssen. Mich zog das so hinunter. Auch als alles wieder in Fluss geriet, die Hebammenkunst der Schwiegermama seine Wirkung nur wenige Stunden später zeigte, blieb (bis jetzt!) die Angst (und auch der Schreck), dass es sich erneut stauen könnte oder etwas bei der Geburt übersehen wurde oder oder. Zeitgleich wurden zu viele Erinnerungen gleichzeitig geweckt, als das Wort „Ausschabung“ im Raum stand, da waren Bilder, die ich nicht vor meinem inneren Auge sehen wollte und auch Folgen, die die erste gehabt hatte, vor deren Wiederholung ich Angst hatte. Und auch jetzt noch, gerade im Hinblick auf unsere Abreise habe ich Sorge auszufallen und meine Familie (auf den dringend nötigen Urlaub) warten zu lassen. Auf jeden Fall werde ich sehr unentspannt zur Abschlussuntersuchung gehen. Mich hat das sehr mitgenommen, dass alles nicht rund lief, vielleicht fühlte ich mich auch zu unrecht beinahe bestraft, als hätte ich kein Anrecht auf soviel Glück.
Nebenbei rumorte mein Zahn weiterhin und ich beschloss Samstag zum Notdienst zu fahren. Mit dem Fahrrad, ans andere Ende unserer Vorstadt, nicht mal zwei Wochen nach der Geburt. Dort begrüßte mich ein super lieber Mann, der das dritte Röntgenbild seit dem Ende der Schwangerschaft veranlasste. Aber gut, dass er so gründlich war, denn wie sich herausstellte, hatte meine Zahnärztin übersehen, dass ich zwei Kanäle in dem Zahn habe. Da an dem Zahn schon eine Wurzelspitzenresektion vorgenommen wurde, teilte er mir auch mit, dass keine Kasse das Entfernen der Wurzelfüllung zahlen würde. Aber anscheinend hatte er Mitleid, denn er machte es noch in diesen letzten Minuten seiner Notsprechstunde und sagte mir leider auch, dass der Zahn auf jeden Fall rausmüsse, aber sollte er sich beruhigen nun da beide Kanäle leer wären und mit Medikamenten befüllt und provisorisch mit Zement verschlossen, könnte ich noch ruhig in den Urlaub damit fahren. Wie benebelt, mit dicker, tauber Wange ging ich noch einkaufen und fuhr wieder nach Hause zu meinem Säugling. Ich fühlte mich verletzt und wund. Aber auch gut beraten und behandelt. Unglücklicher und fast schon witziger Weise blutete ich einen Tag später vermutlich von der Anstrengung des Vortags so sehr, dass ich schon wieder Angst hatte, in die andere Richtung wäre etwas nicht in Ordnung. (Ich werde zum Hypochonder. Ich habe noch Jahre vor mir das auszubauen, hoffe ich.)
Es dauerte zwar einige Tage, aber seit gestern bin ich schmerzfrei (auch wenn sich der Zahn noch seltsam anfühlt) und hoffe nun, beide Baustellen im Griff zu haben und am Montag in den Urlaub fahren zu können.
In dieser dritten Woche Wochenbett versuchte ich also weiterhin in mich hinein zu horchen und erlaubte mir wieder mehr. Montag hatten wir 12 jähriges Jubiläum- vor 12 Jahren hatte ich meinen Mann das erste Mal gesehen und mich verliebt, seitdem sind wir zusammen. Zur Feier des Tages waren wir zwei Stunden mit nur Anton unterwegs- bei strömendem Regen.
Nachmittags ging es erneut zum Augenarzt und ich war abends noch beim Kinderarzt zum Last Minute Hörtest, denn wie sich nun herausstellte haben wir echt Pech mit der U3. Ab kommenden Montag, wenn Anton drei Wochen alt wird, könnte man die U3 machen, aber da fahren wir ja morgens weg und bis zur Rückreise hätten wir Zeit, kommen aber erst am Abend hier an. Soviel dazu, nun macht es ein Arzt dort vor Ort- das erste U3 Ostseebaby, wie die Arzthelferin am Telefon meinte :)

Das war nun mein Frühwochenbett. Nicht einmal drei Wochen ist die Geburt her. Ein komisches Gefühl. Viel ist passiert, viel hat mich aufgewühlt. Jetzt hab ich mich getraut viel festzuhalten. Ich trinke weiter meinen Tee und beäuge kritisch meinen Körper, dem ich eigentlich so unglaublich dankbar bin, für alles was er bisher geleistet hat.

8 Responses to “Wochenbettlich”

  1. Theresa Says:

    Ach, das kann ich so nachvollziehen! Wenn man zum Hypochonder wird, vor allem… Soll ich dir sagen, dass ich kurz nach P.s Geburt immer mal wieder Tage ohne Wochenfluss hatte, und dann kam wieder ne Menge? Da meinte meine Hebamme, als ich sie darauf ansprach, das sei völlig in Ordnung, das kommt in Schwällen, also habe ich mir keine Gedanken mehr gemacht. Jaaa, aber wenn man einmal im Sorgenrad drin ist… Ostsee-U3 klingt doch fantastisch:) Und mal ehrlich: Wenn ihr die U eben zwei, drei Tage später als offiziell vorgesehen gemacht hättet, wäre die Welt auch nicht untergegangen (auch wenn manche Krankenschwestern einem dieses Gefühl vermitteln wollen). Dein Körper macht das toll! Und selbst, wenn etwas wäre, dann könnte das auch mit möglichst vielen Sorgen nicht vorhergesehen werden. Im Zweifel für den Angeklagten:) JETZT sieht doch alles gut aus (besonders auch mit Anton!). Und das ist ein Fakt, dem du erstmal glauben darfst;)!
    Ganz liebe Grüße,
    Theresa

  2. Ulli Says:

    Liebe Frau Kassiopeia,
    einen Glückwunsch von ganzem Herzen zu Ihrem süßen Sohn und Ihren hier so voller Herz geschilderten „Leistungen“! Wie freue ich mich für Sie und wie schön ist es, dass Sie nun an die Ostsee können! Darum beneide ich Sie sehr, denn bei uns beginnt in der nächsten Woche wieder der Schulalltag…
    Bitte grüßen Sie mir die bekannten Stellen und vielleicht denken Sie ja auch mal an uns, z. B. wenn Sie an den Trampolinen vorbei kommen – das wäre schön und tröstlich für das schlechte Wetter und den Alltag hier.
    Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie gesunde, erholsame und aufbauende Urlaubswochen und eine glückliche Heimkehr!
    Liebe Grüße
    Ulli
    PS: Wäre es vermessen, nach dem Kinderpasswort zu fragen?

  3. geologenkinder Says:

    Du hast ne super Schwiegermutter.
    Ich wünsch euch ein paar entspannende und erholdsame Tage an der Ostsee, das nixs unvorhersehbares kommt und ihr einfach euer glück geniessen könnt. Der Anton ist ein knufflig süsses Baby :-)

  4. Isabella Says:

    Meine Güte dir bleibt wirklich nichts ersparrt :-( Ich finde es aber beachtlich was und wie du alles schaffst. Ich hoffe du schonst (haha mit sechs Kindern schonen…) dich und deinen Körper im Urlaub nach all dem. Es tut mir oft so leid wenn ich lese, wie belastet manche in den eigentlich schönsten Stunden/Tagen ihres Lebens sind und werden. Im Nachhinein wo ich das lese wäre ich gern deine Wochenbetthilfe und Notccheauffeur gewesen. Alles alles Liebe weiterhin. Ich drück dich!

  5. Isabella Says:

    Ich hätte auch gern das Kinderpasswort, wenn ich darf. :)

  6. raniso Says:

    Puh, ich staune immer wieder, was ihr so alles meistert (oder meistern müsst) und dass so kurz nach der Geburt! Ich wünsche euch einen erholsamen Urlaub ohne grössere Zwischenfälle und ganz viel Familienwohlfühlzeit!
    Ganz liebi grüäss, anja

  7. fishly Says:

    Ich wünsche euch von ganzem Herzen einen wunderbaren Urlaub. Ein bisschen Abstand vom Alltag habt ihr euch wirklich verdient. Dir aber wünsche ich vor allem Gesundheit. Dieses hilflose Gefühl, wenn der eigene Körper ständig stottert, das kenne ich zu gut und drücke dir die Daumen, dass sich das bald bessert.

  8. Levistica Says:

    Ach man, ich hätte dir so diese Ruhe gegönnt nach der schweren Geburt.

    Mir ging es ähnlich. Ich hatte eine ähnlich schwere Geburt mit schwerem Kind (wenn auch nicht ganz so schwer wie eures), allerdings war es meine erste Geburt und er hat sich dann während der Geburt auch noch in Sternguckerposition gedreht, weswegen ich einen Kaiserschnitt bekam. Nach der Geburt dachte ich ich könnte zuhause nun ruhen, und ankommen – am 23. Dezember letzten Jahres – und ein schönes Weihnachtsfest mit meiner Familie verbringen, aber am 25. Dezember musste ich wieder ins Krankenhaus denn die Narbe blutete wieder und man drohte mir an ich müsste möglicherweise nochmal aufgeschnitten werden – unter Vollnarkose – damit es nochmal versorgt werden kann. Für mich brach eine Welt zusammen. Alles nicht so schlimm eigentlich, ich hab ein gesundes Kind zuhause, das was ich mir immer gewünscht habe – aber in dem Moment doch zuviel. Ich dachte ich würde bei dem Eingriff bestimmt sterben – es wäre bestimmt alles zu glatt gelaufen und jetzt müsse ich dafür büßen oder so. Ich versteh es also wirklich absolut.

    Der Urlaub wird euch allen bestimmt die Ruhe geben die ihr braucht. TOI TOI TOI!