Archive for Dezember, 2014

Jahresrückblick 2014

Dienstag, Dezember 30th, 2014

Auch wenn ich körperlich wie geistig in den vergangenen Monaten anwesend war, kann ich nicht glauben, dass all das in 365 Tage gepasst hat.
Und für mich bleibt dieses Jahr auch für immer ein wenig gespalten in das Leben vor und nach Antons Geburt.
Das Jahr, in dem ich ich Mutter von sechs Kindern wurde.

Januar

Dieses Jahr beginnt für mich noch mit größter Unsicherheit. Sorge und Hoffnung vereint in einem Herzenswunsch, ich bin in der 11. Woche schwanger.
Ich begleite Tom zu seiner Schuleingangsuntersuchung, wir füllen die dritte Schulanmeldung aus, er schnuppert in seiner Wunschklasse, sehr zu seiner Freude. Wir feiern Nils 31. Geburtstag, streichen das Kinderzimmer von Tom und Ben neu und so etwas heller. Wir backen Waffeln und kaufen erste Tulpen, als bunte Tupfen in der kalten Jahreszeit. Wir hübschen das Wohnzimmer auf, was sich nicht unbedingt als geschickt erweist. Es gibt einen neuen schwarz/weißen Teppich fürs Wohnzimmer, eine weiße TV- Bank und einen neuen weißen Tisch fürs Wohnzimmer. Emil verschönert derweil den weißen Sekretär mit rotem Filzstift, schmiert das gelbe vom Ei auf den neuen Teppich im Wohnzimmer und verewigt sich obendrein mit blauem Wachsmaler auf den neuen Couchtisch. Auch eine Art Farbkleckse, ein bunter Jahreseinstieg.
Wir haben drei Tage kein Telefon, Fernseher oder Internet. Noah erobert die Nachbarschaft und dreht mittlerweile routiniert seine Runden mit dem Rad allein. Ich erwische Emil zwei Mal beim Anknabbern von Kuchen und halte das fotografisch fest, als er ins Klo greift mache ich nicht extra ein Foto (ansonsten ist er einfach nur niedlich). Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich nicht ein einziges Buch gelesen habe, was wie sich später heraus stellt ein Omen für dieses Jahr ist.
Genau einmal war ich Schwimmen und habe es leider bereut. Das Tochterkind gründet einen Club in der Schule, der sich um Verletzte während der Pause kümmert, nicht die einzige Idee in diesem Jahr. Man kann endlich mit Herz behaupten, Ben ist nach über einem Jahr richtig im Kindergarten angekommen.
Es finden ein Familienfrühstück ohne Opa, ein Krimiabend, ein Taufgespräch und ein Frühstück bei mir statt.
Das neue Haus an der Ostsee feiert sein Richtfest.

Februar

Das Wetter ist mild für diese Jahreszeit. Am 15. des Monats können wir sogar draußen grillen und auch wenn die Temperaturen nicht so schön bleiben sollten, wir genießen jede Minute davon.
Ziemlich zügig gehen die Vorbereitungen für die Haustaufe voran. Meine Schwiegereltern öffnen ihr Haus für uns und unsere Freunde. Zusammen feiern wir mit 10 Kindern, 16 Erwachsenen und der Pfarrerin die sehr bewegende Taufe unseres fünften Kindes. Wenige Tage später möchte ich meiner Schwiegermama anvertrauen, dass wir auf unser sechstes Kind hoffen, da gesteht sie mir, dass man es an der Taufe schon gesehen hat.
Unser 10. Hochzeitstag nähert sich. Auch in diesem Jahr schenkt uns Heide zwei Nächte im Ausland. Unser Ziel in diesem Jahr ist Paris. Doch nur wenige Tage vor der Abreise hat Emil einen ersten schlimmen Pseudokrupp- Anfall und obwohl es ihm gut geht und ich ihn in den besten Händen weiß, fällt mir der Abschied schwer. Noch schwerer wird er durch die leichten Blutungen, die ich ganz plötzlich und unerwartet habe. Ich bin in der 19. Woche schwanger und im Krankenhaus ist bei der Untersuchung mit Anton soweit alles gut. Schweren Herzens setzen wir uns in das Flugzeug, fliegen immer der Liebe entgegen. Wir haben endlich Zeit für uns, sind in einer der schönsten Städte der Welt und ich bin die meiste Zeit mit meinen Gedanken bei unserem Kind, dessen Bewegungen ich immer wieder nachspüren muss. Ich traue mir nicht viel zu, möchte nichts riskieren, nicht in diesem fremden Land, in dem ich mich nicht gut ausdrücken kann. Wir verleben trotz allem viele schöne Momente, machen alles sehr behutsam. Als wir am Flughafen auf den Rückflug warten bin ich dennoch aus tiefstem Herzen dankbar und erleichtert, zähle weiter die Tage bis zur magischen Grenze: überlebensfähig. Eine Chance aufs Leben. Es sind noch etwas mehr als 30 Tage dahin.
Mit dem Hochzeitstag jährt sich auch mein allerster positiver Schwangerschaftstest. Ich bin unheimlich sentimental und schwelge in Erinnerungen. Derweil macht der positive Test von damals mit dem ältesten jüngeren Bruder die Straßen unsicher: Zoe und Noah .

März

Gleich zu Beginn des Monats feiern wir Toms Geburtstag mit viel Sonnenschein.
Die ganze Zeit schon schleiche ich um Anleitungen für eine Decke für Anton, auch ihm möchte ich wie schon Emil eine häkeln oder stricken, aber ich finde keinen Anfang. Dann ist da plötzlich eine andere Idee und ich bastel ein Mobile für Anton. Jedes kleine Teil, an das ich mich wage, an das ich meine Vorfreude rein arbeiten kann ist ein Stück Glück.
Wir werden von der Zeitschrift Freundin gefragt, ob wir Lust darauf haben, Teil einer Serie in der kommenden Ausgabe zu sein. Eigens dafür werden wir in ein Studio eingeladen, um professionelle Fotos machen zu lassen, die nun ein Stück wundervolle Erinnerung für unsere Familie sind.
Der dritte Monat im Jahr ist auch der, an dem ich mich jedes Mal an den Tod unseres ungeborenen Kindes erinnere. Schon ein zweites Mal in meinem Leben bin ich genau zu der Zeit schwanger und unheimlich unsicher. Da ist Trauer, Liebe, Vermissen und Hoffnung, Glück und Vorfreude auf einmal, alles gleichzeitig.
Meine Eltern sind zu Besuch und ich kann ihnen endlich sagen, dass wir noch ein Kind bekommen, auf diesen Moment habe ich Monate gewartet. Zusammen besuchen wir den Tierpark Hellabrunn in München, als wir ankommen scheint die Sonne, als wir gehen ist es klirrend kalt und es wehen Schneeflocken. Aber der Besuch ist unvergesslich und für die Kinder eine schöne Abwechslung in diesem Frühjahr von ihrem Alltag.
Ende März, nach der Abreise meiner Eltern, fasse ich mir ein Herz und offenbare auch im Netz meine Schwangerschaft. Mit mulmigem Gefühl, da ich Emils bis zur Geburt für mich behalten hatte.

April

Wir sind krank. Andauernd, zumindest gefühlt. In diesem Monat werden die mittleren Jungs nur ein paar wenige Tage im Kindergarten sein. Emil leidet mehrere Tage ganz fies unter einem Magendarm- Virus, scheint sich erstmal kaum davon zu erholen. Darum herum leiden auch andere Familienmitglieder.
Mitte April hat Noah Geburtstag. 8 Jahre wird er alt und feiert mit ein paar Gästen seinen Geburtstag im Deutschen Museum in München.
Nils geht mit den vier Großen ins Kino, sie schauen: The Lego Movie, derweil erkennt man uns in der neuen Ausgabe der „Freundin“. Emil spricht endlich Ein- und Zweiwortsätze, ich halte seine ersten Worte fest und bin hingerissen von unserem wachsenden Küken. Außerdem nehme ich mir Zeit zu Zweit mit Tom, der seinen Platz nicht findet und zwischen den Stühlen steht, die Kindergarten und Schule heißen.
Ein neuer finanzieller Tiefpunkt tut sich auf, der uns in Streit und Verzweiflung treibt, weil da noch ein Berg Ausgaben vor uns liegt. Weil ich den Kindern gegenüber ein unglaublich schlechtes Gewissen habe, dass wir bis zum Sommer keinen Urlaub oder eine kleine Auszeit nehmen können, kratzen wir dennoch unser Geld zusammen und fahren mit den Kindern in die Therme Erding, was uns als Familie unheimlich gut tut und wieder schöne Erinnerungen geschafft hat! Am nächsten Tag findet bei uns in der Stadt eine kleine aber richtig tolle Lego- Ausstellung statt, die wir besuchen, im Anschluss daran kochen wir schön und genießen unser Essen auf der Terrasse.
Ich versuche mir eine Auszeit zu nehmen und fahre allein in die Bücherei, in der ich mehrere Bücher ausleihe, die ich in den kommenden Wochen tatsächlich auch lese und der Mann freut sich, dass ich nicht wieder welche kaufe. Ich beginne mit dem autobiografischen Buch „Ein Tagwerk Leben“.

Mai

Oma läd die Kinder ein bei sich zu übernachten. Leider regnet es am ersten Tag und Tom spuckt mit solcher Ausdauer, dass er mit uns zu Hause bleibt und lange aufbleiben darf, während die anderen unterwegs sind. Am nächsten Tag bekommen wir die drei Kinder nach einem schönen zweiten Tag zurück.
Seitdem es Erdbeeren gibt, kaufe ich fast täglich welche, die Kinder verschlingen beinahe ein Kilo mühelos am Tag und ich genieße diese Zeit sehr, backe Erdbeerkuchen mit eigenem Biscuitboden dank der alten Form meiner Oma und dem Rezept meiner Familie, wenn wir Besuch erwarten.
Je weiter die Schwangerschaft voran schreitet, desto mehr beschäftigen mich die Blicke der Anderen. Ich bin nach dem letzten Monat Kranksein ziemlich ausgebrannt und hege schon jetzt meine ganze Hoffnung ins kommende Wochenbett, das mich in wenigen Wochen erwartet. Ausruhen möchte ich mich gern können, gut dass ich jetzt noch nicht weiß, dass das so auch nicht möglich sein wird.
Beim Abholen der Kinder im Kindergarten läuft Ben gegen den Maibaum, sofort kommen der Papa und die Oma zur Hilfe und eilen zu uns nach Hause. Zusammen versorgen wir das Kind, das nur geklebt werden muss und mit Kopfschmerzen davon gekommen ist (und die anderen Mäuse).
Nachdem wir den ersten Besuch von Toms Kindergarten- Gruppe absagen mussten, als Tom erkrankt war, versuchen wir das nachzuholen und dem Vorschulkind zu ermöglichen. Genau an dem Tag vergesse ich dem Schulsohn seine Schwimmsachen mitzugeben, das schlechte Gewissen ist riesig, ich mag für alle da sein, also renne ich im Galopp zur Bushaltestelle, fahre zur Schwimmhalle und bitte dort eine mir fremde Frau meinem Kind die Badesachen zu übergeben, weil ich keine Zeit habe, selbst auf ihn zu warten, denn wir erwarten ja die Kindergartengruppe in wenigen Minuten, also renne ich zum Bus und von dort zum Erdbeerstand, wo mir die allerliebste Verkäuferin die Erdbeeren erstmal ohne Geld mit gibt, denn das liegt abgezählt zu Hause. Rechtzeitig sind wir zurück, machen allen die Türe auf und Tom genießt den Trubel. Als alle wieder fort sind, hänge ich meinen Gedanken nach und mache sauber, den Kindern Mittag und hoffe auf einen entspannten Nachmittag bis Emil auf den Arm fällt und ihn nicht mehr richtig bewegt, also fahren wir alle dem Papa in die Stadt entgegen, übergeben den Gestürzten und fahren wieder nach Hause, in das uns nur kurze Zeit später Gott sei Dank beide wieder folgen. Der Arm ist nur ordentlich geprellt.
Ich nutze an einem Tag die Gelegenheit und fahre mit den aktuellen noch drei Kleinen das erste Mal ins Freibad und finde es wundervoll!
Im Frühjahr hatte ich mich liebevoll um meine Rosen gekümmert, das trägt nun die schönsten Blüten. Meine Rosen blühen in Hülle und Fülle, was mich unheimlich glücklich macht und ich stelle sie mir wegen des Regens öfter ins Haus, damit ich auch etwas von Duft und Farbe habe, so lange sie blühen.
Ich hechte einmal abends ins Freibad, um etwas für mich zu tun und schwimme zwar nur noch vier Bahnen, aber bin danach sehr glücklich.

Juni

Die Ruhe, die ich mir noch vor Kurzem gewünscht hatte, trifft mich plötzlich aus dem Hinterhalt. Ich habe Wehen in der 33. Woche und muss für ein paar wenige Tage ins Krankenhaus, in dem ich meine Familie nicht nur vom Bett aus vermisse, sondern sie auch von jetzt auf gleich mit allem allein lassen muss. Nach dem Aufenthalt fühle ich mich total verunsichert und es fällt mir unglaublich schwer meine Kräfte einzuschätzen, möchte unser Baby nicht in Gefahr bringen, aber auch wieder etwas tun, meine Arbeit erledigen, keine Last sein und mich lebendig fühlen. Dabei hilft ein Ausflug ins Freibad mit der Familie, bei dem ich mich nicht von der Decke bewege, aber mich trotzdem wieder als ein Teil der Familie fühle, mittendrin bin.
Der Garten liegt brach, ich darf nicht und Nils fängt schon genug auf, noch immer kann ich mich um nichts mehr wie zuvor kümmern, derweil zähle ich die Tage.
Ich möchte Emil bei stehen und schaffe es tatsächlich die großen Vier bei einer Freundin zu lassen und so fahren wir Eltern und Oma zusammen nach München, um ihm bei seiner Zahn- OP bei zu stehen. Emil wird unter Vollnarkose operiert, wobei ihm zwei seiner oberen Schneidezähne entfernt werden. Ich habe sehr lange daran zu knabbern, die Schuldgefühle nagen (berechtigt) an mir und ich versuche mich an den neuen Anblick unseres Sohnes zu gewöhnen, was mir leichter fällt als gedacht, weil er deutlich zeigt, wie gut ihm das alles tut, endlich hat er keine Schmerzen mehr.
Nach zwei Wochen daheim ohne nennenswerte Wehen, muss der beste Vater meiner Kinder wieder arbeiten gehen, die Kinder haben noch eine Woche Ferien und ich lasse die Kindergartenkinder zusätzlich daheim, damit ich nicht raus muss und mir das Hin- und Herlaufen und Fahren erspare.
Je mehr Zeit vergeht, desto weniger mache ich mir Sorgen um Anton. Am Ende des Monats habe ich doch wirklich die 37. Woche erreicht und fiebere der magischen Frühchengrenze entgegen. Ich kann mich kaum noch bewegen, aber bereite mich mehr und mehr auf Antons Ankunft vor, koche Mahlzeiten vor, während die drei Großen mit ihrem Papa durch den Wald stapfen, anlässlich der Sommersonnenwende. Aber ich koche nicht nur, ich nähe einen Wal für Zoe mit der Hand, nachdem wir einen für Anton geschenkt bekamen. Total überwältigt bin ich von einem großen Paket, wir bekommen das Bett für Anton, das ich versuche seit Wochen zu kriegen, geschenkt.
Emil feiert mit uns seinen zweiten Geburtstag in Familie, ganz in Ruhe, an einem schönen warmen Tag Ende Juni.

Juli

Mit dem Bett, dem Kuscheltier und der Bettschlange meiner Eltern für Anton vollende ich auch den Ausbau unseres Nests. Wir fangen an zu warten, vor allem jetzt da ich wieder eine ganz normale Schwangere bin und mir keine Sorgen mehr um Anton machen muss. Dieser Wechsel fällt mir gar nicht so leicht, so fällt die Anspannung von mir nur langsam endgültig ab und das Erwarten und Hinfiebern beginnt.
Derweil breitet sich in mir viel innere Unruhe aus, ich habe das Gefühl so auch kein Kind bekommen zu können, es ist neben Weihnachten die anstrengendste Zeit im Jahr: Der letzte Monat vor Schul- und Kindergartenferien. So dreht sich alles um Toms und Zoes Abschied. Tom malt mit seinem Papa eine Zaunlatte an und ich helfe Zoe bei ihrem Abschiedsgeschenk für ihre Lehrerin.
Heide und ich fahren zur Zahn- OP- Nachkontrolle mit Emil, ihm geht es gut, alles heilt wie es soll und ich sehe deutliche Fortschritte.
Mittlerweile kann ich kaum mehr Laufen. Bekomme Zahnweh, die mir mein herbeigesehntes Wochenbett noch zerschießen werden. Nach einem solchen Termin beim Zahnarzt, kommt ein Anruf aus dem Kindergarten, Tom wäre in Ohnmacht gefallen. Ein Riesenschreck nicht nur für uns, sondern vor allem auch Tom, seine Erzieherinnen und die anwesenden Kinder. Gott sei Dank bleibt es bei dem einen Mal.
Ich gehe ein letztes Mal schwimmen und erinnere mich an das letzte Jahr, als ich die vielen wunderschönen runden Bäuche beäugte, jetzt bin ich selbst schwanger und zeige meinem Kind schon einmal mein geliebtes Wasser.
19 Tage vorm Termin fährt meine Schwiegermama und Notfallnummer Nummer 1 in den wohlverdienten Urlaub. Eine super liebe Freundin erklärt sich bereit und wartet Tag und Nacht auf unseren Anruf, doch der kommt nicht. Wir warten auf Heides Rückkehr…
Mitten in der Nacht, zwei Tage nach dem errechneten Termin habe ich meinen allerersten Blasensprung und renne anschließend nicht nur sprichwörtlich ins Krankenhaus, um Anton auf die Welt zubringen. Endlich! Auch nach dieser Geburt laufen mir vor Erleichterung und Glück die Tränen, ich liebe dieses kleine zauberhafte Wesen und er wird sofort bestaunt und gestreichelt, als nur eine Handvoll Stunden nach seiner Geburt, die Geschwisterkinder das Schlafzimmer stürmen.
Noch am selben Abend ist die Abschlussfeier von Noah, die Heide mit Zoe und Tom besucht, diese endet mit einem Besuch der Notaufnahme, Noah muss geklebt werden. Tags drauf ist der letzte Schultag dieses Schuljahres und weitere zwei Tage später wird Tom aus dem Kindergarten geworfen. (Außerdem jährt sich mein letzter Arbeitstag als Tagesmutter und ich bin nach wie vor sehr froh, um meine Entscheidung von damals.)

August

Ferien. Endlich. Nils ist in Elternzeit zu Hause für zwei Monate. Ich sauge unser Baby in der ersten Woche auf, spiele mit den Kindern Uno im Bett oder lese ihnen abends Harry Potter vor und bin allein genauso hilflos am Abend, als ich mir ein Brot machen will und Nils grad mit Emil im Kinderwagen seine Runden dreht, wie beim ersten Kind…
Acht Tage nach Antons Geburt, lasse ich unruhig das Baby bei seinem Papa und renne zum Zahnarzt, das erste Mal. Leider folgen weitere Male, was ich noch nichts weiß. Bei all dem hat mir im Wochenbett der Wochenflussstau noch gefehlt, aber Heide rettet mich vor dem Krankenhaus, in das die Ärztin mich am Liebsten sofort zur Ausschabung geschickt hätte.
In der zweiten Ferienwoche lernen erst Tom und dann Ben Radfahren, Anton genießt sein erstes Bad. Heide entführt die fünf Großen damit wir Zeit haben für einen Ausflug zum Volksfest und packen, denn in der dritten Woche nach der Geburt sind wir mitten in den letzten Abreisevorbeitungen… und auf den Tag genau als Anton drei Wochen alt wird, fahren wir mit TaxiBahnBahnTaxi die 1000km ans Meer ins neue Haus, das erste Mal zu Acht!
Dort verlieben wir uns mehr und mehr in Anton, der dort oben auch bald 1 Monat alt wird.
Wir sind im Glück, genießen das Meer, den Strand, die Wellen, die Ruhe… Zoe bekommt einen Roller und mit den anderen mitgebrachten Rollern und Laufrädern sind die Kinder herrlich mobil und trauen sich immer mehr zu. Erst fährt Zoe allein an die Promenade, dann Noah, ein paar Mal auch beide zusammen. Tom liest erste Worte, in dem er einzelne Buchstaben verbindet, wir essen Eis an der Strandpromenade, machen einen Ausflug nach Neustadt.

September

Die zweite Hälfte unseres Urlaubs bricht an. Wir sind weiterhin am Meer, am Ende werden es vier Wochen sein, die wir am Stück da waren. Das erste Mal überhaupt verbringen wir so viel Zeit an der Ostsee hintereinander.
Wir besuchen das erste Mal den Zoo zu Acht, die Kinder fahren Motorboot mit ihrem Papa, einmal fahren wir alle zusammen. Ich schaffe es unerschrocken in der kalten Ostsee zu baden. Gegen Ende des Urlaubs gehen wir noch ins Schwimmbad und ich versuche mir Zeit für mich zu nehmen. Dazu gehört leider auch ein Besuch beim hiesigen Zahnarzt. Zoe bricht sich als erstes unserer Kinder einen Knochen. Es ist der Ringfinger, der sie mit ihrem Papa ins Krankenhaus bringt und mit einer Schiene zurück kommen lässt. Derweil hat Anton seine erste Bindehautentzündung, was nicht sonderlich verwunderlich ist mit dem Wind und dem einen oder anderen Finger von Emil der sich in Antons Auge verirrt. Die Abreise rückt immer näher und auf einmal ändert sich das Wetter radikal, als würde es uns nach Hause schicken wollen. Die Wellen brechen sich weit auf der Uferschutzanlage, dort sitzen wir auch und beobachten die Naturgewalt. Auf der Fahrt nach Hause treffen wir das erste Mal Frische Brise und ihren Adventsjungen am Hamburger Hauptbahnhof und kommen nach einer langen Fahrt am Abend, eine Stunde später als geplant nach Hause, um am nächsten Tag schon die Einschulung von Tom zu feiern, zu der sogar meine Eltern anreisen.
Ein paar Tage später wird mir ein umkämpfter Zahn endlich gezogen, was aber auch wieder nicht ohne Komplikationen passieren kann. Noch haben wir Elan nach dem Urlaub und so streichen wir die Wand im Wohnzimmer, die dann pünktlich zu Bens Geburtstag erstrahlt. An seinem Geburtstag nehmen wir uns bewusst Zeit für ihn und fahren vormittags in ein Schwimmbad ohne die älteren Geschwister, gerade auch weil er niemanden einladen wollte und unsere Nähe geniesst.
Dieser Geburtstag ist auch so ein Wendepunkt. Ben kam genau in dem Jahr zu Welt, als Zoe wenige Wochen später 5 Jahre alt wurde, so alt wie er jetzt.
Zum Ende des Monats bin ich bei meiner Frauenärztin und habe dort meine Abschlussuntersuchung, die nun diese neunte Schwangerschaft offiziell beendet und mir meinen Rest Unsicherheit nimmt. Mein Körper hat es geschafft!

Oktober

Mein Geburtstag naht. Dafür stehe ich am Ende doch wieder viel in der Küche, weil alle meine Gäste sich nicht nur auf mich, sondern auch meine Backwaren freuen. Der Mann unterstützt mich tatkräftig und so kann ich nach einem schönen Frühstück mit meiner Freundin am Nachmittag einen wunderschönen Geburtstag mit wenigen erwachsenen Freunden und ihren und unseren vielen Kindern verbringen.
Ich bin immer noch mit meinen Zähnen beschäftigt und habe mir Ohrenschmerzen angeschafft. Da mich der Alltag und die Monate voller Arztbesuche überfordern, pfeffere ich unvorsichtig und sauer wie ich bin einen kaputten Teller so in den Mülleimer, dass ich anschließend noch mehr Zeit beim Arzt und in der Notaufnahme verbringe und mich nähen lassen muss. Somit bin ich in den wenigen Tagen vor der Abreise zum Geburtstag der Oma an die Ostsee noch überforderter und weine am Ende bitterlich, weil ich nur eine Hand benutzen kann. Aber es lohnt sich so sehr. Wir reisen in acht Tagen somit 1000km hin und dann noch einmal zurück.
Ich habe in den letzten Wochen Angst gehabt mich selbst zu verlieren, hier am Meer finde ich mich. Und genieße das erste Mal mit meiner Familie den wunderbaren Herbst bei schönstem Wetter an der Ostsee in einem Traum von Haus. Meine Familie geht ins Schwimmbad, bei diesen Besuchen lässt Noah endlich los und „lernt schwimmen“, ich gehe viel am Strand spazieren und versuche die Zeit möglichst viel zu genießen und lese endlich „Die Mondspielerin“ zu Ende, als hätte es nur auf den richtigen Moment gelesen zu werden, gewartet.
Heides Geburtstag(e) ist (sind) richtig schön und wir genießen das Wiedersehen mit vielen Familienmitgliedern.

November

Am zweiten Tag im November reisen wir zurück und nehmen ein großes Stück Erholung mit, dass ich gleich in die Vorbereitungen für Zoes Geburtstag stecke. Unglaublich aber wahr, das Tochterkind wird 10 Jahre alt und ich bin sehr stolz auf unser tolles Kind!
Eine Woche später werden mir die letzten Weisheitszähne heraus operiert, was unten gar nicht so einfach ist wie erhofft. Ich leide in den Tagen danach so sehr, weiß nicht wohin mit den Schmerzen und brauche viel mehr Schmerzmittel, als ich gehofft hatte.
Auch in diesem Monat wartet ein kleiner Magendarm Infekt auf uns, der aber nicht alle Familienmitglieder trifft.
Mitte des Monats stirbt Nils Tante, die wir noch kurz zuvor auf dem Geburtstag gesehen hatten. Und mit dem Totensonntag denke ich an noch andere liebe Menschen, die nicht mehr bei uns sind.
Und somit kündigt sich auch traditionell plötzlich die Vorweihnachtszeit an. Eigentlich hatte ich viel vor, ich wollte selbst etwas herstellen, aber hinten und vorn fehlt die Zeit dafür, so bleibt es vorerst bei ein paar gestrickten Reihen für Antons Stulpen.
Wir backen viel und ich genieße die viele Zeit mit den Kindern und versuche sie möglichst schön zu gestalten. Was etwas erschwert wird, durch einen fiesen Infekt, der erst den Mann richtig Schach matt setzt für eine Woche und meinen neu hinzu gewonnenen Schmerzen im Fuß.. Ein Gutes hat das Ganze, wir entdecken endgültig „How I met your mother“ für uns und dann ist auch schon der erste Advent…

Dezember

Nun bin ich krank. Und ich bastelte die ersten Tage mit Fieber sogar noch mit den Kindern, bis es in die Höhe schießt und nichts mehr geht, so pflegt mich der Mann ein paar Tage. Durch die Ruhe und die Zeit, die ich nun habe, spüre ich ganz deutlich wie schlimm das Geburtstrauma für mich ist. Mit dem Mut einen Artikel hier zu veröffentlichen und dem offener zu begegnen, mich zu trauen die Worte laut zu sagen, geht es mir schon besser. Ich beherzige einige Anregungen, die ich bekam und versuche weiterhin auf meine Psychohygiene zu achten. Was mir relativ gut gelingt, ich bin drei Mal allein schwimmen, lese immer wieder die eine oder andere Seite meines nur 13. Buchs in diesem Jahr, stricken schaffe ich dafür gar nicht, weil da am Abend, wenn es still ist andere wichtigere Dinge auf mich warten, vor allem in der zweiten Hälfte des Monats, dafür treffe ich einen Abend liebe Freundinnen.
Nach meiner Gesundung entsteigt Emil seinem Kinderwagen und läuft fortan nur noch.
Wir besuchen den Weihnachtsmarkt, ich schaffe es drei Mal mit den Kindern ins Schwimmbad, wir backen viel und laden Freunde zu uns ein zu einem schönen Nachmittag ein, besuchen an einem Advent Oma und Opa in der Nachbar- Vorstadt.
Der Nikolaus kommt auch in diesem Jahr, Nils und ich gehen nach Jahren beinahe allein abends aufs Tollwood. Wir schaffen es in diesem Jahr zu drei von vier Weihnachtsfeiern, die Vierte entfällt wegen erneutem Magen- Darm- Infekt, der uns dieses Mal alle erwischt, vor und direkt über Weihnachten. Aber noch halte ich tapfer den Kopf über Wasser, solange wir nur zusammen wären sei alles gut, so verbringen wir einen schönen Nachmittag in Familie am zweiten Weihnachtsfeiertag bis die nächste Plage ins Haus steht, der wir mit allen verbleibender Macht entgegen treten. Aber wie las ich bei irgendwo so schön!?- Weihnachten mit denen feiern, die da sind, an die denken, die es nicht sein können und die vermissen, die da sein sollten- so sinngemäß meine ich. Sehr wahr.
Ansonsten basteln wir fleissig an Bens Schulrücktritt. Tom verliert die zwei oberen Frontzähne und Anton bekommt dafür zwei Neue unten.
Und vielleicht verheißt uns der blühende Barbarazweig ja etwas Glück und vielleicht auch Gesundheit fürs kommende Jahr…

In etwas mehr als 24 Stunden ist dieses Jahr zu Ende. Und als ich vorhin „meinen“ Weg an der Amper entlang zum Hallenbad ging, während überall Schnee lag und die Flocken umher tanzten, dachte ich bei mir: „Weißt du noch letztes Jahr um diese Zeit, als alles was erstmal zählte Antons Leben war?!“ Wie viel Angst, wie viel Sorge, wie viel Wunsch und Hoffnung, ja wie viel Liebe ich empfand, wenn ich diesen Weg ging. Es war als würde ich noch einmal alle meine Fußspuren nachgehen… als hätte ich mich selbst eingeholt. Ich fühlte mich leichter und dankbar…

… und so geht das Jahr zu Ende…

Schneegestöber

Samstag, Dezember 27th, 2014

Der Mann hilft heute beim Umzug seines besten Freundes und seiner Frau tatkräftig mit, wie schon gestern am späten Abend und wir zusammen heute Morgen in der Küche fürs versprochene Buffet. Ich bin also allein mit den Kindern über den Mittag und Nachmittag und es hat geschneit. Tapfer erklomm ich den Dachboden mit mentaler Unterstützung unseres ältesten Sohnes und barg die Schlitten, während die Tochter das Baby die letzten Minuten, die es das noch zulassen würde unterhielt. Alle großen Fünf zogen sich an und stürmten in die weiße Pracht. Leise zog ich mich ins Schlafzimmer zurück und stillte Anton in den Schlaf bei geöffneten Fenster, wodurch ich alle Fünf gut in den Ohren hatte. Als Anton schlief dann auch im Blick, denn vom Schlafzimmer aus, kann ich alles gut überblicken. Sogar dass der Erstklässler den Plastikschlitten auf die Rutsche gelegt hatte, so nahm ich bei voll geöffneten Fenster mal kurz Kontakt zum Kinde auf.

Ich ging runter, suchte und fand meine Stiefel, holte Wasser, wusch den Tisch sauber, schleppte zwei übervolle Körbe Wäsche nach oben und dachte: „So, nun machst mal aber was für dich!“, nachdem der kleinere Mittlere schon allein zum Spielplatz wollte und ich versprach wir würden zusammen hin schlittern, wenn Anton wach wäre (hoffentlich erwischt er mich nicht jetzt). Ich setzte mich gerade an den Tisch… Ja, wie weit kam ich wohl? Das Baby hat den schlafenden Zustand gegen den Wachen zurück getauscht. Auf dem Weg nach unten wurde ich der Länge nach erstmal angespuckt und nun sitz ich auf dem Sofa, aber das beste und der Grund warum ich eigentlich hier sitze, als ich aus dem Fenster sah im ersten Stock, weil ich ja ein Spucktuch brauchte um den Boden abzuwischen, viele kennen das vielleicht, da sah ich meine Tochter, wie sie Emil im Schlitten hinter sich herzog. Er lag auf dem Schlitten mit weit geöffneten Mund und ließ sich die Schneeflocken in den Mund rieseln. <3 (Und da sind sie schon wieder alle nach einer Stunde in der Kälte.) :)

Helfende Hände

Freitag, Dezember 26th, 2014

Bisher hat mich in meinem Menschsein das Thema „Asylbewerber“ nur dahin gehend beschäftigt, ob jemand ein Problem mit Asylsuchenden hatte. Das verurteilte ich, schließlich seien die Menschen auf der Flucht, sie brauchen Hilfe. Auch ich könnte mal Hilfe brauchen und dann möchte ich auch welche bekommen. Das war mein Beitrag zu dem Ganzen. Bis jetzt.

Jetzt hat in dem Vorort von München, in dem meine Schwiegereltern wohnen, ein neues Heim für Asylsuchende geöffnet. Sofort trat man an meine Schwiegermama heran, ob sie als Hebamme nicht Zeit hätte sich um zwei Bewohnerinnen zu kümmern. Sie hat zwar alle Hände voll zu tun, aber sie liebt was sie tut und packt gern mit an. Sie besuchte die Frauen dort und es bot sich kein schönes Bild. Viele Nationen und Mentalitäten befinden sich zufällig unter einem Dach. Es ist kompliziert. Den Bewohnern bleibt erstmal nur das Nötigste, ein karger Raum mit Betten und einem Schrank. Es gibt keine Gardinen, keine Spielteppiche für die Kinder wegen dem Brandschutz. Die frisch gebackene Mama hat zudem einen kleinen Sohn, der nicht einmal zwei Jahre alt ist und während der Tage im Krankenhaus nach dem Kaiserschnitt bei seiner Mutter in eine Pflegefamilie kam. Nicht einmal Windeln für das Kleinkind hab es die ersten Tage nach der Rückkehr aus dem Krankenhaus mit neuem Baby. Das Kind pieselte ein, die Mutter schimpfte überfordert, griff ihr Kind hart an. Beide beherbergten Frauen, die nun in Hebammenbetreuung sind, sprechen kein Deutsch. Beide Frauen kümmern sich jetzt über die Feiertage und zwischen den Jahren, in denen die Bürokratie Urlaub hat, noch um ein weiteres Kind. Das zur Zeit auf fünf Jahre geschätzt wird, meine Schwiegermama schätzt es jedoch älter ein. Es ist allein hier, hat niemanden, keiner versteht zur Zeit, was sie sagt. Meine Schwiegermama brachte ihr ein Puzzle mit und versuchte zu erklären, dass sie ihr zeigen würde, wie es geht. Sie drehte es um und wollte loslegen, da weinte das Mädchen bitterlich, weil es dachte, das schöne Bild sei kaputt. Nach einigen Anläufen und Zeigen verstand sie das Prinzip und puzzelte wie ein Weltmeister.

Meine Schwiegermama brachte noch etwas mehr Spielzeug, Dinge die noch bespielbar sind von ihren Kindern und ihren Enkeln. Aber es bleiben immer die Fragen: Was ist zuviel? Was wird wirklich gebraucht?
Es wird Fingerspitzengefühl benötigt, die wenigsten sind gern nobler Gönner, aber ist das ein guter Grund gar nichts zu tun? Es ist ein Drahtseilakt. Es ist kompliziert. Vielleicht auch eine philosophische Frage: Tue ich Gutes auch, weil ich mich dann gut fühle?!

Manchmal tun wir gern nichts. Weil wir vielleicht auch hier genug arme Kinder haben. Oder wir unterstützen andere Projekte. Wir können nicht überall sein. Das kann niemand. Manchmal sagen wir, wir haben ja auch nicht viel. Aber stimmt das? Wenn wir in uns gehen?

Was sind wir bereit zu geben? Eine Frau aus dem Vorort der Stadt brachte einen Kinderwagen, alt und klapperig. Dreckig sogar. Sie fuhr damit ihren Hund spazieren, das Gefährt war voller Hundehaare. In den Seitentaschen steckten noch Hundeknochen. Muss sowas sein? Ist das wirklich eine gute Tat? Würden wir so etwas annehmen? Eine Wickelunterlage aus Stoff- ungewaschen mit Babypups drauf. Ist das Hilfe? Wissen Sie was meine Schwiegermama gemacht hat? Alles gewaschen und einfach unsere Wickelauflage von dort mitgegeben, denn die paar Mal, die wir kommen, reicht eine Decke und recht hat sie!

Eine andere Familie sortierte Spielzeug aus. Super! Gemeinsam wollten sie mit dem spendenden Kind dort hin pilgern, um „dem Kind mal zu zeigen wie gut es das zu Hause hat.“ Wie vermessen ist das? Dort Leben Menschen in Not! Das ist doch kein Zoo!

Meine Schwiegermama appellierte an diese Leute, sagte ihnen sie sollen dort anrufen und fragen, wann sie Dinge abgeben können. Was wirklich gebraucht wird. Jeder Hilfesuchende hat dort einen Paten aus dem Ort, der weiß was gebraucht wird, den anschreiben oder anrufen! Nachfragen!

Die frische zweifache Mama braucht ein Tragetuch oder eine Tragehilfe, Babykleidung. Und noch viel mehr. Ich war vorhin im Keller, da liegen viele Schätze, aber die liegen da zu gut.

Das für mich im Gespräch vorhin Erschütternste, weil Offentsichtlichste war: Sie sagte der Frau, sie solle mal hinaus gehen, da drinnen würde sie noch verrückt werden und sie antwortete, dass sie das gern tun würde, aber sie hat keine Jacke, sondern nur T- Shirts. Also fuhr meine Schwiegermama nach Hause und holte eine alte, aber intakte, saubere Jacke. Es schneite heute bei München das erste Mal.

Ich schrieb diesen Text an Weihnachten, mir kam er unrund vor und ich feilte solange daran herum bis ich nur noch unsicherer wurde, ich wollte kein Held der Schreibfeder sein aber loswerden was mich so bewegt hatte. Ich stelle das nun aus gegebenen Anlass doch online. So wie es ist.

Selbst Schuld!- Weihnachten mit sechs Kindern

Donnerstag, Dezember 25th, 2014

In der Nacht ist der Zweitkleinste nach Längerem zu uns ins Bett gewandert, was eine kuschelige Angelegenheit wird. Auch eine enge und gedrängte, zum Schlafen brauche ich eigentlich Platz und Luft, Emil leider nicht, der braucht dann nur seine Mama ganz nahe bei sich, wie Anton, so liege ich zwischen beiden und schütze den Einen vor dem Anderem.
Am Morgen ist der beste Vater meiner Kinder schnell Brötchen und Baguette einkaufen, mit Anton in der Trage, so darf ich versäumten Schlaf mal wieder nachholen.
Als er zurück kommt mit einer Tageszeitung mit dem Titel „So feiern wir mit unseren 12 Kindern“, zaubern wir zusammen ein kleines Frühstück. Noch gibt es Schonkost, aber das erste Kind darf wieder Milch und Marshmallowcreme, dazu gibt es etwas Ei, ansonsten unsere vielen Sorten Honig und Marmelade. Kein an für sich üppiges Festmahl, aber besser als das Frühstück des Tochterkindes. Das sitzt betrübt mit frischen Bauchschmerzen am Tisch und knabbert Salzstangen neben Kamillentee. Sie ist todunglücklich, verständlicherweise.
Der Erstklässler versprüht erneut seinen Ärger darüber, dass er schon wieder nichts aus dem !§$%& Adventskalender haben darf, will den Tisch auch schon ohne Brot, nur mit verdünntem Saft im Magen verlassen, als er gerade noch so zu überreden ist, sich wenigstens ein halbes Brötchen einzuverleiben, dann ist er fort. Wir räumen ab und die Kinder beginnen sich zu ärgern, irgendwo hin muss die blühende Energie ja, also richten sie diese gegeneinander.
Ben provoziert Tom unter anderem mit „Geschreit, geschreit“ und Tom ruft zurück „Das heißt: Geschrien! Geschrien!“ bis sie erneut um den Esstisch rennen und sich gegenseitig verfolgen oder versuchen zu entkommen, was ich bestimmt schon eine Million Mal verboten habe. Sirenengeheul. „Der Ben hat gesagt…“ Das ist wohl der Moment, in dem ich scherzhaft dem Mann verkünde, dass ich Weihnachten für gescheitert erkläre, da ist es nicht mal 11Uhr.
Mich überkommt ein kurzer Putzwunsch, ich räume Spielschrank und Schreibtisch auf, sauge und wische noch einmal den Bereich im Wohnzimmer, damit es nachher wenigstens hier schön ist, hole die Sterne aus dem Schrank, die die Kinder vom Nikolaus bekommen haben und biete den Kindern an, diese zu bemalen.

Ich gehe kurz duschen und flitze dann wieder runter, damit ich so wenig Zeit wie möglich mit den Kindern beim Basteln verpasse, setze mich dazu und bemale den sechsten Stern. Ich bin wieder begeistert wie unterschiedlich alle Arbeiten geworden waren und wie wenig die Kinder unter einander bei sich abgucken, sondern jeder seine eigenen Ideen verwirklicht. Es ist wohl der erste schönste Moment dieses Tages, es ist ruhig, jeder ist bei sich, ich bin verliebt in meine Kinder. „Damit wir dem Christkind oder dem Weihnachtsmann den Weg leuchten können.“
Anschliessend räumen wir zusammen auf und noch während ich Pinsel und Malkasten verräume, beginnt das Fragenkonzert: „Wann schmücken wir den Baum?!“– „Gleich.“ „Schmücken wir gleich den Baum?!“– „Ja.“ „Wann?!“– „Gleich. Erstmal aufräumen.“ „Seid ihr gleich fertig?“ „Ja.“ „Wann schmücken wir den Baum?!“

Endlich schmücken wir den Baum. Feierlich beginnt der Vater die Lichterketten um den Baum zu wickeln. Die Kinder hüpfen aufgeregt neben ihm auf und ab. „Wann dürfen wir den Baum schmücken?!“– „Gleich.“ „Dürfen wir gleich den Baum schmücken?“ „Ja. Wenn ich die Lichterkette angebracht habe.“ „Hast du gleich die Lichterkette angebracht?!“ „Ja.“ „Wann dürfen wir den Baum schmücken?!“ Und dann das Unvorstellbare: Die vorher kontrollierte Lichterkette Nummer 2 ist defekt. Der Vater kontrolliert im Baum alle Kerzen erneut. Nichts. Währenddessen: „Dürfen wir gleich den Baum schmücken?!“ Der Vater nimmt die Kette ab, „Ich fühle mich wie bei den Griswolds!“, die Kinder springen immer noch mit Baumschmuck in den Händen umher. Nichts. Es ist kurz vor 13Uhr, als der Vater mich mit den sechs Kindern allein lässt, um den Supermarkt aufzusuchen, in dem arme Menschen auf Idioten wie uns warten. „Wann kommt Papa wieder?“– „Gleich.“ „Kommt gleich der Papa wieder?!“– „Ja.“ „Wann können wir den Baum schmücken?!“– „Wenn Papa wieder zurück ist.“ „Kommt gleich der Papa wieder?!“– Ich greife zur Fernbedienung und schalte Das Erste ein, dort läuft mal wieder der Rest von „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“.

Als er endlich da ist, hängt er zwei neue und letzte käuflich zu erwerbende Lichterketten in den Baum. Nun zieren ihn drei verschiedene Lichtermodelle. Die Kinder beginnen endlich mit dem Schmücken und ich mache Fotos davon, alles woran wir uns möglicherweise Jahre später erinnern werden.

Wir wollen zusammen „Die Muppets- Weihnachtsgeschichte“ ansehen. Ich bereite einen Teller mit Plätzchen vor, habe aber vergessen Wasser für den Tee zu kochen, was ich gleich bereuen werde- Anfängerfehler! Im Wechsel kommen Kinder in die Küche: „Wann gibt es Kekse?“– „Gleich.“ „Gibt es gleich Kekse?“– „Ja. Wenn der Tee abgekühlt ist, der ist zu heiss.“ „Ist gleich der Tee fertig?“– „Ja.“ „MAMA! Ich hab Hunger! Wann gibt es Kekse?!“

Irgendwann leuchtet der Adventskranz, auf dem Sofatisch stehen Keksteller und Teetassen mit heissem Knusperhäuschentee („Komm die bringen uns sonst um!“, hatte er gesagt.), der Film läuft.

In der Zwischenzeit habe ich die Tomatensuppe abgesiebt, die ich kochte als der Mann Lichterketten jagen war. Da ich entstressen wollte und Zoe frisch krank ist, fällt die Kirche aus. Zu viele Erwartungen an die Kinder sich gut benehmen zu müssen… Fragend gucken wir uns Eltern an? Noch mal raus?! Doch ja, gute Idee. Die Kinder drehen noch mal richtig auf. „Wann kommt der Weihnachtsmann?!“– „Gleich.“ „Kommt gleich der Weihnachtsmann?“– „Ja. Aber noch ist es zu früh, wir gehen jetzt erstmal noch eine Runde raus.“ „Kommt der Weihnachtsmann, wenn wir raus gehen?!“– „Vielleicht.“ (Man schluckt den Satz: Gleich nicht mehr.) „Wann kommt der Weihnachtsmann?!“

Zwischendrin verkündet Mister Obercool alias Noah, dass er ja eh voll Bescheid weiss und daran nicht mehr glaubt. Die Mittleren kloppen sich derweil im Flur. Zoe versucht alles unter Kontrolle zu halten, was das alles auch nicht besser und schon gar nicht leiser macht. Ich hab schon jetzt keine Lust mehr, der Mann riecht das. Und trägt das Baby in der Trage entgegen vorheriger anderer Abmachung, also werde ich die Geschenke hinlegen, wenn alle draussen sind. Ich grummle. Tom ist ohne Mütze draussen, dafür hat er unseren Schlüssel. „Tom?“– Null Reaktion. „TOM?!“– Nichts. „TOM!!! Gib mir bitte unseren Schlüssel.“– Er setzt sich in Bewegung, kommt ganz nahe, bleibt stehen. „Gib mir den Schlüssel. Den brauchen wir.“ – „Ich werf ihn dir zu!“- „Nein!“– „Doch!“- „Nein, bitte nicht. Ich mag nicht mit dem Schlüssel beworfen werden.“ Er deutet den Wurf an, hält inne, ich halte nach wie vor meine Hand hin, er wirft nun doch sachte in meine Hand. Ich brodele. Scheisskack- Machtspiele. „Du brauchst noch eine Mütze.“– Das Kind hört mich nicht mehr. Ich fluche laut. Alle Kinder sind draussen. Ich bin so in Rage, frage mich wofür ich das alles überhaupt mache. Der Mann bildet wieder den perfekten Gegenpool zu mir und legt Plätzchen und Milch auf einem Teller an den Baum, auch Zoes Karte. „Meistens sind sie ganz toll! Jetzt sind sie grad aufgeregt. Aber das kannst du grad nicht sehen. Das ist okay.“ Ich gehe hoch, rupfte das Fenster auf und erinnere erneut das Kind an seine Mütze, es guckt nicht mal. Ich zeige der Luft meinen Mittelfinger, was die Tochter wohl gesehen hat. Ich gehe vor mich hinschimpfend und total besinnlich nach oben und hole die Geschenke aus dem Versteck. Der Mann verlässt das Haus und geht in Ruhe schon einmal vor. Ich drapiere die Geschenke unterm Baum, verstecke die Kekse, schütte die Milch weg, lese die Karte „Lieber Weihnachtsmann, danke für die Geschenke! Wenn es dich wirklich gibt, beantworte bitte Bens Fragen. Deine Zoe!“ (Schluchz! Aber jetzt bloß nicht vergessen wie sauer ich bin!), räume etwas auf, werfe meine Jacke über und die Tür hinter mir zu. Kühle nun draussen ab, denn es ist eisekalt und ich habe keine Mütze dabei.

Auf dem Spielplatz gehe ich mit dem Mann alles durch: eigene Erwartungen, Zufall, Kinder und Ideen… Mister Obercool alias immer noch Noah bewegt sich auf dünnem Eis: „War der Weihnachtsmann schon da?!“– „Nein.“ Er grinst überlegen. Ich grinse nicht. „Wenn ich meinen Quadcopter heute bekomme, kann ich dann nachher noch raus zum Fliegen?!“ – „Nein.“ – „Warum nicht?“ – „Weil du keinen bekommst.“ Ich grinse. „Woher willst du das wissen?!“– Er grinst, ich höre damit wieder auf.

„Geht das die nächsten Jahre so?!“, frage ich den Mann leicht verzweifelt. – „Nein, das hört wieder auf.“ Ich glaube, er lügt mich an. „Du wolltest so viele Kinder“, neckt er mich. Ich grinse. Und ziehe die Kapuze eng um meinen mützenlosen Kopf in dieser Kälte.

Wir laufen gemütlich eine Weile. Langsam dämmert es, wir sehen uns die Lichter der anderen an. Auf dem zweiten Spielplatz bleiben wir nicht lange, Emil mag gehen. Noah und ich wollen seine kleinen Hände wärmen und nehmen sie in unsere, irgendwann bilden wir eine Kette, jeder hält jemanden fest. Es wird immer dunkler, die Sonne ist fast unter gegangen. „Kommt, wir gucken in die Fenster, ob die anderen schon Geschenke unterm Baum haben, vielleicht war der Weihnachtsmann dann auch schon bei uns?“ Aber wir entdecken keine. Als wir langsam wieder in unsere Strasse einbiegen sage ich: „Oder er war zuerst bei uns?!“

Der beste Vater öffnet die Eingangs- und schliesst die Flurtür. Alle ziehen sich aus, waschen ihre Hände. Die Wangen glühen, die Augen sind riesengross aufgerissen. „Kannst du was sehen!?“„Ja! Ja! Da ist was!“ Emil weiss gar nicht was ihn erwartet, aber er darf ganz vorn stehen, noch stehen alle entgegen der Geburtsreihenfolge, damit jeder was sehen kann und die Augen leuchten, als wir das Wohnzimmer betreten. Vom Sofa an wird gerannt. Alle beugen sich über die Geschenke, ein erstes Sortieren und ich erinnere noch einmal an die Regel: „Einer nach dem andern packt aus. Immer nur ein Geschenk. Zoe darf anfangen, weil sie die Gebeutelste ist heute.“ Jeder nimmt sich also ein Geschenk und wartet gespannt. So geht es reihrum, ich kann mit Glück jedem Gesichtsausdruck beim Auspacken sehen und mit der Kamera festhalten. Dann wird gespielt.

Wir denken den Tisch, aber Ben kommt nicht. Zoe ist traurig, weil sie keine Käsebrote zur Tomatensuppe essen darf, Noah freut sich über genau die, Tom mag wieder nichts essen und gleich wieder weiter spielen. Also essen wir etwas zerrissen unsere Schonkost.

Nach dem Duschen, Zähneputzen und ins Pyjamaschlüpfen, bleiben die Jungs oben im Spiel und ich gehe mit Zoe runter, denn eigentlich wollten wir „Kevin- Allein zu Haus“ sehen. Nach einer Dreiviertelstunde kommen auch die Jungs dazu, aber laufen eher umher, suchen und fragen nach Ersatzteilen, es ist wuselig. Als endlich alle im Bett sind, bleib ich mit dem Dauerstillbaby erschlagen von Allem auf dem Sofa und wir Eltern raffen uns auf zu einem letzten Film heute: „Die Geister, die ich rief…“ (und morgen gucken wir auf jeden Fall den „Grinch“.)

Gespräche im Bad an Heilig Abend

Mittwoch, Dezember 24th, 2014

Ben steht auf der Bank im Badezimmer: „Mama?! Warum hast du ein Loch unter der Lippe?!“
Ich, in Erinnerung schwelgend: „Da hatte ich mal ein Piercing.“
Ben, voll bei der Sache, leicht besorgt: „Muss man so was machen lassen?“
Ich, (die das unbedingt noch kurz vor der Hochzeit machen lassen musste 2004, obwohl das alle total bekloppt fanden, aber es war ein letzter Akt der Revolution vor Eintritt in die Ehe): „Nein, man kann. Wenn man 18 ist kann mal all so was selbst entscheiden.“
Ben, wieder voll dabei: „Wie macht man das?“
Ich, mit Botschaft: „Mit einer Nadel sticht man durch die Unterlippe. Das tut echt weh.“
Ben: „Uah! Ich lass so was nie machen!“

Okay, Kind! Ich nehme dich beim Wort! Und das ausgerechnet von dir, Kamikazekind!

Mach mal „Ah!“

Sonntag, Dezember 21st, 2014

Diese Woche stand im Zeichen der Zahngesundheit.

Ich hatte am Dienstag meinen hoffentlich letzten Termin bei meiner Zahnärztin, theoretisch bis zur nächsten Vorsorge in sechs Monaten, aber mir schwant da etwas.

Ich entdeckte Antons erste Zahnecke am Mittwoch, mit nicht mal fünf Monaten. Seit Donnerstag putzen wir nun auch ihm seinen „Zahn“- sehr besonders! :)

Und Tom hat in dieser Woche erst am Donnerstag, dann am Freitag seine beiden oberen Schneidezähne verloren, jetzt ziert ihn eine entzückende große Zahnlücke.

Wenn aus großer Veränderung, große Liebe wird…

Mittwoch, Dezember 17th, 2014

Als Anton geboren war, wurde Emils ganzes Leben neu geordnet. Ihn jetzt zu erleben, wie viel Liebe er seinem Bruder entgegen bringt, wie viel Fürsorge und Zärtlichkeit… ist unbeschreiblich schön.

Heute im Wasser, als Anton im Kinderbecken in seinem Schwimmreifen nur etwas abgetrieb und für einen Moment unglücklich war, rief der zweieinhalb Jährige selbst Nicht- Schwimmer in Schwimmflügeln im zu: „Anton! Warte! Ich rette dich!“

-Herzübersprudel-

Lähmendes Loslassen

Mittwoch, Dezember 17th, 2014

Vieles was mir in den letzten Jahren auf dem Weg hier her in meinem Leben begegnet ist, was ich erlebt habe, hat nur dazu geführt, dass ich oft Angst habe. Angst um meinen liebsten Menschen, meine Kinder, mein eigenes Leben, vor Krankheit und Verlust. Aber nicht nur das, ich zerdenke zu vieles, bevor es überhaupt passiert ist oder bin oft erschlagen von Kleinigkeiten, die sich zugebener Maßen in diesem Jahr gehäuft haben.

Immer wenn ich diesen Kreislauf durch breche, freue ich mich. Drei kleine Kinder hatte ich heute Nachmittag und ich wollte so gern Zeit mit ihnen verbringen, es genießen. Schwimmen? Oder Plätzchen backen? Auf jeden Fall raus aus diesem Kreislauf des Funktionierens, des Vorweihnachtsstress. Aber ich hatte auch Angst. Angst Anton könnte im Wasser weinen, während ich nicht weiß wohin ich zuerst Greifen oder Schauen soll. Auf der anderen Seite: Was könnte schon passieren? Dann müssten wir eben Heim fahren. Natürlich war Emil den weiten Weg heute von der Altstadt nach Hause gelaufen und er würde nachher nicht wacher sein, sogar sehr viel müder nach dem Wasser. Aber was sonst? Putzen? Während die Kinder wieder für sich sind? Nein. Ich wollte es wagen.

Ich wollte das so sehr! Also sprang ich wortwörtlich ins kalte Wasser und bereute es nicht. Ich hatte so viel Glück heute, so eine schöne Zeit mit den drei Kleinen und im Anschluss war ich wacher, mehr bei mir und so viel glücklicher. Weil ich es gewagt habe…

Gegen verpasste Chancen und entgangene schöne Momente- für mehr ausprobieren, mutig sein, loslassen… Da sind so viele Vorsätze fürs neue Jahr…

Von freien Radikalen

Freitag, Dezember 12th, 2014

Letzte Woche Freitag, nach beinahe zwei Wochen Kranksein von uns Eltern, veränderte sich mein Leben von Grund auf: Emil stieg nicht mehr in den Kinderwagen.

Eigentlich dachte ich schon länger, dass es Zeit wäre. Das Kleinkind sendete eindeutige Signale des Nichtgefallens. Und vor drei Jahren, als ich mit Emil schwanger wurde und der Kinderwagen ein zweites Mal in meinem Leben in meinem Bauch gelandet war, in Folge dessen auch ein Hämatom, landete der Kinderwagen unverzüglich auf dem Abstellgleis und Ben musste fortan mit seinen zwei Jahren und zwei Monaten jede Strecke laufen. Emil ist nun sogar drei Monate älter, es war so schrecklich bequem ihn dort hinein zu setzen und lange Strecken zu laufen tat mir so gut. Die Zeiten sind vorbei. Nichts mehr mit Kopf durch pusten lassen. Er möchte laufen, alles alleine machen: „Nein, ich mach das!“

Bereits beim Loskommen ist die Sache total aufregend. Mein Herzschlag vervielfacht sich bis wir überhaupt dazu kommen uns mit der Welt da draussen auseinander zu setzen. Ich plane also extra viel Zeit ein und versuche das Anziehen mit Schneehose, Strickjacke, Jacke, Schal, Mütze, Socken und Winterstiefeln so schmackhaft wie möglich zu machen. Nebenher weint oder motzelt das Baby, das lieber jetzt als gleich in die Trage möchte oder sich darin sitzend befindet, dass ihm zu diesem Zeitpunkt viel zu wenig Aktivität geboten wird- Stichwort laufen und schuckeln, obwohl es mir längst viel zu viel Betriebsamkeit ist- und ich sollte mich zudem ebenfalls anziehen, weil es draussen echt kalt ist. Zwischendurch denke ich an andere Mütter, die drei Kleinkinder anziehen müssen oder erinnere mich an früher, als zum Beispiel die „grossen“ Babygeschwister 1 1/2 Jahre alt waren, jedoch saßen diese nach dem Ankleiden wenigstens im Kinderwagen.

In einem letztem Aufbegehren probiert Emil das Ganze noch auf die Oma abzuwälzen, soll die doch bittedanke Ben vom Kindergarten abholen und ausserdem: „Bus fahren dürfen wir heute leider nicht!“

Kaum sind wir aus der Tür, versuchen wir die Haltestelle anzupeilen, nicht die Grünflächen mit Hundekot oder wenigstens Dinge rasch von der Strasse aufzulesen, nicht versunken minutenlang zu betrachten, denn unsere Zeit ist trotz eines Sicherheitspolsters durch geplant. Der Bus fährt in die Altstadt, da angekommen müssen wir zum KiGa laufen und dann mit zwei Bussen heimwärts, um von dort retour zur Haltestelle zu flitzen, an der die Schulkinder ankommen.

Was so kurz geschrieben ist, ist in Wahrheit ein lustiges Ringelrein mit frei laufendem Zweijährigen um die Bushaltestelle herum und dem Versuch ihn von der Strasse fern zu halten. Minuten können einem da als Mutter schon einmal wie Stunden vorkommen. Bei Einfahrt des sehnlichst erwarteten Objekts versuchen möglichst zügig in eben dieses Einsteigen. Das Kind abhalten den Knopf zu drücken und zeitgleich mental darauf vorbereiten, dass wir gleich wieder aussteigen, um den Bruder abholen. Nicht unerwähnt bleiben darf, dass wir hinten und nicht vorn aussteigen werden, denn das war heute Knackpunkt Nr. 1. Also trug ich neben neun Kilo Baby, zwölf bis dreizehn Kilo Kleinkind aus dem Bus. Darüber hinaus nächstes Abenteuer: Einkaufen. Der Lieblingsschwägerin gerade erzählt das ginge zur Zeit nicht, musste heute gehen und klappte super, weil Emil mit Milchtragen voll in den Einkauf integriert war. Somit umschifften wir den schlafenden Weihnachtsmarkt, den wir tags zuvor auf dem Weg zum Kindergarten genauestens inspiziert hatten. Am gestrigen Tage noch etwas anderes gelernt, wir müssen nicht unten, sondern oben den Berg runter gehen- sonst unversöhnliches das Weitergehen verweigerndes Kleinkind und erreichten so knapp rechtzeitig erst den Kindergarten und wenig später die Bushaltestelle direkt davor. Aufs Neue das Kind mental auf den Einstieg ins rollende Gefährt vorbereiten, dabei hilft manchmal Gummigetier, manchmal nichts. Abermals das Knöpfchen drücken und zweiter Ausstieg unserer Reise. Glück gehabt, hat gar nicht so lange gedauert. Angespanntes Warten auf einen knapp folgendem Anschlussbus. Den zwei laufenden Kindern wird natürlich trotzdem spontan langweilig und fad, sie schwärmen aus. Das dritte Kind schlummert derweil in der Trage oder schaut sich das alles sehr interessiert an, die Mutter stromert inzwischen nervös zwischen Bordsteinkante und Kindern an Schaufenstern. Plötzlich kommt Bewegung ins Geschehen, die Mutter hüpft aufgeregt auf und ab: „Der Bus kommt! Der Bus kommt!“ Die Kinder setzen sich schnell oder langsam in Bewegung und Muttern zieht das grössere Kind nur ein kleines Stück von der Strasse weg, während der Bus einfährt. Beide Steigen ein, manchmal Emil etwas zögerlich, der Busfahrer guckt vielleicht schon genervt. Puh. Endspurt. Das Kleinkind hat sich die Plätze hinter dem Fahrer ausgesucht. Soweit so gut, bis der Mutter auffällt, dass es versucht sich auf den Platz zum Gang hinzusetzen was es ihr unmöglich macht ebenfalls mit Baby Platz zu nehmen, also spricht sie mit Engelszungen aufs Kind ein, bis „Kling“, der grosse Bruder hat zuerst gedrückt, hoffentlich hat es der kleine nicht gemerkt, wir wieder aussteigen müssenkönnendürfen. Was grad ganz unpassend ist, weil das Kleinkind jetzt den Sitz erobert hat. Der nette Busfahrer öffnet uns sogar dir vordere Tür, nicht einmal das hilft, Emil mag augenblicklich nicht aussteigen. Also trägt die Mutter wiederholt Baby und Kleinkind behutsam und vorsichtig, dennoch weit genug von der Fahrbahn aus dem Bus. Auftritt: Gummibärchen. Wir können nach Hause gehen, können wir? Ja, allerdings ausschließlich rückwärts. Zu Hause angekommen ziehen wir alles bis aufs Baby aus, decken den Tisch, bereiten das Mittagessen vor, nur um uns 15 Minuten später erneut anzuziehen. Der Schulbus müsste gleich da sein, aber da: ein Blatt auf dem Boden und dort: ein Vogel. Endlich geht es an der Hand weiter, über die grosse Strasse und da fährt der Bus ein. Drei meiner Kinder steigen neben den anderen aus, wie erfreulich und zurück geht es über die Strasse heimwärts. Unverhofft wirft sich Emil auf den letzten Metern bodenwärts. Nein, er mag nicht mehr. Ich auch nicht, doch der Hunger siegt und bringt uns samt unseres kleinen Wettrennens ins Haus.

Es ist kurz nach 13Uhr, ich habe wirklich alle Kinder eingesammelt, bin total müde, jedoch wandere ich statt in mein kuscheliges Bett an den Herd und vollende das Mittagessen…

Geburtstrauma, unter anderem

Freitag, Dezember 5th, 2014

Es kommt in Wellen. Ich dachte, es würde reichen, dass ich schon einmal über die Geburt geschrieben habe. Alle Worte, die ich gehabt hatte waren darin eingeflossen, was hätte es noch zu erzählen gegeben?
Alle hatten mir einmal virtuell über den Kopf gestreichelt, mit mir gelitten, nun müsse es doch gut sein. Doch nichts war gut, schlecht aber auch nicht. Ich fühlte nur alles durch einen Nebel, den ich ignorierte. Ich gab mir Mühe, denn es war ja gut. Und ich hatte doch dieses wundervolle sechste Kind geschenkt bekommen, warum blieb mein Herz so schwer?

Eigentlich ist alles schief gelaufen, was schief gehen konnte. Mit meiner Vorgeschichte von drei Fehlgeburten brachte ich schon mehr Sorge und Furcht in die Schwangerschaft als gut war, die zudem geschürt wurde. Mehrmals. Dazu körperliche Beschwerden mit denen man mich allein liess, von den seelischen ganz zu schweigen. Ich bin dann unter der Geburt an die furchtbarste Hebamme und den widerlichsten Anästhesisten geraten und hab dann im Wochenbett ein zweites Mal das Vertrauen in meinen Körper verloren und musste dann die Verantwortung komplett auch schon an meine Zahnärztin abgeben, zu denen sich nun eine wirkliche Vielzahl von anderen Ärzten der Zahnheilkunde und verschiedener Fachrichtungen gesellt haben, die ich nicht so oft, so erfolglos und in so kurzer Zeit kennen lernen wollte.
Irgendwo da drinnen hab ich mich wohl verloren. In einem der Wartezimmer sitze ich vielleicht noch und muss abgeholt werden, so ähnlich wie in Paulo Coelhos Geschichte in der Wüste.

Vielleicht muss mein Körper wirklich nur auf meine Seele warten. Vielleicht brauche ich nur Zeit. Aber ich habe keine. Es geht nur weiter und weiter… Mittlerweile reagiere ich panisch auf Schmerzen, ich bin jetzt so darauf konditioniert, sofort ist da Unruhe, Panik und Grausen „Nein, nicht schon wieder zum Arzt, bitte!“, noch funktioniert meine Selbstregulation und ich kann mich nach ein paar Minuten des Sackenlassens beruhigen, erst einmal- es bleibt die vielleicht irrationale Angst mein Körper könne einfach Stück für Stück weiter auseinander fallen.

Ich kann mich nicht erinnern, was genau mich zu diesem Wort „Trauma“ trieb, ob es meine letzten Fiebertage waren, die mir im Bett allein zuviel Zeit ließen meinen Gefühlen nachzuspüren, die Roses Revolution, die mich über mein nicht Verarbeitenkönnen der Erinnerungen stolpern ließ oder diese nicht enden wollenden Schmerzen, Arzttermine seit über vier Monaten, weil mein Körper mir vielleicht doch irgendetwas sagen will, was ich nicht so genau hören will?
Meine Kraft ist verbraucht. Wenn ich Fotos ansehe von Emil und mir, als er grad frisch geschlüpft war, wirkt alles scheinbar soviel leichter. Es gibt so viele Bilder auf denen ich lächle, glücklich aussehe. Wenn ich Anton ansehe, unsere anderen Kinder, meinen Mann, dann ist da Liebe und Freude, auch ein Nebel wie ein Schleier, wie ein großes Aber.
Egal wie viele Schritte ich gehe, egal in welche Richtung, egal wie oft ich mir ins Gedächtnis rufe, dass der Ausgang der Geburt brilliant ist, ich lande immer bei der selben Szene und meinen Emotionen.

Wenn ich an die Geburt von Anton denke kommen mir die Tränen, immer nur kann ich an das Legen der PDA denken, an diese Hebamme, die meine Bitte um Hilfe ignorierte, mich nicht anfassen wollte, so dass ich einmal fast vom Bett gefallen wäre, der Anästhesist, der von „roter Soße“ sprach, die den Hocker runter läuft, daran denke ich, wenn ich an die Geburt unseres Kindes denke. Und deswegen fühle ich mich sogar schuldig, weil ich es nicht positiver verbinden kann. Natürlich bin wie jede Mutter dankbar, dass mein Kind gesund ist und ja auch (denn das war einer meiner Befürchtungen) mir erneut nichts geschehen ist, aber das allein reicht nicht. Es ist einfach nicht egal wie ein Kind auf die Welt kommt und es war traumatisch, furchtbar, entwürdigend. Ich fühlte mich in dieser sensiblen und so unglaublich wichtigen Zeit solchen Menschen hilflos ausgesetzt, so hab ich meine sechste Geburt empfunden.
Da sind Vorwürfe, die ich mir mache: „Hättest du bloß keine PDA gewollt. Warum hast du Lusche es nicht dieses Mal auch ohne geschafft? Wieso?! Dann gäbe es diese Szene gar nicht erst!“ Die leise, piepsige Stimme im Kopf antwortet: „Mit einer anderen Hebamme hättest du dich nicht so allein gelassen gefühlt, so übergangen, so wenig ernst genommen. Mit einer guten Hebamme an deiner Seite hättest du keine PDA gewollt.“ Ich habe diese gute Geburt so sehr gebraucht.

Ich hatte keine Geburtsvorbereitung und keine Rückbildung und dazwischen eine fürchterliche Geburt, manchmal fühlt es sich an, als wäre ich nie wirklich schwanger gewesen, als könnte ich mich auch irren, dass fühlt sich furchtbar an, da ist soviel Leere in mir, als würde etwas fehlen.
Mein Körper versagte ja dann ein zweites Mal im Wochenbett und zusätzlich musste ich mich selbst trotz diesen Sorgen rausreißen um meine Zahnschmerzen anzugehen, was sich zieht bis hier her. Monate nun. So viel Zeit!

Was die Geburt mit mir gemacht hat ist mich zu verunsichern. Egal was ich auch tue, ich finde dauerhaft meine Mitte nicht. Dabei gebe ich mir Mühe und dann läßt mich etwas Neues straucheln. Vieles, was mich erdete, mich ausmachte, steht da hinten an. Schwimmen war ich das letzte Mal vor Antons Geburt und ein Mal danach, davor Monate nicht. Ich bräuchte es so sehr, doch immer, wenn ich denke: „Jetzt!“, kommt das nächste Arztgespann. Dazu natürlich viele verpasste Gelegenheiten Freundinnen zu treffen und sich da die Seele aufzufüllen, ich hatte wenig Zeit und Konzentration zu lesen und in den letzten Tagen konnte ich nicht einmal mehr Stricken, was mir gut getan hatte bis hierher und nun steuern wir auf Weihnachten zu. Eine Zeit, in der der Fokus dann gern auch wieder auf den Vorbereitungen ruht.

Nach unseren Verlusten war ich ein unheimlich auf Sicherheit bedachter Mensch. Mich faszinierten zwar Hausgeburten so sehr, ohne die Kinder hier daheim, wäre das ein großer Wunsch gewesen, einfach nach der Geburt sein wo man hingehört: zu Hause, aber ich ordnete diesen Wunsch immer meinem Sicherheitsbedürfnis unter. Im Krankenhaus keine fünf Minuten von uns gab es Hebammen, Ärzte und einen Kreisssaal mit OP. Ich brauchte das. Zudem waren da alle Söhne geboren. Wenn ich dort hoch sah, trotz der Erfahrungen mit Noah blieb da dieses selige Lächeln, wenn ich vorbei fuhr, war der Wunsch immer so groß: noch einmal schwanger werden, noch einmal dort gebären. Außerdem klammerte ich mich leider an bestimmte Abläufe in der Schwangerschaft und ich konnte es nicht früher jemanden sagen, nicht einmal einer Hebamme, die für mich da gewesen wäre, zu groß war die Angst etwas damit herauf zu beschwören, wenn ich mich um die Geburt kümmere, die so weit weg schien wie eine lange Reise.
Schwangersein war wie eine Art nicht enden wollender Marathon, ich hatte nur das Ziel vor Augen: mein Baby. Auf dem Weg dahin, hab ich mir den Blick genommen für verschiedene Bedürfnisse. Wieder Vorwürfe: „Wieso hast du dir nicht auch ein HypnoBirthing- Buch besorgt?!“, „Wieso hast du dich darauf verlassen, dass schon wieder im richtigen Moment, die richtige Hebamme da sein würde?!“- Das Traurige ist, ganz am Ende war die Richtige da.

Heute also bin ich an einem Punkt angelangt, an dem ich nie wieder dort ein Kind bekommen möchte, würde vieles anders machen und ein paar mehr Risiken eingehen, um mein Innerstes zu schützen, weil ich weiß wie wichtig ein guter Start ist. Und suche noch nach einem Weg oder einem Ritual, meiner Seele wieder ein bißchen näher zu kommen.

Rose

Ich habe mehrere Tage immer wieder irgendwo Zeilen aufgeschrieben und gebastelt um sie in einen Zusammenhang zu bringen, weil ich das Gefühl hatte, mein Herz würde erst dann ruhiger schlagen können, wenn ich meine Emotionen wirklich in Worte fassen konnte.