Helfende Hände

Bisher hat mich in meinem Menschsein das Thema „Asylbewerber“ nur dahin gehend beschäftigt, ob jemand ein Problem mit Asylsuchenden hatte. Das verurteilte ich, schließlich seien die Menschen auf der Flucht, sie brauchen Hilfe. Auch ich könnte mal Hilfe brauchen und dann möchte ich auch welche bekommen. Das war mein Beitrag zu dem Ganzen. Bis jetzt.

Jetzt hat in dem Vorort von München, in dem meine Schwiegereltern wohnen, ein neues Heim für Asylsuchende geöffnet. Sofort trat man an meine Schwiegermama heran, ob sie als Hebamme nicht Zeit hätte sich um zwei Bewohnerinnen zu kümmern. Sie hat zwar alle Hände voll zu tun, aber sie liebt was sie tut und packt gern mit an. Sie besuchte die Frauen dort und es bot sich kein schönes Bild. Viele Nationen und Mentalitäten befinden sich zufällig unter einem Dach. Es ist kompliziert. Den Bewohnern bleibt erstmal nur das Nötigste, ein karger Raum mit Betten und einem Schrank. Es gibt keine Gardinen, keine Spielteppiche für die Kinder wegen dem Brandschutz. Die frisch gebackene Mama hat zudem einen kleinen Sohn, der nicht einmal zwei Jahre alt ist und während der Tage im Krankenhaus nach dem Kaiserschnitt bei seiner Mutter in eine Pflegefamilie kam. Nicht einmal Windeln für das Kleinkind hab es die ersten Tage nach der Rückkehr aus dem Krankenhaus mit neuem Baby. Das Kind pieselte ein, die Mutter schimpfte überfordert, griff ihr Kind hart an. Beide beherbergten Frauen, die nun in Hebammenbetreuung sind, sprechen kein Deutsch. Beide Frauen kümmern sich jetzt über die Feiertage und zwischen den Jahren, in denen die Bürokratie Urlaub hat, noch um ein weiteres Kind. Das zur Zeit auf fünf Jahre geschätzt wird, meine Schwiegermama schätzt es jedoch älter ein. Es ist allein hier, hat niemanden, keiner versteht zur Zeit, was sie sagt. Meine Schwiegermama brachte ihr ein Puzzle mit und versuchte zu erklären, dass sie ihr zeigen würde, wie es geht. Sie drehte es um und wollte loslegen, da weinte das Mädchen bitterlich, weil es dachte, das schöne Bild sei kaputt. Nach einigen Anläufen und Zeigen verstand sie das Prinzip und puzzelte wie ein Weltmeister.

Meine Schwiegermama brachte noch etwas mehr Spielzeug, Dinge die noch bespielbar sind von ihren Kindern und ihren Enkeln. Aber es bleiben immer die Fragen: Was ist zuviel? Was wird wirklich gebraucht?
Es wird Fingerspitzengefühl benötigt, die wenigsten sind gern nobler Gönner, aber ist das ein guter Grund gar nichts zu tun? Es ist ein Drahtseilakt. Es ist kompliziert. Vielleicht auch eine philosophische Frage: Tue ich Gutes auch, weil ich mich dann gut fühle?!

Manchmal tun wir gern nichts. Weil wir vielleicht auch hier genug arme Kinder haben. Oder wir unterstützen andere Projekte. Wir können nicht überall sein. Das kann niemand. Manchmal sagen wir, wir haben ja auch nicht viel. Aber stimmt das? Wenn wir in uns gehen?

Was sind wir bereit zu geben? Eine Frau aus dem Vorort der Stadt brachte einen Kinderwagen, alt und klapperig. Dreckig sogar. Sie fuhr damit ihren Hund spazieren, das Gefährt war voller Hundehaare. In den Seitentaschen steckten noch Hundeknochen. Muss sowas sein? Ist das wirklich eine gute Tat? Würden wir so etwas annehmen? Eine Wickelunterlage aus Stoff- ungewaschen mit Babypups drauf. Ist das Hilfe? Wissen Sie was meine Schwiegermama gemacht hat? Alles gewaschen und einfach unsere Wickelauflage von dort mitgegeben, denn die paar Mal, die wir kommen, reicht eine Decke und recht hat sie!

Eine andere Familie sortierte Spielzeug aus. Super! Gemeinsam wollten sie mit dem spendenden Kind dort hin pilgern, um „dem Kind mal zu zeigen wie gut es das zu Hause hat.“ Wie vermessen ist das? Dort Leben Menschen in Not! Das ist doch kein Zoo!

Meine Schwiegermama appellierte an diese Leute, sagte ihnen sie sollen dort anrufen und fragen, wann sie Dinge abgeben können. Was wirklich gebraucht wird. Jeder Hilfesuchende hat dort einen Paten aus dem Ort, der weiß was gebraucht wird, den anschreiben oder anrufen! Nachfragen!

Die frische zweifache Mama braucht ein Tragetuch oder eine Tragehilfe, Babykleidung. Und noch viel mehr. Ich war vorhin im Keller, da liegen viele Schätze, aber die liegen da zu gut.

Das für mich im Gespräch vorhin Erschütternste, weil Offentsichtlichste war: Sie sagte der Frau, sie solle mal hinaus gehen, da drinnen würde sie noch verrückt werden und sie antwortete, dass sie das gern tun würde, aber sie hat keine Jacke, sondern nur T- Shirts. Also fuhr meine Schwiegermama nach Hause und holte eine alte, aber intakte, saubere Jacke. Es schneite heute bei München das erste Mal.

Ich schrieb diesen Text an Weihnachten, mir kam er unrund vor und ich feilte solange daran herum bis ich nur noch unsicherer wurde, ich wollte kein Held der Schreibfeder sein aber loswerden was mich so bewegt hatte. Ich stelle das nun aus gegebenen Anlass doch online. So wie es ist.

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