Gebündelt

Gestern bekam ich von einer Lehrkraft eine Mail, es würden kaum noch Hausaufgaben bei dieser ankommen und das Kind wäre auch im Unterricht eher abwesend, also wurden wir Eltern informiert und auch gefragt, ob es Probleme gäbe oder Gesprächsbedarf.
Mein großes Glück war, dass ich beim Ankommen der Email nicht im üblichen Wochenstress war. Anton schlief und im Haus war es still, denn alle anderen waren unterwegs, vor allem das Kind, um das es ging. So war ich allein mit meinen Gedanken.
Mir rauschte soviel durch den Kopf. Ich beantwortete erstmal die Nachricht der Lehrkraft und wartete auf die Rückkehr vom besten Ehemann. Mit dem teilte ich die Neuigkeiten und spürte Ärger in mir hoch kriechen. Ich war enttäuscht vom Kind, wegen dem Schwindeln, fragte mich wie schlimm es wohl schon wäre oder ob man uns zügig Bescheid gegeben hatte, obs wirklich erst jetzt so akut sei und war auch überfordert, weil ich mich an die letzten Grabenkämpfe um die Hausaufgabenkontrolle erinnerte mit demselben Kind.
Ich sendete einen Tweet ab, um das Ganze doch noch mit ein wenig Humor zu nehmen, denn zu oft kommen einem Dinge in dem Moment größer und unüberwindbarer vor, als sie in Wirklichkeit und mit ein bißchen Abstand tatsächlich sind.

Leider waren wir an diesem Punkt schon einmal. Als die Hausaufgabenzeiten immer kürzer wurden und ein Blick in die Schultasche all die Bündel offenbarte, mit Start- Daten von laaange her. Zusammen hatten wir uns damals alles zurück erobert, immer mehr Arbeit täglich bewältigt als andere Mitschüler, um wieder aufzuholen, auch in den Ferien, was gar nicht schön war. Vor allem nicht immer entspannt. Im letzten Gespräch mit der Lehrkraft hatte ich erwähnt, dass das Kind das Zepter über seine Hausaufgaben zurück haben möchte und das ich dem nachgeben, mir das anschauen werde. Vielleicht hätte ich klarer formulieren sollen, dass man mich sofort informieren sollte, wenn wieder Unregelmässigkeiten auftreten würden.

Ich räumte also gestern erstmal in der Abwesenheit des Kindes das Zimmer auf, um klare Linien zu schaffen, wenig was ablenkt. Das dauerte nicht lange, weil wir da eh regelmässig drauf schauen, dann nahm ich die Schultasche zur Hand, die aufgeräumt war. Ich nahm die Mappe in die Hände, auf der Suche nach den fehlenden Bündeln, die erwähnt worden waren. Und fand diese und ein paar andere Blätter mit Datum jenseits der Schmerzgrenze. Darunter ein Bündel von September, Arbeitsblätter mit Weihnachtsthema. Ich legte mir alles ordentlich auf den Schreibtisch, damit ich das Kind befragen konnte, weil ich natürlich keine Ahnung hatte, ob es das noch erledigen muss oder nicht. Dann fand ich eine kleine Mitteilung vom 19.01. mit der Bitte um Kenntnisnahme, es würden Hausaufgaben fehlen, die ich nicht sofort einer Lehrkraft zuordnen konnte. Alles auf dem Schreibtisch hatte nun seinen Platz, ich wartete quasi nur aufs Kind. Der Mann hatte in der Zwischenzeit Staub gewischt und nun ging ich schwimmen, weil grad ein gutes Zeitfenster dafür war.

Unterwegs dahin fragte ich mich, ob ich zu verständnisvoll gewesen war, wenn das Kind mich so vehement raus geschoben hatte, nein alles wäre in bester Ordnung, es hätte alles im Griff. Meist war das Kind richtig genervt und ärgerlich gewesen. Es hatte sich das erarbeitet, das Vertrauen. Hätte ich strenger sein sollen? Das ist so schwierig, die Balance zu halten dachte ich, wenn zwei andere Kinder solche Selbstläufer sind, die nur kommen, wenn sie wirklich Fragen haben. Beim Schwimmen traf ich eine liebe Freundin und wir tauschten uns kurz aus. Ich dachte jetzt mehr und mehr daran, wie ich das mit dem Kind nachher klären sollte…

Zu Hause zurück begann ich zu Kochen und dann kamen die drei Großen auch schon Heim von ihrem Ausflug mit ihrer lieben Tante. Ich war leider abgelenkt und bekam nicht mit, dass das Kind in seinem Zimmer verschwand. Als ich mich schnell meiner Aufgaben entledigt hatte, ging ich hoch, noch einmal atmete ich tief durch bevor ich die Tür hinter mir schloss. Dann der erste Ochnee- Moment: Alle Blätter, die ich fein säuberlich auf dem Schreibtisch aufgereiht hatte, waren wieder in den Schulranzen eingepackt worden. Atmen. Ein Griff in die Tasche und ohne allzu großen aufkeimenden Ärger, drapierte ich alles wieder hin. Mir half der Gedanke von Wagnerwahn, dass das Kind schon so genug gestraft wäre, weil es aufgeflogen sei, also hatte ich mich dazu entschlossen dem Kind mein Handy zu geben, die Mail lesen zu lassen. Das Kind sah etwas geschockt aus und guckte mich mit großen Kulleraugen an. Ich fragte, ob es etwas sagen wolle. Nein, wollte es nicht. In meinem Kopf drehte sich alles: „Was mach ich jetzt bloß? Was sag ich? Hilfe! Wo ist mein Souffleur?“ Also sagte ich ruhig, dass ich enttäuscht wäre, weil wir doch an dem Punkt schon einmal gewesen waren und fragte, was da los wäre? Jetzt kamen die Tränen: Es wäre alles zuviel und schrecklich kompliziert. Ich dachte mir nur, vermutlich hat das Kind sich da in eine doofe Geschichte manövriert aus der es selbst nicht mehr heraus kam ohne Hilfe, hatte versucht alles zu vertuschen, was nicht geglückt war.
Ich fragte, was es auf sich habe mit dem Satz der Lehrkraft, es wäre laut Aussage des Kindes zu Hause zu lärmend um Schularbeiten zu machen, obwohl wir nach dem Mittagessen eine Hausaufgabenzeit haben und das Kind ein Zimmer für sich allein dafür hat. Das Kind, muss man leider sagen, lässt sich doch oft gern ablenken, es störe wohl manchmal sogar die Toilettenspülung, dagegen gibt es testweise nun Kopfhörer, die es sich vorerst vom Bruder ausleiht.

Wir setzen uns also an die ganzen Papiere und es kristallisierte sich auch heraus, dass die Aufgaben ja auch doof wären so manchmal. Ich kann nur annehmen, dass das Kind angefangen haben wird doofe Aufgaben einfach nicht zu machen und schwupps, wuchs ein Berg. Ich machte dem Kind Mut und sagte, dass würden wir schon zusammen schaffen und konzentrierte mich auch allein auf den Schulkram, denn ich war auch enttäuscht, weil genau dieses Kind momentan immerzu seine Unabhängigkeit einfordert, hier und dort hin will, allein. Nein, wir blieben im Hier und Jetzt, ich stellte meine Fragen. Die Weihnachtsblätter sollten in den Ferien gemacht werden, was schwer war, weil das Kind krank war, nacharbeiten, war da nicht in den Sinn gekommen. So sortierten wir aus und leerten den Schreibtisch Schritt für Schritt. Ich erklärte, dass ich jetzt wieder hinterher wäre mit dem Kontrollieren und dass ich kein Gemotze darüber hören will, dass das nervt. Ich fragte von wem die Mitteilung an uns wäre und warum das Kind diese nicht gezeigt hatte, natürlich aus Angst vor Schimpfen. Ich sagte liebevoll: „Und hab ich jetzt geschimpft?!“ Das Kind schüttelte mit dem Kopf und umarmte mich erleichtert. Wir arbeiten ein paar Blätter ab und kamen doch zu einem guten Punkt für diesen ersten Tag. Nach den Arbeiten sprachen wir noch einmal über die kommende Zeit, das Aufholen und meine Präsenz, das Kind äußerte aber schon jetzt wieder den Wunsch, es später(!) doch noch einmal Probieren, die Hausaufgaben allein machen zu dürfen…

Im Endeffekt bin ich dankbar für den Zeitpunkt der Nachricht. Es war Wochenende, ich war entspannt, ich hatte Zeit weil das Kind nicht da war, weil mein Partner an meiner Seite war für ein Gespräch und konnte das alles in Ruhe angehen. Und das Kind wirkte auf mich eher erleichtert und froh, zum Einen weil es kein Geheimnis mehr zu wahren gab und dass jetzt jemand da wäre, der hilft das zu bewältigen, was liegen geblieben ist. Und mit einer Nacht drüber schlafen bin ich mir sicher, dass es richtig war dem Kind die Chance gegeben zu haben, es auch allein zu schaffen. Jetzt haben wir Beide was gelernt und die Einsicht ist nicht erzwungen oder von mir übergestülpt, sondern eine bloße Folge, eine natürliche Konsequenz… Nun bin ich gespannt wie das Aufholen sich die nächsten Wochen gestalten wird und ob das dauerhaft so problemlos klappt, dass die Mutter wieder nerven und die Schularbeiten kontrollieren wird…

6 Responses to “Gebündelt”

  1. Levistica Says:

    Das war genau richtig glaub ich – ich hätte mir gewünscht meine Eltern hätten das damals auch so gut bewältigen können. Vor 20 Jahren (bitte keine Anspielungen auf mein biblisches Alter ;)) war ich genau in der gleichen Lage. Auch mehrfach – es waren die vielen verschiedenen Hausaufgaben die ich einfach nichtmehr bewältigt bekam nachdem immer mehr Fächer dazu kam. Diese Organisation schaffte ich einfach noch nicht, und zuhause war auch genug los (anders, und sicher viel belastender als der Trubel bei euch) und dann waren da die Einträge, die schlechten Noten, die Angst vor den Eltern, ich wollte am liebsten garnicht mehr hingehen deswegen und man verdrängt immer mehr.

    Und natürlich war es richtig dem Kind die Chance zu geben es alleine zu schaffen. Die Selbstständigkeit die das Kind dabei erwirbt ist mehr wert als jeder Unterrichtsstoff, den man ja auch schließlich nachholen kann. Wäre schön gewesen wenn es direkt beim ersten mal geklappt hätte, aber um etwas zu lernen muss man auch gelegentlich scheitern dürfen und eine neue Chance bekommen. Besonders als Kind. Beim Laufenlernen fällt man schließlich auch gelegentlich hin. Solange man jemand hat der einen ermutigt wieder aufzustehen wird es irgendwann ganz bestimmt klappen.

  2. Nils Says:

    Same here – ich wurde wenig bis gar nicht kontrolliert und hab es massiv schleifen lassen.

  3. Cippie Says:

    …vielen Dank für diesen Blogbeitrag. Ich stehe als Lehrerin ja immer auf der „anderen Seite“ – insofern fand ich es interessant zu lesen, wie es Eltern bzw. einer Mama geht. Ich finde, du hast gut reagiert… wirklich!
    Generell glaube ich – als Grundschullehrerin – , dass Kinder im Grundschulalter schon noch eine gewisse „Kontrolle“ brauchen. (Ich weiß nicht, wie alt dein Kind ist?) Sie überschätzen sich noch leicht und außerdem denke ich, dass so eine abendliche Kontrolle Chancen bietet, ins Gespräch zu kommen… und vielleicht auch noch mal eine Gelegenheit, um den Lernstoff Revue passieren zu lassen und automatisch zu wiederholen.
    Ich glaube, es ist nicht schlecht, wenn man als Eltern ein Auge drauf hat – auch wenn die Kinder selbstständig die Hausaufgaben machen und lernen….

  4. Isabella Says:

    wow mir steht der mund offen. jeder hätte gern so eine mutter, wie du es bist (gehabt). ich wünsche euch alles liebe, ausdauer, geduld und zuversicht ♡♥

  5. geologenkinder Says:

    Wow, ich bin im Moment mit meinem Schulverweigerer nicht so gelassen. Klasse.

  6. Frau Landgeflüster Says:

    So eine Mutter hätte ich mir damals auch gewünscht. :-)