Klappergerüst

All die Unruhe begann für mich im Nachhinein am Ende der Schwangerschaft, als ich Rückenschmerzen bekam, mich allgemein mit sehr großem Baby in mir sehr unwohl fühlte, die Zahnschmerzen dazu kamen und für mich klar wurde, dass ich kein entspanntes, so sehr herbei gesehntes Wochenbett haben würde, sondern Schmerzen, Behandlungen und Unruhe. Das war hart, das war für mich schwer, all das zu akzeptieren… Das es noch schlimmer, als angenommen werden würde, konnte ich nicht wissen.
Dann passierte über diese Zahngeschichte noch mehr, mein linkes Ohr begann im Herbst letzten Jahres weh zu tun und führte mich mehrere Male spontan zum HNO- ohne Erfolg. Ich schnitt mir in die linke Hand, gut das war doof, dazu gab es die Impfung, was mir Schmerzen im linken Oberarm zurück ließ, die über die kommenden Wochen nicht weniger wurden, nach dem Urlaub am Meer im Herbst hatte ich plötzlich einen geschwollenen linken Fuß, quasi wie über Nacht und ging zum Orthopäden. Dort wurde ein Senk- Spreiz- Plattfuß diagnostiziert, was ich annahm. Ich erklärte mir das mit dem vielen Tragen von Anton, den vielen Schichten Wollsocken- ich war willig das zu akzeptieren und trug brav meine Einlagen und machte Fuß- Gymnastik…
Über Weihnachten war ich mit anderen Sachen abgelenkt, mit dem Neujahr wurden die Schmerzen nicht besser, keine von den Baustellen, aber ich ging wieder schwimmen, das tat mir gut, außerdem wanderte ich zur Osteopathin. Da erhoffte ich mir Antworten, landete aber auch wieder zurück bei mir. Warum die linke Hälfte? Wie die nette Dame meinte, die weibliche, die emotionale Seite… Was stimmte da nicht mit mir?
Ich kümmerte mich mehr und mehr um mich und versuchte mein Seelen- Konto aufzufüllen, teilweise verzweifelter, denn das durfte mein Körper ruhig mal toll finden und sich erholen. Weil nichts davon geschah, machte ich erneut einen Termin beim Orthopäden und genau in der Nacht zu diesem Termin schwoll mein Knie an, auch das linke. Ich dachte mir erst mal nichts Schlimmes. Durch die Schonhaltung vielleicht zuviel das Knie belastet? Aber als ich vorm Arzt saß, sagte ich schon, dass ich Angst hätte, das mein Körper die linke Hälfte langsam aufgibt. Der Orthopäde ordnete Röntgenbilder an, mehrere von Fuß und Knie und riet zur Punktion nach dem Schall. Die Flüssigkeit würde er samt Blut mal einschicken, könnte eine rheumatische Erkrankung oder Gicht sein. Gicht? Ich bin 31! Rheuma? Ich war total durch den Wind.
Der Orthopäde war auch nicht sehr nett oder einfühlsam und machte weiter nichts, wegen dem Stillen. Ich sollte sofort abstillen, da muss eine Frau auch mal an sich denken. Er haute mir auch noch ein paar andere Sätze an den Kopf, aber ich war schon so genug durcheinander. Mein Mann ging dann arbeiten und ließ mich mit meinen Gedanken zurück, denn die Punktion hatte mir etwas Linderung verschafft. Ich machte weiter meinen Hausarbeitskram an diesem Tag. Aber immer wieder waren da Fragen: Muss ich sofort abstillen? Wie soll das gehen? Bin ich krank? Schlimm krank? Geht mein Körper kaputt? Was ist mit meiner Zukunft? Kann ich nie mehr Kinder bekommen?
Am nächsten Tag wurde meine Angst nur schlimmer, ich hatte so starke Schmerzen. Das Knie war dick und ich konnte definitiv nicht mehr laufen. Gar nicht mehr. Ich ging mir Nils Hilfe die Treppe morgens runter und irgendwie abends rauf, nachts nahm ich meine Arme und schlang sie um das Bein, um das Bein umzubetten. Es ging nichts mehr. Das war beängstigend, wie von jetzt auf gleich nichts mehr ging. Die Wege zur Toilette waren eine Qual, wenn ich mich irgendwo nur festhalten konnte ging es irgendwie, mein Körpergewicht auf die Arme leiten, meinen Körper abstützen konnte. Am nächsten Tag merkte ich schon das andere Knie. Und bekam meine Ergebnisse. Schuppenflechte mit Arthritis sollte es sein. Keine Gicht, keine anderen Rheumamarker. Ich solle mir einen Rheumatologen suchen, weiterhin Ibuprofen nehmen. Mehr gäbe es nicht zu tun, solange ich mich weigere das Stillen zu beenden. Trotz der Schmerzen gab ich alles um das zu erreichen Schritt für Schritt, pumpte ab, was sehr schwierig war unter diesen Umständen, kaufte eine Flasche und Ersatzmilch. Aber Anton wusste mit dem Plastiksauger nichts anzufangen, woher auch, er hat ja nicht einmal einen Schnuller. Einen Termin beim Rheumatologen bekam ich für Mitte April. Ich war unruhig und traurig. Was würde nun werden? Wann kann ich wieder laufen? Freitag waren dann beide Knie dick und geschwollen, voller Flüssigkeit, eine Freundin brachte mir Krücken und fragte, ob ich einen Verband unter meiner Hose hätte, hatte ich nicht, die waren wirklich so angeschwollen.
Dann ein so großes Glück, am Telefon muss ich zur richtigen Zeit, das Richtige gesagt haben und in der tags zuvor angerufenen Praxis wurde ich nun doch für Montag eingetragen. Zwar in der großen Stadt und das gleich am Morgen um 8Uhr- aber das war alles egal. MONTAG! Das war irre. Ich war aufgeregt und erleichtert zugleich.
Die Ärztin war unglaublich toll, nahm noch einmal viel Blut ab und vier Spritzen Flüssigkeit aus dem linken Knie, lokal gab es Cortison auf das ich bisher sehr gut reagiert habe, ich konnte wieder gehen! Fast richtig normal. Mit aushaltbaren Schmerzen. Am Donnerstag war ich nun wieder da und bekam eine zweite Spritze in den Fuß, eine zweite Punktion im rechten Knie war erst einmal nicht mehr nötig.

Jetzt versuche ich damit zu leben, die letzten Monate und Tage ankommen zu lassen. Ich habe eine chronische rheumatische Erkrankung. Auf der einen Seite ist es eine unheimliche Erleichterung eine Erklärung für die vielen Entzündungen meines Körpers zu haben. Vermutlich war der Senk- Spreiz- Plattfuß gar keiner, sondern eine plötzliche Schwellung der Gelenke. Und vermutlich begann alles schon vor über einem Jahr, kurz bevor ich mit Anton schwanger wurde und meine Hand schmerzhaft geschwollen war. Jetzt ist da ein Gesamtbild. Dieses Gesamtbild bedeutet nun aber auch eine Leben mit der Krankheit, die jederzeit so wie jetzt zur Zeit schieben kann. Ein Schub, eine Wort das neu ist in meinem Leben. Abstillen sollte ich auch vermutlich früher, als geplant um die Basistherapie zu starten, die es milder gibt, für eventuellen noch Kinderwunsch, aber ich muss nichts überstürzen. Ich hatte Pläne und Wünsche, ich hatte mit einem Kurs zur Trageberaterin geliebäugelt, aber ist das noch klug? Wie viel Belastung ist zuviel? Das muss ich austesten. Ich würde so gern weiter zum Heilpraktiker gehen und da noch etwas bewegen und vielleicht auch noch mit Krankengymnastik machen, um bestimme falsche Bewegungsabläufe genau zu beleuchten, denn der nette Orthopäde hatte „miese Haltung“ diagnostiziert.
Ich kann damit leben aber wie- ist total unterschiedlich von Patient zu Patient, vielleicht bin ich eines Tages ein reiner Schmerzpatient. Es gibt wohl sehr schwere Verläufe. Für mich wird wohl die größte Aufgabe mit meiner Angst zu leben. Ich bin eh jemand, der sich immer viel zu viele Gedanken macht, bevor etwas eingetreten ist und es wird nun meine größere Aufgabe im Leben im Hier und Jetzt zu bleiben und mich auch in der Hinsicht meiner Angst zu stellen. Ein Stück weit bin ich erleichtert. Ich falle vorerst nicht auseinander. Aber ich weiß nicht mit Sicherheit, ob ich jetzt in den nächsten Monaten wirklich weiter stillen kann und der Schub vorbei ist. Alles ist etwas ungewiss, aber für den Moment okay… Und das ist am Wichtigsten!

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