Eine teambildende Maßnahme

Nach dem Verwöhn- Wochenende bei den Schwiegereltern über Pfingsten fehlte mir doch etwas: Zeit mit den Kindern. Und nachdem ich gleich am Dienstag einen Termin hatte, Mittwoch Tom zu einem Geburtstag eingeladen war, wählte sich der Donnertag nebst schönem Wetter selbst aus und fragte die Kinder, ob es nicht eine gute Idee wäre in den Zoo zu fahren.
Allein das glich einem Volksentscheid. Eine Stimme war dagegen, ließ sich aber dann doch dazu herab mit uns zu fahren. Die Vorbereitungen zur Abfahrt bei solchen Aktionen können einem schon das eine oder andere Mal an die eigenen Grenzen treiben, obwohl ich vorher dachte: „Mach ich ganz in Ruhe!“, ja klar- nachts wenn die Kinder schlafen vielleicht. In einem Hauruck schloss dann die Tür hinter uns und schon standen wir bereit an der Bushaltestelle, an der mir auch sofort auffiel, dass ich zwar das Bargeld eingesteckt hatte, einen Schlüssel hatte und mein Telefon, aber meinen Geldbeutel nicht. Ein noch mal Losflitzen unmöglich, also entschied ich, dass ich heute in keine Polizeikontrolle geraten würde und niemand sich verletzen dürfe, denn Personalausweis und alle sieben Krankenkassenkarten lagen gut verwahrt zu Hause.
Am Bahnhof dann der nächste Spaß. Ich sagte, wir würden nun mit dem Aufzug nach oben aufs Bahngleis fahren, vier Kinder marschierten unbeeindruckt die Treppe hoch. Also machte ich eine erste Ansage und dachte bei mir „Hallo?! Hört mich jemand?!“ Die Bahnfahrt war total super und wir stiegen am Marienplatz aus, um dort in die UBahn zu wechseln. Das war der Plan, genau genommen mein Plan. Bens Plan war nach dem langen Sitzen in der S 2 erstmal am Bahngleis der abfahrenden S-Bahn hinterher zu laufen. Im Fahrtwind muss sich wohl meine Stimme verloren haben, die sagen wollte, er möge sich bitte am Kinderwagen festhalten. Ich kann quasi meinen grauen Haaren beim Wachsen zu hören. Es folgte das Abenteuer Rolltreppe. Habe ich doch letztens am Hamburger Hauptbahnhof noch eine feine Geschichte eines armen Kindes erzählt, in der Hoffnung sie mögen verstanden haben, es handele sich hierbei um kein Spielgerät, beschränkte sich immerhin in diesem Moment meine Anspannung auf das Münchner Gebot: „rechts stehen, links gehen“ und der wichtigen Aufforderung nicht einfach nach der Rolltreppe stehen zu bleiben, sondern weitere große Schritte zu gehen und sich von dieser zu entfernen.
Am U- Bahngleis sah ich dann eine liebe Kindergartenmama mit ihren drei Kindern und es passierte das, was oft passiert wenn Kinder aufeinander treffen: Sie versuchen sich mit Scheißelkram zu überbieten. So rannten die lieben Kleinen wild umher und versuchten uns Mütter gefühlt in den Wahnsinn zu treiben, was dann voller Enthusiasmus in der U- Bahn für alle hör- und sichtbar, getreu dem Motto: „Mittendrin, statt nur dabei!“ fortgeführt wurde. Ich gab mein Bestes, wählte in Sekundenschnelle das Kind aus, dass das Feuer in meinen Augen am ehesten am Brennen halten könnte, nahm es zu mir und lenkte den Spieltrieb in ein wildes und ungezähmtes „Ich sehe was, was du nicht siehst!“ bis wir auch schon aussteigen durften. Beim Aussteigen wurde dann klar, dass wir leider nicht die Einzigen gewesen waren, die diese äußerst brillante Idee gehabt hatten bei den ersten Sonnenstrahlen dieser Woche in den Münchner Tierpark zu fahren!
Wir standen einen längeren Moment an und dann durfte ich nach „Eine kleine Familienkarte, bitte!“ in große Kulleraugen gucken, die mich fragten: „Zwei Kinder?!“- „Nein, sechs!“ Die Augenbraue schob sich voller Skepsis nach oben: „Und das sind wirklich alles ihre Kinder?!“- „Japp. Ich hätte auch ein Foto, auf dem alle drauf sind!“ Dass Zoe in dem Moment das zweite Mal (in diesem Leben) an dieser Stelle begann aufzuzählen wer wie alt und wer eigentlich(!) schon Eintritt zahlen müsste, war vermutlich auch nicht die schlaueste und hilfreichste Idee, aber niedlich! Am Liebsten hätte ich mein Gesicht ganz nah an das der Frau hinter der Scheibe in Position gebracht und laut gesagt, was ich schon so oft gedacht habe: „Hör mal Schätzchen! Meinst du im Ernst, ich fahre aus Spaß an der Freude allein mit sechs nicht aussschließlich eigenen Kindern freiwillig in den Tierpark, wenn es auch zwei tun würden?! Echt jetzt?!“
17 Euro später diskutierten die Kinder und ich dann auch schon, in welche Richtung wir jetzt gehen sollten. Wieder einmal fragte ich mich, ob das was mit dieser Montessori- Pädagogik zu tun haben könnte, dass wir da so freie Radikale groß ziehen und auch ob das jetzt mein Leben lang so weiter gehen würde.
Nach den Fledermäusen trafen wir noch einmal die Kindergartenmama, die grob mit dem Finger eine Richtung vorgab, in der wir etwas zu essen finden könnten und lose machten wir dann für später was am großen Spielplatz aus. Das klang doch alles schon mal gut. Dann war Noah weg, irgendwo da vorne und wusste schon ganz genau, wo wir hin mussten. Tom und Ben fragten, ob sie ihm folgen dürften (immerhin) und schon waren auch die beiden weg. Als ich dann mit Emil und Zoe um die Ecke bog, war ich mir nicht mehr ganz sooo sicher, wo meine Kinder wären, ab und an sah ich eines, stellte das Baby samt Wagen etwas zur Seite, entfernte mich kurz um vom Menschen hinter dem Tresen zwei Mal übersehen zu werden, bis ich doch tatsächlich bissig gefragt wurde, woher ich denn jetzt so plötzlich käme und ob ich mich vorgedrängelt hätte. Graue Haare und hoher Blutdruck, ganz sicher- ich werde nicht sonderlich alt. Geht gar nicht. Als ich dann endlich Nahrung auf einem Tablett in den Händen hielt, wenn auch weniger als bestellt, begab ich mich zur Kasse und suchte einen Tisch und meine Kinder, wurde sogar fündig und so aßen wir in Eintracht viel zu teure Pommes mit Majo und Ketchup. Es war toll. Genauso hatte ich mir das vorgestellt, solange bis Ben ein Eis wollte, aber ich noch keines kaufen wollte. Aber man muss als Mama, die ruhigen Minuten feiern wie sie ruhen oder so. Wir bestaunten im Anschluss die Schildkröten und wollten uns nun in Richtung der Hauptattraktion des Tierparks begeben: dem großen Spielplatz. Aber erst nachdem wir Emil beruhigt hatten, der der Müdigkeit verschuldet erstmal einen Heulschreikrampf hatte, weil er niemals nicht von den Schildkröten weg wollte. Und dann passierte das, was den ganzen Tag schon passiert war. „Hier gehts lang!“, sprach der älteste Sohn ungehört und weg war er. Das fiel mir aber erst ein paar Schritte später auf. „Ich suche ihn!“ sagte die Tochter, ging zurück- während das Kleinkind schon mal vorgelaufen war. „Ich hole ihn!“ sagte der Erstklässler und rannte los. Da stand ich mit noch zwei Kindern, eines schlief. Zwei Kinder kamen zurück, aber die Tochter und der große Sohn ließen sich nicht blicken und nach gefühlten unendlichen Minuten machte ich den ersten großen Fehler: Ich lief zurück und suchte beide. Das ging gut bis zur nächsten Kreuzung und dann wählte ich zwischen Weg A und B und verirrte mich etwas sehr, stand dann auch leicht hilflos vor dem kleineren Spielplatz mit vier Kindern und kaufte dann in der Not erstmal ein Eis für jeden und ein Wasser, denn unsere mitgebrachten zwei Liter waren schon geleert.
Ich wurde mit jedem Schritt immer unruhiger und saurer auf den Sohn, ich schimpfte vor mir her und stellte mir vor wie ich laut schreien würde, wenn ich ihn zu Gesicht bekäme oder ihm so wie man das früher machte, ordentlich und filmreif eine Ohrfeige zu geben, weil er Schuld an allem war und zu demonstrieren wie schlimm das alles gewesen war. Dem ging aber voraus, dass ich ihn fand. Ich irrte herum, mein Handyakku war beinahe leer, Emil war müde und lief tapfer dank des Eises in der Hand neben seinen Brüdern her, Anton war mittlerweile wach und ich wusste auch er hatte Hunger und würde bald seine Flasche brauchen. Was um Himmels Willen sollte ich tun? Und woher kamen nur diese vielen Menschen? In meiner Not rief ich irgendwann den Mann an, bevor das Handy sich ausstellte. Ich bat ihn zu kommen und er wollte den Tierpark anrufen. Wir verabredeten uns dann am großen Spielplatz, den ich einfach heute nicht fand, ich verlief mich immerzu und die Minuten verstrichen. Vor meinem inneren Auge sah ich die verzweifelte Tochter, ich wusste nicht einmal ob die beiden sich gefunden hatten oder einzeln umher liefen. Und wie verrückt und aussichtslos war es wohl, dass wir hier alle umher liefen. Die Chance einander dabei über den Weg zu laufen war so groß nicht. Ich ärgerte mich, dass ich keinen kühlen Kopf bewahrt und gleich unser eigentlich Ziel anvisiert hatte und ich ärgerte mich, dass ich dieses Mal keinen Treffpunkt ausgemacht hatte, dass das mit genommene externe Akku nicht aufgeladen war und so weiter und so fort… Ich fragte mich auch, ob das die Charma- Rache war fürs fröhlich leichte Twittern über unseren Ausflug, den andere bewundert hatten. Alles war ganz unwirklich. Dann endlich erreichte ich völlig fertig und den Tränen nahe mit den Kindern den Spielplatz, schrieb nebenher auf dem abgedunkelten Handy, ohne W-lan, ohne alles nur noch SMS mit dem Mann, über die Kleidung der Kinder und wo wir gerade wären.
Mittlerweile war eine Stunde vergangen, hier am Spielplatz waren noch mehr Menschen, Eltern mit Kindern- alles voll und laut. Die tapferen Läufer wollten auch spielen gehen. Ich ließ sie, aber am Liebsten hätte ich sie einfach mit Klebstoff an mich gepappt, damit keiner mehr abhanden kommen könnte. Der ältere Sohn der lieben Kindergartenmama kam zu uns und fragte wo Noah sei, mit dem er spielen wollte. Das hätte ich in dem Moment auch gern gewusst, ich erzählte von unserer Suche und dann sagte er, er hätte Noah schon gesehen vorhin mit Zoe, hier. Ich war ein bißchen erleichtert, aber auch unsicher, ob ich nun den Moment verpasst hatte, die Kinder an diesem Ort zu treffen und sie nun schon wieder woanders wären. Die Mama des Kindes näherte sich, erzählte, das sei ihr auch schon mal passiert und bot ihr Handy an. Es tat so gut ein bekanntes Gesicht zu sehen, mir war gleich irgendwie leichter ums Herzs und dann ganz plötzlich schlangen sich zwei lange Arme um meine Taille und da war der Kopf des Tochterkindes, der sich an mich schmiegte und der große Sohn mit dazu. Lauter hätten Steine mir nicht vom Herzen purzeln können, ich war so unglaublich froh und hätte am liebsten erstmal geheult! Noch während ich die Kinder festhielt, schrieb ich dem Mann, der keine fünf Minuten später bei mir war. Jetzt hatte ich dann nur noch Kopfschmerzen aus der Hölle. Ich gab den Kindern Geld noch ein Eis zu kaufen, wir blieben noch eine Weile dort, zogen dann langsam weiter und kamen mit dünnen Nerven später am Abend zu Hause an. Noch während des Heimwegs dachte ich, das ist wohl wie nach einem Autounfall, ich müsste möglichst bald wieder was mit den Kindern unternehmen, das Pflaster abreißen, denn sowas war mir so in der Form noch nie passiert und dass nachdem die Kinder mehrmals an diesem Tag in die eine oder andere Richtung gelaufen waren. Dennoch habe ich große Monologe heute wie gestern geführt und versucht zu erklären wie wichtig es sei immer zusammen zu bleiben und sich zur Not auch zusammen zu verlaufen, aber dieses Besserwissen wollen und dann in eine andere Richtung allein laufen ist gar nicht witzig, ich denke, dass ist auch angekommen, zumindest hoffe ich das ganz stark.
Heute dann ein Ausflug ins Freibad und alles klappte wunderbar wie eh und je. Ob es nun eine wunderbare Moral von der Geschicht gibt, weiß ich nicht genau, aber ich denke es war wichtig auch das mal zu erleben, zumindest mit so einem positiven Ausgang. Abends war mir dann noch richtig schlecht, weil dann erst alles so mit voller Wucht bei mir ankam. Heute dann bin ich wieder ganz froh gewesen und hab auch wieder viel Gutes gesehen, denn auch wenn es nicht immer alles so geordnet abläuft kann ich solche Sachen mit unseren Kindern gut allein machen, einfach weil es eigentlich gut funktioniert und ich mich in der Regel super gut auf unsere Kinder verlassen kann, sonst würde ich erst gar nicht los fahren.

Auch fragte ich mich, ob ich das verbloggen sollte, was das wohl für ein Licht auf mich als Mutter werfen würde oder auf unsere Kinder, aber ich denke auch das gehört hier her und ist ein Teil unseres Lebens, das kleine Scheitern und Fehler machen neben dem kleinen großen Glück.

5 Responses to “Eine teambildende Maßnahme”

  1. Katharina Haimb Says:

    Kinder gehen einem auch verloren, wenn man nur zwei davon hat :-) Nur so als Trost, wenn du an deinen Qualitäten zweifeln solltest!
    Liebe Grüße,
    Katharina

  2. Barfuss auf Lego Says:

    Ein bisschen schäme ich mich jetzt, weil wir (wir! zwei Erwachsene!) mit einem (1!) Kind am Freitag in demselben Zoo waren und ich mich anschliessend auf twitter beklagt habe, wie streng es war. Hüstel. Ich nehme alles zurück. Chapeau!

  3. geologenkinder Says:

    :-) Der heiligen Schein passt noch, das Licht ist perfekt – du traust dich mit 6 eigenen Kindern allein in den Zoo, so irre muß man erstmal seine Kinder lieb haben. :-)

  4. frl_mieke Says:

    Ach Du, ich kann Dich so verstehen. Das geht an die Nerven.
    Und wieder mal gibt es hier eine Parallele zu unserem Zweitgeborenen, der hier im Urlaub auch meinte, er kenne den Weg und müsse unbedingt ganz alleine und ohne uns voraus laufen. Was dazu führte, dass wir Restfamilie dann an der Weggabelung nicht mehr wussten, ob er jetzt über die Landesgrenze zum bekannten Gasthof gewandert ist oder zum eigentlich vereinbarten neuen Ziel und so letztlich Strecken doppelt und dreifach bei brütender Hitze mit schwerem Gepäck zurückgelegt haben und am Ende er noch sauer auf uns war, weil wir zu langsam laufen und er überhaupt keinen Spass haben könne.
    Zum Glück hast Du am Ende des Tages all Deine Kinder wieder wohlbehalten bei Dir gehabt. Und hoffentlich gehts Dir auch wieder gut.

  5. isabella Says:

    Wahnsinn. Einerseits ist so ein Erlebnis erst mal scheiße und irre nervenaufreibend. Ich habe Ähnliches erlebt und fühlte mich so hilflos und allein. Auf der anderen Seite las ich heraus wie sehr du den Kindern vertraust und zutraust. Ich bin immer angespannt und nervös in Wien unterwegs. Sie müssen direkt bei mir bleiben und dürfen nicht rumhopsen. Ich weise permanent zu recht. Und eigentlich hemme ich sie da in ihrer Entwicklung und beschneide sie in ihrer Freiheit. Aber ich kann einfach nicht anders :( Meine Jungs laufen gern in unterschiedliche Richtungen und mich macht das manchmal so aggressiv, weil ich zwischen d vielen Menschen immer Angst habe sie zu verlieren und weil ich hunter mal sage bleibt hier. Dann wiederum habe ich ein schlechtes Gewissen, weil man seiner Kinder doch nicht zu blindem Gehorsam erziehen möchte. Wahnsinn wie reflektiert und vernünftig du bist. Ich finde du machst das schon einzigartig gut. Ich nehme mir immer vor ruhig zu bleiben…. Aber es gelingt mir nicht. Ich freu mich so sehr, dass ihr ein gutes Ausflugsende erleben konntet!