Archive for Juli, 2016

Die letzte Schulwoche

Samstag, Juli 30th, 2016

Die Woche begann unwirklich und zögerlich, nach unserem Besuch im Freibad am Sonntag Abend und dem anschließenden Endlichbestellen von ein paar Geschenken für den nahenden Geburtstag, ging ich wieder grübelnd ins Bett… Vor mir lag ein Kinderarztbesuch mit Zelda und Anton.
Nachdem am Montag Morgen alle aus dem Haus waren, wollte ich mir gerade mein Frühstück machen, als Nils mich anrief und mir mitteilte, dass etwas Schlimmes passiert sei. Der Ehemann einer unserer liebsten Erzieherinnen war am Wochenende überraschend gestorben. Das nahm mich total mit, ein ganz wunderbarer Mann, der oft im Kindergarten half, mit dem ich via Instagram befreundet war, mit dem ich ab und an geschrieben hatte. Er hinterlässt eine wundervolle Frau und zwei Söhne, ich stand unter Schock. ich konnte es kaum fassen. Ich stellte mich dennoch vor meinen Laptop und wollte gerade etwas schreiben, als meine Aufmerksamkeit auf ein paar ganz andere Tweets gelenkt wurde… Johannes Korten wurde vermisst nach einer Art Abschiedsbrief, ich konnte es gar nicht so recht glauben und es war eine Welle des guten Internets losgebrochen… Ich schrieb nun dem Mann und stand noch mehr unter Schock als zuvor. Ich war letztes Jahr erst an der Ostsee an ihm vorbei gelaufen und hatte mich gewundert, ob ers wirklich gewesen war, später sah ich ihn nochmal am Strand vor „unserem“ Haus und störte ihn aber nicht, wir schrieben nur später, dass er genau zeitgleich mit uns da gewesen war. Ich las auch dort letztes Jahr, das von ihm unterstützte Buch „Willkommen im Meer“. Seine Bilder bei Instagram bestachen durch schwarz/weiße Kontraste und seine nachdenklichen Tweets waren stets gefühlt ein Aufruf, die Welt ein bißchen besser zu machen, gerade in der Flüchtlingshilfe war er letztes Jahr sofort auf meinem Schirm gewesen… Nun hatten ihn die Depressionen aufgefressen. Auch mein Thema, ganz stark. Gerade als junge Erwachsene war es mein großes Problem gewesen und es schwang und schwingt all die Jahre immer mit, etwas was ich im Auge behalte, immer noch, nach all den Jahren, weil man es nicht abstreifen kann, es berührte mich auf mehreren Ebenden persönlich, in seiner Gänze. Ich versuchte mich zu sortieren, unsere Sachen zu packen und einen klaren Gedanken zu fassen, was mir nicht wirklich gelungen war, denn als ich wieder nach Hause kam, bemerkte ich, dass ich nicht mal die Tür abgeschlossen hatte. Ich fuhr also zum Kinderarzt, anstatt den Mann an meine Seite holen und mich kuschelnd auf dem Sofa zurück zu ziehen. Immer wieder tauchten Bilder auf vor mir auf, das aktuellste war wohl, ein paar Tage nach Zeldas Geburt, als alle Hoffnung aus meinem Körper verschwunden war, Erinnerungen hochkrochen und ich einfach nur Glück hatte, dass mein chemisches Gleichgewicht am nächsten Morgen nach einer Mütze Schlaf wieder hergestellt worden war, aber vergessen hatte ich dieses beklemmende, bleischwere Gefühl nicht…
Zeldas U4 stand also an und der Kinderarzt war wie wir sehr zufrieden mit unserer Maus, ich ließ sie das erste Mal impfen, so wie beschlossen mit dem Mann ganz in Ruhe und nicht alles auf einmal und fuhr nach einem Besuch der Apotheke und der Drogerie mit dem Gedanken immernoch hier und da, weiter zum Kindergarten, wo eine Schwere auf allem lag, alles leiser war und jede Bewegung langsamer wirkte… Als der Wunsch nach Kuchen für die Trauerfeier aufkam, bot ich sofort Hilfe an, wenn ich schon nichts tun konnte für diese mir ans Herz gewachsene Frau und ihre Söhne, dann doch wenigstens das. Als ich nach Hause fuhr, las ich dann beim Mittag, dass Hannes tot aufgefunden worden war und ich fing an zu weinen. Am Abend buk ich dann Probe, damit auch wirklich für diesen wichtigen Anlass, der Kuchen auch wirklich gelang. Auf unserem Tisch brannten an diesem Tag vier Kerzen und ich ging mit einem sehr schweren Herzen ins Bett, konnte lange Zeit nicht einschlafen und schrieb dann doch, weil ich noch irgendwas Sinnvolles tun wollte einen Textvorschlag für die Abschiedsrede in die Vorschulkindermüttergruppe… Ich sah unserer Tochter beim Einschlafen zu und das war wohl mit das Schönste, was dieser Tag zu bieten gehabt hatte…
Am nächsten Morgen war ich immer noch total durch den Wind, aber an diesem Tag war ich anders ruhelos, ruppig und wenig entspannt. Ich holte die Kindergartenkinder ab, dann den Tom vom Schulbus und schrieb später mit einer lieben Freundin, weil die Kinder dank eines schlimmen Unwetters nicht aus der Schule kamen. Gott sei Dank fuhr meine Freundin die Kinder nach Hause, ich war nach den Erzählungen nur froh, dass die Kinder nicht versucht hatten allein nach Hause zu kommen, es war von Hagel die Rede, Sturzregen, Windboen und verletzten Kindern. Ich war aber alles andere als verständnisvoll, mich nervten die Streiterei und ich war so sauer und wütend, als ich abends um 19Uhr das Haus verließ, um zum Putzen in die Schule zu fahren, das letzte Mal in diesem Schuljahr. Das Putzen war aber schnell getan, ich hab der Putzpartnerin vermutlich das Ohr abgekaut und soviel Blödsinn erzählt, dass ich wiederum ganz nachdenklich nach Hause fuhr. Anscheinend war bei den Busfahrern schon Zeit Witze über das Geschehen ums OEZ zu machen, ich war noch nicht so weit… Ich war müde und ausgelaugt und schlief später wieder schlecht ein…
Am Mittwoch Morgen dachte ich beim Aufwachen an meine Mama, die Geburtstag hatte und überlegte, wann wohl ein guter Zeitpunkt wäre, sie anzurufen… Und je länger der Tag wurde, desto mehr erinnerte ich mich an den letzten Tag schwanger mit dem Geburtstagskind in spe. Ich buk am Vormittag noch kurzentschlossen einen Zitronenkuchen für die Beerdigung am nächsten Tag und den zweiten geplanten Kuchen am Abend… Mittags beim Abholen ging mir durch den Kopf, ob das hier jetzt wirklich das letzte Mal sein sollte, dass ich die Zwei gemeinsam abholen würde, denn ich war mir immernoch nicht sicher wie ich es morgen machen sollte, wie es am Besten für alle wäre. Nachmittags hatte ich mit meiner Mama telefoniert und mich gefreut ihre Stimme zu hören. Am Abend, als alle endlich schliefen, machte ich noch Antons Cupcakes fertig, schmückte mit dem Mann den Geburtstagstisch und wickelte auf den letzten Drücker alle schnell noch besorgten Geschenke für das Geburtstagskind ein…
Am Donnerstag Morgen freute ich ich über das überglückliche Geburtstagskind, das so voller Freude auf den Geschenketisch zugelaufen war und endlich endlich alles allein auspacken durfte. Die Großen bekamen seit Ewigkeiten wieder mal Geschenke, ich hatte ein paar Wasserspritzpistolen auch für sie besorgt. Die Kindergartenkinder durften daheim bleiben und wir warteten gespannt auf die Schulkinder, die schon um 11Uhr aus hatten, derweil packte ich unsere Taschen… Als sie kamen, warfen sie nur schnell alles von sich und wir fuhren gleich mit dem nächsten Bus zum Bahnhof und von dort aus weiter zum Marienplatz, stiegen dort um und liefen zum Tierpark, wo wir den restlichen Tag verbringen wollten… Und Anton so einen Spaß hatte, weil er laufen durfte, die ganze Zeit… Für mich war es auch spannend, es war der erste Ausflug mit allen Kindern allein, der Mann stieß dann später zu uns und verbrachte die letzten 2 Stunden mit uns dort…
Am Freitag Morgen fiel mir auf, dass ich wohl doch mal die Rede üben sollte, die ich heute halten wollte und die sollte gefälligst schön sein. Ich war total aufgeregt deswegen und dann fiel mir noch ein, dass ich backen musste, also stand ich wieder in der Küche und buk erneut. Keine Ahnung wie viele Muffins (60! allein letzte Woche), Cupcakes, Mini- Cupcakes und Kuchen ich in diesem Monat gebacken hatte… Kurz bevor die Kinder aus der Schule kamen, holte ich Zelda zu mir, zu der ich immer wieder hoch gelaufen war, denn die schlief und schlief und schlief, abends hatte ich sie das letzte Mal gestillt, irgendwann so gegen 21 Uhr und die ganze Nacht war sie nicht aufgewacht, sie schlief einfach weiter… Ich freute mich total sie zu sehen und dann die Schulkinder ein letztes Mal abzuholen, setzte mich gleich mit ihnen hin und wir lasen gemeinsam die Zeugnisse, eine meiner liebsten Freundinnen brachte mir dann die Kindergartenkinder frei Haus und erst da bemerkte ich, dass das zwar alles nett gewesen war, doch knapp kalkuliert, denn mir blieben noch 50min um die Tiefkühlpizzen zu backen, mich umzuziehen, die Kinder anzuziehen und das Topping der Cupcakes fertig zu machen, also schob ich sechs Pizzen in den Ofen, suchte etwas hektisch die Tülle von der Spritztüte und stieß dabei noch meinen Tee um, der über die vollgestellte Küchenarbeitsplatte lief, ich vollendete die Cupcakes, schnitt Pizza, druckte den Text aus, rannte nach oben, zog mich um, versuchte mich nochmal an der Rede, sah auf die Uhr und da hatten wir noch etwas 10Minuten Zeit… Jetzt war ich doch panisch, ich rief den Kindern zu, sie sollten sich anziehen, hing die Tasche an den Kinderwagen, die ich abends nach dem Tierpark aus und wieder eingeräumt hatte mit Windeln, Spucktuch, Geldbeutel, Pflastern (sollte sich später bei einem anderen Kind auszahlen), Wechselkleidung und Co, die Teller, Becher und Besteck in die Kinderwagentasche, das Ersatztragetuch in einen Beutel, warf mir Zelda um und rannte mit wehendem Haar und absolutes Chaos überall zurück lassend zur Bushaltestelle, wo ich laß, dass der Mann immerhin schon in Dachau war, der das Spektakel nicht verpassen wollte. Angekommen im Kindergarten sortierten wir uns und stellten uns dann auf um irgendwie etwas zu sehen beim Rauswurf und ich musste dann wirklich mit den Tränen kämpfen als Ben als Vorletzter nach vier Jahren Kindergarten hinaus geworfen wurde… Jetzt war ich dran und mir schlug das Herz bis zum Hals, als ich mich vor alle Eltern, Vorschulkinder und Erzieherinnen stellte und versuchte laut, deutlich und irgendwie neben den Resten der Bronchitis, spontan trockenem Hals und dankbar, dass noch ein paar Eltern gegangen waren *hust* und mit Betonung meinen Text vorzulesen, den ich ja lieber auswendig gelernt hätte, aber wann nur in dieser Woche?!… Ich durfte keine Erzieherin ansehen, als ich das nur kurz tat, gerade als ich mich bedankte, versagte mir ganz kurz die Stimme und die Tränen schossen in meine Augen… Aber ich hatte es geschafft. Unglaublich, dass ab September nur noch Emil hier sein würde… Das war alles so weit weg… Da der Mann noch arbeiten musste, fuhren wir dann heim und ich bemerkte erst am Morgen danach, dass ich wohl hätte mal helfen sollen aufzuräumen, schließlich war es unsere Feier gewesen, das war mir dann ganz unangenehm. Den restlichen Tag verbrachte ich ohne viel zu reden zu Hause, die Kinder spielten mit Antons Wasserbahn, die er bekommen hatte, stritten sich, warfen sich Zauberhaftes an den Kopf und runterkamen wir dann alle, als wir gemeinsam Abendbrot aßen. Zwar hatten zwei meiner Freundinnen abgesagt, aber ich fuhr dennoch mit Zelda zu meiner Freundin, die uns eingeladen hatte, wo ich bis halbzwölf einen schönen Abend verbrachte und dann eine ganze Weile nachts nach Hause lief… Gegen 1Uhr schlief ich dann ein und heute morgen kam ich irgendwie gar nicht mehr aus dem Bett… Ich war voll und es fiel mir heute mehr als schwer irgendwie in die Gänge zu kommen, der Tag endete mit einem Besuch im Freibad und nun sitze ich hier und versuche diese Woche irgendwie zu erfassen und festzuhalten…

Der Sommerwahnsinn

Sonntag, Juli 24th, 2016

Als ich mich am Freitag Abend mit Zelda in den Sessel plumpsen ließ, dachte ich nach vier Arztterminen dank meiner Augenentzündung, der Bronchitis und dem Schwindel, die mich zusätzlich zu drei Sommerfesten forderten und dem Gefühl kein Ende von nichts zu sehen, wären mein einziges Problem, gedanklich verfasste ich einen Blogpost zu diesen irren letzten Wochen kurz vor den Sommerferien. Es war der erste Vormittag in dieser Woche gewesen, an dem ich keine Termine gehabt hatte und nun am Abend, schrieb ich mit dem Mann, der auf seinem Firmen- Sommerfest in München weilte. Die Kinder dürften nach einem Nachmittag draußen, einen Pokémon Film gucken und nach Broten und Gemüseteller ein paar Chips knabbern, während ich stillte und mein Smartphone in den Händen hielt. Ich kann mich noch erinnern, dass Nils schrieb, er käme bald nach Hause, seine Bronchitis und die Wärme würden dann reichen, in einer Stunde würde er wohl aufbrechen und ich schrieb noch zurück: „Oh, schon!“, denn so früh hatte ich gar nicht mit ihm gerechnet, also stünde uns nach dem Einschlafen der Kinder gegen 21 Uhr ein schöner gemeinsamer Abend bevor, dachte ich…
Dann wechselte ich zu Facebook und wollte in meinen Tuchgruppen vorbei schauen, als ich als Statusmeldung bei einer alten Bekannten sowas las wie „München :(“ Ich brauchte dann auch nur „München“ googeln, als mich schon die Worte „Schießerei und OEZ“ ansprangen… Dann war alles nur noch wie im Fernsehen, ich war mittendrin und ganz irgendwie weit weg. Wie in Trance schrieb ich dem Mann, ob er das schon gelesen hätte und las die ersten Infos, denn in der Vergangenheit war es nicht unüblich das Familienmitglieder andere schützen wollten und daher nichts erzählten, aber er wusste noch von nichts… Er meinte im Nachhinein, wenn man es bildlich hätte darstellen können als rote Punkte, wie sich die Information als Lauffeuer ausbreitete, wäre es in Windeseile nach und nach rot geworden, weil jeder wieder jedem schrieb und immer so weiter… Bei ihnen wurden die Türen geschlossen und das Gesprächsthema hatte sich schlagartig geändert, bis nach kurzer Zeit die Raucher wohl wieder das Freie suchten…
Ich schaute auf meine Kinder und ließ mich weiterhin in Schockstarre von Anton mit Chips füttern, der sichtlich Freude daran hatte und in dem Moment kein Interesse an irgendeinem Weltgeschehen hatte. Ich kämpfte mit den Tränen und ging hoch um meinem Gefühlen freien Lauf zu lassen und die Energie zu haben, mich irgendwie zu sammeln. Ich wollte das der Mann sofort nach Hause kommt und sich ein Taxi nimmt, denn irgendwie war mir klar, dass alle öffentlichen Verkehrsmittel ihren Dienst einstellen würden, was aber erst eine Stunde später passieren sollte. Als ich dann las, dass angeblich am Stachus weitere Schüsse gefallen wären, wars vorbei mit meiner Contenance, ich rief den Mann schluchzend an und er meinte nur auf seine übliche ruhige besonnene Art und Weise: „Hier ist alles gut!“ und ich schluchzte ins Telefon, dass es gerade alles wäre, aber ganz bestimmt nicht gut! Der Film der Kinder war zu Ende und ich hatte keine Ahnung wie ich den Abend bewältigen sollte. Auch wenn der Mann gerade okay war, machte ich mir Sorgen um ihn. Wann er wohl hier sein würde, vermeintlich sicher bei uns zu Hause? Nach einem inneren Kampf und wegen der neuen Nachrichten war mein hin und her, was wohl gefährlicher wäre, ob es sicherer wäre, da zu bleiben wo er ist oder tatsächlich versuchen sollte, nachhause zu kommen, in dem Gefühl gemündet, er sollte bleiben wo er war.
Der Film der Kinder war zu Ende und sie fingen an zu streiten und sich zu verletzten vor Müdigkeit und Geschwisterliebe und es fielen die Worte „schießen und explodieren“ und das war wohl der Moment, in dem es mit meiner Ruhe und Fassung vorbei war und ich den Kindern die Lage erklärte… Das war definitiv nicht pädagogisch wertvoll, aber menschlich.
Es war das Einkaufszentrum, das für mich, meine Familie und meine Freunde der Anlaufpunkt Nummer Eins war, der Ort, an dem ich selber schon mal abends schnell mit einer Freundin gewesen war, nachdem der Mann von der Arbeit nach Hause gekommen war… Es war zu nahe, 20 Autominuten von hier. Die Polizei uns schräg gegenüber nur wenige hundert Meter entfernt schicke immerzu Bereitschaftspolizei los und wir hörten die Sirenen alle paar Minuten… Es war gespenstisch. Während noch immer nicht klar war, was passiert ist, hieß es doch noch das Geschehen am Stachus wäre falscher Alarm gewesen- kein Wunder, die Menschen in der Innenstadt müssen wie die Polizei in Habtacht gewesen sein und wir Familien und Freundinnen tauschten uns derweil aus, ob alle unsere Lieben zu Hause wären, das waren sie, bis auf mein Mann und den einer Freundin, der auch auf einem Firmensommerfest war, ausgerechnet heute… Ich schrieb mit meiner Schwester, denn ich machte mir auch Sorgen um sie als Muslima, ob ihr nicht eine Welle des Hasses entgegen kommen könnte, aber sie war ganz ruhig und entspannt…Menschen auf Twitter fragen, ob es uns und anderen aus München gut ginge. Ich putzte den Kindern, die Zähne dachte an all die Menschen, die verletzt in Krankenhäusern lagen, die Polizei die versuchte das Gebäude zu sichern, all die Menschen die voller Panik nur ihren Instinkten folgend geflüchtet waren…
Mit verstohlenen Blicken verfolgte ich auf meinem Handy die Nachrichten, Ärzte und Pflegepersonal wurden in die Krankenhäuser gerufen, während ich den Kindern in unserem Bett ein Lager bereitet hatte für Sechs und sie eine weitere DVD gucken durften. Zu dem Zeitpunkt war nicht klar, ob der Mann heute noch nach Hause kommen könnte, wann die Lage klarer wäre, es sicherer wäre, wenn wir wüssten, was da passiert war.
Es war ein furchtbarer Schwebezustand und beklemmend, den Mann nicht sicher im Arm zu wissen, dieses Ungewissheit, diese Unwissenheit war schlicht schrecklich… Es war da ganz nebensächlich, ob es ein Akt des Terrors gewesen war oder ein Amoklauf. Es war schlicht zu nahe und nach dem Putschversuch in der Türkei, dem LKW in Nizza, dem Angriff in Würzburg, die Schießerei in Orlando, den Anschlägen in Brüssel und Paris, die aggressiven Menschen ins Clausnitz war unsere „westliche“ Welt erschüttert, dass es anderswo auch viel zu viele Tote gab, liest man, es es kommt einem weiter weg vor… Das ist die schmerzliche Wahrheit. Dieses Gefühl, dass das alles aufhören soll und was Menschen bewegt andere aus dem Leben zu reißen…
Aber auf der anderen Seite war da auch wieder soviel Mitgefühl, so viele tolle Menschen, die ihre Türen geöffnet haben für Menschen ohne Bleibe für diese Nacht, andere die Gestrandete mit dem Auto abholten, als die Autobahnen wieder befahrbar waren…
In der Nacht als der Mann mit zwei Mitfahrern nach Hause gefunden hatte, (danke dafür!) war die Stimmung immer noch gedrückt, am Morgen las ich wieder Nachrichten und wartete darauf, dass der Freiarbeitssamstag samt Sommerfest in der Schule abgesagt werden würde oder die Geburtstagsfeier am Nachmittag, aber nichts davon passierte… Es war beinahe unheimlich wie normal dieser Samstag war und dieser heutige Sonntag, als wäre nie etwas gewesen, als hätte nicht eine Stadt den Atem angehalten, aber all das war real, all das ist passiert, es sind Menschen gestorben, vor allem junge Menschen, Kinder… Und als ich vom Schnellrestaurant las, wurde mir übel, ich hatte erst nach einem der zu vielen Sommerfeste in dieser Woche in einem solchen gesessen mit zwei Kindern und Baby vorm Bauch ein Eis gegessen und mich gewundert, wie unterschiedlich das Klientel dort wäre… Morgen werden wie die Polizei schrieb, einige Kinder nicht in die Schule gehen, nie mehr, für uns dreht sich die Welt weiter, aber es bleibt diese dumpfe Gefühl, das ist etwas Furchtbares in unserer Mitte passierte…
Als ich heute mit all diesen Gedanken und nach dem Verfassen dieser Zeilen mit den Kindern ins Freibad fuhr, hingen die Fahnen an unserer Polizei noch auf Halbmast und eine Lehrkraft schickte via Mail gerade noch ein Merkblatt für Eltern zur Krisenbewältigung… Nur an Kleinigkeiten merkt man, dass diese Welt, unsere Welt, unsere Stadt in dieser Woche erschüttert wurde… Ich bleibe zerrissen zwischen Dankbarkeit und Mitgefühl.

Drei Monate Mutter von Sieben

Sonntag, Juli 17th, 2016

Heute gab es einen Moment, in dem ich mich so sehr an Weihnachten und die Zeit drum herum erinnerte… Seit Langem eine Schwangerschaft an die ich wirklich gern zurück denke, obwohl es hier und da auch derbe Tiefen gab, war es eine super schöne Zeit und das denke ausgerechnet ich, die immer sagt, bei einer Schwangerschaft sei immer nur das Ziel das Ziel…
Da lag sie nun vor mir, meine Kleinste. Das Kind, das wirklich ein Mädchen geblieben ist… Ein Mädchen auf das ich vielleicht schon etwas länger gewartet hatte. Jeder meiner Söhne ist und bleibt einzigartig und gerade die letzten Zwei waren herbei gesehnt, also auch weil ich spürte, dass sie es waren auf die ich wartete. Ich werde nie die eine Ultraschalluntersuchung vergessen, bei der die Ärztin meinte, sie fände keinen Penis mehr… Ich war wirklich erschrocken, ich spürte meinen Sohn… Sie fand den verschollenen Penis Gott sei Dank, ein paar Bewegungen mit dem Schallkopf später wieder, aber vielleicht wegen dieser Anekdote konnte ich nicht so recht glauben, dass es dieses Mal wirklich das Mädchen sein oder bleiben sollte. Zwei, drei Kleidungsstücke hatte ich in den Jahren aufgehoben, in den Monaten der größten Qualen hatte ich sie oft heraus geholt, hinein geweint und mich gefragt, ob ich jemals wieder ein Kind erwarten würde… Es folgten diesen wunderbaren Söhne und nun trug die kleine Tochter wirklich und wahrhaftig ein paar dieser gesammelten Werke… Unfassbar.
Nie hätte ich mir träumen lassen, dass ich nach diesen Verlusten wirklich noch mal, nicht eines, nicht zwei, sondern drei Kinder gebären könnte und nun sind sie so ein schöner, unwegdenkbarer Bestandteil meines Lebens…
Drei Monate sind wir nun zu Neunt, ich bin eine Mutter von sieben Kindern. An den allermeisten Tagen bin ich einfach nur im Herzen glücklich und dankbar und erfüllt, gefüllt bis zur Nasenspitze mit Zufriedenheit… Es gibt einfach kaum etwas, dass ich hätte anders machen wollen, etwas was ich vermissen könnte, außer mehr Zeit für mich :)
Es gibt Tage, an denen denke ich: „Oh mein Gott, was hab ich nur getan, wie soll ich nur jemals den Bedürfnissen von allen Kinder richtig gerecht werden?!“ Wenn keine Zeit für nichts und niemanden ist. Ich mich frage, wieso ich nur dieses und jenes gerade gesagt oder getan habe?! Und ich denke, dass ich die Kinder jetzt schon vorsorglich alle bei einem Kinder- und Jugendpsychotherapeuten vorstellen sollte- ganz unbedingt, denn den brauchen sie auf jeden Fall irgendwann, nach dieser Kindheit! Und dann gibt es Tage an denen alles so wunderbar ineinander übergeht, ich sehe wie alles funktioniert, alles aufgeht, sich gute Gespräche entwickeln, alles seine Zeit hat, sich alles findet… Und so lange es dieses Momente auch noch gibt, sich diese sehr verschiedenen Tage und Sichtweisen auf alles fröhlich die Klinke in die Hand geben, kann es doch nur das bunte, volle, unberechenbare Leben sein oder?!

Wenn ich könnte…

Dienstag, Juli 5th, 2016

Manchmal hadere ich mit dem, was ich tue. Oder viel eher nicht tue. Dinge, die mir wichtig sind und auf der Strecke bleiben. Unausgesprochenes, Ungeschriebenes, all das was liegen bleibt. Ohne Worte. Wünsche und Gedanken, die der Wind einfach mit nimmt, die vergessen und doch in Erinnerung bleiben.

Das kleine ABC des Loslassens…

Sonntag, Juli 3rd, 2016

Als unsere große Tochter damals aus ihren 56er Klamöttchen heraus gewachsen war und das ist nun schon weit über 11 Jahre her, stand ich bitterlich weinend vor ihrem Kleiderschrank. Ich fühlte mich auf der einen Seite so elend, diese Kleidung würde sie nie mehr tragen, diese Zeit war unwiederbringlich vorbei- einfach so. Hatte ich diese Zeit genügend genossen? Gewürdigt? Ich kann mich noch so gut an diese Gefühl erinnern, diese Trauer, dass sie meinen Armen einfach entwuchs und auf der anderen Seite, dieses Kribbeln bei jedem neuen Entwicklungsschritt… Dieses Gefühl, das Loslassen einer Zeit, gab es in den Jahren mit unseren Kindern immer wieder, mit der Großen und mit unseren Söhnen… Das erste laute Lachen, das erste Ergeifen meiner, das erste Begreifen der eigenen Hände, das erste Mal Drehen, Krabbeln, erste Schritte oder Worte, der Beginn des Kindergartens, Abschied daraus, die Einschulung, das Beenden der Grundstufe, das erste Mal allein auf den Spielplatz gehen, Einkaufen, zur Strandpromenade (diese Liste lässt sich endlos weiter führen)- Vertrauen haben und zurückgeben, wissen, dass es sich lohnt, die Kinder in ihrer Selbstständigkeit zu unterstützen- immer wieder kleine und große Meilensteine… Erst Freitag als der Drittgeborene aus dem Schullandheim zurück kam, ein prüfender Blick meinerseits… War er gewachsen?
Unsere kleine Tochter wurde gestern 11Wochen alt- einfach so. Ich musste nicht viel dafür tun, nur zusehen- sie tragen, wickeln, kuscheln, stillen… Begleiten, einfach dasein. Sie ist eindeutig gewachsen und um manche Kleidung, die liegen bleibt, könnte ich auch kniepern, aber jetzt gehen die ersten dünnen Neugeborenen- Tücher, die ich kaufte, da war Zelda nur ein großer Wunsch geflüstert in den Wind. Tücher die ich sehnsüchtig anschaute, während ich über meinen runden Bauch strich und mir vorstellte, wie es sein würde, sie darin zu tragen. Die meisten dieser Tücher sind nichts mehr für unsere jetzigen Bedürfnisse, aber sie hatten ihre Zeit, ihren Einsatz. Jetzt heißt es sie loszulassen, das fällt mir nicht ganz so leicht, aber ist der Lauf der Dinge…

Zudem ist es wundervoll zu sehen, wie sie wächst, lacht, Laute von sich gibt, ihre Hände entdeckt, ihre Beine auf den Wickeltisch knallt, mit ihren großen Kulleraugen alles aufsaugt und so wach ist. Das ist alles so wunderschön, verliert auch in der Wiederholung nie seinen Zabuber und so lasse ich los und genieße die Reise- wie schon sechs andere Male und es bleibt einfach nur ein großes Geschenk, unsere Kinder ins Leben begleiten zu dürfen…