Die letzte Schulwoche

Die Woche begann unwirklich und zögerlich, nach unserem Besuch im Freibad am Sonntag Abend und dem anschließenden Endlichbestellen von ein paar Geschenken für den nahenden Geburtstag, ging ich wieder grübelnd ins Bett… Vor mir lag ein Kinderarztbesuch mit Zelda und Anton.
Nachdem am Montag Morgen alle aus dem Haus waren, wollte ich mir gerade mein Frühstück machen, als Nils mich anrief und mir mitteilte, dass etwas Schlimmes passiert sei. Der Ehemann einer unserer liebsten Erzieherinnen war am Wochenende überraschend gestorben. Das nahm mich total mit, ein ganz wunderbarer Mann, der oft im Kindergarten half, mit dem ich via Instagram befreundet war, mit dem ich ab und an geschrieben hatte. Er hinterlässt eine wundervolle Frau und zwei Söhne, ich stand unter Schock. ich konnte es kaum fassen. Ich stellte mich dennoch vor meinen Laptop und wollte gerade etwas schreiben, als meine Aufmerksamkeit auf ein paar ganz andere Tweets gelenkt wurde… Johannes Korten wurde vermisst nach einer Art Abschiedsbrief, ich konnte es gar nicht so recht glauben und es war eine Welle des guten Internets losgebrochen… Ich schrieb nun dem Mann und stand noch mehr unter Schock als zuvor. Ich war letztes Jahr erst an der Ostsee an ihm vorbei gelaufen und hatte mich gewundert, ob ers wirklich gewesen war, später sah ich ihn nochmal am Strand vor „unserem“ Haus und störte ihn aber nicht, wir schrieben nur später, dass er genau zeitgleich mit uns da gewesen war. Ich las auch dort letztes Jahr, das von ihm unterstützte Buch „Willkommen im Meer“. Seine Bilder bei Instagram bestachen durch schwarz/weiße Kontraste und seine nachdenklichen Tweets waren stets gefühlt ein Aufruf, die Welt ein bißchen besser zu machen, gerade in der Flüchtlingshilfe war er letztes Jahr sofort auf meinem Schirm gewesen… Nun hatten ihn die Depressionen aufgefressen. Auch mein Thema, ganz stark. Gerade als junge Erwachsene war es mein großes Problem gewesen und es schwang und schwingt all die Jahre immer mit, etwas was ich im Auge behalte, immer noch, nach all den Jahren, weil man es nicht abstreifen kann, es berührte mich auf mehreren Ebenden persönlich, in seiner Gänze. Ich versuchte mich zu sortieren, unsere Sachen zu packen und einen klaren Gedanken zu fassen, was mir nicht wirklich gelungen war, denn als ich wieder nach Hause kam, bemerkte ich, dass ich nicht mal die Tür abgeschlossen hatte. Ich fuhr also zum Kinderarzt, anstatt den Mann an meine Seite holen und mich kuschelnd auf dem Sofa zurück zu ziehen. Immer wieder tauchten Bilder auf vor mir auf, das aktuellste war wohl, ein paar Tage nach Zeldas Geburt, als alle Hoffnung aus meinem Körper verschwunden war, Erinnerungen hochkrochen und ich einfach nur Glück hatte, dass mein chemisches Gleichgewicht am nächsten Morgen nach einer Mütze Schlaf wieder hergestellt worden war, aber vergessen hatte ich dieses beklemmende, bleischwere Gefühl nicht…
Zeldas U4 stand also an und der Kinderarzt war wie wir sehr zufrieden mit unserer Maus, ich ließ sie das erste Mal impfen, so wie beschlossen mit dem Mann ganz in Ruhe und nicht alles auf einmal und fuhr nach einem Besuch der Apotheke und der Drogerie mit dem Gedanken immernoch hier und da, weiter zum Kindergarten, wo eine Schwere auf allem lag, alles leiser war und jede Bewegung langsamer wirkte… Als der Wunsch nach Kuchen für die Trauerfeier aufkam, bot ich sofort Hilfe an, wenn ich schon nichts tun konnte für diese mir ans Herz gewachsene Frau und ihre Söhne, dann doch wenigstens das. Als ich nach Hause fuhr, las ich dann beim Mittag, dass Hannes tot aufgefunden worden war und ich fing an zu weinen. Am Abend buk ich dann Probe, damit auch wirklich für diesen wichtigen Anlass, der Kuchen auch wirklich gelang. Auf unserem Tisch brannten an diesem Tag vier Kerzen und ich ging mit einem sehr schweren Herzen ins Bett, konnte lange Zeit nicht einschlafen und schrieb dann doch, weil ich noch irgendwas Sinnvolles tun wollte einen Textvorschlag für die Abschiedsrede in die Vorschulkindermüttergruppe… Ich sah unserer Tochter beim Einschlafen zu und das war wohl mit das Schönste, was dieser Tag zu bieten gehabt hatte…
Am nächsten Morgen war ich immer noch total durch den Wind, aber an diesem Tag war ich anders ruhelos, ruppig und wenig entspannt. Ich holte die Kindergartenkinder ab, dann den Tom vom Schulbus und schrieb später mit einer lieben Freundin, weil die Kinder dank eines schlimmen Unwetters nicht aus der Schule kamen. Gott sei Dank fuhr meine Freundin die Kinder nach Hause, ich war nach den Erzählungen nur froh, dass die Kinder nicht versucht hatten allein nach Hause zu kommen, es war von Hagel die Rede, Sturzregen, Windboen und verletzten Kindern. Ich war aber alles andere als verständnisvoll, mich nervten die Streiterei und ich war so sauer und wütend, als ich abends um 19Uhr das Haus verließ, um zum Putzen in die Schule zu fahren, das letzte Mal in diesem Schuljahr. Das Putzen war aber schnell getan, ich hab der Putzpartnerin vermutlich das Ohr abgekaut und soviel Blödsinn erzählt, dass ich wiederum ganz nachdenklich nach Hause fuhr. Anscheinend war bei den Busfahrern schon Zeit Witze über das Geschehen ums OEZ zu machen, ich war noch nicht so weit… Ich war müde und ausgelaugt und schlief später wieder schlecht ein…
Am Mittwoch Morgen dachte ich beim Aufwachen an meine Mama, die Geburtstag hatte und überlegte, wann wohl ein guter Zeitpunkt wäre, sie anzurufen… Und je länger der Tag wurde, desto mehr erinnerte ich mich an den letzten Tag schwanger mit dem Geburtstagskind in spe. Ich buk am Vormittag noch kurzentschlossen einen Zitronenkuchen für die Beerdigung am nächsten Tag und den zweiten geplanten Kuchen am Abend… Mittags beim Abholen ging mir durch den Kopf, ob das hier jetzt wirklich das letzte Mal sein sollte, dass ich die Zwei gemeinsam abholen würde, denn ich war mir immernoch nicht sicher wie ich es morgen machen sollte, wie es am Besten für alle wäre. Nachmittags hatte ich mit meiner Mama telefoniert und mich gefreut ihre Stimme zu hören. Am Abend, als alle endlich schliefen, machte ich noch Antons Cupcakes fertig, schmückte mit dem Mann den Geburtstagstisch und wickelte auf den letzten Drücker alle schnell noch besorgten Geschenke für das Geburtstagskind ein…
Am Donnerstag Morgen freute ich ich über das überglückliche Geburtstagskind, das so voller Freude auf den Geschenketisch zugelaufen war und endlich endlich alles allein auspacken durfte. Die Großen bekamen seit Ewigkeiten wieder mal Geschenke, ich hatte ein paar Wasserspritzpistolen auch für sie besorgt. Die Kindergartenkinder durften daheim bleiben und wir warteten gespannt auf die Schulkinder, die schon um 11Uhr aus hatten, derweil packte ich unsere Taschen… Als sie kamen, warfen sie nur schnell alles von sich und wir fuhren gleich mit dem nächsten Bus zum Bahnhof und von dort aus weiter zum Marienplatz, stiegen dort um und liefen zum Tierpark, wo wir den restlichen Tag verbringen wollten… Und Anton so einen Spaß hatte, weil er laufen durfte, die ganze Zeit… Für mich war es auch spannend, es war der erste Ausflug mit allen Kindern allein, der Mann stieß dann später zu uns und verbrachte die letzten 2 Stunden mit uns dort…
Am Freitag Morgen fiel mir auf, dass ich wohl doch mal die Rede üben sollte, die ich heute halten wollte und die sollte gefälligst schön sein. Ich war total aufgeregt deswegen und dann fiel mir noch ein, dass ich backen musste, also stand ich wieder in der Küche und buk erneut. Keine Ahnung wie viele Muffins (60! allein letzte Woche), Cupcakes, Mini- Cupcakes und Kuchen ich in diesem Monat gebacken hatte… Kurz bevor die Kinder aus der Schule kamen, holte ich Zelda zu mir, zu der ich immer wieder hoch gelaufen war, denn die schlief und schlief und schlief, abends hatte ich sie das letzte Mal gestillt, irgendwann so gegen 21 Uhr und die ganze Nacht war sie nicht aufgewacht, sie schlief einfach weiter… Ich freute mich total sie zu sehen und dann die Schulkinder ein letztes Mal abzuholen, setzte mich gleich mit ihnen hin und wir lasen gemeinsam die Zeugnisse, eine meiner liebsten Freundinnen brachte mir dann die Kindergartenkinder frei Haus und erst da bemerkte ich, dass das zwar alles nett gewesen war, doch knapp kalkuliert, denn mir blieben noch 50min um die Tiefkühlpizzen zu backen, mich umzuziehen, die Kinder anzuziehen und das Topping der Cupcakes fertig zu machen, also schob ich sechs Pizzen in den Ofen, suchte etwas hektisch die Tülle von der Spritztüte und stieß dabei noch meinen Tee um, der über die vollgestellte Küchenarbeitsplatte lief, ich vollendete die Cupcakes, schnitt Pizza, druckte den Text aus, rannte nach oben, zog mich um, versuchte mich nochmal an der Rede, sah auf die Uhr und da hatten wir noch etwas 10Minuten Zeit… Jetzt war ich doch panisch, ich rief den Kindern zu, sie sollten sich anziehen, hing die Tasche an den Kinderwagen, die ich abends nach dem Tierpark aus und wieder eingeräumt hatte mit Windeln, Spucktuch, Geldbeutel, Pflastern (sollte sich später bei einem anderen Kind auszahlen), Wechselkleidung und Co, die Teller, Becher und Besteck in die Kinderwagentasche, das Ersatztragetuch in einen Beutel, warf mir Zelda um und rannte mit wehendem Haar und absolutes Chaos überall zurück lassend zur Bushaltestelle, wo ich laß, dass der Mann immerhin schon in Dachau war, der das Spektakel nicht verpassen wollte. Angekommen im Kindergarten sortierten wir uns und stellten uns dann auf um irgendwie etwas zu sehen beim Rauswurf und ich musste dann wirklich mit den Tränen kämpfen als Ben als Vorletzter nach vier Jahren Kindergarten hinaus geworfen wurde… Jetzt war ich dran und mir schlug das Herz bis zum Hals, als ich mich vor alle Eltern, Vorschulkinder und Erzieherinnen stellte und versuchte laut, deutlich und irgendwie neben den Resten der Bronchitis, spontan trockenem Hals und dankbar, dass noch ein paar Eltern gegangen waren *hust* und mit Betonung meinen Text vorzulesen, den ich ja lieber auswendig gelernt hätte, aber wann nur in dieser Woche?!… Ich durfte keine Erzieherin ansehen, als ich das nur kurz tat, gerade als ich mich bedankte, versagte mir ganz kurz die Stimme und die Tränen schossen in meine Augen… Aber ich hatte es geschafft. Unglaublich, dass ab September nur noch Emil hier sein würde… Das war alles so weit weg… Da der Mann noch arbeiten musste, fuhren wir dann heim und ich bemerkte erst am Morgen danach, dass ich wohl hätte mal helfen sollen aufzuräumen, schließlich war es unsere Feier gewesen, das war mir dann ganz unangenehm. Den restlichen Tag verbrachte ich ohne viel zu reden zu Hause, die Kinder spielten mit Antons Wasserbahn, die er bekommen hatte, stritten sich, warfen sich Zauberhaftes an den Kopf und runterkamen wir dann alle, als wir gemeinsam Abendbrot aßen. Zwar hatten zwei meiner Freundinnen abgesagt, aber ich fuhr dennoch mit Zelda zu meiner Freundin, die uns eingeladen hatte, wo ich bis halbzwölf einen schönen Abend verbrachte und dann eine ganze Weile nachts nach Hause lief… Gegen 1Uhr schlief ich dann ein und heute morgen kam ich irgendwie gar nicht mehr aus dem Bett… Ich war voll und es fiel mir heute mehr als schwer irgendwie in die Gänge zu kommen, der Tag endete mit einem Besuch im Freibad und nun sitze ich hier und versuche diese Woche irgendwie zu erfassen und festzuhalten…

2 Responses to “Die letzte Schulwoche”

  1. Isabella Says:

    Oh Mann. Ich drück dich aus der Ferne. Das nimmt dich alles sehr mit und das ist so verständlich. Icj fand es super, dass du trotzdem mit Zelda zur Freundin fuhrst. Ich denke, Kontakt zu anderen ist ganz wichtig, besonders wenn man sich so ausgeliefert, von der Welt überfordert und verletzlich fühlt. Du bist so eine liebevolle Person 💕 Ich konnte jedes deiner Worte nachfühlen. Einerseits ist es gut und wichtig, dass wor uns dem Leid und Schmerz nicht vollends hingeben, aber irgendwo ist es auch immer unheimlich wie schnell und selbstverständlich alle weiterleben, während man selbst noch mit einem Fragezeichen im Gesicht nach links und rechts sieht und versucht das alles mal zu begreifen?! 😱 Alles Liebe für euch. Immer wieder wünsche ich euch nur das Beste.

  2. Marina Says:

    Toll, ich bewundere immer wieder wie du vieles so bewältigst. Einfach richtig toll 👍👍👍🤗🤗🤗