Die Farbe Rosa…

Wenn meine Mama mich anruft und nur mich sprechen will, dann ist das meistens kein gutes Zeichen. Wenn kein Text reicht, keine kurze Nachricht, muss etwas gesagt werden, das wenn nicht persönlich, dann doch wenigstens von Mund zu Ohr…

Ich gebe nicht gern die Kontrolle ab, darüber kann ich mich mit meinem Mann gut und gerne streiten, darüber dass ich immer alles nur allein gut machen kann, nichts abgeben kann, nicht loslassen, ja das fällt mir schwer. Aber wie geht man damit um, dass die eigene Mutter Brustkrebs hat? Wie soll man da loslassen? Aber an was genau festhalten? Kann nur ich die richtigen Worte finden? Das Richtige denken? Fühlen? Alles in die richtige Richtung schubsen?

Wenn mein Kind Seh- und Hörstörungen hat ist das beängstigend, ich kann optimistisch da heran gehen, es von außen kritisch betrachten und versuchen es mir logisch zu erklären, wenn doch das Einfachste vom Arzt ausgeschlossen wurde, ich kann ruhig bleiben, aber es dennoch im Auge behalten…
Wenn mein Kind Fieber hat, kann ich mich sorgen und hoffen, das es schnell wieder gesund ist… All das ist in meiner Macht, ein Fels zu sein, stark und fürsorglich…

Ich habe fast zwei Jahre gelernt und trainiert, dass ich keine Panikattacke bekommen muss, wenn etwas beängstigend sein könnte, dass ich nicht immer vom Schlimmsten ausgehen muss, dass ich gut zu höre, wenn ein Arzt etwas sagt, anstatt meine Fantasie zu beflügeln, ich habe gelernt mit meiner Angst zu leben, sie anzunehmen, auch als etwas Gutes zu betrachten, etwas das mich schützt, aber allem Zeit zu lassen und in den letzten Wochen, das Wichtigste, dass all das was ich gelernt habe in den letzten Monaten, mich nicht dafür schützen wird, dass wirklich etwas Schlimmes passiert… Aber das ich nicht ausraste, bevor es passiert. Das war alles, was ich mir wünschte… „Das Leben ist immerlebensgefährlich…“, sagte Erich Kästner… es brachte mich fast um den Verstand, daran zu denken, was wie sein könnte, wir Menschen sind uns unseres eigenes Todes und unser Verwundbarkeit bewusst, aber können nicht leben ohne all das täglich auszublenden, weil wir sonst gelähmt wären und genau das war ich…

Ich war gelähmt. Ich hatte erlebt, dass es nicht immer ein Happy End gibt, ich habe Menschen verloren, sie durch tiefe Täler begleitet und irgendwann war nur noch Platz dafür… Ich hatte solche Angst, mir oder den Menschen, die ich liebe könnte etwas zustossen, ich könnte noch mehr verlieren, müsste noch mehr aushalten. Ich habe soviel überlebt, mich selbst, meine Depressionen und mehr schon als Teenager, völlige Haltlosigkeit, Sorgen um Kinder und Verlust von Ungeborenen, ich habe Menschen verloren, die ich liebte… ich bin zerbrochen und habe mich selbst zusammen geklebt… aber meine Seele war verrückt worden, nicht mehr an Ort und Stelle, mir fehlte die Unbeschwertheit des Moments, der Genuss des Hier und noch heute fällt es mir schwer…

Und nun höre ich die Worte, ich nehme alles auf, ich höre das Weinen, ich gebe die Worte weiter, ich tröste und ermutige, wo ich mit meinen Worte weiter gab, was ich eben selbst erst gehört hatte, aber so neu, so nahe… ich stehe unter Schock, eingeschlossen in einem Raum mit meinen Gefühlen, draußen höre ich Stimmen, ich höre die Worte, sie kommen auch an, aber da ist diese Wand, die mich von allem anderen trennt…. alles ist so unwirklich… als wären wir am gleichen Ort, aber zu verschiedenen Zeiten…

Aus meinem Raum, schicke ich Nachrichten, an Menschen die mir nahe stehen, ich möchte zurück in die richtige Zeitzone, aber alles ist viel langsamer… wie in Zeitlupe… alles braucht Zeit…

Ich bin die Frau mit den Farben, ich habe alle in meinem Herzen, weil ich so viel gesehen und erlebt habe, ich bin ein Mensch der Vielfalt liebt, die mit dem buntem Tuchhaufen und dem Mustermix, mit den bunten Wänden und dem Strauss an Kindern, die alle so unterschiedlich sind, ich bin die, deren Webseite schon alles enthält… ich bin das alles, jedes kleine Puzzleteil macht mich aus und zu mir…

Ich bin die, die abends ihren Kindern sagt, dass ihre Oma krank ist, eine Frau mit Mann, die erst 52 Jahre alt ist, zwei Töcher hat und neun Enkelkinder… eine Frau, die alles braucht, aber keinen Brustkrebs.
Ich bin die Tochter, die die Krone richtet, die nutzen wird, was sie zwei Jahre lang gelernt hat, ich werde gerade aus blicken, optimistisch sein, etwas in dem ich noch nicht so geübt bin, aber daran werde ich wachsen… diese Zellen, die da nicht hingehören, werden schrumpfen und ich werde über mich hinaus wachsen…

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