„I have died every day waiting for you“… (miscarriage)

Ich glaube, die ersten Tage waren die wackeligsten, durchzogen von Unsicherheit und dem meisten in mich horchen, ob es nicht nun los ginge… Zudem hatte ich auch beträchtliche Schmerzen und die Müdigkeit war so bleiern, ich lag so oft unbrauchbar auf dem Sofa, kaputt, ausgelaugt, emotional und körperlich. Die Unsicherheit war groß, ob ich nun wirklich das Richtige tun würde, es verging kein Tag, an dem ich nicht nachspürte…
Das Wetter war zu gut und so plante ich zaghaft schon zu Beginn der Woche einen Ausflug zum Wildpark, sollten alle gesund sein, an dem Tag, an dem alle zeitlich Schule aus hätten. In der Nacht schlief ich nochmal schlecht, ich ging alles in Gedanken durch, wollte nichts vergessen, so wenig Stress wie möglich für mich und maximal Zeit dort. Es war natürlich eine kraftraubende Geschichte, alles rechtzeitig fertig zu haben, morgens hatte ich die zwei Jungs in den Kindergarten gebracht und war nach Hause gelaufen von dort über den Biobäcker, um noch Obst, Gummibärchen und 16 Brötchen zu kaufen, zu Hause packte ich meine Wickeltasche und Wechselsachen für die drei Jüngsten, machte den Fahrradanhänger startklar für zwei Kinder, legte in jedes Brötchen drei Rostbratwürstchen, faltete noch etwas Wäsche und huschte wieder zu Fuß zu Kindergarten, sammelte da die zwei Jungs um 12Uhr wieder ein und lief weiter zum Bahnhof, wo ich mich mit den vier Großen ohne Schulranzen treffen wollte… all das klappte, bis auf das Aussteigen an unserer Endhaltestelle und da war ich dann richtig fahrig, vor Ort dann war ich einfach nur verzaubert und so froh, dass mein Gefühl richtig war, einfach nur schöne Zeit mit meinen Kindern verbringen zu wollen, dem Stress unter der Woche so einen Ausflug anzugehen überwog… Nach Hause ging es mit Nils, der uns auf halber Strecke entgegen kam…
Freitag hatte der Liebste dann Homeoffice und ich meinen Kontrolltermin zu dem ich nach Kindergarten und Speed- Einkaufen ohne Zelda fahren konnte, ohne den Mann bei der Arbeit stören zu müssen, weil sie schon eingeschlafen war… ich versuchte mir davor ein dickes Fell überzuziehen, tags zuvor war ich immer und immer wieder in Gedanken durch gegangen, ob das immer noch mein Weg war, legte mir Argumente zurecht und klopfte noch mal alles in mir ab. Ich kenne die Alternative, das Ausgeliefertsein im Krankenhaus ist noch mal viel schlimmer als in der Praxis. Ich fühle mich wie schon bei den drei anderen Fehlgeburten, verwundbar und nackt, als hätte ich mein Innerstes nach Außen zu tragen, die Vorstellung jemand könne meine zarte Hülle einfach einreißen und kaputt machen, all das Körperliche, was nach der ersten und bisher einzigen Ausschabung so großen Raum eingenommen hatte und auch kein großer Vorteil für mich an Sicherheit- ich ging alles in Gedanken durch. So unerträglich das Warten war, es blieb die bessere Alternative.
Ich hatte noch mal einen ganz wunderbaren Text von Halitha und ihrer kleinen Geburt gelesen. Ein Text, der mich bestärkt und mir noch einmal Mut gemacht hat, zudem haben mich in den letzten Tagen viele liebe Zeilen mir eigentlich fremder Frauen erreicht.
Ich hatte mich dagegen entschieden in der Praxis anzurufen und nach dem Beta- HCG Wert zu fragen, was im Nachhinein gut war, denn ich hätte erfahren, dass er von Donnerstag auf Freitag noch mal gestiegen war, von rund 8.000 auf 11.000. Das hätte mich verunsichert und mich unnötig besorgt. Aber nun war ich da, in der Praxis, schon unheimlich getroffen nach der Anmeldung, war müde von diesem Umgang mit mir und nicht mehr voll geschützt, nach diesem einem kurzen Dialog und auch wütend. Traurig und besorgt, ob ich ohne großen Schaden aus der Praxis käme. Schon letzte Woche war mir aufgefallen, dass man mich zurück in den Wartebereich, der nicht Schwangeren geordnet hatte, ob aus Wohlwollen und knallharten Faktentum. Meine Grübeleien fanden ein jähes Ende, als ich schneller als erhofft vom Arzt aufgerufen wurde. Da wollten wir doch mal gucken… Die Zyste, die mich gequält hatte, war von 5cm auf 3,5cm geschrumpft und die Eihülle war bereits entrundet, wie es so schön heißt, weiterhin umgeben von mehreren Einblutungen in der Gebärmutter. Es war verrückt, aber ich war tatsächlich beschwingt, erleichtert. Mein Körper tut das Richtige und ich erspare mir vorerst noch das Krankenhaus, dachte ich.
Das Warten ist nun ein Teil von meinem Alltag geworden. Für mich ist das alles neu, die zwei frühen Fehlgeburten begannen mit einer Blutung, ich musste nie darauf warten, ich war eher überrumpelt davon… Ich habe mich in dieser Woche gepflegt mit ungesundem Soulfood, mir Tee gegen Zyste und für Gebärmutter einverleibt, mich einmal passiert mit Rosenöl wie nach der Geburt von Zelda, mir Bienenwachsauflagen, die meine Schwiegermama mir besorgt hatte aufgelegt und mich mich Twilight beseelt, gelesen, Zeit mit den Kindern verbracht, denn ich war Freitag nicht nur in der Praxis, sondern später auch noch 40 Bahnen schwimmen, mit dabei Tom und Ben, später noch auf dem Spielplatz mit Sechsen, war Samstag auf der Babymesse um den Kindsknopfstand zu besuchen, mit der Großen danach erfolglos aber gemeinsam Shoppen und abends dann noch mit Nils auf der Langen Nacht der München Museen, wo ich bewegt von der DenkStätte Weiße Rose, gegenüber in der Kirche war und für unsere Ostseeperle ein Kerze entzündet habe, wobei mir dann die Tränen geflossen sind, weil es solche Kleinigkeiten sind, die das alles so real machen… heute war ich noch einmal schwimmen, spazieren mit dem Mann und Zelda, konnte mein Buch beenden und mein Gulasch kochen. Ich habe getankt, wo es ging.
Ich habe getan, was ich konnte, um mich stark zu machen für die kommenden zwei Tage, denn der Mann fährt beruflich weg, ein beschissenerer Zeitpunkt konnte es nicht sein, aber er übernachtet einmal aushäusig und ich muss zwei Abende die Kinder vermutlich allein ins Bett bekommen und den Alltag bewältigen ohne gelähmt zu sein von dem Gedanken, wie ich das nur schaffen soll, wenn es nun los geht. Und ich allein bin. Und dieser Gedanke quält mich. Dieses Alleinsein damit, die ganze Zeit, denn ich konnte mich nicht frei machen von Hoffen und Wünschen und Verlieben in dieses einmalige kleine Wesen, ich muss meine Entscheidungen allein für mich treffen und ich war schon einmal zu einer Ausschabung allein im Krankenhaus, was mir bis heute schmerzhaft nachhängt, auch zwischen uns steht. Dieses verfluchte Alleinsein in so einer Extremsituation. Ich wünsche mir nun statt wie in den letzten Tagen, es möge soweit sein, dass ich noch Zeit habe bis mindestens Mittwoch, ich darf auch kein Fieber bekommen oder sonst welche Probleme… ich habe zwar einen Notfallplan, aber ich möchte den gar nicht nutzen müssen. Ich möchte Unterstützung durch meinen Partner, der maßgeblich beteiligt an meinem (Er-) Leben ist.
Aber ich habe auch Angst vor dem, was mich genau erwartet. Werden es große Schmerzen sein? Wird es mitten in der Nacht sein? Wird es lange dauern? Wie sehr werde ich nochmal trauern? Wird es dann geschafft sein?
Vorhin fragte mich eine liebe Freundin, ob ich ihre Tochter am Dienstag mitnehmen kann vom Kindergarten und ich sagte natürlich ja, denn ihr Papa liegt im Sterben und sie schrieb, es ginge ihm so schlecht, dass sie ihre Tochter so nicht mehr mitnehmen möchte, wenn sie sich mit ihrer Mama aufmacht, den langen Weg zu ihm… Diese Grausamkeit des Lebens, diese Naturgewalt des Todes, diese allgegenwärtige Präsenz des Unausweichlichen, es hilft mir das Leben als Ganzes zu betrachten, mit alle seiner Willkür schlägt es überall zu… Schönes wie Schreckliches und ich hoffe ich habe genug Schönes im Gepäck, um die kommenden zwei Tage gut zu bestehen… und vielleicht kann ich Dienstag auch noch etwas Gutes tun! <3

2 Responses to “„I have died every day waiting for you“… (miscarriage)”

  1. Ulli Says:

    Ich schicke unzählige stärkende, seelenwärmende, Ruhe und Kraft spendende Sonnenstrahlen, die hoffentlich mindestens bis Mittwoch reichen, aber besser noch auch darüber hinaus! Alles Liebe Ulli

  2. Halitha Says:

    Ich denke ganz viel an dich.
    So voller Hoffnung , dass du nicht mehr lange warten musst. Es ist ein so zähes Warten, ein ungewissen, ein irgendwie hoffnungsvolles, hoffnungsloses. Alle Kraft für dich und euch und auch für den weg deiner Freundin mit ihrem kranken Vater.