Archive for November, 2017

13!

Montag, November 20th, 2017

Jetzt ist es schon zwei Wochen her, dass meine große Tochter tatsächlich 13 geworden ist. So ganz hab ich an dem Tag die Aufregung anderer nicht verstanden, über dieses neue „teen“. Für mich ist sie schon länger ein Teenager und wirklich in diesem Sinne ergriffen war ich erst eine Woche später, als dieses wundervolle, große Mädchen ihr erstes Schülerpraktikum an Land zog. Da war innere Aufruhe in mir und die Sentimentalität am Überschäumen.
Und dann auch noch in einer Buchhandlung. Ja, ich gebe es zu, es hat mir unheimlich viel gegeben sie eben nicht in diese klassische „Mädchen“- Schiene des Kindergartens zu sehen, so wie ich es vor ihr tat und viele andere Mädchen auch, dort sehe ich eher einen meiner Söhne, als meine Tochter. Ja auch all das hab ich hinterfragt, was da meine Motive waren, die Ursprünge für meine Gefühle, aber ich hab getan was ich konnte, um sie nicht zu beeinflussen, aber ihr die breite Palette an Möglichkeiten aufzuzeigen. Bei Papa möchte sie auch mal in die Branche reinchnuppern und egal, wo sie mal ihren Platz findet, ich hoffe sehr, es entspricht ihrem Können, ihrer Auffassungsgabe, ihrem Scharfsinn… Diese Genialität sollte irgendwo hin, wo sie genutzt werden kann ;) Nein, Quatsch. Ich hoffe, sie ist nicht überfordert von den Möglichkeiten, so wie ich es auch war und findet etwas irgendwann in den nächsten Jahren, dass sie nicht nur ernährt, sondern sie auch glücklich macht, ihr Spaß macht oder für sie einen Sinn hat. Ich glaube, was sich insgeheim alle Eltern für ihre Kinder wünschen…

Vor jedem Geburtstag fragen wir das Geburtstagskind so weit im Voraus wie es nur geht, wie es seinen Tag verbringen möchte und auch was es essen möchte. Es war seit Monaten abgesehen von Antons Geburtstag, ein Fest an dem wir zu Hause waren. Bei den Geburtstagen der drei ältesten Jungs waren wir im Heldenverlies, quasi ein Live- Rollenspiel und Emil war im Playmobil- Funpark. Jetzt stand kurz das Airhop im Raum, aber da Zoe an dem Tag lange Schule hatte, war ihr das nicht so die perfekte Lösung, also landeten wir bei „zu Hause bei uns feiern mit Freundinnen und Backen“. Sie wünschte sich Cookies mit Smarties und Plätzchen backen mit unserem Lieblingsteig und Einhorn- Ausstechern, denn es sollte ein reiner Einhorn- Geburtstag werden…
Wir feierten nach dem Familienhotel quasi rein mit der neuen Katze, einem Versuchskuchen und machten für die Schule einige Cake- Pops, wie sie es sich gewünscht hatte. Ich setzte das Topping auf die Cupcakes und buk mit den Kids keine Kacki- Kekse, sondern Einhorn Pupse. Nach dem Testkuchen war klar, dass das nichts für den Geburtstag sein würde und so stiegen wir um auf Plan B und ich begann kurzerhand unser Familien- Zitronenkuchenrezept erstmals in sechs Farben einzufärben und das Beste zu hoffen, ich mixte aus den letzten weißen Tafeln Schokolade ein erstes Topping und schmierte die Creme zwischen die Schichten und versteckte meinen Überraschungskuchen im Kühlschrank. Problem war ganz klar, dass ich nochmal einkaufen gehen müsste am nächsten Tag, denn ich brauchte acht weitere Tafeln weißer Schokolade… Allein deswegen war ich schon aufgeregt, denn das war ganz und gar nicht mein Plan gewesen. Immerhin schaffte ich es spät abends das Horn und die Ohren aus Fondant zu formen…

An ihrem Geburtstag warteten leider nicht genug Kerzen auf sie, deswegen könnte ich mir immernoch in den Po beißen, dafür aber pastellfarbene Luftballons, Geschenke in Einhorn- Geschenkpapier eingewickelt und ihr Wunschfrühstück alias Pancakes von Papa. Nachdem sie alles ausgepackt hatte, musste sie leider in die Schule, dafür mit Cake-Pops unterm Arm und dann noch Sport und langer Schultag… Anpackende Brüder hatte sie wenigstens genug dabei…

Als die Kleinen im Kindergarten waren, ging ich mit Zelda Turbo- Einkaufen, holte noch Minipizzen und raste Heim, schmolz da die Schokolade, liess sie wieder abkühlen, rührte alles zusammen mit der zimmerwarmen Butter und dem Puderzucker und bestrich die Schichten Kuchen damit, bis alles halbwegs gerade aussah. Der erste Schritt. Und viel Zeit blieb mir nicht mehr. Ich testete, ob die Farbe und die Creme zusammen passen und es trennte sich nichts von einander, also rührte ich Farbe an und versuchte, das irgendwie halbwegs schön drapiert auf den Kuchen zu bekommen, dann Farbe nach Farbe und schaffte es zwar nicht geplant, aber so gefiel es mir am Besten auf die oberste Schicht mit Ach und Krach… Ich schickte davon ein Bild an den Mann, hatte den Teig zum Ausstechen geschafft, aber den zweiten nicht… und raste aus dem Haus, um in die Einkaufsstraße zu fahren und zum Blumenladen zu gehen und dort einen schönen Strauß für sie binden zu lassen und trotzdem pünktlich im Kindergarten um 12Uhr zu sein… von dort wieder heim, den Jungs Essen zu um 13Uhr aufwärmen, die Dosensuppe war ne echt gute und schnelle Idee, dann alles abräumen und wieder an den Kuchen ran, vollenden und den Tisch decken… und das bitte bis 14.30Uhr, denn auf die Mädchen wartete nach Schulende ein Taxi zu uns nach Hause… ich war maximal aufgeregt und angespannt und schaffte dank Noahs Hilfe und Kopfhörern alles rechtzeitig, auch wenn mir abends im Bett einfiel, dass ich die frischen Snickerdoodles vergessen hatte…

Ihr Gesicht, als sie herein kam und die Sektgläser mit Kindersekt sah und den Einhorn- Kuchen, den wir im Urlaub ungefähr so im Internet gesehen hatten, war genauso wie ich gehofft hatte… Ich hab mich so gefreut und ich glaube, bis die letzten zwei Mädchen kamen und der Nachmittag mit Papa dann seinen Lauf nahmen, war es ein runder Tag mit Geschenken auspacken, Überraschungs- Einhorn- Pinata, Keksen backen und als Abschluss Raclette mit Oma. Auch wenn sie dann schon sehr in den Seilen hing…

Und ich hatte am Vormittag in einem ruhigen Moment in der Küche hier und da eine Erinnerung an diese erste Geburt vor 13 Jahren… diese letzten Stunden mit meinem Mann, das Entdecken der neuen Vorstadt, in der wir erst seit drei Monaten wohnten und die uns ein zu Hause werden sollte…

Die Hexe und der Zauberer (miscarriage, depression, trauma, cancer, family drama)

Montag, November 20th, 2017

Diese Gedanken türmten sich über viele Tage in mir auf, bis sie den Weg hier her fanden… als ich etwa 13 war… vielleicht jünger, vielleicht älter, ich weiß es nicht mehr ganz genau, wurde meine Oma, die eigentlich meine Uroma war aber meine Mama groß gezogen hatte, sehr krank. Sie war in einem Krankenhaus und in meiner Erinnerung sollte sie wieder gesund werden, so sollte es es sein, so erzählte man sich es in der Familie und alle standen sich sehr nahe.
An diesem einen Tag in meiner Erinnerung besuchte ich mit meiner Mama meine Oma, die eigentlich meine Uroma war, im Krankenhaus. Aber dort wurden wir mit den Worten „Gut, dass Sie da sind“ in einen kleinen Raum geführt. Es hat keiner daran gedacht mich raus zu schicken und ich war auch ein sehr reifes Kind, denke ich, eines, das viel tragen und noch mehr verstehen konnte. Ich weiß, wie in diesem Raum alles zusammen schrumpfte auf die Worte, (Magen)Krebs und ihr jeden Wunsch erfüllen, den sie jetzt noch hätte… In meiner Erinnerung waren wir die ersten dieser eigentlich großen verwirrenden Familie, die die Wahrheit erfuhr. Es gab bestimmt noch mehr Worte, aber alles an was ich mich erinnere, sind dieser enge Raum und das ausrechnet meine Mutter als Erste davon erfuhr, meine Mutter, die darin zusammen fiel, aus heiterem Himmel. Meine Mutter, die irgendwie ohne ein Handy damals, meinen Vater angerufen hatte und der uns von dort abholte, denn fahren konnte sie so nicht mehr… Diese nächste Zeit, das Pflegen meiner Oma, die eigentlich meine Uroma war durch eine meiner Tanten, die eigentlich die Tante meiner Mutter war, das langsame Abschied nehmen und zeitgleich eine noch viel größere Verletzung, die brutal durch meine Mutter fuhr und ihr jede Fröhlichkeit und alles Quirlige ihrer Persönlichkeit für lange Zeit oder für immer nahm, bleibt mir in Erinnerung. Der Kummer, der einzog und vor dem wir Kinder beschützt werden sollten, aber von dem ich dennoch wusste, ich war zu sehr ich, ich wusste und hörte alles. Meine Oma starb, ich erinnere mich an diese Beerdigung noch immer, dort sah ich zum bisher letzten Mal meine eigentliche Oma, die meine Mutter nicht groß gezogen hatte und mir eine Fremde war. Ich erinnere mich an diese verfluchte Musik, bei deren Einsetzen ich weinen würde, wie auf den Beerdigungen danach. Ich erinnere mich an eine Zeit vor meiner Staffelei, die ich irgendwann von meinen Eltern geschenkt bekommen hatte und meinen Kreidefarben. Ich erinnere mich daran, wie ich jeden Abend Bücher vor meine Tür schob, weil die Katze, die mich angegriffen hatte, mir im Rücken gehangen hatte, als ich schreiend durch Wohnzimmer gerannt war und von deren Attacke ich noch heute Narben am Rücken trage, so geängstigt hatte und doch nie auszog. Diese Bücher schob ich jeden Abend vor die Tür, bis mein Papa sich erbarmte und die Türklinge nach oben anbrachte und ich etwas mehr Sicherheit fühlte. Ich erinnere mich an all das und das in meinem großen Zimmer, das mit der Staffelei, der Kreidefarbe und dem Stapel Bücher vor der Türe, ein Fernseher vor mir stand und ein Recorder. Und jeden Tag, jeden Abend lief der gleiche Film, zumindest in meiner Erinnerung und ich malte und malte und malte und dieser Film lief und lief… Es war „Die Hexe und der Zauberer“. Die gemalten Bilder habe ich noch heute.
An all das erinnerte ich mich wieder mehr, seitdem ich mit der Zeugung dieses letzten Kindes ein weiteres mal hintereinander alle „Biss“- Bücher las. Seitdem ich wieder täglich die Soundtracks hörte, das Making Of ansah, die Filme beinah täglich laufen und sei es nur in Etappen. Es beruhigt mich. Es hüllt mich ein und fängt mich auf. Es gibt mir Sicherheit. Nichts Unbekanntes. Immer das Gleiche. Im Hotel, durch die ersten Tage, der sogenannten kleinen Geburt, begann ich „Midnight Sun“ (Twilight aus Edwards Sicht) in Englisch zu lesen und nun wieder zu Hause in Deutsch.
Nach drei langen Wochen Blutungen endete nun diese „kleine Geburt“, meine elfte Schwangerschaft und ich erlebe Tage, die weniger bedrückend sind, als andere. Eine vierte kleine Seele, ein Teil von mir, wartet vielleicht irgendwo auf mich. Und ich habe das Gefühl, ich kann wieder freier atmen. Ich kann nun heilen. Noch mehr loslassen. Und meinen Platz im Alltag wieder finden, auch wenn ich merke, dass ich keine Reserven für nichts habe. Meine Dünnhäutigkeit bezeugt es hier und da. Das Schwimmen fehlt mir, aber die Halle öffnet nach einem Monat Schließzeit, erst wieder im Dezember. Manchmal timed das Leben alles selber. Und bis dahin, laufe ich weiter viel mit meinen Kopfhörern durch die Gegend, wie ich es als 15Jährige schon tat, als ich depressiv durch Berlin fuhr und die satanische Bibel und diverse andere Bücher las, die mein Umfeld so verstörten, wie ich es vielleicht tief drinnen war…

„I was a heavy heart to carry…“ (Miscarriage)

Donnerstag, November 9th, 2017

Mitte/Ende letzter Woche war ich soweit, dass mich die Schmerzen nur noch verrückt machten. Ich konnte kaum aus der Tür gehen ohne gleich wieder ins Bad zu stürzen, es hat mich unheimlich viel Kraft gekostet, emotional wie körperlich, denn es war sehr schmerzhaft. Durch den Urlaub haben mich Schmerzmittel getragen und ich hab versucht mir nichts anmerken zu lassen, was es natürlich für mich noch schlimmer gemacht hat, als es ohnehin schon war- in so einer Situation so isoliert zu sein. Dann gab es Worte, die mich mitten ins Mark getroffen und sehr verletzt haben, obgleich sie nicht so gemeint waren, aber wieder allein damit zu sein, mit dem Gefühl dieses Verlusts hat mich nieder gedrückt. Da hat mir vorher mehr geholfen mich offen mal hier und da auszutauschen und sei es mit einer Freundin morgens im Kindergarten… Auch konnte ich das verdammte Blut in der Menge und Zeit einfach irgendwann nicht mehr sehen, jeder Gang zur Toilette hat auf die Wunde in der Seele gedrückt. Ich konnte dann nicht mehr. Ich hatte keine Kraft mehr dafür. Es drückte und schob einfach nur mich durch. Ich war einfach entrückt. Natürlich war dieser schlimmste Tag der Höhepunkt und danach wurde es schrittweise besser… es musste so sein und das sollte es auch, aber es hat mich auf die Probe gestellt, ob ich das so immer noch wollte. Ich hab versucht da gegen zu halten, gelesen was mir gut tat und lange Spaziergänge mit den Kindern, dem Mann oder allein gemacht… und nebenbei lief auch im Hotel ein Alltag, das trug mich auch.
Nach Zoes Geburtstag Anfang dieser Woche, ging ich dem Tag der Kontrolle entgegen. Heute dann hatte ich meinen Termin und ich war erstaunt wie ruhig ich allein gestern Abend war. Hätte ich noch eine Curettage gebraucht, dann wäre es eben so gewesen, nicht sonderlich angenehm, aber es hätte im weitesten Sinne nichts mehr mit meinem Baby zu tun gehabt. Damit konnte ich gut umgehen, es liess mich mich weniger hilflos fühlen, es wäre kein Auskratzen meiner Hoffnung mehr gewesen, sondern ein sehr unangenehmer medizinischer Eingriff, denn ich hatte mein Baby bereits allein verloren, das war sehr heilsam.
Ich war auch vorhin auf die Nachfrage nach dem Mutterpass gefasst und beim Gehen wieder das Wünschen einer „Guten Zeit!“, ich habs ausgehalten. Es war auch genug Abstand zum letzten Termin. Es ist noch Blut in meiner Gebärmutter zu sehen, aber das könnte jetzt noch abgehen, ganz vorbei ist es auch nicht für mich und ich soll wie erwartet nach meiner nächsten Monatsblutung zur Kontrolle kommen. Es wäre also sowas wie geschafft, wenigstens fast. Die Zyste ist auch weg, mein Körper hat mich nicht umsonst gequält. Nun müssen andere Wunden heilen und das braucht mehr Zeit als einen weiteren Zyklus. Aber für den Moment bin ich zufrieden, dafür gibt es andere Baustellen, um dich ich mich kümmern muss.

„And is it worth the wait
All this killing time?
Are you strong enough to stand
Protecting both your heart and mine?“

Florence + the Machine