„Mit euch stimmt doch was nicht!“…

Wir werden regelmässig gefragt, ob wir schon immer wussten, dass wir so viele Kinder wollten oder wie das so ist? Oder obs dann auch schon egal war? Wie das passiert ist?- Obwohl das natürlich jeder weiss, also woher Kinder so kommen können. Oder man bekommt den total neuen Vorschlag, dass eine Schwangerschaft ja auch zu verhindern sei. Oder das übliche Großfamilien- Bullshit- Bingo. Der Mann sagt da regelmässig so ein Sprüchlein auf, ich fand das sehr spannend von ihm zu hören, vor allem, weil ich das ganz anders erlebt habe.
Also ja und nein, wir wussten das nicht. Ja- denn warum auch immer, am ersten Abend mit diesem Jungen, hörte ich mich Dinge sagen wie „Ja, voll toll! Großfamilie! Kann ich mir auch vorstellen!“ ICH! Zu ihm. Da hatte ich ihn das erste Mal gesehen und dieser Typ redete von zehn Kindern. Warum auch immer, völlig egal. Fakt ist, mit ihm kam mir das leicht über die Lippen. Es gab nämlich auch eine Zeit, da wollte ich gar keine Kinder. Weil ich dachte, ich wäre viel zu irre dafür und könnte das nicht gut. Und es wäre definitiv besser für mich und diese fiktiven Kinder, sie gar nicht erst zu bekommen.
Nein, weil man das nicht in dem Sinne plant oder planen kann? Ich hatte keine Ausbildung und in dem Moment, in dem ich mein Leben in den Griff bekam, sehr früh heiratete, ich war ja erst 20, in der Schule Erfolg hatte, mit meiner Depression umgehen konnte, da war ich schon schwanger, also in dem Moment, wo ich dachte, ich könnte dann wenn es eben nicht klappen sollte, doch vorher eine Ausbildung machen, war mein Lebensweg entschieden. Denn für mich war klar, ich muss meine Zeit sinnvoll nutzen. Kann ich jetzt keine Ausbildung machen, bekomme ich eben vorher Kinder, vielleicht ist es später zu spät und ich bin heute froh drum, so gefühlt und gedacht zu haben, denn ich hatte Recht! Es klappt nicht immer alles so einfach, wie man sich das zurecht gelegt oder „geplant“ hat, schon gar nicht mit zunehmenden Alter und das ich für mich Recht haben würde, erlebte ich schmerzlich nur ein paar Jahre später.
Als Zoe dann da war, war ich fix und fertig. Sie war kein Anfängerbaby! Es war emotional eine totale Achterbahnfahrt. Ich liebte sie so sehr, aber ich war überrumpelt von meinen Gefühlen, davon dass mich dieses kleine Wesen so in den Wahnsinn treiben konnte und an den Rand meiner Kräfte! Ich hatte nicht das Gefühl, alles richtig zu machen, ich fühlte mich unzulänglich, nicht gut genug. Und dennoch haben wir das irgendwie hinbekommen und obwohl sie mich oder uns, aber ich mag bewusst bei mir bleiben, also mich so gefordert hatte, ich einfach so durchgeschüttelt wurde, wusste ich als sie sechs Monate alt war, entgegen dem Moment im Kreissaal: „DAS will ich noch mal! Ich möchte einen kurzen Altersunterschied, ich möchte ein Geschwisterchen für dieses Mädchen.“ Und dann kam Noah wirklich! Was eine Zeit!- keine einfache Schwangerschaft, Streit mit der Familie, es war nicht so schön. Aber Noah war trotz aufwühlendem Start ein super lieber kleiner Kerl. Auch ein bißchen schon immer unser Sorgenkind aus verschiedenen Gründen, aber ganz anders als Zoe, die toll ist! Und ich war zufrieden und glücklich mit meinen beiden Kleinen. So richtig gefordert mit zwei Kindern unter zwei Jahren, aber zufrieden und wollte so schnell kein weiteres Kind, Nils schon. Und dann gibt es eben diese Geschichte mit dem Arzt, ich war schon darauf vorbereitet, immerhin hatten wir uns für natürliche Familienplanung entschieden, aber der Tom war Schicksal. Und dann gab es später den Moment mit drei Kindern im Urlaub, ich kann mich heute noch daran erinnern, dass wir uns beide ansahen und da fehlte jemand. Und dann kam Ben, aber immer… und wir hatten diese Grenze schon erreicht beim dritten Kind, allein das war ja total unnormal mit 24 das dritte Kind bekommen zu haben, immer war der Druck von Außen enorm. Ich glaube, jeder der das dritte Kind bekommen hat, kennt diese Sätze, die man dann hört. „War das geplant?“, „Nun ist aber Schluss?!“, Fernseher, Hobbies, Kondome, Religion- da lag schon alles auf dem Tisch. Wir hatten diese Grenze überschritten. Mit Anlauf. Und dieses Hürde im eigenen Kopf, im Herzen zu nehmen? Immer dieses eigene Hinterfragen? „Warum machst du das jetzt?“, „Was kompensierst du damit?“, „Was stimmt mit mir nicht?“- das war immer da, die ganze Zeit. Das ist das Stigma, was man trägt. Ein exotisches Wesen, das Dinge ganz anders „plant“. Ich habe selber ab und an Großfamilien gefragt: „Woher wusstet ihr, dass ihr wirklich noch mehr wolltet?“ und werde es heute auch sehr regelmässig gefragt. Meist kennt man die Antwort auf die Frage, ob man noch ein Kind möchte, schon bevor man die Frage gestellt hat, man geht nur so nochmal alles im Kopf durch, glaube ich. Unverantwortlich. Nicht weitsichtig genug, fahrlässig und „Wenn nun was passiert?“
Typsache. Ich bin definitiv eine Frau, die alles stubenlang herumwälzt und durch denkt, immer, gern nachts, gerade dann, Tage oder Monate immer und immer wieder. Aber ich kann so nicht leben, immer mit dem Worst Case im Nacken. Ich treffe sinnvolle Entscheidungen, lege Geld für die Kinder zur Seite, wenn es auch nicht viel für jedes Einzelne ist, weiß realistisch, dass ich ihnen vieles nicht ermöglichen werde können, so wie andere Eltern es tun, aber das nehme ich in Kauf. Ich habe keinen Ehevertrag, keinen Fallback. Weil es auch nie so kommen wird, wie ich mir das gedacht habe. Ich muss dann flexibel und anpassungsfähig sein. So sehe ich das, anders könnte ich wohl auch nicht leben wie wir es tun.
Ich könnte da noch weiter ausholen, aber das war nicht, was ich erzählen wollte.
Als Ben dann also da war, ich wurde 26 nach seiner Geburt und versuchte Monate später noch mal schwanger zu werden hat mir das Leben mit Wucht und Macht gezeigt, dass man eben nicht alles beschließen und planen kann, wie man denkt. Eine Fehlgeburt jagte die nächste und ich war emotional so ausgebeutelt als ich dann nach drei Verlusten in neun Monaten endlich dauerhaft schwanger war, mich darauf einlassen, das Glück annehmen, vorbehaltlos Freude empfinden, es ging nicht, vielleicht weil auch diese Schwangerschaft eine Zitterpartie war. Und ich glaube, es sind diese Erfahrungen die dich Demut lehren und echte Dankbarkeit, wenn eines deiner Kinder eventuell Trisomie haben könnte und dir am Ende der anderen Schwangerschaft gesagt wird, der Magen des Babies sei viel zu klein und das müsse man dann mal sehen, wenn das Kind zur Welt gekommen sei, diese Erfahrungen erden. Da ist es keine Phrase, dass jedes Kind ein Geschenk ist. Ich fühlte das genau so. Jedes Kind so einzigartig und wundervoll (und anstrengend, wie ich als Mutter :) )
Also nein, diese Kinder sind nicht einfach so (aus Versehen) passiert und es ist sowas von nicht egal, ob da nun noch einer mehr ist oder nicht, abgesehen von der Mehr- Arbeit, ist es eben auch mehr schön. Mehr einzigartig. Es war ein harter Kampf mit mir selbst, mich selbstbestimmt für mein Leben zu entscheiden, was immer noch heute und immer wieder unter die Lupe genommen und auseinander gepflückt wird, für dieses Leben mit dieser Familie, für diese Art zu Leben. Und auf der anderen Seite ein Leichtes jedes Kind zu bejahen und trotz Selbstzweifel, ob man dem wirklich, wirkllich, wirklich gewachsen sein wird, ob man das alles schaffen kann und wie nur- einfach ein Nicken, ein Blick, ein Händedruck, ein Moment, eine gemeinsame Entscheidung- genau DAFÜR.

9 Kommentare

  • Susanne

    Das klingt schön wie du es schreibst! Und ich finds toll dass ihr so mutig seid.
    Ganz ehrlich, für mich wäre es nichts aber zum Glück (!!!) ist jeder anders :-)

  • G.

    Vielen Dank. Es berührt mich wie Du den Beginn und bisher beschreibst. Ihr seid eine ganz ganz tolle starke reflektierte Familie 💚

  • Andrea

    Du fasst zusammen, was mich gerade wirklich sehr bewegt und was mich gerade immer wieder trifft. Menschen werden gerne immer übergriffiger und tuen so, als würden sie mein Leben kennen. Sie unterstellen, be—und verurteilen. Da bin ich gerade so schutzlos.

    Ansonsten : so ähnlich kamen die Kinder in unser Leben .

    Viele liebe Grüße
    Andrea – die Großfamilienmama 😀❤️

  • Sarah

    Wunderschön! Wir haben erst zwei und da ist auch total dieses Gefühl von da fehlen noch welche… nicht nur einer… wir werden sehen ob es doch nur noch ein Kind mehr wird oder mehrere. .. ich hatte mehrere Fehlgeburten noch vorm ersten Kind und kann total nachvollziehen was du schreibst… für uns ist es tatsächlich jedesmal ein Wunder, dass unsere Kinder sich doch von selbst und ganz natürlich zu uns aufgemacht haben… mal sehen wie viele noch zu uns wollen… liebe grüße

  • Claudia - FrauMoehre

    Also ich verstehe gar nicht, warum es so unglaublich ist, wenn sich ein Paar für viele Kinder entscheidet. Es sind doch nur Kinder. Die tollsten Wesen der Welt. Warum nicht viele davon? Ja, sie sind dir Spiegel meiner selbst und fordern mich, überfordern mich, bringen mich an meine Grenze und darüber hinaus, sie rütteln mich ordentlich durch, aber eben das ist doch das Tolle daran. Sie bieten mir die Chance meines Lebens, mich zu entwickeln, mit ihnen, für sie.
    Haben Menschen denn Angst vor diesen Spiegeln, Angst vor Überforderung, Angst vor Hilflosigkeit, Angst davor, beschimpft zu werden, wenn sie abwertend über eine wunderbare Vielzahl von Kindern reden? Was stimmt DA nicht? Sind es nicht die Menschen, die urteilen und verurteilen, mit denen „etwas nicht stimmt“, die sich selber hinterfragen und zweifeln sollten, statt die Eltern mehrerer Kinder? Und ist es nicht gerade das Wunderbare an vielen Geschwistern, dass sie nicht so verschroben sind, sondern sich unverblümt die Wahrheit sagen und gegenseitig die Leichtigkeit des Lebens zeigen, sich aber auch mal raufen und untereinander dafür sorgen, das sie sich in der Geborgenheit der Familie schonmal austesten können und aneinander wachsen?
    Ich verstehe es wirklich nicht. Es sind nur Kinder. Bloß keine Angst. Die beißen nicht, die wollen bloß spielen.

  • Elisabeth

    schön… und ja genau…. hier ist/war es ähnlich.
    Ich denke ja, dass andere es bedrohlich finden, wenn man von der „Norm“ abweicht, dabei ist es doch wunderschön, dass es für jede Familie, jedes Paar anders gut und richtig ist. Für die eine Familie sind 2 Kinder die Erfüllung und auch die Grenze für die eigenen Lebensentwürfe und für ein anderes Paar sind das eben 10 Kinder oder alles dazwischen… gut, dass wir alle verschieden sind! jetzt müssten wir einander nur noch gegenseitig respektieren mit den unterschiedlichen Lebensentwürfen.
    Wir jedenfalls sind glücklich mit 9 Kindern und würden es immer wieder so machen.
    Danke für Deinen Text, es tut gut, zu lesen, dass es bei anderen Großfamilien ähnlich ist.
    lg. Elisabeth

  • kassiopeia

    So viele liebe Kommentare, ich war sehr berührt und würde gern auf jeden Einzelnen eingehen, vor allem alt bekannten Namen, die ich wieder sehe :) aber ich bin zu platt. Hoffentlich ist keiner enttäuscht! <3 Habe jede Zeile gern gelesen!