Die stade Zeit…


Ich liege im Bett und denke an die kommenden Wochen. Ich liebe diese Jahreszeiten, Herbst & Winter. Wenn es draussen rascher dunkel wird und drinnen die Lichter in den Häusern angehen. Ich liebe es, wenn es draussen still wird und die Straßenlaternen angehen, statt die Musik der nächsten Gartenparty. Wenn die Menschen wieder anfangen zu flüstern, anstatt sich in kleinen Gärten in Vorstädten bis spät in die Nacht dank steigendem Alkoholpegel immer lauter zu unterhalten und zu lachen, mit Ausnahme einer Nacht im Dezember.

Ich liebe es, wenn ich mich als Mama schon freue, wenn die kleinen Kinder 30Minuten draussen waren und mit eiskalten Fingern herein kommen, statt noch mehr Zeit draussen rauszukitzeln, aber nur mit Lichtschutzfaktor 50- in der sonnenstrahlenärmsten Zeit, die Laut Wetterguru aber gar nicht mittags ist. 

Ich liebe es, wenn ich diese 30 oder 60Minuten eintausche- nasse Schuhe, Handschuhe, Mützen und Schals von vielleicht zehn Leuten, gegen nasse Badelaken und Badebekleidung- der K(r)ampf bleibt der Gleiche, „Bis morgen muss alles wieder trocken sein!“. Statt was kann ich noch ausziehen, was kann ich noch anziehen und irgendwas fehlt immer…

Ich liebe es wie es überall heimelig und gemütlich wird, die Drinnenzeit genossen, die Kerzen angezündet und der Schnee erwartet wird und nur manchmal wird dieser Wunsch rechtzeitig erfüllt, denn schon Neujahr blickt man gern dem Frühling entgegen, obwohl der Winter gerade erst begonnen hat. 

Ich sehe gespannt auf all die Termine, die sich langsam breit im Kalender machen, sich häuslich einrichten, wie kleine Zeitfresserchen und einen aus mönströsen Nervenvernichtungs- Augen ansehen: „Besinnliche“ Stunden, Weihnachtsaufführungen, Adventsbasteln in Hülle und Fülle- aber bitte nicht krank werden oder grummelig erscheinen, es ist schliesslich die Vorweihnachtszeit. 

Ich sehe auch gespannt auf meine Erstarrung, geschafft ist St. Martin, die Beerdigung liegt vor uns, die Jobsuche ist noch nicht ganz abgeschlossen und da wäre noch diese Sache mit dem Adventskalender, dem Adventskranz und das jährliche Online Anstoßen mit allen anderen Adventskranzbesitzern, dicht gefolgt vom Baum- Anstoßen, Nikolaus, die Dekoration natürlich und das zu planende Weihnachtsfest- heisst bei uns Geschenke für 10 Menschen und das für je 4 Parteien, in Tabelle wie jedes Jahr plus darüber hinaus noch für Menschen, die man liebt und denen man gerne eine Freude machen möchte, und das Essen- Herrgott, das Essen, schliesslich soll niemand verhungern und wenn man plötzlich Appetit auf Rote Beete im Glas hat, muss das natürlich vorher erahnt gewesen sein, immerhin kann man nicht einfach so einkaufen zwei lange Tage lang, alle diese Schritte in den kommenden Wochen kommen gar nicht so unerwartet, aber dennoch ist da diese Erstarrung oder Ratlosigkeit wo anpacken, wo ansetzen… es ist dann doch beklemmend…

Ich blicke derweil meinen Gedanken nachhängend auf meine Töchter in den warmen kuscheligen Betten neben mir, streichle Lilou über die Fülle ihres weichen Haares, bin froh, dass sie nach dem xten Mal stillen noch mal in den Schlaf gefunden hat und streichle Zelda, die heute besonders unruhig schläft und dankbar bin ich, dass der Mann unten beim moppernden Anton liegt… und mein Antibiotikum so schnell geholfen hat, was leider zur Folge hat, dass ich nachts um zwei noch wach liegen kann und in mein Handy tippe, damit die Gedanken draussen sind aus meinem Kopf und ich vielleicht eventuell schlafen kann… Ich denke an das vergangene Weihnachten, den November und Dezember, der uns an die Ostsee gebracht hatte. Als ich tränenüberströmt am 21.12. spät abends am Meer mit der kleinen, weinenden, hustenden, drei Monate alten zudem zahnenden Lilou umher taperte, verzweifelt und hilflos, mich fragte, was ich hier draussen eigentlich zu finden gehofft hatte, einen Arzt ganz sicher nicht. Ich war mir zu tausend Prozent sicher, dass das alles eine Schnapsidee gewesen war und der Ruhe und Besinnlichkeit, die ich mir hier erhofft hatte, waren Angst und Sorgen um meine Tochter gewichen. All das- diese ganze Reise, diese ganze Zeit der Vorbereitung und Planung- hatte hauptsächlich mich soviel Tränen, Zeit und Nerven gekostet. Ich war mir sicher gewesen, dass wir in diesem Jahr besser zu Hause aufgehoben wären und ein großer Stressfaktor ausradiert wäre, abgesehen von der Sehnsucht nach dem Meer, wollen wir mal hoffen, dass das dann auch wirklich so ist. 

Ich sehe unserer mittlerweile großen, kleinen Lilou quer im Bett liegend beim Schlafen zu, während ich keinen finde und frage mich in diesem Moment…  „Was wenn es eine Zeit in meinem Leben geben wird, in der niemand mehr etwas von mir will, nicht in der Menge zu dieser Jahreszeit, werde ich dann mit einem Lächeln an das ganze Gewusel hier zurück denken?“- werde ich dann denken „Hättest du mal gewusst wie kostbar all das ist?!“, ein Gedankenexperiment für die kommende Zeit, es von weiter weg zu betrachten, mir das Gefühl herauf zu holen, das ich ungelogen jedes Jahr habe, wenn ich den letzten Abend auf die Überreste eines (nicht mehr ganz so frischen) Weihnachtsbaumes blicke und mir Jahr für Jahr die Tränen kommen, weil es doch so schön war und wieder vorbei ist und kann dann diese stade Zeit, von der mal die Rede war, nicht einfach im Januar stattfinden mit vollem Herzen, einem großem Topf voller Erinnerungen?! 

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