Von wegen „nahe“…

Seit wann muss ein Kindergarten wirtschaftlich arbeiten? 

Verzweifelt, erpresst und ohnnächtig fühle ich mich seit Anfang der Woche, als unsere Erzieherin auf mich zukam und mir zähneknirschend mitteilte, wir müssten ab September jetzt für die Kinder Mittagessen mitbuchen und bezahlen. Aber das ist ja irgendwie nicht alles.

Seit der Einschulung des ersten Kindes, seit unserem Umzug, gehen unsere Kinder nur bis 12Uhr in den Kindergarten. Weil mein Mann arbeiten und nicht zu Hause war, konnte ich so jahrelang meinen Alltag allein bestreiten, mit den Babies und Kleinkindern in den Kindergarten flitzen und dort ein bis zwei Kinder abholen, nach Hause hechten, dort für alle kochen, denn um 13Uhr kamen die Schulkinder nach Hause und hatten Hunger. So saßen wir Jahr um Jahr mittags zusammen, jeder konnte erzählen. Bis die Großen dem entwuchsen, erst hier und da länger Unterricht hatten und dann „unsere“ Schule im Ort verliessen. 

NIemand wäre zu Hause gewesen in all den Jahren, um die (Schul-)Kinder zu Hause zu betreuen in der Zeit, in der ich zum Kindergarten muss. Jetzt ist es aber so, dass wir dazu gezwungen werden bis 14Uhr zu buchen. Nicht nur das Mittagessen. Nicht bis kurz nach 12Uhr oder 13Uhr, nein 14Uhr. Blindbuchungen (Buchen bis 14Uhr, Abholen 12Uhr weiterhin) sind bitte aber auch nicht erwünscht, also wie soll ich das stemmen? Nachdem alle Termine verstrichen sind, um einen neuen Kindergarten Platz zu suchen, was ab von allem anderen zu diesem Zeitpunkt Ende Mai, ein schier sinnloses Unterfangen wäre, weil es kaum Plätze gibt. Und weil wir seit 17 Jahren diesen Kindergarten besuchen. Das ist alles so deprimierend und diskriminierend, das wir da so in unserer Selbstbestimmung eingeschränkt werden, nach dem Motto „Friss oder stirb“.

Alles ist teurer geworden in den letzten zwei Jahren. Alles. Und mein Mann verdiente ja nicht mehr. Im Gegenteil. Wir leben schon immer am Limit. Aber in den letzten Monaten nochmal mehr. Ohne meine Schwiegermutter wären wir gerade jetzt in den Monaten der erneuten Arbeitslosigkeit, die wir ja schon letztes Jahr (neben anderen Kosten) noch selber abgefangen haben, am Arsch gewesen. Alles wird kontinuierlich nur teuer, jetzt soll ich 200€ mehr im Monat für die Minis zahlen.

Man empfiehlt uns, wir sollen uns ans Landratsamt wenden? Aber ich möchte das eigentlich nicht, ich möchte meinen Lebensunterhalt sebst bestreiten. Und das vorallem selbstbestimmt. Und selbst wenn? Was ist, wenn das Landratsamt keine Notwenigkeit sieht, weil mein Mann doch soweit gut verdient, aber geteilt durch 12 Menschen eben nicht mehr? Wie sollen wir das meistern?

Wie soll ich das in meinen Alltag integrieren? Die Schulkinder beim Mittagessen allein lassen, sich selbst und den Hausaufgaben überlassen, los rennen und zwei noch müdere Kinder vom Kindergarten abholen? Wir haben uns ganz bewusst dafür entschieden nur bis 12Uhr zu buchen. Damit wir was von den Kindern haben, ein Kontrukt erschaffen, dass straff und taff ist, aber für uns als Grossfamilie funktioniert und nun zwingt uns die Caritas- mit dem Slogan „Nah. Am Nächsten“ in die Knie. Soviel zur Teilhabe. Ich bin wirklich verzweifelt. Es geht mir nicht darum Geld zu erbetteln. Sondern frei entscheiden zu dürfen, in meinen eigenen finanziellen Möglichkeiten und wenn ich das täte, müsste ich die Kinder jetzt abmelden und zu Hause, wie die ersten drei Lebensjahre, selbst betreuen. Denn wir mögen unsere Kinder nicht nur und verbringen gern Zeit mit ihnen. Ich bin da als Arbeitskraft seit jeher mit eingerechnet, weniger fremde Betreuungszeit buchen heisst auch es entstehen weniger Kosten, ob Kindergarten oder Hort. Denn 4€ pro Mahlzeit und pro Kind, wenn ich so wirtschaften würde, jeden Tag so pro Kopf kochen würde, das so für uns hochrechne, wären wir nach einer Woche pleite. 

Ich müsste dem Kindergarten eigentlich kündigen, die Kinder rausreissen aus ihrem Umfeld, Henry gerade eingewöhnt, Lilou sprachverzögert ein Vorschulkind ab September, die Caritas würde es sicher freuen, hinter uns stehen andere Eltern Schlange, die bestimmt gern noch mehr Stunden buchen würden. 

Eine Anmerkung noch dazu: Ich finde es über die letzten 17 Jahre spannend zu sehen, wie sich Kinderbetreuung hier in Bayern und im Landkreis entwickelt hat. Als wir unser erstes Kind bekamen, gab es kaum Krippenplätze, wer arbeiten musste, brachte sein Kind zur Tagesmutter. Es gab damals kaum Kinder im Kindergarten, die lange betreut wurden, es dünnte über den Nachmittag immer mehr aus bis am Nachmittag nur noch eine Handvoll Kinder da waren, (es gab noch Mittagschlaf, den Kindern wurden davor noch Zähne geputzt), aber heute es ist genau anders herum, heute gibt es (pardon gab es) kaum noch Kinder, die vor dem Mittagessen abgeholt werden. Die meisten Kinder kommen aus der Fremdbetreuung in die Fremdbetreuung, Kinder sind so schneller angepasst, kennen schon die Abläufe usw. Ich finde das als altes DDR Kind interessant zu beobachten, in welche Richtung das gerade geht und da wir seit so langer Zeit schon ein und die selbe Einrichtung besuchen, konnte ich da auch viel beobachten. Es scheint nicht mehr ins Bild zu passen, seine Kinder selber betreuen zu wollen. Es wird dann immer argumentiert, man müsse sich das auch leisten können sein Kind zu Hause zu haben, aber wie man sieht, muss man sich es auch leisten können es überhaupt fremdbetreuen lassen zu können.

3 Kommentare

  • Anonymous

    Das ist so irre. Überall herrscht Personalmangel und anstatt froh zu sein, dass auch Eltern um 12h abholen. Müssen sie nun länger bleiben. Der Sinn erschließt sich mir nicht. Politik am Leben vorbei. Drück dich. Hoffentlich gibt es eine Lösung.

  • Christine

    Kindergärten sind immer Zuschussbetriebe und kostenintensiv. Die Träger haben immer weniger Geld und das führt dann teilweise zu solchen Entscheidungen.
    Ich kann wirklich gut verstehen, dass du nicht gegen Windmühlen kämpfen willst und keine Gelder beantragen. Aber leider ist es oft so, dass man diese Kämpfe und Energie aufbringen muss, unabhängig davon, was man ohnehin alles zu stemmen hat.
    Ich fühle mit dir und drücke fest die Daumen, dass sich schnell eine gute Lösung findet.

  • Tina

    Ach Du liebe Güte!
    Was für ein Mist. Ich kann Deine Verzweiflung verstehen und verstehe den Kindergarten, den Träger, wiederum nicht. Mehr Einnahmen gut und schön, aber warum mit diesem Zwang für Euch, wo Euer System doch seit so vielen Jahren gut für Euch funktioniert? Und dass lange buchen und dennoch früh abholen auch nicht geht, finde ich noch krasser.

    Es tut mir so leid! Ich wünsche Euch von Herzen, dass Ihr eine gute Lösung für alle findet.

    GLG