lese moments
Das dritte Buch von Susanne Abel „Du musst meine Hand fester halten, Nr. 104“, wollte ich nach ihren Bestsellern „Stay away from Gretchen“ und „Was ich nie gesagt habe- Gretchens Schicksalsfamilie“ sofort lesen. Aber schon nach den ersten Seiten merkte ich, dieses Buch ist anders.
Der Stern wird auf dem Umschlag zitiert „Susanne Abel schreibt… Romane aus dem Elend, in das wir alle hineingeboren werden, ohne es uns aussuchen zu können…“ Und das trifft es ganz gut, wir finden auf den ersten Seiten eine zerrüttete kleine Familie aus vier Generationen, die sich bemüht zusammen zu halten, in der aber alle ihr Päckchen zu tragen haben.
Zu Beginn des Buches steht eine Warnung, dass das Thema Gewalt gegenüber Heimkindern thematisiert wird, aber auch sexueller Missbrauch. Aber nicht nur, dieses Buch ist eine überfällige Anklage an kirchliche Instituitionen, Kliniken und Heimen, die ihren Auftrag gegenüber ihren Schutzbefohlenen nach dem zweiten Weltkrieg nicht nur nicht nachgekommen sind, sondern sie entmenschlicht, misshandelt, weggesperrt und isoliert, ihnen gegenüber gewältig gegenüber wurden, sie sexuell missbraucht und sogar Medikamente an ihnen getestet haben. Es ist erschütternd zu lesen, wie Kinder Diagnosen bekamen, die ihr Leben zerstörten, ganz einfach auch weil sie nicht nur schon bereits traumatisiert ankamen, sondern an Hospitalismus litten, einem massiven Entzug sozialer Interaktionen. Ein Figur des Buches wird später sogar selbst zur Täterin, entmenschlicht in einer Einrichtung die Kinder eines Hauses, als wären sie es nicht wert sie wahrzunehmen, aber das auch vor lauter Überforderung, vor Arbeitslast. Aber als der Figur das im Buch selbst bewusst wird, was da mit ihr passiert, wird einem auch ganz anders, weil es so schnell gehen kann, das Menschliche zu verlieren und Mitfühlen zu verlernen.
Wenn man wie ich, aus einer zum Teil stark belastetem Ursprungsfamilie kommt, die sexuellen Missbrauch über Jahre erlebt hat, von ein und dem selben Täter, deren Auswirkungen sich über Jahrzehnte bis in die Gegenwart spinnen, ich selbst meine Geschichte mit mir trage, liegt einem besonders am Herzen die eigenen Kinder in die richtige Richtung erziehen bzw zu sensibilisieren zu wollen und so versuchte ich unseren Kindern schon früh „Nein, heisst Nein!“ zu vermitteln. Aber was wenn nicht deine Kinder Grenzen anderen nicht wahren, sondern was wäre, wenn jemand die Grenzen deiner Kinder nicht wahrt? Was wenn du dein Kind nicht beschützen, nicht auffangen kannst, wenn es erlebt, was du erlebt hast und sich mühsam aus einem Kreis aus Scham, Sprachlosigkeit, Selbstverletzung, Schuldgefühlen und Ohnmacht den Weg zurück ins Leben erkämpfen muss? Ein Leben, dass du dir selbst schon zurück kämpfen musstest, Erinnerungen, deren Auswirkungen wie Wellen in Ausläufen noch einen Einfluss auf das Hier und Jetzt haben?!
Es geht meiner Meinung nach nicht darum, dass Menschen, denen sexuelle Gewalt angetan wurde, irgendeinen Kreislauf durchbrechen, der nächsten Generationen passiert nicht das Gleiche wie uns, wenn es nicht um den gleichen Täter handelt, nur weil wir etwas nicht aufgearbeitet haben, nicht weil wir schweigen, denn das tun wir meistens nicht, sondern weil es so verflucht viele Täter gibt, weil uns so wenig Menschen zuhören!
Es ist nicht unsere Aufgabe „Kreisläufe zu durch brechen“, ich finde es fatal das so zu formulieren, denn das erweckt den Eindruck, dass die Menschen, denen Gewalt angetan wurde, sich nicht genug bemühen, es verschiebt die Schuld und
Verantwortung zu ihnen, statt dahin wo sie hingehört: zu den Tätern und zu der Gesellschaft.
Es geht darum weiter ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass bestimmte Witze und Wortwendungen schon sexuelle Gewalt enthalten, ein kurzer Rock keine Einladung ist, eine Meinung sich noch während des Aktes ändern kann, und „Nein“, nicht heisst „Vielleicht doch.“
Eine Gesellschaft, in der die Sprache online immer mehr verroht, auch die Bundeswehr kritisiert wird, die Politik eine Wehrpflicht fordert, aber ihre Soldaten und Soldatinnen nicht ausreichend schützt, sondern die Täter. Es hat sich in den letzten Jahrzehnten schon viel getan, das steht ausser Frage, den Menschen denen Gewalt angetan wird, wird öfter geglaubt und weniger Täter Opfer Umkehr betrieben, aber es passiert eben doch noch. Viel zu oft.


