lese moments

Auf dieses Buch war ich besonders gespannt, weil es unter anderem um ein ehemaliges Kinderkurheim geht, das Thema berührt mich sehr. In der Nachkriegszeit bis in die 1990 Jahre wurden Millionen Kinder ohne ihre Eltern zu Kuren geschickt, eine unglaubliche Maschinerie dahinter, an denen Kurhausbetreiber*innen, Krankenkassen und Ärzt*innen beteiligt waren. Die Kinder kamen oft traumatisiert zurück.

Als vermutlich eines der „letzten“ DDR Verschickungskinder, habe ich an diesem Thema ein persönliches Interesse. Nochmal mit meinem Papa gesprochen, kann er sich auch kaum mehr erinnern. Ich war 1989, in dem Jahr, in dem meine Schwester geboren wurde, bei der Schuleingangsuntersuchung wie so viele Kinder vor mir durch Untergewicht aufgefallen, man machte meinen Eltern Druck, man müsse dem Kuraufenthalt zustimmen, denn sonst könne man ja auf die Idee kommen, man würde mich nicht richtig ernähren, mir nicht genug zu Essen geben und so fuhr ich fünf Jahre alt, für mehrere Wochen weg. In meiner Erinnerung, weil es immer wieder so erzählt wurde, waren es sechs Wochen, mein Papa ist sich nicht sicher, ist ja auch mehr als 35 Jahre her und es gibt niemanden sonst, den ich noch fragen könnte. Ich habe bei meinen möchtegern Recherchen entdeckt, daß ich in dem Zeitraum sogar Geburtstag gehabt habe, daran kann ich mich selbst nur vage erinnern, es klingelt da aber was. Es gibt sogar zwei Farbfotos im Album von der Abfahrt. Ich weiß noch, daß meine Mama jedes Mal erzählt hat, daß sie nicht fassen konnte, dass ich nicht geweint habe, als ich dort in dem Bus saß bereit Loszufahren, aber ich weiß auch noch ganz genau, daß ich nicht weinen konnte, weil ich wußte, das hätte sie noch trauriger gemacht, ich riss mich für sie zusammen. Es war kein schöner Aufenthalt, größtenteils ist alles wie ausradiert, ich kann mich an wenig erinnern, nur vereinzelte flackernde Bilder tauchen auf, wenn ich an die Zeit dort denke, die sich nicht gut anfühlen. Ich habe meinen Papa gefragt, ob ich komisch war, als ich zurück kam, er meinte, ich hätte mich gefreut wieder daheim zu sein. Ich hatte 500g zugenommen.

Der fiktive Roman greift also das Thema Verschickungskinder auf: 

Der fiktive Roman greift also das Thema Verschickungskinder auf: die Journalistin Hanna fährt auf den Spuren der Kurheimerfahrungen ihrer eigenen Mutter und zu Recherchezwecken auf die Insel Borkum mit ihrer Tochter. Hanna verweilt in dem jetzt sanierten ehemaligen Kurheim, das nun ein Luxushotel ist und trifft dort auf die heutigen Eigentümer und deren Großmutter, verliebt sich in Insel und den dort ansässigen Doktor und telefoniert mit einem ehemaligen Verschickungskind, das zeitgleich mit ihrer Mutter 1963 auf Borkum war und deckt Seite für Seite auf, was damals passiert ist.

So zeichnet sich ein Bild des fiktiven Borkumer Kinderkurheims und den Machenschaften der Betreiber und deren Heimarzt, der zu NS Zeiten schon Verbrechen begannen hat. Die Autorin schreibt generell vom Horror in den tatsächlichen Kureinrichtungen, in denen Kinder entmenschlicht und misshandelt wurden, Medikamententests stattfanden und Kinder auch zu Tode kamen, weil sie an ihrem Erbrochenem erstickt sind, als man sie zwang aufzuessen, selbst als sie nicht mehr konnten oder einfach an unterlassener Hilfeleistung. Über diese Zustände kam über die Jahre mehr und mehr ans Licht.

Die Geschichte ist flüssig geschrieben: Figuren, die man direkt vor sich hat, es gibt eingestreute Tagebucheinträge einer von den guten Heimerzieherinnen. Neben dem Grauen, mag man sofort nach Borkum, man verliebt sich beim Lesen in die Insel. Und man leidet mit den Verschickungskindern und derweil breitet sich die Geschichte weiter vor einem aus, ein Geheimnis wird aufgedeckt, aber dann gibt es eine Diagnose, einen Plot- Twist und alles wird so wirr und teils unrealistisch, beziehungsweise einfach so vollgepackt, zum Beispiel noch schnell wird eingeworfen, dass das Haus zu Nazizeiten dem jüdischen Besitzer unrechtmässig enteignet wurde ohne da aber noch mehr in die Tiefe zu gehen, auch wenn mir bewusst ist, dass das Teil der Geschichte ist, für die ich mich selbst sehr interessiere, bleibt es nur touchiert und angerissen, es wurde sich damals dafür gefeiert, dass bestimme Inseln „Judenfrei“ waren, dafür bleibt am Ende ein anderer Teil der Geschichte im Dunkeln. Es ist dann gegen Ende einfach so viel auf wenig Seiten, das Erzähltempo nimmt so zu, so dass man gar nicht mehr hinterherkommt. Dennoch eine Empfehlung von mir.

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