Die schwangere Frau, das war ich.

Über meine Schwangerschaften, Fehlgeburten und Babies.

Dieser Post liegt seit Monaten in meinen Entwürfen, so lange wie noch kein Beitrag, zumindest nicht, dass ich mich erinnern könnte. Aber es war kein Post, den man einfach liegen lassen kann oder gegen den man sich entscheidet, an den man irgendwann nicht mehr denkt, denn er liess mir keine Ruhe, er beschäftigte mich immerzu, auch weil ich dachte, wenn ich ihn fertig hätte, wäre es leichter. Lange Zeit lag er da- unvollendet, ein Sammelsurium meiner Gedanken, jetzt versuche ich sie zu ordnen.

In den letzten 22 Jahren meines Lebens, seit 2004 um genau zu sein, gab es nur ein einziges Jahr, in dem ich nicht schwanger war: 2021. Es gab in meinem bisherigen Leben mehr Jahre, in denen ich schwanger was, als welche, in denen ich es nicht war. Das ist meine Geschichte, das ist mein Leben.

Dieser Post ist für mich und alle Frauen, die ihn brauchen. Und erst recht für jene unsichtbaren Frauen über 40 und die Vielfachmütter mit Kinderwunsch, die im Stillen litten und leiden, die sich vielleicht sogar schämen. Ein ganzes Stück weit ausgegrenzt: ungesehen & ungehört. Denn wer schenkt schon einer Frau aufrichtige Aufmerksamkeit, schaut ihren Kummer und ihre Verzweiflung wirklich an, wenn sie schon mehrere Kinder hat oder jenseits des noch gesellschaftlich vertretbaren Alters ist, um noch weitere Kinder zu bekommen.

Wir schreiben das neue Jahr 2026, ich bin mittlerweile 42 Jahre alt und war in meinem Leben bisher zweiundzwanzig Mal schwanger, 22 Mal. Ich habe zehn im weitesten Sinne gesunde Kinder „an der Hand“ und hatte bisher zwölf Fehlgeburten, drei mit 26, eine mit 34, zwei mit 38, zwei mit 39 Jahren, zwei mit 41 und zwei mit 42 Jahren. Ich hatte acht Frühaborte, sprich Fehlgeburten vor der vollendeten 12. Schwangerschaftswoche, zwei um die 12. Woche, von denen ich aber wusste, dass sie nicht in Ordnung waren und zwei Fehlgeburten, Anfang des zweiten Trimesters. Zwei kleine Babies, die gestorben sind, sogenannte Spätaborte und somit Kinder, die bestattet wurden. Aber völlig unterschiedlich, weil die Gesetzeslage in den jeweiligen Jahren einfach unterschiedlich war, dazu später mehr. Ich hatte mehrere Missed Abortions, das heisst, man sah im Ultraschall, dass das Kind sich nicht mehr weiter entwickelt hat und nicht mehr lebt, aber ich hatte keine Blutungen oder Schmerzen zu diesem Zeitpunkt, keine Anzeichen, das etwas nicht stimmen könnte, anders als in „Schwangerschaften“, die mit Einsetzen der Blutung oder Verlieren von Fruchtwasser deutlich zeigten, dass sie nicht mehr „intakt“ sind. Wobei nicht jede Blutung gleich bedeutet, dass man das Baby auch verliert, ich hatte viele Schwangerschaften, in denen ich Blutungen hatte und gesunde, lebende Kinder geboren habe, dennoch musste ich bis dahin diese Ungewissheit aushalten. Und diese Verluste haben Spuren in mir hinterlassen und so wie vielleicht noch längere Zeit jede DNA in mir schwirrte, bekam jeder Funken Leben einen Namen von mir.

Schwangersein war für mich nie einfach oder unbeschwert. Es gab eigentlich in jeder Schwangerschaft Kummer und Sorgen und man weiß doch erst im Rückblick, dass es „dieses Mal“ gut gehen wird. In dem jeweiligen Schwangerschaften hatte ich Angst, um genau dieses Kind, das immer besonders und einzigartig ist.

Mir war schon von Anfang an klar, dass man nicht einfach so schwanger wird und bleibt. Ich wurde zum ersten Mal schwanger mit 20 im Jahr 2004. Nicht aus Versehen, das Kind war gewollt und herbei gesehnt. Ich bemerkte die Schwangerschaft in den Flitterwochen, vielmehr war ich freudig überrascht über das Ausbleiben meiner Periode, was mir durch die letzten Tage Hochzeitsstress gar nicht vorher aufgefallen war, kaufte einen Test und dann mehr und traute meinen Augen kaum, waren diese doch noch nie positiv gewesen. Und schon damals hatte ich große Angst, ich könnte unser erstes Kind verlieren. Es gibt ein Video von mir aus diesen ersten Tagen, in dem ich das Baby in meinem Bauch bitte „zu bleiben“. Ich hatte zum einen Sorge, dass der Stress schlecht für unser Baby sein würde und noch viel mehr hatte ich Angst davor meinem Kind zu schaden und eine schlechte Mutter zu sein. Ich bekam unser erstes Kind dann mit frischen 21. Damals Zoe, heute Will. Die Geburt fand ambulant in München statt und somit ist unser erstes Kind, das einzige echte Münchner Kindl. Es war eine lange, schwere Geburt, ich litt unter Verletzungen, unter dem Gefühl nicht stillen zu können und stillte dann nach ganz klassischen „Fehlern“ tragischerweise ab, versuchte meinen neuen alten und versehrten Körper zu mögen, mich als Mama, mich in diese neue Rolle einzufinden und nur wenige Wochen nach dieser Geburt, lag ich im Krankenhaus wegen einer halbseitigen Gesichtslähmung. Ich war so jung und verspult, ich hab so viel geweint, ich weiss noch, dass meine größte Sorge war, dass ich mein Kind nie mehr anlächeln würde können, aber ich erholte mich davon. Ich könnte Bücher füllen über diese ersten Monate und Jahre mit diesem Kind, vorallem mit den Sachen, die ich heute anders machen würde. :)

Und nach einer kleinen Korrektur- OP unter Vollnarkose wurde ich immer noch 21jährig geplant mit Noah schwanger. Wir wollten für unser erstes Kind ganz unbedingt ein Geschwisterchen. Und es war ja nicht klar, dass es gleich klappen würde. Ich kann mich erinnern, dass ich mit unserem ersten Baby im Kinderzimmer lag, mir war so übel in der Schwangerschaft mit Noah, wie in jeder anderen auch, und ich dachte nur immer wieder: „Wie soll ich das nur schaffen mit den Beiden?!“ Und dann war irgendwann die Angst anders, greifbarer, ich hatte vorzeitige Wehen, ausgelöst durch viel zu viel Fruchtwasser, hatte einen Bauchumfang von fast 1,30m, war im Krankenhaus zur Lungenreife und Tokolyse, damals noch die Medikamente, die den Blutdruck hoch und nicht wie heute in den Keller treiben, es stand im Raum das zu viele Fruchtwasser abzuziehen und zu untersuchen, aber es würde sich vermutlich wieder neu zu viel bilden und so blieb die genaue Ursache ungewiss, vielleicht eine Trisomie, vielleicht einfach Zufall? Ich war absolut verängstigt und ich liebte dieses Kind schon so sehr! Die Geburt wurde dann bei 37+0 eingeleitet, weil wir beide nicht mehr konnten, er in meinem Bauch war dauergestresst und ich schlaflos. Die Geburt war wunderschön, ich hatte mehr das Gefühl zu wissen, was ich tun muss, doch schon wenige Augenblicke nach seiner Geburt war klar, etwas stimmt nicht und so brach für mich mit 22 eine Welt zusammen, nicht nur weil es diesmal keine ambulante Geburt geben konnte, sondern weil mein Sohn zwar geboren aber auf einmal nicht mehr bei mir war und es drei mir endlos lang erscheinende Tage dauerte bis unser Kind keine Unterstützung mehr brauchte, wir die Blutergebnisse bekamen, er die Neo verlassen und mit uns Heim durfte. Im Rückblick kann ich das anders beurteilen, heute mit über 40. Aber damals? Mein Kind ohne mich? Mit Zugang in der kleinen frisch geborenen Hand? Nicht wissen, wann wir Heim dürfen und ob er gesund ist? Die Schwestern, die mir keinen Stuhl anboten, als Strafe, weil ich nicht Stillen wollte, ich hatte einfach nur Angst, dass alles wieder so schief gehen würde wie beim ersten Kind und hatte mich zuvor deswegen gleich ganz dagegen entschieden. Ich stand also kurz nach der Geburt meines Sohnes neben seinem Wärmebettchen, eine andere Schwester hatte dann doch Mitleid und ich durfte ihm die Flasche endlich im Sitzen geben. Würde ich das wirklich heute so ganz anders wegstecken? Man ist immer rückblickend so hart zu sich selbst. Noah kam 2006 auf die Welt, beide Großen teilen sich die Zahlen ihres Geburtstags, sie sind nur anders gemischt: 04061120. Schicksal oder Zufall? Noah war auf jeden Fall ein unfassbar süßes, liebes und ruhiges Kind und Will so neugierig und fürsorglich. Die Zwei waren wie füreinander gemacht, wie Yin und Yang, damals Zoe dunkle Locken und dunkle Augen, Noah blond und mit hellen Augen, Noah ausgeglichen und ruhig, später sehr abenteuerlustig, unser erstes Kind: laut, willensstark, aber vorsichtig.

Mit 23 wurde ich schwanger mit Tom, es war das Jahr 2007, das ist eine besondere und oft erzählte Geschichte. Ich war damals noch gar nicht so weit erneut schwanger zu werden, Nils war total bereit und dann zeigte mir die liebe Ärztin bei einer Routine Untersuchung meine Eizelle und ich dachte, was wenn es das jetzt ist? Dieses eine Kind, das in genau diesem Monat zu uns soll? Ich hatte bereits zwei unglaublich verschiedene und fantastische Kinder und wusste ja, da könnte wieder ein wundervoller neuer Mensch entstehen, der nur darauf wartet in unser Leben geboren zu werden. Ich wurde wirklich schwanger, ich saß mit dem Buch „Wie ein Kind entsteht“ jeden Abend da und schaute. Ich versuchte mir vorzustellen, was in meinem Körper passierte und das passierte alles wirklich. Aber so märchenhaft alles begann, so blieb es nicht. Bei Tom begannen die Sorgen noch früher, in der 16./17. Woche hatte ich Wehen, die man auch auf dem Wehenschreiber sah. Ich hatte zwei sehr kleine Kinder an der Hand, schonen war etwas sehr schwierig. Es war die Zeit, in der wir für unser ältestes Kind einen Kindergartenplatz suchten, wir haben so viel Kindergärten angeschaut und wir hatten sogar einen Platz in einer Elterninitiative, aber wir entschieden uns dagegen und für den Kindergarten in der Nähe, den ich zu Fuß erreichen konnte, dort hatten wir uns ausserdem unfassbar wohlgefühlt beim Tag der offenen Tür. Nur wenige Monate trennten uns also von unserem ersten Kindergartenkind, bis dahin waren unsere Kinder zu Hause gewesen, keine Fremdbetreuung. Ich zählte alle mit Tom in meinem Bauch geschafften Tage, nicht die die noch vor mir lagen, das waren ja gerade am Anfang mehr, als ich geschafft hatte. Später in der Schwangerschaft war ich allein bei der Feindiagnostik wegen eines zu kleinen Magens von ihm, der bei einer Routinevorsorgeunterschung auffällig gewesen war. In der schicken Praxis fühlte ich mich nicht gut aufgehoben und hiess quasi salopp, man müsse die Geburt halt abwarten. Ich war verängstigt. Ich brachte Tom mit 24 im Jahr 2008, (nach einem Täuschungsmanöver seinerseits in der 38. Woche) erst einen Monat vor Noahs zweitem Geburtstag, fast zehn Tage nach dem erratenem Termin am 03.03. auf die Welt. Ein absoluter Sonnenschein.

In der Schwangerschaft mit Ben, ich war 25, hatte ich gleich am Anfang Blutungen. Und es liess mir mein Blut in den Adern gefrieren. Die Probleme traten immer früher auf, hatte ich das Gefühl. Aber Ben entwickelte sich toll, unser dritter Sohn war auch wunderschön und bewegte sich sehr viel. In der 40. Schwangerschaftswoche ging ich ins Krankenhaus, weil ich ein ganz komisches Gefühl hatte. Ich saß auf dem Stuhl, die erfahrene, ältere Hebamme guckte irritiert und belustigt zu gleich, holte eine Ärztin und man teile mir mit, dass mein Kind sich gerade von Quer- in Beckenendlage gedreht hatte, während ich auf dem Stuhl gesessen hatte. Ich lag die halbe Nacht lang wach, man traute mir zu das Kind als Mehrgebärende in BEL zu bekommen, wollte vielleicht die Wehen anregen, aber morgens sollte der erfahrene Frauenarzt angucken, ob das Kind wirklich gut dafür lag. Lag er denn gut? Passiert ihm wirklich nichts? Als am frühen Morgen dann ein bekanntes Gesicht herein kam und schallte, stellte man fest, dass das Kind wieder „richtig“ herum lag. Man sagte mir den berühmten Spruch, meine Gebärmutter sei halt ausgeleiert, das Kind hätte allen Platz der Welt, keinen Widerstand und würde sich fröhlich den ganzen Tag herum drehen. Wie sehr das zu diesem Kind passte, war mir damals noch nicht klar. Ich blieb im Krankenhaus und man versuchte die Geburt einzuleiten, weil er gerade mal richtig herum lag, natürlich mit meinem Einverständnis. Nils war morgens extra gekommen. Die Kinder bei der Oma. Man probierte den ganzen Tag, liebevoll legte die Hebamme ihre Wange an mein Bein und sagte „Ach Frau Hitze!“ Nichts hatte sich getan. Ben wollte nicht und ich war insgeheim froh, weil ich nach Noahs Einleitung Angst hatte, wieder ein Kind mit Anpassungsstörung auf die Welt zu holen, ohne das es das wollte. Also gingen wir Heim, ich nahm wie empfohlen ein Bad, trank einen kleinen Schluck Wein wie empfohlen (würde ich heute ganz bestimmt nicht mehr machen) und versuchte mich zu entspannen. Gar nicht so einfach mit diesen fiesen Wehen. Der Mann entspannte vorbildlich und schlief für uns beide. Irgendwann nachts schrie ich: „Ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr…“ Nils kam in den Flur gelaufen, die Kinder waren wegen der zuvor begonnenen Einleitung immer noch bei Oma) und sagte: „Du klingst als hättest du Presswehen.“ Soweit waren wir noch nicht, aber fast. Nils holte ein Taxi, der Mann fuhr einen Poller oder Stein vorm Eingang des Krankenhauses um, ich kam oben in Kreisssaal mit 8cm an und Ben blieb noch mal kurz mit der Schulter stecken, dann war er endlich da. Ich war glücklich, unfassbar erleichtert, dass es Ben gut ging und selber fix und fertig. Ich hatte nicht geschlafen. Und ich war auch überglücklich, denn ich stillte Ben, mein erstes Kind, bei dem es klappte. Ich wollte es schon bei Tom unbedingt, hatte mich aber nicht richtig getraut und durchgesetzt, aber jetzt… und nun stillte ich unser Kind, hatte extra eine Nachsorge- Hebamme an meiner Seite, die sich das auf die Fahne geschrieben hatte, aber es war zugegeben auch nicht schwer, unser viertes Kind konnte das quasi sofort, was ein Glück! Und ich war auch realistischer was mich erwarten würde, glaube ich. Wir schrieben das Jahr 2009, und somit war und bleib Ben das einzige Kind von uns, das in einem ungeraden Jahr geboren wurde.

Meine ersten vier Kinder bekam ich also in unter fünf Jahren, somit war ich im Alter von 25 Jahren schon vierfache Mutter. Will war noch 4, Noah 3, Tom eineinhalb Jahre alt. Die ersten beiden Kinder hatten einen Altersunterschied von 17 Monaten, dann folgten fast 2 Jahre Pause, wobei ich da bereits wieder schwanger war. Zwischen den beiden Geschwisterpärchen liegen 23 Monate, zwischen der Geburt unseres dritten Kindes und dem Vierten liegen weniger als 18 Monate. Diese kurzen Abstände schaffte ich dann nicht mehr wirklich, da ich bei Ben anfing zu stillen, also nach der Geburt unseres vierten Kindes und somit nahm sich mein Körper die Zeit nach den Geburten und die Zyklen starteten zum Teil erst nach einem Jahr postpartum wieder.

Wir haben diese Kinder nicht einfach so bekommen, wir haben es uns schwer gemacht, hinterfragt was mit uns nicht stimmt, im Netz recherchiert, nach anderen Großfamilien gesucht, Blogs und Texte gesucht, Dokus angesehen, die damals total in waren, aus dem Kreissaal und aus dem Alltag anderer Familien, den Mut aufzubringen, gegen den Strom zu schwimmen, ganz anders zu leben als die Gesellschaft das vorgibt, war eine echte Herausforderung. Mit jeder erneuten Schwangerschaft wieder.

Damals 2011 wollte ich ein Buch „schreiben“; nichts Besonderes, (wie später auch zum Teil so von anderen erschienen), von mir gesammelte Geburtsberichte, mit und ohne Happy End, nicht nur meine eigenen, auch und gerade die anderer Frauen, denn zu dieser Zeit, in diesen Jahren verschlang man diese Berichte. Ich weiß nicht, ob sie einem Halt oder Orientierung gaben, sie der Verarbeitung dienten, sicher alles gleichzeitig, aber Menschen lasen gern diese Worte, nahmen Anteil. Diese gesammelten Berichte habe ich heute noch, echte Briefe und ausgedruckte Texte. Wenn ich daran zurück denke, mit welchem Feuereifer ich mich ans Werk gemacht hatte, ich war im weitesten Sinne voller Leben. Aber man verliert mehr als nur sein Kind bei einer Fehlgeburt, man verliert diesen Lebenshunger, diese Freude, die Leichtig- und Sorglosigkeit und die Hoffnung und das Vertrauen ins Leben gleich mit ihm. Das Buch blieb ein Wunschtraum.

Nach Bens Geburt gab es eine unfreiwillige längere Pause. Wir zogen um, ich litt unter meinen ersten drei Fehlgeburten. Als Ben noch kein Jahr alt war, zogen wir in dieses Haus. Mein Kinderwunsch wurde immer lauter, das erste Weihnachten hier war sehr traurig, ich hatte am Nikolausmorgen Blutungen bekommen, und erlebte meine erste recht frühe Fehlgeburt, ich fiel aus allem Wolken, als zum ersten Mal passierte, wovor ich mich immer gefürchtet hatte. Im neuen Jahr testete ich wieder positiv, alles war prima. Bis zu dem Tag, als ich nachmittags nach der Ergotherapie mit den Kindern in den Bus stieg. Ich verlor dieses Baby Anfang des zweiten Trimesters 2011 bei einem Unfall, während ich ganz unspektakulär im Bus bei einer Vollbremsung stürzte und die Ecke des Plastiklenkers meines eigenen Kinderwagens im Fallen samt Kleinkind in meinen Bauch bekam, dort kam es wegen der Vorderwandlage zu einer Blutung in der Plazenta und somit kam die Versorgung unseres Babys wie sein Herzschlag zum Stillstand. Ich hatte wahnsinnig starke Schmerzen und bei der Routineuntersuchung am nächsten Morgen, konnte eine Ärztin nur noch den Tod unseres Babys feststellen und wir sahen einen wirklich großen Bluterguss durch den Aufprall, der viele Wochen lang blieb. Für mich brach eine Welt zusammen. Ich gab mir die Schuld, ich hatte Schuld. Ich hätte mich besser festhalten sollen, dachte ich wieder und wieder. Ich schrie und flehte nach unserem Baby. Ich hatte eine Ausschabung, das wurde mir damals so empfohlen und ich glaube bist heute, für mich wäre es besser gewesen, dieses Kind wie ein anderes viele Jahre später zu gebären und anzusehen, obwohl ich mir unter der Geburt dieses toten Kindes, dann nicht mehr so sicher war. All das jährt sich jetzt wieder im März. Unser Kind durfte damals 2011 auch nicht allein bestattet werden, es gab eine Trauerfeier, es gab einen Gedenkstein, aber den kleinen Sarg, den der Mann das erste von zwei Malen ausgesucht hatte, wurde irgendwo auf dem Friedhof mit beigesetzt, ich weiß bis heute nicht wo, ich habe nur diese Stelle in der Spirale des „Lebens“. Jahre später wurde das Gesetz geändert und man darf heute bei so frühen Fehlgeburten selbst entscheiden, was mit dem Körper des Kindes passieren soll. Ich erlitt dann noch in diesem Jahr 2011, im Sommer meine dritte Fehlgeburt, wieder eine frühe und hatte dann das Recht auf eine genetische Untersuchung, nach drei Fehlgeburten hintereinander -habituelle Aborte- hat man das Anrecht darauf, man muss aber erst drei Mal leiden, unsere Untersuchung blieb unauffällig. Es sei einfach nur Zufall hiess es.

Emils Schwangerschaft mit 27 habe ich, nach für mich traumatischen Erfahrungen so lange es ging geheim gehalten und im Netz/online nach meinen Verlusten bis zur Geburt, offline/IRL zeigte ich den Bauch erst nach der Halbzeit, witterungsbedingt damals kein Problem- ich veröffentlichte später nachträglich Schwangerschaftsberichte auf meinem Blog, geschrieben hatte ich alles mit. Ich war dazu in der Schwangerschaft nicht in der Lage meine Gedanken zu teilen, nicht mit der Welt, ich hatte eine Verbündete. Ich wollte nichts Tröstendes hören, kein „diesmal geht es sicher gut“. Und ich war anfangs beinahe wöchentlich zur Kontrolle bei meiner Frauenärztin, ich hatte immerzu Blutungen, Hämatome, Infektionen, sollte liegen gleich am Anfang der Schwangerschaft, verpasste das erste Mal St. Martin auf dem Sofa, hatte vorzeitige Wehen, ich habe mich irgendwie durch diese Wochen manövriert und bekam Emil dann in einer wunderschönen kurzen Geburt in der 40. Schwangerschaftswoche mit 28 Jahren. Ich war der allerglücklichste Mensch auf der Welt. Ich hatte so große Zweifel gehabt, ob ich jemals noch einmal ein Kind würde bekommen können, mehr als diese vier zauberhaften kleinen Menschen, die ich schon geboren hatte und da war unser fünftes Kind. Ich musste immer wieder schauen, ob er echt war… und braune Augen hatte er, mein einziges als Junge geborenes Kind mit braunen Augen.

Ich wurde nach Emil recht unkompliziert mit 30 Jahren schwanger mit Anton- unserem sechsten Kind. Immer noch schwang Unsicherheit mit, die wich aber, auch wenn das Gefühl blieb, dass mich diese Schwangerschaft an die mit Noah erinnerte, so wie mich die von Emil an die mit Tom erinnert hatte. Ich sollte mit meinem Gefühl recht behalten. Erst hatte ich ausgerechnet vor dem Flug zu unserem zehnten Hochzeitstag nach Paris Blutungen, da war ich in der 18. oder 19. Woche schwanger. Ich hatte unfassbare Angst, dieses Kind zu verlieren, ich hatte Babies verloren. Er blieb, aber ich hatte um die gleiche Zeit wie mit Noah auch viel Fruchtwasser, vorzeitige Wehen, war ein paar Tage im Krankenhaus zur Tokolyse. Auch Anton kam später als der erratene Termin. Leider war seine Geburt gewaltvoll und traumatisch. Ich beschloss in der Aufarbeitung all meine Kraft, meinen Mut zusammen zu nehmen und auf Zahlen und Fakten zu hören, statt auf meine Angst und in einer möglichen Folgeschwangerschaft, eine Hausgeburt wenigstens zu versuchen, denn das war immer mein Traum gewesen. Die Bindung mit Anton war anfangs schwierig, ich gab mir alle Mühe, aber diese Geburt stand so zwischen uns. Ich fühlte mich beraubt um die Leichtigkeit, aber er hatte nichts falsch gemacht und ich auch nicht, wir gaben alles, um nachzuholen was uns gefehlt hatte. Erschwert wurde das, weil ich krank wurde, ich hatte immer wieder irgendwas und nach unzähligen Untersuchungen bekam ich endlich nach Monaten Quälerei und guten Ratschlägen, ich solle mich einfach mal entspannen und was „für mich tun“, das sei bestimmt psychisch, die Diagnose Psoriasis Arthritis. Ich musste wegen der Medikamente aufhören zu stillen, was nicht gut klappte, ich gab mir alle Mühe Anton Zeit zu geben, die Flasche kennen und mögen zu lernen, obwohl die Ärzte mir Druck machten und keinerlei Verständnis dafür zeigten, schliesslich war er schon über vier Monate alt, das reiche doch, ach es war alles so gemein und hart, warum war ausgerechnet bei ihm alles so doof gelaufen? Ich weinte so viel, ich wollte doch das Beste für ihn. Das war wirklich eine scheiss Zeit. Das Beste war dann Zelda. Ich glaube heute noch daran, oder weiß, ohne all diesen Mist, diese Erkrankung, ohne das Abstillen, wäre ich niemals so früh nach Antons Geburt wieder schwanger geworden. Das hatte sich mit den Stillkindern deutlich verändert.

Wer hätte noch 2011 gedacht, das ich drei Kinder hintereinander bekommen würde, ohne wieder eines zu verlieren? Ich nicht. Mit Zelda hatte ich nicht zu hoffen gewagt, mit 31 wurde ich 2015 wieder schwanger, das von den Brüdern ersehnte Mädchen, die kleine Schwester. Ich kann mich bis auf diese Unsicherheit, ob mein Wunsch der Hausgeburt auch wirklich in Erfüllung würde gehen können nicht erinnern, dass die Schwangerschaft beschwerlich gewesen wäre. Ich verdränge da ganz sicher auch viel, denn wenn man mal bereits ein Kind verloren hat, dann geht diese Sorge einfach nicht mehr wirklich weg, das könnte sich wiederholen. Ich kann mich an Herztöne im schönen Geburtshaus der Hebamme erinnern und später an eine heilende schöne Hausgeburt, die mir wieder Selbstbewusstsein einhauchte und mich in meinem Körpergefühl bestärkte. Nur ein paar Tage nach Noahs 10. Geburtstag. Ich war 32. Das ist alles zehn Jahre her. So kurz vor ihrem Geburtstag, bin ich so wehmütig. Zelda wird in wenigen Wochen so alt wie Noah damals war, als sie geboren wurde. Wie leicht alles mit Zelda war, sie strahlte immerzu, es war die allerschönste Zeit zusammmen mit ihr, sie war ein Frühlingskind und wir erlebten den ersten Sommer zusammen mit den sechs anderen Kindern, das älteste gerade mal 11 Jahre alt, sie versöhnte mich so sehr mit all dem Mist, der mit Anton passiert war, den Tränen wegen des fremdbestimmten Abstillens… und Zelda war Antons neuer Lebensmittelpunkt. Er war von ihr hingerissen und die beiden viele Jahre unzertrennlich, es war so unfassbar schön. Die beiden verstehen sich nach wie vor sehr gut, eine räumliche Trennung steht dennoch bald bevor und jetzt wo Zelda oft andere Interessen hat, kümmert sich Anton nochmal (nun viel älter) liebevoll um June. Er gibt seine Fürsorge weiter. Es gibt so viele Bilder von June, in dem Anton neben ihr sitzt.

So unkompliziert Zelda zu uns gefunden hatte, so schwierig war es danach. Nach Zelda hatte ich irgendwann wieder einen Kinderwunsch, das war neu, bei Zelda war ich schwanger geworden, obwohl ich gar keinen so verzweifelten Wunsch gehabt hatte, sie hatte sich einfach auf den Weg gemacht… Ich hatte eine Therapie hinter mir und war wieder ich selbst, durch diese Monate nach Antons Geburt nicht zu wissen, was mit mir los ist, diese Angst irgendwas stimmte nicht mit mir, was mir keiner recht glaubte, die Fehlgeburten, der Brustkrebs meiner Mama, alles hatte sich so aufgetürmt. Ich hatte eine Angststörung entwickelt, wegen der ich in Therapie ging, so wollte ich nicht mehr weiter leben, ich war ja immerzu beim Arzt, um mir bestätigen zu lassen, dass ich doch gesund war und nicht sofort sterben würde. Ich hatte nach Zelda eine kleine Geburt 2017, viele Wochen musste ich warten bis ich mich von dieser Schwangerschaft verabschieden konnte, sich alles auf den Weg machte… es war ein furchtbar schmerzhafter, aber heilsamer Weg für mich in dieser Situation, vor allem nach der Ausschabung im Krankenhaus nach dem Tod unseres Babys 2011. Es gab mir Vertrauen in meinen Körper zurück.

Mit 34 wurde ich wieder schwanger. Ein wenig fehlte die Leichtigkeit, aber die Vorfreude war umso größer und die Hoffnung, dass sie es schaffen würde. Einen Monat dachten wir sie sei ein Junge, uns fiel einfach kein Vorname ein, auf den wir uns einigen konnten, aber das erübrigte sich dann ja auch. Unglaublich noch ein weiteres Mädchen zu bekommen. Unser Regenbogenbaby Lilou kam auch erst nach dem erratenen Termin auf die Welt, wie Anton, wie Zelda, fünf Tage später. Auch wenn Lilous Geburt meine zweite Hausgeburt war, lief sie nicht ganz so rund, die Hebamme hatte mich nicht ernst genommen, ließ mich allein mit den Wehen, hatte ein Fest. Schon den ganzen Tag hatte ich mich mit Schmerzen gequält und nun kam sie nur noch, um Lilou aufzufangen. „Bist du sicher, dass es losgeht ich bin gerade erst nach Hause gekommen.“, hatte sie noch gefragt. Ja, war ich mir :) Die ersten Tage mit Lilou waren wie auf Wolken, aber irgenwann wurde es rasch schwerer, sie schrie und weinte viel. Und nachdem sie vermutlich mit drei Monaten RSV hatte, um Weihnachten, ein Herbstkind, dass den ersten Winter erlebte, war sie in ihrem ersten Lebensjahr gefühlt häufiger krank als gesund, immer Atemwege oder Ohren, letzteres machte sich immer spät bemerkbar, aber dann doch deutlich durch eine Sprachverzögerung. Aber mit diesem rothaarigen Sonnenschein erlebten wir etwas, das wir noch nicht kannten, zwei kleine Mädchen, die mit zweieinhalb Jahren Alterunterschied zusammen aufwuchsen, das war irre und absolut schön.

Ende 2019 starb sehr unerwartet Nils Vater bei einem häuslichen Unfall. Bei seiner Beerdigung ahnte ich schon, dass ich schwanger war. Ich testete aber nicht, mir war einfach nicht danach. Im Laufe der kommenden Wochen telefonierte ich noch mit meiner Mama, die sehr mitfühlte. Sie war krank geworden und auf einer Reha für Krebspatienten, sie hustete viel während unseres Telefonats und je mehr Wochen vergangen, desto schlimmer wurde es. Die Lungenentzündung entpuppte sich als eine von vielen Metastasen. Und so starb meine Mama, nur wenige Monate nach meinem Schwiegervater ohne unseren Sohn jemals kennen gelernt zu haben, Ende Februar 2020. Bis dahin hatte ich das Gefühl, dass die Zeit immer richtig gelaufen war. Gerade bei den Kleinsten, nie das Gefühl etwas zu verpassen oder dass die Zeit zu schnell vergangen wäre, ich war immer da und die Zeit lief genau so, wie sie sollte und dann fielen wir aus der Zeit.

Ich sah sie sterben, ich war bei ihr. Und es hat mich im Trauerprozess auf jeden Fall beeinflusst, dass ich verantwortlich war für ein kleines Leben in mir. Ich sollte und wollte die Trauer zulassen, ich wollte mich über unser Baby freuen und ich hatte aber Angst, ich könnte auch ihn verlieren, wenn ich zu sehr weinte. Allzu großen Einfluss auf alles hatte ich nicht. Ich war lange Zeit schlaflos und dazu kam, dass nun Corona über die Welt fegte, wir allein zu Hause waren. Auf einmal stand die Welt eben doch still. Gerade noch so „Glück“ gehabt, dass wir uns in dieser Form von ihr verabschieden konnten, die Beerdigung auch nur klein und mit einem zugedrückten Auge. Das war eine intensive, krasse, unvorstellbare Zeit. Dazu kam, dass ich monatelang eine Entzündung an der Brust hatte, etwas was so kurz nach dem Tod meiner Mama, Metasasen nach Brustkrebs, gar nicht gut anfühlte etwas in die Zystologie senden zu müssen. Nach Henrys Geburt war das erste Mal uns beiden als Eltern klar, das erste mal synchron, wir wollen noch ein Kind. Wir wollen die zehn Kinder, wer hätte das wirklich gedacht, auch wenn der Mann es beim ersten Abend genauso ausgesprochen hatte.

Henry, unser neuntes Kind, wurde im August, in den Sommerferien 2020 geboren, es war wie im Traum. Ich habe lange gebraucht es zu schaffen eine neue Hebamme zu kontaktieren. Es war wieder eine ganze andere Art Hausgeburt. Nach all den Monaten gemeinsamer Trauer um einen Opa und eine Oma, Angst und Unsicherheit, hatten wir ein pures Bündel Glück im Arm, ein ganzes Leben, das wir herum reichten, jeder hier, wirklich jeder, hielt ihn, küsste ihn, liebte ihn. Es war wie in einem kuscheligen Nest, wir hatten ja die letzten Monate durch Corona sehr intensiv zusammen verbracht, und trotz all der Unsicherheit und eine Welt in der unser Baby allen da draussen mit Masken begegnete, hatten wir diese gemeinsame Zeit so gut genutzt es ging und waren zusammen gerückt, waren unser eigener kleiner Mikrokosmos und Henry hatte das große Glück nicht nur unfassbar niedlich zu sein, sondern auch so umringt von Menschen aufzuwachsen, die ihn liebten.

Das Jahr 2021 verging ohne das ich schwanger wurde, dafür war Henry ein Sonnenschein. Ich hatte weitere vier Fehlgeburten bis ich mit June schwanger wurde, zwei davon im Jahr 2022 neben vielerlei Zahnmist und dann testete ich an Neujahr 2023 wieder positiv. Ich gebar aber unsere wunderschöne Tochter Hazel still ganz allein in der 16. Woche. Und nur wenige Wochen danach, verlor ich noch einmal eine Schwangerschaft ganz früh. Dann erst machte sich June zu uns auf den Weg, im Juni 2023.

Meine kleine Maus. Ich konnte mein Glück so gar nicht fassen und jonglierte zeitgleich meine Angst, mehr als einmal saß ich weinend mit dem Doppler auf dem Bett und suchte ihre Herztöne. Ich habe mir ganz oft in diesen Wochen mit June gesagt, nur noch dieses eine Mal, du kriegst das hin, reiß dich zusammen, nur noch dieses eine Mal, auch dieses Mal hatte ich Blutungen, Infektionen… aber sie blieb, sie war so viel stärker als ich. Die Geburt dauerte überraschend lang, es war Mitte Februar 2024. Und dabei kam sie so früh wie keines meiner Kinder, war so winzig wie keines meiner Kinder zuvor. Mit ihr war nochmal alles neu. Sogar das Zahnen. Ich hatte das Gefühl dieses Kind muss nochmal alles anders machen, sogar helle Augen hat sie, das einzige Mädchen hier mit grünen Augen. In dem Jahr, in dem ich June gebar, wurde mein erstes Kind im November 20 Jahre alt.

Schon im Wochenbett war da ein Ziehen, eine Wehmut. Meine Hebamme fragte mich im Wochenbett, wieso ich denn, wenn ich so traurig wäre, nicht noch ein Kind versuchen würde zu bekommen? Aber ich dachte, ich hab es doch versprochen, den Kindern, dem Mann, mir Selbst, der Familie, der Welt. Vor allem den Kindern, dem Mann und mir selbst, dass es aufhört, das Bangen und Zittern. Und die Zahlen waren unmissverständlich. Ich war „erst“ 36 bei unserem neunten Kind Henry und leider schon 40, als ich das Zehnte bekam, weil es nicht klappte mit dem lebenden Kind. Weil das Leben zwischen unsere Pläne und unser Wollen kam oder sollte ich sagen, der Tod? Weil man nicht alles planen kann. Auch wenn viele das glauben. So lange hatte es gedauert, es war offensichtlich, dass es Jahre dauern würde noch einmal ein Kind zu bekommen. Und dennoch, trotz oder gerade wegen dieses Wissens hing über allem in Junes ersten Tagen und Wochen so nicht nur dieser Zauber des ersten Mals, über allen hing parallel das schmerzende „Alles ein letztes Mal“… und auch zu groß die Angst, noch eine dritte Stelle auf dem Friedhof aufsuchen zu müssen und dennoch blieb eine Sehnsucht, die nicht kleiner wurde, sondern wuchs.

Vor vielen Monaten, mittlerweile ist es ein Jahr her, ich bin bei einem Arzt, die nette Arzthelferin mit der ich mich grad unterhalte, fragt mitten im Gespräch, ob wir jetzt „fertig“ seien. Oder noch „was“ nachkäme. Ich sage, was ich immer sage, dass wenn ich eines bestellen könnte, hätte ich das schon längst getan, aber so, denke ich wir sind fertig. Was soll ich auch sonst sagen, ohne mich ganz verletzlich zu zeigen? Wir werden immer wieder darauf angesprochen, wann das nächste Kind denn käme, wann wir „die Fussballmannschaft voll machen“. Mich freut das ja auch, weil man uns „das“ zutraut und man sich mit uns freuen würde, doch es macht mich auch traurig, weil ich in einem anderen Leben vielleicht noch Platz gehabt hätte, es lässt eine Saite in mir klingen, die schmerzt und wehtut.

Und ich merke auch, wie sehr mich diese Frage trifft, mich verletzt, „Wollt ihr noch ein Kind?!“. Als würde man noch ein Getränk nachbestellen, bevor man aufbricht. Es ist keine Frage des Wollens. Nicht mehr. Es ist zur Frage des Könnens geworden und bekommt eine ganze andere Tiefe und offenbart meine Verwundbarkeit.

„Sie wollen doch auch irgendwann mal wieder Zeit für sich haben!“, sagte dann die Arzthelferin und ich schaute auf meine damals einjährige Knutschkugel und dachte nur, dass ist sehr kurz gedacht. Nur weil ich kein neues Baby mehr bekomme, heisst das nicht automatisch endlich Zeit für mich. Denn das was die Kleinen oft tagsüber an Aufmerksamkeit einbüßen, weil irgendwas mit den Großen so wirklich echt wichtig ist und alles andere Warten muss, büßen die Großen ein, die abends Anspruch auf uns erheben, wenn die Kleinen ab 22Uhr endlich schlafen und wir Eltern aber wir mehr nur noch müde und ausgelaugt sind, wieder da sein wollen, aber es auch unfassbar anstrengend ist, dass da eigentlich nie so etwas wie Ruhe einkehrt, also „Zeit für mich“, die werde ich so schnell nicht in der gemeinten Form haben, dafür haben wir uns irgendwann für diesen Pfad, unseren Weg entschieden.

Nun wurde ich im letzten Jahr wie eingangs geschrieben 42 Jahre alt. Im neuen Jahr angekommen liegt hinter mir nicht nur unglaublicherweise noch mal so viel Schmerz aus den letzten Monaten, im letzten Jahr war ich vier Mal schwanger, drei mal allein in den letzten vier Zyklen des Jahres. Diese Monate haben mich viel gekostet, unter anderem meinen Eisenspeicher. Ich habe in dieses neue Jahr als Schwangere geblickt, schon in Sorge, dennoch gehofft auf ein Wunder, so sehr gelitten, vorallem im Verborgenen und nun trennt mich nur noch ein Zyklus davor, dieses Jahr überhaupt noch einmal als frisch gebackene Mama zu erleben. In der Vergangenheit waren es meist die geraden Jahre, die uns beschenkt haben, dazu werde ich am Ende des Jahres 43 sein. Absolut verrückt überhaupt noch daran zu denken. Und dennoch…

Hinter mir liegen auch so unglaublich viele Jahre, mehr Lebensjahre mit Kindern, als ohne. So viele Jahre Kinderwunsch, Hoffen und Bangen, unterschiedliche Geburten, kleine und große Sorgen mit kleinen und großen Kindern, unglaubliche Ängste um kleine und große Kinder, die oft kaum auszuhalten waren, wenig Schlaf aus unterschiedlichsten Gründen und dafür vielen, vielen Gedanken. Und Zweifeln und Selbstvorwürfen, Mitfiebern mit den Kindern und mit ihnen gefeierte Erfolge, so viele Meilensteine und Elternstolz, aber auch Schuldgefühle, sehr viel davon.

Noch wickeln wir, ununterbrochen, ich meine das wortwörtlich. Ich kenne kein Jahr, keinen Monat, keine Woche, in der ich nicht gewickelt hätte seit über 21 Jahren. Noch nie war Muttersein für mich so herausfordernd, diese Altersspanne: Kleinkind, Kindergartenkind, Schulkinder, Jugendliche, Erwachsene Kinder mit Partner bei uns wohnend und ein bereits ausgezogenes erwachsenes Kind, das ist so viel abzudecken… das gab es so noch nie. Und hinter mir liegen unzählige erster Male und vieler sich erst im Rückblick entpuppender letzter Male. Das letzte Mal Stillen, das letzte Mal im Tragetuch, die letzte Nacht neben mir. Das letzte Ostern mit „allen“ Kindern, das letzte Weihnachten 2023 mit „allen“ an der Ostsee, dabei fehlte damals noch June, mit ihr war ich schwanger. Erst im Nachhinein zeigt sich, das war das letzte, letzte Mal gemeinsam im Urlaub.

So viele Frauen kennen das, sie gehen in eine neue Lebensphase, manchmal mit schwerem Herzen und oder fremdbestimmt, manchmal leichten Fusses. Ich habe mir oft selbst Mut zugesprochen, diesen Spruch rezitiert: „Nur weil eine Entscheidung wehtut, heisst es nicht, dass es die Falsche war“.

Ich habe mir ein paar Dinge gesucht, mir überlegt, wie ich endlich Loslassen könnte, habe Papierschiffchen versenkt mit weiteren möglichen Vornamen, Feuer entzündet, Bilder gemalt, gedacht an Muttermilch Schmuck und Abschieds- Pilgerreisen. Versucht den Blick auf die vielen Freiheiten zu lenken, die im Kleinen ja doch kommen. Gab es für euch Rituale, Mantren, Bilder, Gedanken oder Perspektiven, die euch den Abschied von dieser Phase eures Lebens leichter gemacht haben?

Ich habe mich in den letzten Monaten versucht von meinem Kinderwunsch zu verabschieden, dankbar zu blicken, auf das was ist, auf das was ich habe und anderen verwehrt bleibt, ich habe mich damit auseinander gesetzt wie ein weiteres Leben aussehen wird können, in verschiedenster Weise. Denn es hat sich so sehr verschoben, lag der große Fokus in den letzten Schwangerschaften sowieso am meisten darauf, ein lebendes Kind zur Welt zu bringen, liegt er jetzt auch auf der Zeit. Und davon bleibt mir nicht mehr viel- meine fruchtbaren Zyklen sind gezählt, der Zeitraum ist sehr begrenzt. Und mit jedem weiteren Verlust, sind es auch meine Kraftreserven und meine Zuversicht. Wir werden damit also abschliessen, selbst einen Schlussstrich ziehen. Und so habe und muss ich mich damit auseinander setzen, dass alles bleibt, wie es ist, und es dennoch ja nie tut, denn mit Kindern ist sowieso alles immerzu in Bewegung. Aber es kann sein, dass diese Reise hier zu Ende bleibt, da hilft kein Wünschen noch so sehr, es kann sein, dass ich hier Loslassen muss, weil ich sowieso nichts erzwingen kann und beschenkt bin.

Ich bin also reich im weitesten Sinne, aber ich habe diese Kinder nie einfach so „eins nach dem anderen bekommen“, sie sind herbei gesehnt und gewünscht. In vielen, vielen Schlachten bin ich ohnmächtig gescheitert, habe weniger Schwangerschaften mit lebenden Kindern ausgetragen, als verloren. Aber ja, ich bin eine reiche Frau, eine vom Glück mehrfach Geküsste und eine unfassbar Dankbare dazu und gleichzeitig eine verletzte Seele, eine Trauernde, eine Überlebende…

Jetzt nach dem Schreiben, dem Zusammentragen, dem Erinnern und Zurückschauen da schleicht sich das Gefühl an, dass es nur das gebraucht hat, einen Abschluss, dass es das war, was fehlte, mein Blick Zurück, als wäre das mein Ritual. Eine Ära endet. Je mehr ich mich mit all dem Auseinander gesetzt habe, je mehr ich in mich gehorcht habe, auf meinen Körper geachtet habe, sind die Zeichen klar und deutlich, sehe ich sie vor mir. Ein Kapitel meines Lebens schliesst hier ab. Ich muss es mir eingestehen. Eine unglaubliche Reise endet für mich. Ich kann es gar nicht glauben. Was bleibt: Bittersüsses, ein lachendes Auge, weil ich das alles erleben durfte und ein Weinendes, weil dieser Lebensabschnitt zu Ende geht. Das Sehnen wird wohl nie aufhören, aber hoffentlich leiser. Am meisten bin ich traurig darum, dass es so endet, aber auch damit bin ich in allerbester Gesellschaft, fürchte ich.

Es wurde eine wahnsinnig große Herausforderung diesen Text fertig zu schreiben. Nicht nur weil er sehr persönlich ist und es niemanden etwas angeht, ausser uns beiden Eltern, es war fast schon eine Zeitreise alle diese Rückblicke zu suchen, zu lesen, zu formatieren und einzupflegen, aber vorallem all das zu komprimieren, zusammen zu fassen, alles das, was ich erlebt und gefühlt habe. Zu schreiben über meine Kinder und die Schwangerschaften mit ihnen. Kinder, die mehr als 20 Jahre alt sind oder 20 und 18 Jahre alt werden in diesem Jahr, einfach sogar schon volljährig sind, nicht erst werden, fühlt sich anmaßend an. Man muss soviel weglassen und sich mit so wenigen Worten begnügen, die doch ein ganzes Leben sind- und zum Teil hier erlebtes Leben dieser Kinder niedergeschrieben wurde, genau hier zu finden ist und ich belasse es bei ein paar Zeilen, die niemals einem meiner Kinder gerecht werden könnte oder meiner Liebe zu ihnen.

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Wenn Euch dieser oder andere Beiträge von mir gefallen haben, freue ich mich in diesen Zeiten des bevorstehenenden Auszugs eines weiteren Kindes & vielfachen Zimmertauschs innerhalb unseres Zuhauses über Eure Unterstützung via Paypal j.hitze@gmail.com und durch Ikea- oder Obi Gutscheine. Vielen Dank für Eure Treue!

6 Kommentare

  • Andrea

    Es tut mir leid, dass dein Abschied von diesem Kapitell so zäh und schmerzhaft ist.

    Unser jüngstes Kind hat sich auch quasi „last minute“ eingeschlichen. Die Sehnsucht nach einem weiteren war vorhanden. Da ich aber unter der Woche alles allein wuppen muss, war die Angst zu groß, dass aufgrund unseres Alters (dann 40) ein Kind mit Therapiebedarf in unsere Familie geboren wird. Sei es aufgrund von Frühgeburt oder Genetik. Das hätte ich nicht oder nur sehr, sehr schwer allein managen können, da wir zwar ländlich mit Auto wohnen, aber keinerlei Familie in der Nähe haben, auf die wir zurückgreifen können. Dankbar für das, was wir haben, muss dann reichen.
    Ab und an fällt der Satz, dass wir ein weiteres Kind willkommen geheißen hätten, wenn wir ein paar Jahre jünger gewesen wären. Das erste Kind hat auf sich warten lassen. Das letzte auch. Wir haben unser möglichstes getan. C’est la vie.

    Meine Oma war so oft schwanger, sie sagte immer, sie hätte eine ganze Fußballmannschaft beisammen gehabt. Eine einzige Schwangerschaft verlief bis zum Ende positiv. Mit diesem Hintergrund bin ich über unsere „50-%-Quote“ und unsere kleinen Großfamilie sehr dankbar.

    Ich drücke euch die Daumen für den letzten (?) Zyklus.

  • Andrea

    Du Liebe, danke für das Teilen. Ich habe es nun gelesen. Von Anfang bis Ende. Es ist eine unglaubliche Geschichte. Mit so viel Glück und gleichzeitig auch so viel Leid. Ich kann es fühlen, du weisst es, es ist auch ein Stück weit , wie meine Geschichte.

    Ich werde sie auch mal schreiben, meine Geschichte mit den vielen Schwangerschaften und diesem Bonuskind, denn das ist auch ein Geschenk an die Familie, das alles mal zusammen zu schreiben und festzuhalten.

    Ganz liebe Grüße, eine große Umarmung aus der Ferne !

  • kassiopeia

    Ich danke dir und würde so gern deine Gwschichte lesen, von vorn bis hinten! ???? Ich weiss, wir haben ganz viel gemeinsam, aber eben ganz vieles auch nicht und der Austausch und deine Erzählungen höre und lese ich immer sehr gern!

  • frausiebensachen

    Was für eine Geschichte! Danke fürs teilen und eine Umarmung für dich und dein wehmütiges Herz. Alles Liebe!