Noahs Auszug
Heute ist es sechs Monate her, dass Will ausgezogen ist. Unter keinen Umständen hätte ich zu diesem Zeitpunkt, Anfang November daran geglaubt, dass Noah so kurz nach Will ausziehen würde. Aber unterstützt haben wir ihn dabei immer, beide.
Die Stille heute Abend ist ohrenbetäubend. Nils ist unterwegs mit seinem besten Freund und bei mir sacken die letzten Stunden endlich. Ich brauchte erst meine Ruhe, um mich zu sortieren und zu fühlen. Davor herrschte Betriebsamkeit. Vielleicht ist es heute auch besonders still, weil wir sonst immer freitags zusammen sitzen. Und das haben wir gestern zusammen mit Emil schon vorgezogen.
Ich kann schlecht in Worte fassen, was Noahs Fehlen so ausmacht. Er kann sehr zurück gezogen sein, leise und grummelig, er kann aber auch genauso klug, wortgewandt und witzig einen Seitenkommentar abgeben, der so unerwartet kommt, dass ich ehrlich gesagt gar nicht weiss, wie es ohne ihn gehen soll.
Ein Beispiel, in dieser Woche machte Ben beim Zocken Krach, etwas flog, schepperte und ich rief während ich vor mich hinwerkelte nur „Ey! Samma jehts noch?!“ Und wie ein Echo nur besser kam Noah die Treppe hoch wie einstudiert und rief: „Samma! Gleich klatscht dett, aber keen Beifall!“ Ich musste so lachen. Und dann zog es im Herzen, weil ich wusste, wie sehr mir das, dieses Zusammenspiel aus Insidern und Familienbande fehlen würde.
Letzte Woche, als Henry mit den Rettungswagen unerwartet einen Ausflug ins Kinderkrankenhaus machte, wegen Schmerzen im rechten Unterbauch, erhöhter Temperatur und auch weil da gar nichts mehr ging und wir wirklich in Sorge waren, wich Noah in der unsicheren Wartezeit nicht eine Minute von meiner Seite. Zusammen mit Tom, der sich zuvor zusammen mit mir liebevoll um Henry gekümmerte hatte, blieb Noah bei mir bis Nils und Henry nachte um 1Uhr mit dem Taxi wieder sicher und mit Entwarnung zurück nach Hause kamen. Er kam sogar mit, als June nicht einschlief und ich mit ihr nachts noch draussen war bis sie schlief. Das war so lieb.
Er ist es, der im Familenchat immer schreibt: „Ich wars!“ Vorzugsweise, wenn er gar nicht da ist und schon mal gar nichts war. Das wird wohl nun nochmal hachziger. Ein Chat, in dem alle Kinder mit Handy sind, aber zwei von ihnen wohnen nicht mehr hier. „Wer hat das hier so liegen gelassen?!“ – „Ich wars!“- eher unwahrscheinlich.
Als die Türe heute nach dem Umzugstrupp zu ging, ich bewaffnet mit Kleberolle und weisser Farbe unerwartet Streifen abklebte, wurde mir bewusst, dass June aufwachsen wird, ohne die Zwei. Klar, gerade Will ist viel hier, aber June wird nie mehr wissen, wie es war, als Will, Noah und Samu hier gewohnt haben. Für sie wird es nie mehr anders sein, als jetzt. Sie kommen nur noch zu Besuch. In ein Haus, in dem nur noch acht Kinder wohnen und schlafen.
Samu war Teil der Familie bevor June geboren wurde, June gab es vor Samu, aber Samu war dann einfach immer hier. Seit September 2023 ist Samu fester Bestandteil dieser Familie, die Hälfte der Woche hier, bis er nur noch vereinzelte Tage nicht mehr hier war. Und nun ist auch er weg.
Ich habe großen Respekt davor, wie wir das gut in Zukunft gestalten werden, wie der Kontakt weiter halten kann, das wird nicht einfach, denn die beiden sind nicht bei uns geblieben, sondern etwas weiter raus gezogen. Ich hab Sorge, dass mir das nicht gut gelingen wird.
Ich weiss nicht, wie andere Eltern das machen, die nach so einem Auszug dann nicht sofort in so eine Betriebsamkeit fallen können. Es ist ja auch schwer aus dieser Geschäftigkeit der letzten Wochen abzubremsen und ich war heute durch den frisch entdeckten Schimmel an ein paar Aussenwänden und ein paar mehr Macken in den gestrichenen Wänden doch mehr gefordert, habe gestrichen und für morgen geweisselt und abgeklebt, dennoch habe ich immer wieder aus heiterem Himmel geweint. Zig Versionen dieses Kindes in meinem Herzen, all die verstrichenen Jahre, wo sind sie hin?
Mir schiessen tausend Gedanken durch den Kopf, „mein Kind ist nicht mehr da“ ist am Lautesten. So laut wie das Echo in diesem leeren Kellerraum, der mal sein Zimmer war. Alles ist weg, bis auf eine einsame Kommode. Morgen noch unverhofft eben noch neue Farbe für dann Toms Zimmer. Auf einmal ist er weg, Samu weg, die Möbel weg. Keiner der hoch kommt, kein Knöchelknacken beim Treppen steigen. Sein Zimmer ist leer. Und ein Teil in mir auch.
Und dann wenns arg zieht im Herzen, denke ich an ihn, hoffe ich, dass beide glücklich sind, weil sie es geschafft haben, gemeinsam so viel erreicht haben und Ankommen können, in ihrem gemeinsamen neuen Zuhause. Eine kleine eigene Familie sind. Und dann freu ich mich wieder. Und es tut ein klitzekleines bisschen weniger weh.
Also, nur noch acht Mal der gleiche Herzschmerz, wie soll das gehen?



2 Kommentare
hdw
Ein Chrrp-Beitrag hat mich hierher geführt und ich bin froh, diesem Link gefolgt zu sein.
Ein Text von enormer atmosphärischer Wirkungskraft, die Deine Gedanken und Gefühle, das Flair in Eurem ‚Zusammenspiel aus Insidern und Familienbande‘ lebendig miterleben lassen.
Merci
frausiebensachen
Ganz wunderbar eingefangen. Ja es tut so weh. Du wirst dich daran gewöhnen und der Schmerz wird weniger – schreibt eine die vor 6 Jahren mit dem Loslassen hat anfangen müssen und nach dem letzten Besuch zum ersten Mal nicht mehr weinen musste. Aber oh wie schön es ist wenn sie gerne wiederkommen, anrufen, Rat und Nähe suchen! Allesalles Liebe!