2016- 2026

Wayne Carpendale hat ein sehr berührendes Video veröffentlicht, dass jeden wohl anders bewegt, Bilder und Gefühle los tritt. 

Was würde ich meinem zehn Jahre jüngeren Selbst sagen, wenn ich die Möglichkeit hätte? Und wie liebevoll und zugewandt kann ich zu meinem heutigen ICH sein, wenn ich zurück blicke auf die vergangenen zehn Jahre? 

Ich würde wohl sagen: „Ruf deine Mama öfter an oder fahr irgendwie hin, auch wenn das so schwierig mit diesem Alltag ist!“ 

Rückblickend war ich 2016 unfassbar glücklich, nach drei Fehlgeburten zwischen 2010 und 2011, bekam ich nach Emil und Anton, das dritte Kind hintereinander im Frühling 2016 -meine „zweite“ Tochter Zelda-, unser ingesamt siebtes Kind. Ich war siebenfache Mama mit 32. Trotz meiner Arthritis Diagnose im Jahr davor. 

Es war der beste Sommer mit den Kindern und es folgte ein toller Sommer. Ich war eingebettet in die Tragecommunity und hatte wieder zwei Kinder unter zwei Jahren. Ich war so dankbar und glücklich! 

Ich wusste nicht, dass vor mir neun weitere Fehlgeburten lagen, dass ich eins von diesen Kindern verlieren und nicht lebend gebären würde, zu einer Zeit, in der ich mich sicher fühlte, dass jetzt nichts mehr passieren könnte. Aber ich wusste damals auch noch nicht, dass ich das Glück haben würde, noch drei wundervolle Kinder zu bekommen, ohne die ich mir mein Leben heute gar nicht mehr vorstellen könnte. Kinder, die heute acht, sechs und zwei Jahre alt sind.

Aber ich verkläre es rückblickend auch ein bisschen, denn es war der Sommer 2016, in dem ich entschied, dass es so nicht mehr weiter geht, ich eine Therapie wegen meiner Angststörung machen würde.

In meiner Erinnerung wars also der beste Sommer aller Zeiten, meine Kinder alle nah beieinander, das Älteste gerade mal elf Jahre alt. Aber es war auch der Sommer, in dem es in München ein Attentat gab und unsere heile Welt, vor allem aber die der Kinder einen ersten großen Riss bekam, als der Papa in München war, man bei Twitter Nachrichten las, die nicht immer stimmten. Und wir erst aufatmen konnten, als Nils wieder sicher nach Hause kam. 

Ich wusste 2016 nichts von einer Pandemie, der Angst und Unsicherheit um unsere Kinder, wusste nichts von geheimen Facebook Gruppen, in denen ich heimlich wie eine Kriminelle Impftermine für meine Kinder suchen würde, weil irgendwelche Irren, diese Ärzte und Ärztinnen bedrohten und deswegen deren Identität geheim bleiben musste. Ahnte nicht, wieviel ich mich rechtfertigen müsste, weil ich unsere Kinder lieber sicher und gesund zu Hause hatte, als einer Gefahr auszusetzen.

Ich wusste nicht, dass Nils Eltern sich 2017 trennen würden, auch räumlich dann und das mein Schwiegervater dreieinhalb Jahre nach Zeldas Geburt, diesem siebten Kind, ein Jahr nach Lilous Geburt 2018, in seinem Haus 2019 im Oktober tödlich verunglücken würde, nachdem er eine Krebsdiagnose 2018 überstanden hatte. 

Ich wusste damals auch noch nicht, dass meine Mutter nur wenige Monate später nach dem Tod meines Schwiegervaters auch tot sein würde, im Februar 2020. Nachdem sie 2017 Brustkrebs bekommen hatte, als geheilt galt und drei Jahre später überall Metastasen hatte. Ich sehen würde, wie sie ihre letzten Atemzüge täte und einfach unglaublicherweise verpassen würde, letzte Worte mit ihr zu sprechen, mich zu verabschieden als sie noch klar war. Es einfach auf einmal für alles zu spät war und kein irgendwann mal mehr gab.

Ich wusste nicht, dass ich nach Hazels Totgeburt 2023, meinen Mann fast verlieren würde, der kurz nach ihrer Beerdigung sechs Wochen in einer Klinik und ich allein mit neun Kindern war. Ich wusste 2016 nichts davon, dass die Kinder in genau diesen Wochen der Abwesenheit Magendarm haben würden, dass ich mich trauen würde allein mit neun Kindern in den Urlaub zu fahren, während ich eine Fehlgeburt hatte, und dass ich ein weiteres Mal schwanger werden würde in dieser Zeit, als Nils für 24Stunden bei uns an der Ostsee war. Ich wusste nicht, dass ich soviel allein schaffen, aber dem eigenen Zusammenbruch damals nie näher war, nicht weil ich allein war, sondern weil unsere Ehe so wackelig war. Weil ich nicht wusste, wie es weiter gehen würde und dennoch fasste ich wieder Vertrauen und wir schafften es gemeinsam irgendwie da raus. Und rückten wieder zusammen. 

Ich wusste 2016 nicht, dass wir Eltern queere Kinder haben würden, zwei davon sich nicht in ihrem hinein geborenen Körper wohl fühlen würden, wusste nichts von deren Vor*Lieben*, von Schwiegerkindern, die unser Leben bereichern und eines bei uns wohnen würde. Vorallem wusste ich nicht, wie schwer es sein würde unsere Kinder durch ihre zahlreichen Diagnosen zu begleiten oder durch selbst verursachte und fremdverschuldete Traumata, ich wusste nicht, wie sehr ich um meine Kinder Angst haben werde, dass sie morgens aufstehen, einfach noch da sind, wenn ich aufwache. Aber ich wusste auch nicht, dass ich jedes Jahr nur stolzer auf sie sein, mich über jeden einzelnen hart erkämpften Erfolg freuen würde! Und ich konnte nicht wissen, dass zwei meiner Kinder innerhalb eines halben Jahres hintereinander ausziehen würden und wie sich das anfühlt, wenn nicht mehr alle Kinder, die man liebt unterm selben Dach wohnen. 

Ich wusste damals 2016 nicht, wie voll und reich mein Leben sein würde, aber auch nicht wieviel Schmerz, Trauer und Leere warten würden, wieviel Glück, Freude und Dankbarkeit neben Ängsten und großen und kleinen Sorgen. Und ich würde mir wünschen, ich könnte mich selbst an schwierigen, krummen Tagen anders ansehen, milder, liebe- und verständnisvoller. Ich möcht es aber mehr versuchen. 

Ein Kommentar

  • Tina FrauPN

    Euer Leben ist so voll, so so so voll. Mit schönen und schweren Dingen und ich verneige mich stets vor Dir, dass Du irhendwie jeden Tag weiter machst.

    Ich denke, es ist gut, dass man nicht weiß, was kommt. Dass man nur mit dem Wissen von heute lebt. Mit der Hoffnung, dass alles gut oder besser wird und dass das Leben noch viel schönes für einen bereit hält.
    Nur vielleicht sollte man ein bisschen eine Sensibilität haben, dass eventuell nicht so schönes kommen könnte und dass man das Leben jetzt und heute genießt und eben doch den Besuch macht, oder doch das Eis kauft, doch noch mal raus geht und den Regenbogen anschaut.

    Ich hoffe sehr, dass wir 2036 auch genau hier uns lesen werden. Und ich bin so gespannt was uns das Leben bis dahin gebracht hat.

    Umarmung. ❤️