Geburtstrauma, unter anderem

Es kommt in Wellen. Ich dachte, es würde reichen, dass ich schon einmal über die Geburt geschrieben habe. Alle Worte, die ich gehabt hatte waren darin eingeflossen, was hätte es noch zu erzählen gegeben?
Alle hatten mir einmal virtuell über den Kopf gestreichelt, mit mir gelitten, nun müsse es doch gut sein. Doch nichts war gut, schlecht aber auch nicht. Ich fühlte nur alles durch einen Nebel, den ich ignorierte. Ich gab mir Mühe, denn es war ja gut. Und ich hatte doch dieses wundervolle sechste Kind geschenkt bekommen, warum blieb mein Herz so schwer?

Eigentlich ist alles schief gelaufen, was schief gehen konnte. Mit meiner Vorgeschichte von drei Fehlgeburten brachte ich schon mehr Sorge und Furcht in die Schwangerschaft als gut war, die zudem geschürt wurde. Mehrmals. Dazu körperliche Beschwerden mit denen man mich allein liess, von den seelischen ganz zu schweigen. Ich bin dann unter der Geburt an die furchtbarste Hebamme und den widerlichsten Anästhesisten geraten und hab dann im Wochenbett ein zweites Mal das Vertrauen in meinen Körper verloren und musste dann die Verantwortung komplett auch schon an meine Zahnärztin abgeben, zu denen sich nun eine wirkliche Vielzahl von anderen Ärzten der Zahnheilkunde und verschiedener Fachrichtungen gesellt haben, die ich nicht so oft, so erfolglos und in so kurzer Zeit kennen lernen wollte.
Irgendwo da drinnen hab ich mich wohl verloren. In einem der Wartezimmer sitze ich vielleicht noch und muss abgeholt werden, so ähnlich wie in Paulo Coelhos Geschichte in der Wüste.

Vielleicht muss mein Körper wirklich nur auf meine Seele warten. Vielleicht brauche ich nur Zeit. Aber ich habe keine. Es geht nur weiter und weiter… Mittlerweile reagiere ich panisch auf Schmerzen, ich bin jetzt so darauf konditioniert, sofort ist da Unruhe, Panik und Grausen „Nein, nicht schon wieder zum Arzt, bitte!“, noch funktioniert meine Selbstregulation und ich kann mich nach ein paar Minuten des Sackenlassens beruhigen, erst einmal- es bleibt die vielleicht irrationale Angst mein Körper könne einfach Stück für Stück weiter auseinander fallen.

Ich kann mich nicht erinnern, was genau mich zu diesem Wort „Trauma“ trieb, ob es meine letzten Fiebertage waren, die mir im Bett allein zuviel Zeit ließen meinen Gefühlen nachzuspüren, die Roses Revolution, die mich über mein nicht Verarbeitenkönnen der Erinnerungen stolpern ließ oder diese nicht enden wollenden Schmerzen, Arzttermine seit über vier Monaten, weil mein Körper mir vielleicht doch irgendetwas sagen will, was ich nicht so genau hören will?
Meine Kraft ist verbraucht. Wenn ich Fotos ansehe von Emil und mir, als er grad frisch geschlüpft war, wirkt alles scheinbar soviel leichter. Es gibt so viele Bilder auf denen ich lächle, glücklich aussehe. Wenn ich Anton ansehe, unsere anderen Kinder, meinen Mann, dann ist da Liebe und Freude, auch ein Nebel wie ein Schleier, wie ein großes Aber.
Egal wie viele Schritte ich gehe, egal in welche Richtung, egal wie oft ich mir ins Gedächtnis rufe, dass der Ausgang der Geburt brilliant ist, ich lande immer bei der selben Szene und meinen Emotionen.

Wenn ich an die Geburt von Anton denke kommen mir die Tränen, immer nur kann ich an das Legen der PDA denken, an diese Hebamme, die meine Bitte um Hilfe ignorierte, mich nicht anfassen wollte, so dass ich einmal fast vom Bett gefallen wäre, der Anästhesist, der von „roter Soße“ sprach, die den Hocker runter läuft, daran denke ich, wenn ich an die Geburt unseres Kindes denke. Und deswegen fühle ich mich sogar schuldig, weil ich es nicht positiver verbinden kann. Natürlich bin wie jede Mutter dankbar, dass mein Kind gesund ist und ja auch (denn das war einer meiner Befürchtungen) mir erneut nichts geschehen ist, aber das allein reicht nicht. Es ist einfach nicht egal wie ein Kind auf die Welt kommt und es war traumatisch, furchtbar, entwürdigend. Ich fühlte mich in dieser sensiblen und so unglaublich wichtigen Zeit solchen Menschen hilflos ausgesetzt, so hab ich meine sechste Geburt empfunden.
Da sind Vorwürfe, die ich mir mache: „Hättest du bloß keine PDA gewollt. Warum hast du Lusche es nicht dieses Mal auch ohne geschafft? Wieso?! Dann gäbe es diese Szene gar nicht erst!“ Die leise, piepsige Stimme im Kopf antwortet: „Mit einer anderen Hebamme hättest du dich nicht so allein gelassen gefühlt, so übergangen, so wenig ernst genommen. Mit einer guten Hebamme an deiner Seite hättest du keine PDA gewollt.“ Ich habe diese gute Geburt so sehr gebraucht.

Ich hatte keine Geburtsvorbereitung und keine Rückbildung und dazwischen eine fürchterliche Geburt, manchmal fühlt es sich an, als wäre ich nie wirklich schwanger gewesen, als könnte ich mich auch irren, dass fühlt sich furchtbar an, da ist soviel Leere in mir, als würde etwas fehlen.
Mein Körper versagte ja dann ein zweites Mal im Wochenbett und zusätzlich musste ich mich selbst trotz diesen Sorgen rausreißen um meine Zahnschmerzen anzugehen, was sich zieht bis hier her. Monate nun. So viel Zeit!

Was die Geburt mit mir gemacht hat ist mich zu verunsichern. Egal was ich auch tue, ich finde dauerhaft meine Mitte nicht. Dabei gebe ich mir Mühe und dann läßt mich etwas Neues straucheln. Vieles, was mich erdete, mich ausmachte, steht da hinten an. Schwimmen war ich das letzte Mal vor Antons Geburt und ein Mal danach, davor Monate nicht. Ich bräuchte es so sehr, doch immer, wenn ich denke: „Jetzt!“, kommt das nächste Arztgespann. Dazu natürlich viele verpasste Gelegenheiten Freundinnen zu treffen und sich da die Seele aufzufüllen, ich hatte wenig Zeit und Konzentration zu lesen und in den letzten Tagen konnte ich nicht einmal mehr Stricken, was mir gut getan hatte bis hierher und nun steuern wir auf Weihnachten zu. Eine Zeit, in der der Fokus dann gern auch wieder auf den Vorbereitungen ruht.

Nach unseren Verlusten war ich ein unheimlich auf Sicherheit bedachter Mensch. Mich faszinierten zwar Hausgeburten so sehr, ohne die Kinder hier daheim, wäre das ein großer Wunsch gewesen, einfach nach der Geburt sein wo man hingehört: zu Hause, aber ich ordnete diesen Wunsch immer meinem Sicherheitsbedürfnis unter. Im Krankenhaus keine fünf Minuten von uns gab es Hebammen, Ärzte und einen Kreisssaal mit OP. Ich brauchte das. Zudem waren da alle Söhne geboren. Wenn ich dort hoch sah, trotz der Erfahrungen mit Noah blieb da dieses selige Lächeln, wenn ich vorbei fuhr, war der Wunsch immer so groß: noch einmal schwanger werden, noch einmal dort gebären. Außerdem klammerte ich mich leider an bestimmte Abläufe in der Schwangerschaft und ich konnte es nicht früher jemanden sagen, nicht einmal einer Hebamme, die für mich da gewesen wäre, zu groß war die Angst etwas damit herauf zu beschwören, wenn ich mich um die Geburt kümmere, die so weit weg schien wie eine lange Reise.
Schwangersein war wie eine Art nicht enden wollender Marathon, ich hatte nur das Ziel vor Augen: mein Baby. Auf dem Weg dahin, hab ich mir den Blick genommen für verschiedene Bedürfnisse. Wieder Vorwürfe: „Wieso hast du dir nicht auch ein HypnoBirthing- Buch besorgt?!“, „Wieso hast du dich darauf verlassen, dass schon wieder im richtigen Moment, die richtige Hebamme da sein würde?!“- Das Traurige ist, ganz am Ende war die Richtige da.

Heute also bin ich an einem Punkt angelangt, an dem ich nie wieder dort ein Kind bekommen möchte, würde vieles anders machen und ein paar mehr Risiken eingehen, um mein Innerstes zu schützen, weil ich weiß wie wichtig ein guter Start ist. Und suche noch nach einem Weg oder einem Ritual, meiner Seele wieder ein bißchen näher zu kommen.

Rose

Ich habe mehrere Tage immer wieder irgendwo Zeilen aufgeschrieben und gebastelt um sie in einen Zusammenhang zu bringen, weil ich das Gefühl hatte, mein Herz würde erst dann ruhiger schlagen können, wenn ich meine Emotionen wirklich in Worte fassen konnte.

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