Dir James.

Mein kleiner Junge. Mein kleines Wunder. Die Tage sind lang. Und da wo du in diesen Tagen in unseren Armen liegen solltest, von uns bestaunt und beschnuppert werden solltest, ist die Erinnerung an deinen kleinen Sarg, den ich vor 6 Monaten zum Abschied berührt habe.
Das ist alles was wir hatten. Aber eigentlich noch mehr. Ich frage mich oft in den letzten Tagen, ob ich lieber darauf verzichtet hätte all das zu erleben, aber auch das würde bedeuten, dich nie gekannt zu haben, so weiß ich, dass es dich gab. So hab ich all die Erinnerungen, sogar an diesen einen Stupser. Nein, ich bin froh, dass du unser Leben gestreift hast. Du hast uns berührt. Nachhaltig. Und bist unvergessen. Besonders in diesen Tagen. Wie könnte ich? Wie könnte eine Mutter? Jetzt so kurz vor Bens Geburtstag war es ganz präsent. Ich hätte in dieser Zeit letzte Vorbereitungen treffen sollen für einen weiteren Geburtstag. Deinen. All das, an das man so denkt und all die Zukunftsbilder, ohne die man nicht mehr leben zu können glaubt. Ein Leben ohne dich Ende September gab es in meiner Vorstellung nicht. Ich war mir so sicher, dass wir es bis hier her schaffen würden. Wir beide.
An dem Morgen an dem ich erfuhr, dass dein Herz nach diesen Unfall aufgehört hatte zu schlagen, konnte ich sehen, wie sehr du in den vergangen zwei Wochen gewachsen warst. Deine Arme und Beine waren länger geworden und du natürlich größer. Dein Kopf war zur Seite geneigt, es sah aus als würdest du nur schlafen, aber das war es nicht, dass dich gefangen hielt. Ich weiß nicht genau wie, aber dein Herz hatte aufgehört zu schlagen, eine Blutung hatte die Plazenta erreicht und die Versorgung unterbrochen. Unsere Verbindung war von jetzt auf gleich gekappt. Das Grausamste was ich in meinem ganzen Leben empfinden musste. Ich war doch schon in der 14. Woche. Ich wusste es wären noch 6 Monate. Diese 6 Monate sind nun um.
Die Abstände werden länger, ich besuche dein Grab nicht mehr einmal in der Woche. Vielleicht weil es in den vergangenen Wochen zur Qual wurde, diesen Ort aufzusuchen. Zu Beginn war es heilend und ein wirklicher Ruheort, ein Ort zum Zurückziehen und bei dir sein. Jetzt fühle ich einfach nur noch Vermissen am Grab. Es tut weh. Es ist dann real. Und da wo das Leben uns oder mich endlich zurück hat seit ein paar Wochen oder Monaten, wird man, werde ich zurück katapultiert in ein Hätteseinsollen.
Du hättest sein sollen. Du fehlst so sehr. Und dennoch haben wir, habe ich gelernt nicht ohne dich, sondern mit deinem Verlust zu leben. All das hat mich verändert. Sehr. Es hat mich näher zu mir und besonderen Menschen gebracht und am Ende vielleicht die kleine, wertvolle Gabe das richtige Wort zu finden, wenn andere diesen Weg gehen müssen. Ich gebe mir Mühe in allem einem Sinn zu sehen.
Kurz nach deinem Tod war ich nicht dankbar. Ich denke, dass kann niemand sein. Nicht sofort. Alle anderen lieben Menschen um einen herum können den Kummer sehen, sind erschüttert und halten ihre Lieben umso fester und sind selbst dankbar dafür und geben die Botschaft weiter. Aber wofür sollte man als Trauender dankbar sein in so einer Zeit? Es dauert sehr lang und gehört zum Prozess und einem guten Trauerverlauf, wenn man am Ende diese echte Dankbarkeit wieder fühlen kann. An diesem Punkt bin ich wieder seit ein paar Wochen. Ich bin nicht nur dankbar für meine gesunden Kinder auf Erden, das wäre ja absurd, denn es hätte doch nichts mit dir zu tun. Ich bin auch dankbar dafür, dass es dich gab. Jede Sekunde, jeden Tag den ich dich bei mir wusste.
Ich habe lange Zeit gebraucht um zu akzeptieren, dass es intensiver war, als unser fünftes Kind zu verlieren, dass es nicht dasselbe war für mich. Ich dachte, ich hätte alles im Griff, all die Trauerarbeit und verlor dann nach kurzer Zeit einfach so den Halt. In diesem Fallen, fand ich mich selbst wieder und am Ende wahre Freunde und meine Familie. Die Pause hier war so nötig, um nicht allen meinen Schmerz darzubieten. Ich wollte diesen Weg allein gehen, uns Zeit geben. Mich von dir wirklich verabschieden. Verstehen und Verarbeiten. Wie es sein konnte, dass du einfach nicht mehr da sein solltest.
Es war bis hierher ein hartes Jahr. Und jeder Tag ist ein Tag ohne dich. Ich kann noch immer keine fremden Neugeborenen ansehen, es geht nicht ohne das es wehtut. Aber auch das finde ich normal. Ich frage mich, warum ich dich nicht beschützen konnte, wo andere es mühelos schaffen. In meinem Kopf tausend Fragen.
Ich fahre so gut wie täglich Bus, zweimal meistens. Ich fahre täglich mit diesem Bus vorbei an den Ort, an dem der Unfall passierte, über das Krankenhaus, den Friedhof und das Bestattungsunternehmen. Jeden Tag. Und es gibt immer mehr Tage, da tue ich das nicht mehr bewusst, ich fahre dann nicht mehr an diesen Orten vorbei, sondern bin auf dem Weg Heim oder zum Kindergarten. Ich denke nicht mehr täglich daran. Das Krankenhaus bleibt der Ort, an dem ich meine Kinder geboren habe, auch dich.
Ich bin stark. Aber es gibt keinen Tag an dem ich nicht an dich denke, dich nicht so gern von da oben runter zu uns holen würde wollen. Vor Jahren lernte ich alles, was ich wissen musste, Muster die ich von mir kenne und denen ich nicht nachgeben durfte und es auch nicht tat. Ich brauche jetzt keine weitere Hilfe mehr. All die Stellen an die ich mich wand, hatten lange Wartezeiten. Fast 2 Monate. Es wird ein Zeichen von mir gewesen sein, dass ich einfach nicht mehr nachfragte, ob ich einen Platz noch bekäme. Ich las ein Buch, was mich in der stillen Zeit mehr als gut begleitete und fand einen Weg zurück ins Leben, Stück für Stück und in meinem Tempo. Dennoch gab es und wird es wohl für immer Momente geben, in denen ich die Luft anhalte oder die Tränen einfach so fließen. Ein Moment habe ich geschafft, als eine verschollen geglaubte Freundin, fragte ob du schon geboren seist. Ein anderer als Zoe beim Frühstück meinte, ich hätte in der Schwangerschaft mit Ben immer gesagt, kurz nach ihrer Einschulung würde er geboren werden. Ich schluckte. Sehr. Dein Vater hielt meinen Blick und gab mir Stärke. Du warst es. Du solltest nach der Einschulung geboren werden. Und so wird es immer wieder Momente geben, die mir die Luft rauben.
Die Seelsorgerin im Krankenhaus meinte, ich solle mir Zeit lassen, immerhin wärest du erst Anfang Herbst geboren worden, soviel Zeit würde ich brauchen. Und nun ist es Herbst. Ohne dich. Unser Pfarrer meinte, wir sollen in 6 Monaten noch einmal kommen. Und auch diese Zeit ist nun da. Ein Kreis schließt sich. Unaufhaltsam. Und dennoch frage ich mich an diesem Punkt, den ich erst herbei gesehnt hatte, als Erlösung, immer als Anker sah, dieses Datum müsse ich schaffen, ob ich nicht immer rechnen werde, wie alt du wärest. Ob ich nicht immer an dich denken werde? Vielleicht verschiebt sich alles. Vielleicht bleibt dein Geburtstag auf ewig der 25. März. Der Tag deiner Geburt, vier Tage nach dem Tag deines Todes.
Mein kleiner James, du warst ein so unglaubliches Wunder, ein großes Geschenk. Mein Sohn, mein Kind. Ich liebe dich. Und ich werde dich niemals vergessen.

„Beim Rauschen der Blätter und in der Schönheit des Herbstes erinnern wir uns an dich…“

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