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Ich will diese Zeilen unbedingt noch schreiben, bevor ich zur Ärztin gehe. Die Blutung ist seit gestern Nachmittag wieder deutlich schwächer und seltener geworden. Aber die Angst ist die Gleiche. Ich sitzliege hier auf der Couch und warte darauf in die Praxis zu fahren, um dort weiter zu warten… und dann?! Was werde ich hören? Sehen oder nicht sehen?
Langsam bin ich sehr aufgeregt. Mehr als das. Ich habe Hoffnung sonst säße ich nicht hier oder? Ich hoffe noch. Auch wenn das Beste, was ich heute hören könnte wäre, dass ich weiter warten muss bis zur nächsten Woche.
Kleines, bist du gewachsen? Schlägt dein Herz verborgen in mir schon längst? Oder hält nur der Gedanke an dich meinen Körper aufrecht?
Ich liebe dich. So sehr. Ich hab gekämpft bist hier her. Um dich. Um uns. Und tue es weiter. Weil ich es für dich tue. Für uns. In Liebe.

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Wir warten also ab. Ich konnte dich heute auf dem Ultraschall vielleicht schon erahnen. Eine graue Struktur in der Fruchtblase neben dem Dottersack. Kreisrund war die Fruchtblase. Die Ärztin schien zufrieden, trotz der Blutung. Ohne all diese Infos würde sie sagen, sieht alles sehr gut und normal aus.
Jetzt ist es Abend und ich warte zittrig auf den Rückruf der Praxis. Hoffentlich bekomme ich den Wert noch heute. Ich brauch noch so ein kleines Zeichen. Bitte, bitte.

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Kein Zeichen heute, sondern ein totaler Zusammenbruch. Ich hab die Kinder allein gelassen und bin zum Labor gefahren, weil man mir gesagt hat, dass die heute dort einfach nicht fertig werden, bis der Praxisdienst beendet ist. Und ich den HCG Wert erst morgen früh erfahren würde.
Ich wäre nie so ausgerastet, wenn ich nicht wüsste, dass sie mich schonmal so angelogen haben. Damals im Dezember. Sie sagten mir nichts. Erst Nils sagten sie den Wert am Telefon. Das Todesurteil für unser Kind damals. Sie hatten sich einfach nicht getraut es mir zu sagen.

Das ist Psychoterror. Folter. Die sich kein Mensch wirklich vorstellen kann, der das alles nicht erlebt hat. Ich bin schwerelos. Ich bange und hoffe gerade wirklich um mein Ungeborenes, dass ich über alles liebe. So sehr, dass ich mich wie eine Irre auf mein Rad setze und weg fahre, um die Gewissheit zu haben, dass dort auch wirklich noch gearbeitet wird. Nicht mal das ist eine Garantie. Aber diese Lüge, diese mögliche Lüge… Auf dem Fahrrad fing ich beim Vorbeifahren am Labor einfach im Nieselregen bitterlich an zu schluchzen. Nur Gott allein weiß, wie sehr ich diese Kind liebe, und wie groß meine Angst ist.

Ich habe Angst vor morgen, auch wenn ich heute eine so optimistische Ärztin sah, meine Blutung plötzlich viel besser ist. Und da noch immer mein Kind in mir ist. Ich hab unendliche Angst.

Kleines,
egal wo der Weg uns hinführt. Halt dich verdammt noch mal fest! Wachse in Ruhe. Und lass dich von nichts und niemanden aus der Ruhe bringen, nicht mal von mir! Wir sind heute so weit wir zwei.

Zum Zeitpunkt dieser Schwangerschaft hatte ich bereits längst Fehlgeburten. Das Blut hat jetzt wegzubleiben. Und das Herz kräftig zu schlagen. Ich will die Mutter sein, die ich gern bin, keine beutelte Frau.
Ich habe soviel durch gemacht in diesem Jahr, wir alle. Ich will jetzt diese Kind! Ich will es einfach.

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