„Das muss man sich auch leisten können…“

Sehr oft, wenn das Gespräch auf mehr als zwei Kinder kommt, taucht das liebe Thema Geld ebenfalls auf. Und wenn uns in diesem Jahr jemand „gefragt“ hat, wie wir das nur finanziell machen, hätte ich am liebsten hysterisch gelacht und nur erwidern können: „Keine Ahnung, irgendwie.“
Als ich 20 war oder auch 21, 22 dachte ich immer, man müsse sich halt eben anpassen und wir hatten uns bis dahin angepasst. Gelebt von der Hand im Mund, hauptsache glücklich, genossen wir zwei Beide, dass der Mann nur halbtags arbeiten ging und wir den Nachmittag zusammen mit zwei Kindern genießen konnten. Nicht lange, wohl gemerkt, der Ernst des Lebens hatte uns rasch Heim gesucht, als Noah drei Monate alt war.
Aber es ging. Immer. Irgendwie. Der Mann verdiente immer gut (genug). Aber er versorgte uns über Jahre komplett allein und wir wurden immer mehr. Wir hatten das Glück dieses Haus zu bekommen und zahlten dafür im wahrsten Sinne des Wortes monatlich einen hohen Preis. Dazu kam das Schulgeld und wir gehen nun mit dem dritten Kind an die Privatschule, dazu der Schulbus, der uns bei ein paar Kilometern Entfernung zur Schule ohne Auto eine enorme Erleichterung ist.
So etwas wie Luxus aus Überzeugung, weil es uns wichtig ist: Platz, Garten, Bildung. Wir lieben frisches Obst und Gemüse und geben auch hier für irrsinnig viel Geld aus, ebenso für bestimmte in meinen Augen qualitativ hochwertige Kleidung, gerade weil sie weiter gegeben wird oder notwenig ist, wie bei Schuhen oder Jacken. All das sind Sachen, für die nicht ein jeder Verständnis hat und es als heraus geworfenes Geld betrachtet. Uns sind sie aber wichtig.

Nun gibt es aber immer wieder mehr zu bezahlen. Schuldgeld wird erhöht, ebenso die Miete. Und plötzlich schrumpft der monatliche Satz, an dem was bleibt, um noch mehr als nur die Rechnungen zu bezahlen. Kinder fahren ins Schullandheim, brauchen Kleidung, haben Geburtstag und leider gibt es keinen Weihnachtsmann und Osterhasen, den mimen auch wir alle als Eltern. Und nicht immer wächst einmal jährlich das Einkommen. Simple Mathematik, mit jedem Kind steigen die Ausgaben. Wir Eltern versuchen wirklich auf alles zu verzichten, was unnötig ist.

Plötzlich kommt da der Punkt, an dem du nachts schlechter schläfst, wenn du an die Elternzeit denkst, die ein gigantisches Loch in die Kasse reißt, aber wie sollte das anders gehen? Müsste es, wenn es wirklich müsste? Wir haben kein Auto, fahren nicht teuer in den Urlaub. Zudem haben wir das Glück, eine Familie hier hinter uns zu haben, die immer für uns da ist. Wir machen große Abstriche. Gern. Weil die Kinder so kitschig es klingen mag, unser Glück sind.
Dieser Punkt, der plötzlich auftaucht, an dem keine Einsparungen mehr möglich sind, du überlegst, wie noch Geld in die Familie fließen könnte, damit „Geld“ kein so negativ belastetes Wort mehr ist. Dieser Punkt, an dem du nie für möglich gehalten hast mal zu stehen: Sich kein Kind weiteres mehr leisten zu können.

Es geht gar nicht darum, ob wir nicht eh schon gesegnet und beschenkt sind mit unseren Kindern, sondern eine berechnende Entscheidung treffen zu müssen. Und für die Familie, die existiert müsste nach jetzigem Stand ein Ende her. Nie hatte ich das für möglich gehalten oder mir so gewünscht- es sollte für mich immer aus dem Herzen heraus kommen. Die kann auch jetzt noch kommen, aber das ausgerechnet mich, das einmal so erwischen könnte, diese wirkliche Existenzangst, das hatte ich nicht erwartet.

Viele sagen, dass müsse man sich auch leisten können und fahren dann zwei Autos, zahlen ein Haus ab oder vier Mal im Jahr ins Ausland, um Urlaub zu machen. Das mag ich gar nicht verurteilen, jeder solldarfmuss so leben, wie es für ihn schön ist (das tun wir schließlich auch), nur sehe ich da aus meiner Perspektive oft mehr Einsparpotential. Will heißen, die Menschen, die am lautesten jammern, sie könnten sich ja kein zweites Kind leisten, leben für meinen Geschmack in diesem Luxus, noch tatsächlich sparen zu können. Für die wären wir arm, wüssten die wie viel Geld wir wirklich haben. (Für andere sind wir wirklich reich an allem.)

Groß gejammert haben wir nie. Wir fühlen uns beschenkt. Uns ginge es schließlich gut.
Wir fassen uns also derzeit an die eigene Nase und betrachten (immer wieder) Ausgaben und Einnahmen. Mit mulmigem Gefühl und so einem Staunen, wann diese erwachsenen Ängste uns eigentlich heim gesucht haben und diesem meinem persönlichen Riesenkloß im Hals… Denn ich spüre da ein Unwohlsein, weil ich nicht anders als durch Kinderbetreuung einen Beitrag leisten kann, keinen Cent verdiene und mich nicht in der Lage sehe, das in absehbarer Zeit zu ändern. (Vielleicht der erste und einzige Moment in dem ich verpassten (beruflichen) Chancen hinterher trauere.)
Auch ein Luxus: bei meinen Kindern zu sein. Einer den ich wieder mehr wahrnehmen muss bei all meinen Selbstfindungen zwischendrin.

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