Verloren im Besten

In dem Trageberaterinnen- Grundkurs, den ich am Wochenende besucht hatte, sagte die Vortragende unter anderem: „Niemand verurteilt eine Mutter, die ihr im Tuch eingeschlafenes Kind im Kinderwagen ablegt, damit sie in Ruhe ihrem Haushalt nachgehen kann. Kaum eine Mama käme wohl auf die Idee ihr schlafendes Kind aus dem Bett zu reißen und es sich für die Hausarbeit muttiviert auf den Rücken zu binden. Und wenn ihr einfach keine Kraft mehr habt und das dürft ihr eurem Müttern gern weiter geben, dann setzt das Kind in sein Gitterbett und verlasst zum Abkühlen für 5min den Raum, wenn es nicht anders geht auch mit Ohrenstöpseln, bevor etwas Schlimmeres geschieht.“ Da war es still im Raum, vielleicht ging Jede noch mal mit ihren Gedanken zu Momenten, in denen gar nichts mehr ging. Mir fiel auch wieder der Text ein, der letzte Woche geteilt wurde von einer Mama, die versuchte ihr Kind mit den Ideen aus „Jedes Kind kann schlafen lernen“ allein im Bettchen zum schlafen zu bewegen. Sie beschreibt in ihrem authentischen Text wie sie mit sich ringt und sich am Ende unglaublich schlecht fühlt, als sie heraus findet, dass ihr Kind in den Minuten des mütterlichen Wartens vor der Tür des Kinderzimmers das Köpfchen gegen sein Bett geschlagen hatte. Der Moment in dem alle Lesenden mitfühlen…

In vielen Gruppen gerade auf neuen Blogs oder bei Twitter, die sich an dem Attachment Parenting orientieren, ist das wie vieles Andere nichts Nachahmenswertes. Was viele jünge Mütter, also Mütter von kleinen Kindern, die sich diese Leitsätze auf ihre eigene Fahne versuchen zu schreiben, gefühlt oft vergessen ist, dass es ein Ideal ist. Vielleicht sogar ein Gutes, aber wie viele Mütter von Ihnen zerreißen sich bei dem Versuch genau dieses Ziel zu erreichen, von dem so viele andere sprechen.
Ich denke, dass ich selbst dabei bin meinen Frieden mit allem zu machen, sei es nun das Stillen, dass mir und meinen ersten drei Kindern verwehrt blieb oder der Versuch diese Kinder in ihrem eigenen Bett zum schlafen zu bringen in dem festen Glauben, das Richtige zu tun oder das zu wenige Tragen. Früher schrieb ich entschuldigend ausführlich darüber, dass meine ersten drei Kinder weder kleine Psychopathen davon geworden sind, noch egoistisch oder unempathisch.
Wo wir bei etwas anderem wären, was die Kursleitung uns mit auf den Weg gab: „Die meisten Eltern wollen ihrem Kind nicht schaden! Wenn sie in ein Fachgeschäft gehen und mit einem Babybjörn rauskommen, tun sie das in dem besten Wissen, gut beraten worden zu sein und für sich und ihrem Kind das Richtige ausgewählt zu haben.“ Auch ich hatte übrigens so einen Babybjörn 2004/2005 und genau so war es. Dieses Beispiel über nicht wirklich gut geglückte Beratung, sollte aber meiner Meinung nicht dazu anregen, über die Maßen noch mehr Informationen einzuholen, denn auch das kann furchtbar anstrengend und verunsichernd sein, weil es eben wahnsinnig viele Ansichten gibt und man sich auch schnell im Informationsüberfluss verlieren kann. Zudem hat man vielleicht auch gar nicht die Zeit, weil erste eigene Kinder die eigenen Welt sowieso schon genug auf den Kopf stellen. Und wie oft hört man dann doch „Du weißt schon, was das Richtige für euch ist!“- Nur um im nächsten Moment nachdrücklich erläutert zu bekommen, was es der Meinung Dritter nach sein sollte. Andere Menschen machen eh schon so vieles anders und das sieht man auch ohne Läuterung: „Wieso machen die das so?/ Hab ich nicht letztens irgendwas gehört?/ Hab ich nicht gelesen, dass Kinder unbedingt nicht allein einschlafen sollten? Mir ist das auch wichtig, aber wieso strengt es mich dann so an?! Sollte ich mich noch mehr bemühen?“- Und schon ist das eigene Gefühl weg für das, was wir leisten und geben können ohne durchzudrehen.

In der Vergangenheit habe ich so oft geschrieben, dass nicht nur jedes Kind anders ist, sondern wir mit diesen Kindern auch eine andere Mama werden, jedem Kind eine andere Mama sind, weil auch wir uns im Wandel befinden und vielleicht in Kombination mit genau diesem Kind ganz automatisch vieles anders machen, aber darauf wollte ich nicht unbedingt hinaus.
Wenn wir nach neusten Erkenntnissen eine sehr gute Mama sein wollen, streben wir eine natürliche Geburt an, am besten in heimeliger Atmosphäre, tragen unser Kind ins Leben (auch gern eine lange Zeit), lassen ihm so lange Zeit zum Einschlafen mit uns wie es wirklich braucht, stillen so lange wie es das Kind möchte, denn es stillt sich irgendwann von allein ab und wickeln mit Stoff, weil Wickeln Berühung, Zärtlichkeit und Liebe ist, während wir das Kind zucker- und breifrei ernähren ohne zu loben, ohne zu schreien, weil es eben auch Gewalt ist. Vieles davon habe ich in den letzten Jahren automatisch gemacht, brannte sich in mir ein und wurde mir persönlich wichtig. Gleichzeitig entstand aber mit diesen Informationen auch Druck es genau so machen zu müssen, um eine wirklich gute Mama für mein Kind zu sein.
Hier kam nun der Einwand, dass man sich den Druck als Mama natürlich selbst macht. Dem stimme ich wohl zu. Ohne Bereitschaft das tun zu wollen, was empfohlen wird, kommt es ja erst gar nicht zu Überforderung. (Natürlich sei an dieser Stelle gesagt, dass es auch das andere Extrem gibt, lang stillende Mütter oder Familienbettler, die sich und ihr gemeinsames Leben verteidigen müssen vor verständnislosen anders Denkenden mit einfühlsamen oder grenzüberschreitende Sätzen wie „Das ist ja krank, soll das Kind bei dir schlafen bis es auszieht?/ Habt ihr überhaupt noch Sex?!“)
Was aber oft bei diesem Ideal verloren geht, finde ich, ist die Realität. Das man das nicht immer schafft, weil man ein Mensch ist und wer schreibt schon gern darüber, dass man seine Kinder ordentlich zur Schnecke gemacht hat, vor Wut stampfend das Haus verlassen hat und sich durch und durch überfordert fühlt. Nicht weil man diese Informationen anderen gern vorenthält, wie es den Sonnenscheinblogs immer gern zum Vorwurf gemacht wird, sondern auch weil man sich vielleicht selbst nicht unbedingt an diese Sternstunden des Elternseins erinnern möchte, sondern lieber die guten Stunden sammelt. Oder weil man ganz simpel nur durch Ausprobieren erleben kann, was man leisten kann, was einem gut tut oder was gar nicht funktioniert. Es geht also meiner Meinung nicht nur darum, nur das augenscheinlich Richtige zu tun, sondern mit der Zeit nachzuspüren, was das Richtige für sich selbst sein könnte, wo die eigenen Grenzen sind, weg vom Gefühl etwas falsch zu machen.

Eigentlich wollte ich am Ende mit gut gemeinten Ratschlägen hinterm Berg halten, ich wollte mich einfach nur mal damit auseinander setzen, was das in mir auslöst, wenn ich junge mit sich ringende Mamas erlebe, denn das macht was mit mir. Aber wenn ich mir diese Liste da oben anschaue mit Dingen, die nach neuesten Erkenntnissen das Beste für mein Kind sein könnten und mich auf das beschränke, was mir persönlich sinnvoll erscheint und ich zu den Dingen zähle, die mir wichtig sind, dann ist das viel. Ich kann mir besonders wichtige Dinge herauspicken, wie zum Beispiel das begleitende Einschlafen. Etwas das ich nicht zu geben vermochte, als ich die ersten drei Kinder hatte. Ich wäre wohl durchgedreht. Mit Emil war das auch nicht immer einfach. Er schlief nur an mir während des Stillens ein, manchmal fühlte sich das für mich nicht gut an und wachte dann natürlich später nach mir „verlangend“, mich brauchend wieder auf. Ich war oft rausgerissen aus schönen Begegnungen, die ich gern mehr genossen hätte durch mein Dabeisein, meine bloße Anwesenheit, die meiner Meinung aber an Emils Seite mehr gebraucht wurde. Also versuchte ich mir dieses mir wichtige Stückchen Ideal, auch wenn es nicht immer einfach und schön war für mich als Mama, so angenehm wie möglich zu gestalten. In dem ich nebenbei schrieb, las, Dokumentationen ansah oder oder. Das half mir diese Zeit zu überstehen, teilweise lag ich mit Stillbaby neben zwei Kindern im Ehebett, das war manchmal anstrengend.
Den Preis, den ich auch heute noch fürs begleitende Einschlafen zahle ist hoch, wenn am Abend erst Zeit zum Luftholen gegen halb zehn ist oder noch später. Die Abende, die wir als Eltern brauchen um Kraft zu tanken, sind so quasi ein Stück weit gelaufen, denn der nächste Tag kommt bestimmt. Und man muss für sich selbst entscheiden, wie sinnvoll das am Ende ist. Einer anderen Familie oder uns in einem Monat oder einem Jahr kann es sinnvoller erscheinen, darauf zu verzichten, wenn es uns dafür mehr Kraft und Energie gibt für den nächsten Tag, an dem uns unsere Kinder wieder brauchen.
Ideale sind gut und wichtig, sie weisen uns vielleicht den Weg und geben uns ein Ziel, nach dem wir streben können, aber ob wir das erreichen und zu welchem Preis ist vielleicht auch die Frage, manchmal reicht das „gut genug“ im Mamasein, wenn wir gegen unsere Grenze versuchen etwas zu schaffen, für das wir eigentlich gar keine Kraft (mehr) haben.
Wenn man aber vielleicht ein Ziel vor Augen haben darf, dann das eigene Glück. An einem Tag, an dem wir gut drauf sind und ausgeglichen, können wir auch den unterschiedlichsten Anforderungen besser begegnen, weil wir mehr Reserven haben. Die beste Mama, die wir womöglich sein können, ist wohl die mit sich glückliche, der es generell gut geht und die dann ganz viel auch an anderen Stellen geben kann- auch wenn das am Ende nicht mehr ihren ersten Idealen entsprechen mag. Dieses Elternsein ist oft furchtbar anstrengend, man entdeckt so viele Seiten an sich, die einem nicht immer gefallen, mit denen wir zu kämpfen haben, an Tagen an denen es uns gut geht, sind wir entspannter, ruhiger, offener für Überraschungen, die uns dann nicht sofort umhauen und den Boden unter den Füßen wegziehen.
Ich sage oft, dass ich mit jedem Kind mehr geben konnte, dass ich da in meine Rolle und Wünsche hinein gewachsen bin und einer anderen Mama geht es vielleicht genau anders herum, die konnte schon zu Beginn an ganz viel geben und muss sich jetzt ein Stück zurück nehmen um nicht total irre zu werden mit den Jahren des Mutterseins.
Das geht mir wohl aber nicht jeden Tag so, vorzugsweise an denen nicht, in denen ich genervt, müde und ausgelaugt bin. Aber ich gebe mir Mühe… :)

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