damals™- Teil 2

In Berlin zurück kämpfte ich mit mir. Ich saß in der Schule und schrieb: “Ich könnte schreien, so unglücklich bin ich. Ich habe Angst. Mein Leben scheint nie zu funktionieren. Alles was ich bis jetzt begann, brach zusammen. Ich möchte weinen, möchte nach Hause.” Ob mich die Schule glücklich machte, das Richtige für mich sei, damit musste ich mich auseinander setzen. Mich zerfraß die Frage, ob es ein Davonlaufen wäre, wenn ich nicht weiter machen würde. Je länger wir zusammen waren, desto mehr stellte sich die Frage, wer wohin ziehen sollte. “Am liebsten den ganzen Scheiß hier hinschmeißen und weg ziehen.” Soviel Energie, die ich statt für die Schule und meine neue Aufgabe, für meine Gedanken, fürs Sortieren, mich fragen wohin ich eigentlich will, benötigte.
Unser Leben bot zwischen Berlin und München zu viel Distanz. Distanz, die mir vielleicht Angst machte. Angst davor, unserer frischen Liebe könnte ihr nicht gewachsen sein. Denn genau genommen wuchs sie, begann erst zu wachsen, unsere Liebe.

Zum 40. Geburtstag meines Vaters Endes August kam Nils extra nach Berlin. Und war am Bahnhof kurz irritiert, weil ihm ein brünettes Mädchen mit Kurzhaarfrisur und Kleid entgegen kam, um ihn mitzunehmen. Ich war aber die Gleiche, nur mein Äußeres hatte sich verändert. Meine Eltern lernten ihn so das allererste Mal kennen und meine Mutter glaubte sofort, er sei der Richtige für mich. Sie war sich ganz sicher und ich fragte mich die ganze Zeit woher sie diese Sicherheit nahm. Dabei fand ich ihn nach wie vor umwerfend, aber mich machte die Zuneigung meiner Eltern gegenüber diesem fremden jungen Mann sprachlos. Schon auf dem Heimweg in meine Wohnung und dort bei mir zu Hause verstrickten wir uns immer tiefer in große Fragen, für und wieder unserer Beziehung, ich hielt mich nicht für eine Person mit der man unbedingt zusammen leben sollte. Und dennoch stand genau diese Frage im Raum. Wie sollte es bloß weiter gehen?
Die Freude ihn bei mir zu haben, gab sich die Klinke in die Hand mit der Traurigkeit darüber, dass er wieder abreisen würde.
Nur ein paar Wochen später flog ich nach München und lernte Nils Familie endlich kennen. Seine Mutter und seine Schwester holten mich vom Flughafen ab, was für mich ganz seltsam war, ich kannte sie ja nicht und sie mich nicht, das Bindeglied war Nils und der war nicht da, sondern arbeiten. Abends stieß Nils zu uns und wir unterhielten uns mit und ohne seine Eltern, verbrachten die Zeit, die uns blieb mit einander. In diesen Tagen, genau genommen am 15. September 2002, ein Jahr nach meinem Auszug bei meinen Eltern ging Nils in seinem Zimmer vor mir auf die Knie und fragte mich allen ernstes, ob ich seine Frau werde würde wollen. Vor Schreck antwortete ich nicht sofort, ich dachte erst einmal nur “Weiß er eigentlich worauf er sich da einlässt?” Ich fühlte mich zu kompliziert, kaputt, vielleicht sogar beschädigt, aber er wollte mich genau so. Und weil ich ihn so sehr wollte, sagte ich natürlich “Ja.” Überwältigt, glücklich, überrumpelt war ich, schaute dann schon mal nach Hochzeitskleider im Netz um mir die Zeit und die Gedanken zu vertreiben. Unglaublich er mit mir- eine Hochzeit?! Nils wollte noch in diesem Jahr an Silvester heiraten, ich dachte nur ein bißchen mehr Zeit für Planung wäre nicht schlecht. Den ganzen Tag hatten wir hin und her überlegt wie wir es seinen Eltern sagen könnten, davor hatten wir ziemlich große Scheu. Wie würden sie wohl reagieren? Ich glaube abends, als wir uns dann runter zu seinen Eltern auf die Terrasse getraut hatten, war seine Mutter erschrocken, wenn nicht schockiert über diese Neuigkeit. Sie hatte mich gerade erst das erste Mal gesehen und ich sollte ihre Schwiegertochter werden? Das Mädchen mit dem Bindi zwischen den Augen, ohne Job, ohne Ausbildung? Es muss wahnsinnig verführerisch gewirkt haben, dass ich ein Teil dieser Familie werde. Mir den geliebten Sohn ausgesucht hatte und er sich mich, das kam wohl alles etwas zu schnell. Sein Vater sagte nur etwas von Zielen, auf die man hinarbeiten könnte. Aber ich glaube für ihn war das alles weit weg, eine Hochzeit, eine Ehe nichts was sofort passieren würde.
Obwohl ich im Nachhinein verstehen kann, warum der Jubel bei seinen Eltern ausgeblieben war, machte das was mit mir. Ich war nicht so erwünscht, wie andere Mädchen es vor mir gewesen waren und das wusste ich natürlich. Aber letzten Endes war es zwischen ihm und mir auch etwas ernstes, vielleicht änderte das alles. Und auch wenn das für mein Selbstbewußtsein mehr als unzuträglich war, war wohl noch schmerzlicher, dass man sich am Ende wünscht, das die eigenen Eltern hinter einem stehen und Träume mit träumen. Sich da abzunabeln als Kind, weiterhin eigene Ziele verfolgen, ungeachtet dessen, was die Eltern denken, ist gar nicht so einfach.
Wenn mein eigenes Kind heute vor mir steht und mit dem Nachbarkskind herum knutscht und verkündet, es müsse genau dieses heiraten, dann bin ich auch ganz dafür auf dieses Ziel hinzuarbeiten.
Nichts desto trotz sei erwähnt, dass unsere beiden Eltern uns beim Umzug mit Rat und Tat zur Seite standen. Die ganze Zeit über.
Zurück in Berlin versuchte ich alle Angelegenheiten zu regeln. Da Nils nur noch ein Jahr vor sich hatte, sein Studium zu beenden, stand für mich die Entscheidung fest, dass ich nach München ziehen würde, auch wenn er für mich nach Berlin gekommen wäre, aber das kam nicht in Frage. Das wäre einfach nur dumm gewesen. Die traurige Wahrheit war, ich hatte in Berlin bis auf meine Familie und Freunde nichts, das mich hielt.
Trotz aller Freude über diesen Antrag blieb da Angst, ihn nicht genug zu lieben, ihn nicht zu verdienen. Eine wundervolle, harmonische Beziehung nicht zu verdienen, die ich manchmal mit meinen Grübeleien zu verstümmeln schien: “Ich kann schwer mit Glück umgehen oder mit dem Gefühl glücklich zu sein, denn ich war es bisher so gut wie nie.” Dabei wünsche ich mir nichts mehr als ein normales Leben, brauche nur etwas Zeit, kämpfe aber gleichzeitig gegen die Hoffnungslosigkeit wegen meiner schulischen und beruflichen Erfolglosigkeit.
Als ich wieder zurück bin, klingelte es und meine erste Liebe, die aus dem Dreieck stand vor meiner Tür. Das konnte doch nicht sein, meine Freundin war gerade an Telefon und sprach mir Mut zu, ich glaube sie war genauso aufgeregt wie ich, neigte ich doch in der Vergangenheit dazu sofort Feuer und Flamme zu sein, wenn er einen Schritt auf mich zu machte. Ich zitterte am ganzen Körper, hatte ihn Monate lang nicht gesehen und ich wußte nicht was er wollte, obwohl ich es ahnte. Er versuchte mich gefühlt umzustimmen von hier weg zu gehen, es glich einer Prüfung für mein Herz. Aber die Monate hatten nichts bei ihm verändert, es blieben die gleichen Sätze, die seinen Mund verließen und ich konnte sie nicht mehr hören, denn ich war nach all der Zeit eben nicht mehr dieselbe. Ich wollte das so nicht mehr, es war zu spät. Es war nicht so das er mir egal war, aber zwischen uns, das würde nicht funktionieren, hatte es noch nie. Es hatte nicht gereicht. Als er ging und mir im Hausflur wieder nur einer dieser verknoteten Sätze sagte, von wegen ich wüsste ja selbst, an wessen Seite mein Platz sei, bin ich mir nur noch sicherer, mit welchem Mann ich zusammen sein möchte. Genau jetzt wirkte es nur noch richtiger. Nils und ich- wir wollten das Gleiche. Wir taten einander gut. Warum Nils?- Ich hätte tausend Dinge aufzählen können, die uns verbanden, so viele Gemeinsamkeiten, so viele Zeichen, aber für das was ich empfand, wenn ich ihm in die Augen schaute, gab es keine Worte, es blieb etwas Besonderes, Magisches und Vertrautes.
Ich feierte meinen 19. Geburtstag in Berlin und fuhr einen Tag später wieder zu Nils runter. In diesen Tagen suchte und fand ich eine Ausbildungstelle als Arzthelferin in München, obwohl das Lehrjahr schon begonnen hatte. Außerdem fand ich in einem Freund einen Nachmieter für meine Altbauwohnung und zusammen mit Nils eine gemeinsame Wohnung für uns zwei. Vielleicht waren wir etwas schnell mit der Entscheidung, aber wir wollten die Gunst seiner Eltern nicht überstrapazieren. Zwei Zimmer mit Balkon, schönem renovierten Bad und Nachtspeicheröfen sollten unser Zuhause sein.
Zurück in Berlin mit allem, was wir für einen guten Start in ein gemeinsames Leben brauchten in der Tasche, packte ich meine sieben Sachen, ließ meine sperrigen Möbel zurück und verließ am 28.10.2002 Berlin für immer, doch schweren Herzens und zog für wenige Tage zu Nils Eltern nach Bayern, in einen Münchner Vorort. Ein von Nils’ Mama spendiertes Umzugsunternehmen holte meine paar Habseligkeiten. Wir feierten Heides Geburtstag und ein Stück weit auch ihren beruflichen Wiedereinstieg zusammen, packten auch seine Sachen und zogen am nächsten Morgen, am 1. November in unsere erste gemeinsame Wohnung bei München nach einundachtzig Tagen Beziehung. Waren wir schnell? Ich weiß es nicht. Aber es fühlte sich gut an, es tat sich was. Und von nun an konnten wir jeden Abend nebeneinander einschlafen und wieder aufwachen. Endlich.
In der Wohnung taten sich neue Probleme auf. Wie ziehen zwei junge Menschen zusammen, die noch nicht lange zusammen sind? Wir hatten einen Mix aus Möbeln und jeder bekam vorerst einen Raum für sich, aber im Laufe der nächsten Monate zogen und schoben wir Möbel von einer Ecke zur anderen. Zwischen all dem Kram, den jeder in die Beziehung mitgebracht hatte, suchten wir uns als Paar.
Außerdem prallte auf einander, dass ich bereits einen Hausstand gehabt hatte und trotz meinem Hang zur Unordnung, viele Dinge wusste. Ich konnte mich allein versorgen, ich konnte einkaufen, Wäsche waschen, all diesen Kram. All diese Dinge konnte Nils nicht, weil das Können dieser, bisher nicht nötig gewesen war. Seine Mutter hatte ihn sehr behütet groß gezogen und so mußte er mühsam mit einer kritischen und ungeduldigen Frau an seiner Seite all diese Dinge erst nach und nach erlernen. Einmal schickte ich Nils zum Einkaufen, er sollte ein paar Dinge fürs Wochenende einkaufen, er hatte keine genauen Anweisungen, weil ich dachte, er würde schon wissen, was wir so normaler Weise essen. Zurück kam er mit Tütensuppen, statt Brot und Auftrich. Ein anderes Mal kam ich in den Keller und wunderte mich leicht, dass dieser tolle Mann unsere ungewaschene, sprich dreckige und deshalb trockene Wäsche fein säuberlich auf dem Wäscheständer aufgehängt hatte.
Zusammen laufen wir gleich in die nächste Falle. Wir lassen einander nicht mehr los. Ohne uns zu bewegen. Wir sind eine Symbiose eingegangen, wie zwei in einerander verschlungene Bäume. Dank meiner hier weiter geführten Verhaltenstherapie kann ich fiel von dem sehen und langsam angehen. Aber auch das braucht Zeit, Zeit die sich auch in die Rillen unserer Beziehung absetzte. Denn so schnell wie ich hier Fuß gefaßt und eine Ausbildung begonnen hatte, so schnell hatte ich auch diese Stelle verloren, weil ich auch hier noch zu kämpfen hatte mit mir, mit dem Schlafen, mit dem Aufstehen. Ich schwänzte die Berufsschule und als das ans Licht kam kurz vor Weihnachten, entliess mich mein Chef. Alle Versuche mich zu erklären scheiterten, er blieb bei seiner Entscheidung, Ehrlichkeit wäre für ihn das Allerwichtigste. Für mich brach eine Welt zusammen. Ich weinte auf dem ganzen Weg nach Hause und hatte das Gefühl im falschen Film zu sitzen, das durfte alles nicht sein. Schreckliche Vorwürfe machte ich mir, aber Nils fing mich bedingungslos auf und sprach mir Trost zu. Alles was ich erreicht hatte bis hierher, hatte mich wahnsinnig viel Kraft gekostet. Nun musste ich mich wieder aufrappeln. Meine Therapieziele blieben weiterhin das raus aus dem Rückzug in schwierigen Situationen und das Aufnehmen eines geregelten Tagesablaufs.
Unser erstes Weihnachten verbrachten wir getrennt. Irgendwie fühlte sich diese Lösung für dieses Jahr noch richtig an, also flog ich nach Berlin zu meinen Eltern und meiner Schwester und er feierte unten bei seinen Eltern und seiner Schwester. Nach den Feiertagen waren wir wieder vereint und es sollte auch das letzte Weihnachten sein, dass wir getrennt von einander verbringen wollten.
Da ich meinen Ausbildungsplatz verloren hatte, ging nur noch Nils arbeiten und ich blieb zu Hause, was uns wieder Steine in den Weg legte. Er war müde am Abend, ich wollte reden- an mir, uns und unserer Beziehung arbeiten. Während diesen Gesprächen schlief er regelmässig ein oder sagte generell nicht viel dazu, mein Therapeut nannte das “stillen Protest”. Ich fand das nur ganz schlimm. Mit meinen vielen Kopflichkeiten, für die ich tagsüber sehr viel Zeit hatte, blieb ich also allein. Ich hasste es, ihm beim Schweigen zu zu sehen, denn ich hatte das Gefühl nicht vorwärts zu kommen, vielleicht projizierte ich von meinen inneren Zerrissenheiten auf uns. Ich hatte viel von mir und meinen Depressionen mit in unser Miteinander gebracht. Auch wenn ich hin und wieder, das Gefühl hatte ausschließlich eine Beziehung mit mir allein zu führen, was nur ein Gefühl war, lachten und liebten wir weiterhin viel, lernten uns weiter kennen, pflegten Hobbies, trafen und luden Freunde ein, Lasen. Kurz wir lebten ganz normal. Unterbrochen von Streitereien, bei der einer von uns entweder filmreif einschlief oder theatralisch weglief. Auf jeden Fall hatte ich zu viel Zeit und mich der Wohnung verschreiben, die zwar wie schon in Berlin nicht immer sauber und ordentlich war, dafür aber eine Seele hatte.
Ende März fuhren wir beide nach Berlin, um meine Eltern und Freunde zu besuchen. Wir hatten auch da Streit, was aus heutiger Sicht wohl alles andere als schlimm ist, aber in dem Moment war es das. Wie wir uns im Kreis drehten wegen Kleinigkeiten, er auf der Bank vor dem Haus meiner Eltern saß und meine Mutter sich zu ihm setzte, als müsse sie um Verzeihung bitten für das komplizierte Frauenzimmer an seiner Seite.
Im April feierten wir den 50. Geburtstag von Nils Vater, wobei ich versuchte eine gute Figur zu machen, sah aber wie Bilder dieses Ereignisses später beweisen würden total lächerlich aus. Ich hatte versucht mich hübsch zu machen und nicht anzuziehen, was ich sonst tragen würde, was dazu führte, dass ich da saß mit einer hellblauen Bluse, die unförmig an mir hing, was nur vervollständigt werden konnte mit einem Cordrock in altrosa, der viel zu lang gewesen war. Total wohl fühlte ich mich also und kannte bis auf die üblichen Verdächtigen keine Menschenseele auf diesem Fest, was ich gehindert durch meine Schüchternheit nicht wirklich gut ändern konnte. Also zog ich mich unauffällig zurück. Aber nur etwas.
Ende Juni fuhr ich mit der Mitfahrzentrale nach Berlin, um beim Abiball meines Jahrgangs dabei zu sein. Spürbar sind sie schon da, die Konflikte mit meinen Freundinnen, wir entfernten uns gezwungender Maßen immer mehr von einander. Die ganze Veranstaltung war komisch, ich war kein Teil mehr davon und es hatte für mich leider etwas von “Und das wäre ihr Preis gewesen!” Vermutlich sah ich dort das letzte Mal Menschen, die ich schon ewig nicht mehr gesehen hatte, mit denen ich teilweise nicht gerade die schönsten Erinnerungen meiner Schulzeit teilte und die ich bei Tageslicht betrachtet, heute nur noch auf Facebook wiedersehen würde, ein Grund einen weiten Bogen genau um dieses Portal zu machen. Als ich Heim fuhr, blieb dieser bittere Nachgeschmack. Es veränderte sich einfach zu sehens zwischen mir und meinen Freundinnen. Die Distanz, die vielen Kilometer, veränderte uns alle.
Wenige Tage später fuhren wir das erste Mal an die Ostsee in das süße Haus seiner Eltern und ich verliebte mich dort unsterblich ins Meer. Der kleine Flachbau lag wirklich direkt am Meer, zu dem man mit einer steilen Treppe gelangen konnte, wie zu einer Art Privatstrand. Allein das war der Gipfel der Großartigkeit. Einschlafen mit Meeresrauschen. Vom Fenster aus das Wasser sehen können und mal eben schwimmen gehen, wenn einem danach war. Es war unglaublich toll. Und obwohl es nicht sonderlich groß war, gab es alles, was man brauchte. Und obwohl wir in dieser Zeit unglaublich viel stritten, hatten ja schließlich im Urlaub reichlich Zeit dazu, entschieden wir genau da oben, dass wir nun wirklich unsere Hochzeit haben wollten. So ein Leuchtturm wie dort oben, wäre eine Idee, dachten wir. Auf jeden Fall müsste es etwas Besonderes sein, wo wir doch sehr wahrscheinlich nicht kirchlich heiraten werden würden. Jetzt sollte es ernst werden. Wer so schön streiten könnte, der müsste auch heiraten.
Der Wunsch nach einem Kind war die ganze Zeit über da, auch wenn ich Angst vor der Verantwortung hatte. Und auch davor, dass unser Fundament noch nicht stark genug wäre. Aber die Stimmen in mir wurden lauter, wir beide überlegten hin und her, wenn wirklich beruflich nichts bei mir voran ging, warum dann nicht jetzt ein Kind bekommen? Warum weitere Zeit vergeuden? Dann machen wir es eben anders, als alle anderen, dann eben erst das Kind, dann der Beruf.
Denn ich hasste es in dem Moment nur zu Hause zu sein, ein Käfig ohne Aufgabe, trotz meiner Job- und Sinnsuche. Ich war so unglücklich: “Mein Leben, Blätter voller Ideale, Ideen und Niederlagen. Was hat mein Leben für einen Wert? Ich bin nichts außer einem Haufen Nichtigkeit.” Im Frühjahr überkommt mich neuer Schwung und ich stürze mich in Bemühungen, ein neues Ziel anzuvisieren. Ich arbeitete als Babysitter eines Jungen. Ich bewarb mich auf neue Ausbildungsplätze. In den Sommerferien fing ich an im Einzelnhandel als Aushilfe zu arbeiten. Kurz vor Schulbeginn schrieb mich die Fachoberschule für Sozialwesen an, ich sei in der Warteliste hoch gerutscht. Was war ich überwältigt. Aber natürlich haderte ich, das hatten wir doch schon mehr als einmal gehabt. Weil ich dafür die Arbeit im Einzelhandel wieder hinwerfen müsste, überlegte ich genau. Ob ich die Schule diesmal wirklich schaffen würde? Weil ich nur als Aushilfe arbeitete, entschied ich mich am Ende doch für die Schule und das Fachabitur, das am Ende auf mich wartete.
Von Anfang an ging ich offen mit meinen Schwächen und meinem Fehlen um. Ich sprach darüber, wenn ich es entweder nicht rechtzeitig schaffte zur ersten Stunde zu kommen oder ganz und gar nicht schaffte zu kommen, was immer weniger der Fall war, als jemals zuvor und versuchte es nicht mehr zu vertuschen. Ich bekam gute Zensuren, meine Berichte waren gut und machte ein Praktikum mit der Note 1, das mich unheimlich bewegte. Ich ging richtig gern zur Schule und hatte so etwas wie Freunde gefunden. Endlich unter Menschen, die ich mochte, die mich mochten, mit denen ich lachen und mich ab und an auch neben der Schule treffen konnte. Ich glaube, dass war das erste Mal in unserer Beziehung das wir beide gleichwertig waren. Wir hatten beide etwas am Ende des Tage zu erzählen. Und mir war wichtig was ich da tat, ich kämpfte, ich schrieb diese wirklich guten Berichte, für dich ich viel Zeit investierte, ich lernte wie eine Wilde für Mathe, damit ich das Probehalbjahr bestand. Und nebenher, als wäre das nicht schon genug, planten wir ja noch unsere Hochzeit.
Am 25. September, etwas mehr als ein Jahr nach seinem Antrag, meldeten wir unsere Hochzeit im Standesamt an. Im Vorfeld hatten wir die Trauzeugen eingeweiht und unter dem Vorwand, wir würden eine Einweihungsparty feiern wollen, dass Datum mit unseren Eltern abgeklärt, so wussten wir das alle wichtigen Menschen Zeit hätten. Und nur wenige Tage später, an meinem 20. Geburtstag teilten wir unseren Familien und ein paar Freunden zeitgleich bei einem gemeinsamen Essen in einem chinesischen Restaurant mit, dass wir in den Faschingsferien, am 23. Februar 2004 im Norden heiraten würden. Uns blieben also etwas mehr als vier Monate, um alles vorzubereiten. Es folgte eine eher unschöne Zeit, zwar freuten sich meine Eltern sehr für uns, die Freude aber bei Nils Eltern war eher verhalten. Dadurch dass der Antrag schon eine Weile her war, kam doch der feste Termin für die Trauung sehr plötzlich. Nils nach wie vor in Ausbildung, ich mit ein bißchen mehr als nichts. Sie meinten es wohl gut und unterzogen uns da einer harten Prüfung. Mitunter wurde gedroht nicht zur Trauung zu kommen, was ganz schlimm war, zum einen mag man sich nicht erpressen lassen, zum anderen gerade die eigenen Eltern nicht auf der eigenen Hochzeit vermissen müssen. Besonders Nils Vater litt darunter, dass Nils meinen Namen annehmen wollte, was verschiedene Gründe hatte. Mitunter weil ich meinem Vater während eines Fußballspiels als kleines Mädchen versprochen hatte, wenn ich mal groß wäre, würde ich meinen Namen behalten, schließlich hätte er ja nur uns zwei Töchter bekommen und sonst ginge unser zauberhafter Familienname schließlich verloren. Über die Jahre hatte ich das nie vergessen, meine Vater auch nicht und als ich meine Eltern Mitte September angerufen hatte, um von Nils Heiratsantrag zu erzählen, war außer Freude seine erste Reaktion:: “Weißt du noch?!” gewesen. Und wie gesagt, ich hatte es nicht vergessen und obwohl er mich im nächsten Moment davon frei gespochen hatte, war es mir weiterhin wichtig gewesen. Sie machen es uns nicht leicht. Es brauchte einige Zeit, aber wir wollten diese Ehe. Auch wenn das weder alle Freunde, noch jeder in unseren Familien verstand- wir hätten doch noch so viel Zeit, hieß es. Man fragte uns, warum dass denn ausgerechnet jetzt sein müsste. Aber wir wollten es genau jetzt. Wir waren uns sicher. Bereit für dieses Abenteuer. Und dank diesem Wagemut für einen Herzenswunsch, darf ich bald sagen, mit gerade 30 werde ich 10 Jahre verheiratet sein.
Ende Oktober begann ich also ein Kleid zu suchen, was mir schwer viel. Ich probierte Unzählige und machte Fotos von mir in verschiedenen Kleidern von Schnitt und Farbe. Am 11.11. kauften wir die Ringe in einem kleinen Geschäft am Stachus, das es heute nicht mehr gibt, die meine Oma uns spendierte. Der Ring war noch etwas lose und die charmante Verkäuferin hatte mir zugeraunt: “Schätzchen, Sie glauben doch wohl nicht, dass sie diesen Ring bis an ihr Lebensende tragen werden?!”
An einem Adventsgottesdienst ließ ich mich im Ort meiner Schwiegereltern evangelisch taufen, nachdem Nils und ich auch über diese kirchliche Trauung mehr als diskutiert hatten. Aber es war mir wichtig, mehr als nur auf dem Papier verheiratet zu sein und ich hoffte Nils würde das verstehen.
Unser erstes gemeinsames Weihnachtsfest verbrachten wir bei meinen Eltern in Berlin. Es war ein hektisches Treiben, so wie ich es von Kindesbeinden an gewöhnt war. Jeder suchte noch schnell etwas, hier und da wurde etwas auf den letzten Drücker gemacht, die Stimmung angespannt, bis endlich das letzte Geschenk ausgepackt worden war. Das würde ich bald vermissen. In den Feiertagen guckten wir alte Märchen mit meiner Mutter, so wie sie es immer schon gern gemacht hat.
Zwischen den Jahren fuhren wir hoch nach Friedrichskoog und planten dort mal eben innerhalb von drei Tagen inklusive An- und Abreise unsere Trauungen. Das hieß ein Gespräch im Standesamt, eines mit dem Pfarrer, eines mit dem Bezitzer der Mühle, bei dem wir gleich das Essen bestellten (6-7 Flaschen Champagner und Canapes), ein Probeessen mit anschließender Menüwahl im Gasthof nebenan, Suchen einer Flittersuite, Bestellung beim Floristen eines Brautstrauß aus weißen Lilien, vier Rosenkörben und beim Konditor Kuchen, mit unter einer dreistöckigen Hochzeitstorte mit Rosen als Verzierung und Ordern der Fotografin vor Ort. Es war anstrengend und eng getaktet, aber wir hatten in den wenigen Tagen wirklich alles geschafft, was wir uns vorgenommen hatten. Die Hochzeit konnte kommen.
Zurück in Berlin musste ich mir noch schnell die Unterlippe piercen lassen. Alle fanden das total bekloppt, allen voran meine Mutter. Nils war auch nicht sonderlich begeistert, doch ich musste mich durch setzen, ich brauchte dieses Piercing für mich, wie ein letzter kleiner Aufschrei meiner Freiheit als unerheiratete Frau. Auf der Brautmesse in Berlin im Januar fand ich meine Kleider, ja zwei. Eines für die standesamtliche und eine für die kirchliche Trauuung, das eine eher braun, das andere klassisch weiß.
Noch vor der Abreise traf ich mich mit meinen Freundinnen in Berlin in einer kalten Wohnung und wollte mit ihnen einen schönen Abend verbringen. Noch heute gibt es Aufnahmen von dem Gespräch zwischen meinen Freundinnen und mir wie wir zusammen saßen und sie einfach nicht verstehen konnten, dass wir beide schon jetzt ein Kind wollten. Ich sollte doch erstmal etwas lernen. Das hätte doch keine Eile mit dieser Familienplanung. Aber es war und blieb ein unerfüllter Herzenswunsch.
Zurück zu Hause schickten wir die selbstgebastelten Einladungen ab mit dem Titel: “Berliner Göre heiratet Pott- Indianer”. Nils war im Endspurt seiner Ausbildung und bewarb sich, ich paukte weiter für die Schule, mit unter mit einer ganz lieben Schulkameradin, die mit mir noch mal an Nils Geburtstag für den Mathetest alles durchgegangen war. Abends zurück hatte ich zwar ein schlechtes Gewissen, weil wir nicht so richtig feiern konnten, aber es war ja für einen guten Zweck gewesen. Späts nachts versuchten wir das ein bißchen nachzuholen, vermutlich eine unvergessliche Nacht. Total erleichtert war ich dann, als der alles entscheidene Test in Mathe nicht ganz daneben ging und ich das Probehalbjahr in der Schule bestand, die ganze Arbeit trug endlich Früchte. Ich war überglücklich. Und weil das so war, redeten wir auch in Ruhe darüber, dass ich gerne in den Flitterwochen, wenn meine Periode einsetzen sollte, wieder die Pille nehmen würde wollen. Wenn es bis hierher nicht geklappt hätte, dann sollte es anscheinend nicht sein und dann würde ich mich jetzt eben doch ganz und gar auf die Fachoberschule konzentrieren und meine Fachabitur machen wollen. Im Nachhinein frage ich mich, ob sich das Universum an dieser Stelle schon ins Fäustchen lachte.
Aber jetzt durfte ich mich fast ganz und gar auf die bevorstehende Hochzeit konzentrieren. Nur wenige Tage vor der Hochzeit flogen wir beide von München nach Hamburg, Nils hatte ein Bewerbungsgespräch, das unser Leben kurzzeitig auf den Kopf stellen würde. Wir genossen die Stunden im Hotel und während Nils sich im Gespräch von der besten Seite zeigte, guckte ich mir Hamburg genauer an und ging ein bißchen Shoppen. Mich zog es natürlich auch in meinen Lieblingsladen, wo ich in der Umstandsabteilung eine ganz süße Latzhose hängen sah, die mir super gut stand und richtig bequem war, aber ich kaufte sie nicht, wäre ja totaler Quatsch gewesen, schließlich war ich ja nicht schwanger. (An dieser Stelle auch ein lachendes Universum) Wir flogen nach einem Tag gleich wieder zurück nach Hause, denn nur zwei Tage nach unserer Nacht in Hamburg und zurück in München, brachen wir mit unserem lieben Freund und Nils Schwester Karen auch schon am 20.02. mit dem Nachtzug kurz vor 23Uhr hoch nach Norddeutschland auf, in unser Domizil für die kommenden Tage, mit Whirlpool zum warm werden. Wir verbrachten dort eine schöne, unvergessliche und wilde Zeit zusammen. Hoch oben im Norden sammelten sich dann hinter einander seine Eltern, meine Eltern plus meiner Schwester, meiner Freundin aus der Schule samt ihrer Tochter, meine zwei Freundinnen aus Berlin und andere liebe Verwandte unser beider Familien. Nach einem Tag Pause und Zeit zum Ankommen, musste auch Zeit für Vorbereitungen sein. Zum Beispiel fürs Basteln von Namenskärtchen in verschiedenen Farben, denn der Polterabend stand vor der Tür. Unsere Familien trafen aufeinander, man lernte sich kennen, es wurde gefeiert, getrunken und geraucht, Playstation gespielt und gefegt, denn nach guten alten Brauch hatten die Gäste ihr Porzellan mitgebracht und weil das so lustig war, holte meine Mutter noch einmal alle Scherben aus dem Mülleimer und wir fegten mehr oder minder fröhlich ein zweites Mal. Nach dieser Wiederholungsrunde waren wir schlauer und verknoteten die Scherben in Tüten, damit nicht noch ein spaßiger Zeitgenosse auf diese gloreiche Idee kommen konnte. Ich machte mir Sorgen, weil sich die feinen Splitter überall in die Fugen zwischen den Fliesen der Terrasse gesetzt hatten. Ich wollte nicht, dass sich noch Wochen später jemand an ihnen verletzen könnte, also gab ich mir besonders Mühe, aber noch bei unserer Abreise, schaute ich betroffen zu Boden. Die letzte unverheiratete Nacht verbrachten wir klassisch getrennt voneinander, ich blieb in unser Unterkunft und Nils schlief bei Freunden.

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