Fehlende medizinische Grundausbildung

Alle paar Jahre schreit ja einer nach einem Elternführerschein. Prima Sache, denke ich an Tagen
wie heute, zumindest fehlen mir haufenweise medizinische Kenntnisse, da könnte man doch
mal was mit anfangen. Wickeln, Anschreien, Trösten- das lernt man schnell allein. Ist wie
Fahrradfahren- verlernt man auch nie wieder. Krisenmanagement bei Unfällen ist zwar etwas,
was man auch allein durch Erprobung erlernen kann, aber es wäre irgendwie eine feine Sache es
vorher zu können, nur so ne Idee. (Der Stammleser weiß ja längst, dass ich in einem Parallel-
Universum Ärztin bin!)
Heute hat mich wieder jemand gefragt, ob es unser letztes Kind ist. Aber hallo! Auf jeden Fall.
Mehr Nerven habe ich nicht: In den letzten 48h Stunden drei Unfälle. Der erste ereignete sich
gestern im Flur. Die Jungs vor der Türe, ich drehe mich herum, um meine Handtasche umzuwerfen
und in dieser Zeit knallt Tom mit dem Kopf ans Schuhregal: Platzwunde. Ja, mit PLatzwunden
ist das so ne Sache. Ein Freundin, die mit ihren Söhnen über 2 Jahre weiter ist, erzählte mir mal,
dass Platzwunden erst mit der Zeit, nicht sofort vollständig klaffen. Also stehe ich mutterseelenallein
im Flur kurz vor 15Uhr und muss entscheiden, ob da ein Pflaster reicht oder ob ich im Kindergarten
anrufe, um Bescheid zu geben, dass Zoe erst später geholt wird, weil ein Arzt das kleben, tackern
oder nähen sollte. Das geht schon, dachte ich. Pflaster wegen Sandkasten und so. Abends zog
ich es ab- es sah wunderbar aus! Glück gehabt. Der zweite Unfall heute. Ich schiebe Tom samt
Kinderwagen in den Garten des Kindergartens, Noah nimmt die Treppe, guckt nach hinten, läuft aber
weiter nach vorne munter weiter und rasselt die Treppe runter, landet wie immer: auf dem Kopf. Dann
wieder „Frau Hitze, wollen Sie zum Arzt?!“ Ja, gute Frage nächste Frage, woher soll ich das wissen?!
Also reißt sich Mutti zusammen: Nach dem Kühlen, Kind leichenblass, stellt Mutti doofe Fragen,
mein buntes gesammeltes Potpourri nach Noah Unfällen: „Wen besuchen wir jetzt? Was gabs zum
Mittag? Was haben wir gerade gesehen?“, beobachten beim Rennen und Gehen, Kind ansprechbar.
Später bei seiner Freundin: Kind isst, Kind erbricht nicht, Kind trinkt, PupillenReflexe getestet.
Kaum habe ich mich also beruhigt und begebe ich mich zur Toilette, schreit Tom. Sturz vom
Bobbycar. Blutschwall aus Nase und Lippe aufgeschlagen. Also nochmal kühlen, trösten usw.

Ich dachte danach lange darüber nach, was ich eigentlich tun kann?! Mein Wissen erweitert sich
nicht automatisch, man spielt sich etwas ein, entwickelt ein Schema, an das man sich klammern
kann, in solchen Momenten. Fakt ist aber immer wieder, dass ich allein bin und entscheiden muss.
Meist schnell. Das belastet mich sehr. Was ich also eigentlich nur tun kann, ist Ruhe bewahren.
Ob ein Kind blutet, wirklich einen Notarzt braucht oder krass formuliert in meinem Armen stirbt,
ich muss Ruhe bewahren und da sein, denn das Kind ist das Opfer. Egal, ob ich den Unfall sah
und unter Schock stehe, ich muss eine Ruhe ausstrahlen, aber das ist so schwer, wenn man sich
sorgt und soviel als Folge meiner Entscheidung passieren muss, denn da sind noch weitere Kinder,
die ich nicht einfach unkommentiert stehen lassen kann. Ein- und Ausatmen, Ruhe bewahren!

12 Responses to “Fehlende medizinische Grundausbildung”

  1. Lisa Says:

    Ich sag’s ja.. ich kann mich eigentlich nur wiederholen! ;-)

    Und ansonsten: Gute Besserung den Jungs!!

  2. Laudi Says:

    Ich habe mir darüber auch schon viele Gedanken gemacht. Soviel ich weiß, bietet
    das Rote Kreuz (oder andere) Lehrgänge an, was man am besten wann tun kann, wenn
    Kinder verletzt sind. Wäre ja möglicherweise eine Maßnahme.
    Zu dem Thema wäre es vielleicht auch gar nicht verkehrt wenn man jeder frischen Mutter
    nach der Entbindung eine Broschüre oder ähnliches mit auf den Weg geben könnte.
    In dem Moment als unser Großer einen Fieberkrampf hatte wäre es schon sehr hilfreich
    gewesen nicht zu denken er stirbt jetzt, oder er behält sicher bleibende Schäden.
    Davon mal abgesehen, bewundere ich Ihre Ruhe. Ganz wirklich. Ich dachte von mir immer
    ich bekomme erst die Panik, wenn alles vorbei ist. Pustekuchen.
    Sorry, war dann doch bissl länger.

    Liebe Grüße aus Köln

  3. berliner luft und ostseewelle Says:

    Ja, das ist echt ein schwieriger Punkt des Mutterdaseins.
    Cool bleiben, wenn Tränen laufen, Blut quillt, fiebrig- glasige Augen schauen, bei OP’s etc.
    Das ist schwer und da hilft auch kein Erste- Hilfe- Kurs. Da muß man als Mutter einfach durch.
    (Sind wir nicht toll?!)

  4. kassiopeia Says:

    Ach ja, die OP von Noah- stimmt. Fiebrige Kinder- stimmt. Ein bunter Strauß voll Möglichkeiten.
    Wir sind toll, ja! ;)

    @Laudi: Mir sagte man mal, beim Ersthelferkurs, dass man bei Kindern nicht viel anderes macht,
    als bei den Erwachsenen. Kinder-Kurse werden einmal jährlich angeboten im KiGa, vielleicht doch
    mal zur Auffrischung wahrnehmen. Ansonsten halte ich die Augen auf, höre zu und sauge Informationen
    in mich auf! Um zu funktionieren.
    Die Ruhe hab ich seitdem, ja wann eigentlich?! Aber einfach seitdem ich mich nicht teilen kann,
    sondern immer erst alles nach einander machen kann. Kann ja Tom nicht wegwerfen, weil Noah stürzt.
    Da ist so Routine gekommen, auch wenn ich unter Schock stehe und ja erstmal gar nichts weiß.
    Mir Infos ala „Plötzlichen Kindstod vermeiden“ wären wünschenswert. Da werden Kurse angeboten
    fürs Wickelnlernen, dass finde ich einfach unnötig, wo Sie vollkommen recht haben mit diesen angst-
    und bange machenden Fieberkrämpfen!

  5. kaanu Says:

    Meine Liebe, Du machst das genial! Ich weiß, wie es ist, immer allein da zu stehen und für die Entscheidung Arzt oder nicht verantwortlich zu sein. Ich kann sooo nachvollziehen, dass Dich das belastet!

    (Gute Besserung an die beiden und eine ruhige Nacht und unfallfreie nächste Tage wünsch ich Dir!)

  6. vreni Says:

    hast du gemerkt: heidi klum macht dir alles nach… ;-)

  7. kassiopeia Says:

    Ich musste eben googeln! Wie schön… :)

  8. mama schwaner Says:

    ohja. wie ich dich verstehe. gestern: oskar wurde gebissen, es sah so aus, als würde es bluten. die gedankentrommel geht los: bakterien im mund, infektion…. reicht jetzt abwaschen mit wasser? oder doch desinfektionsmittel? das nur ein minibeispiel, aber es hört ja nicht auf.

    daumen hoch für dich. ich brauche oft mal ein paar sekunden länger, um mich zu beruhigen, zu besinnen und bin dann oft noch seeeehr unsicher. im nachhinein.

  9. kassiopeia Says:

    Ich finde nicht, dass das ein Mini-Beispiel ist, man rotiert dann einfach innerlich: Was muss ich tun? Reicht das
    so? Vergesse ich etwas wichtiges!? Vor zwei oder drei Wochen haben alle Kinder hinten im Auto von Schwiemu
    Traubenzucker bekommen- wie immer. Plötzlich röchelt Tom, es steckt fest und er bekam keine Luft mehr.
    Also fuhren wir rechts ran. Mir schlug das Herz bis zum Hals, aber ich musste ja ruhig bleiben und machen,
    sonst wäre er wohl erstickt. Hab ihn vorn über gebeugt auf den Rücken geklopft, hilft manchmal, diesmal nicht,
    habe es dann aus dem Rachen geklaubt mit den Fingern- ging nicht anders. Man hab ich den am Abend
    geknuddelt! Die bringen einen ans Maximum!

  10. stadtfrau Says:

    das ist wiederum etwas, was mich an mir als mutter sehr überrascht hat: dass ich so richtig ruhig bleiben kann in brenzligen situationen. sei es 41° fieber, brüllendes kind mit aufgeschlagenen knien oder der sturz von der rolltreppe mit (für meine Augen) blutüberströmtem kind, rettungsautofahrt ins krankenhaus und anschließender op – klar dachte ich mir „mein kind stirbt jetzt“, aber aus irgendeinem grund habe ich das nicht nach außen durchgelassen, erst als alles vorbei war wurde mir bewusst, was ich da gerade geleistet habe. dafür flippe ich aus, wenn ich mir in den Finger schneide ;)
    ich glaube (hoffe), irgendwelche instinkte halten uns davon ab, es komplett falsch zu machen!

  11. 4kidsmami Says:

    Du machst das echt supi! Man lernt mit den Jahren immer mehr dazu. Bei mir ist nur das Problem, dass ich eigentlich kein Blut sehen kann und das in den Schwangerschaften bisher immer noch verstärkt ist. Also sobald ein Kind blutet – mein Mann in Reichweite ist, schreie ich los: „Schatziiiiiii…….blutet…“. Der meint immer ich soll nicht so hysterisch reagieren, würde das Kind ja noch vor sich selbst Angst bekommen. Krieg da immer Panik. Sobald aber Papa nicht in der Nähe ist (meistens ist er ja nicht da), dann bin ich eigentlich die Ruhe in Person, vor lauter Schock wahrscheinlich. Also wenn man MUSS, dann geht es immer irgendwie mit dem klaren Kopf behalten!
    Blutnehmen ohne Kreislaufzusammenbruch habe ich in dieser Schwangerschaft geschafft, bin ich ganz stolz drauf!

    Ach viell. willst du ja später noch eine Ausbildung als Arzthelferin machen? Erfahrung hast du ja schon genug! :-)

  12. Jacqueline Says:

    Hallo,

    bisher die stille Mitleserin, möchte ich mich auch mal zu Wort melden.
    Ich bin 2-fach Mama und ausgebildete Krankenschwester. Verfüge also über reichlich Fachwissen. Und doch ist es bei den eigenen Kindern immer was anderes. Da funktioniert das Schema F in der Regel nicht. Was im Job so fluppte, war die Routine. Mitgefühl ja klar, aber keine Gefühlsduselei. Nur bei den eigenen Zwergen im Notfall die benötigte Ruhe zu finden und zu wahren, ist nicht einfach. Fachwissen hin oder her.
    Eher verhedder ich mich, kenne Sonderfälle, seltene Nebenwirkungen, Spätreaktionen etc. pp. die mich manchmal fast wahnsinnig werden lassen.
    Mein Fazit: Du machst es super! Weiter so!

    LG Jacqueline