Die Zeit, querbeet

Ich las mal auf einem Blog, wo ein großer Verlust verarbeitet wurde: Das erste Jahr wäre das
schlimmste. All die ersten Male ohne den Menschen, Dinge die man vorher zusammen machte.
Danach würde es besser werden.
Ich nehme an, die erste Woche nach der Fehlgeburt ist die schlimmste, es ist noch alles so nah und
mit fielen Blicken zurück in die vergangene Woche, wo man noch guter Hoffnung war. Jetzt beginnt
eigentlich schon die erste Woche, in der ich mich an die Fehlgeburt erinnere. Ich erinnere mich an
den letzten Sonntag. An den Abend, als ich natürlich Angst hatte, aber hoffte es mögen nur Schmier-
blutungen sein wie während Bens Schwangerschaft. Irgendwie hofft man das doch einfach. Wäre ja
verrückt, wenn nicht. Ich kann mich daran erinnern wie ich bei meiner Frauenärztin saß und trotz
noch Schmierblutung merkte, das etwas nicht stimmen würde, man sah einfach nichts beim Schall.
Gar nichts. Zu Hause setzte dann eigentlich sofort die richtige Blutung ein. Und da war sie die
Antwort auf all das Hoffen und Bangen und das war wohl der erste richtig schlimme Tag. Am ersten
Abend konnte ich mich nicht einmal mit meinem Mann darüber unterhalten, er musste sofort zur
Toilette sich übergeben, wenn ich darüber redete. Und ich dachte nur, wie furchtbar das wäre und
wie ich das nur schaffen solle ohne ihn, wenn das so bliebe und wir nicht darüber sprechen könnten.
Die zwei Tage der Ungewissheit und eigentlich der Gewissheit, dass etwas passiert sein muss waren
die fürchterlichsten. Aber es wurde besser. Trotzdem hoffte man einfach auf einer Wunder. Es durfte
einfach nicht sein. Am zweiten Abend genoss ich dann die letzten Stunden mit meinem Bauchbaby.
Der Hoffnung. Offiziell war ich noch schwanger und ich wollte diese letzten Stunden einfach nur
genießen. An dem Nachmittag wo ich das Ergebnis erfragen wollte, bekam ich erst gar keines.
Mit den Worten, das Ergebnis wäre einfach noch nicht da. Ich solle am nächsten Morgen in der Früh
noch einmal anrufen. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, was da alles eingestürzt ist, ich hatte den ganzen
Tag nur auf 16Uhr hin gelebt, mich verabschiedet ein Stück weit von meinem Kind. Noch einmal die
allerletzten Stunden und Minuten mit meiner Hoffnung, dem Kind könnte es vielleicht doch gut gehen.
Alles war einfach nur auf die Gewissheit ausgelegt, endlich zu wissen woran man ist. Und dann sollte
ich noch einmal schlafen mit der Angst und Unwissenheit?! Ich rief meinen Mann an und der meinte
nur wie ein Held, er würde sich darum kümmern. Ein paar Minuten später, rief er zurück und ich
konnte schon an seiner Stimme hören, dass unser Baby nicht mehr da war. Der HCG-Wert wäre
gesunken und es würde alles danach aussehen, dass ich eine Fehlgeburt erlebe. Ich weinte, bloggte,
weil da so viele Menschen waren, die an uns dachten und merkte einfach nur diesen Drang: Raus hier!
Als ging ich raus, musste unsere Figur kaufen, die ich noch eine Woche zuvor mit meiner Ma angeschaut
hatte und rief von unterwegs meine Ma, die noch überhaupt keine Ahnung hatte und war froh, einfach
nur dankbar, dass sie mich trug und nicht ich ihren Kummer tragen musste. An diesem Abend
kam mein Mann eher heim, denn er konnte nicht mehr so noch zwei Stunden produktiv arbeiten. Wir
haben zusammen die Kinder ins Bett gebracht. Wir haben Ben zusammen beruhigt, der grauslige
Zahnschmerzen hatte und zusammen eine Lichterkette aufgehängt im Garten. Wir haben zusammen
gelacht, geweint, gekuschelt und angestoßen mit einem Glas Rotwein auf unser Baby. Das war
unser Ritual.
Am nächsten Morgen ist der Mann wieder in die Arbeit gefahren und ich war froh, dass zwei
Freundinnen Zeit hatten mich zu besuchen, eine davon ist schon sehr, sehr schwanger. Am
Nachmittag habe ich meine Kinder abgeholt und einen schönen, ruhigen Nachmittag mit ihnen
verbracht und telefoniert. Am Freitag auch wieder ein halbwegs normaler Tag mit Zahnarztbesuch,
1- Tagesgruppe, Kindergarten und Kinderarztbesuch. Und dennoch… Mein Kind fehlt mir. Und die
verbliebenden Schwangerschaftshormone, die immer noch anhaltene Blutung machen das nicht
leichter.
Ich habe jetzt das Wochenende mit meiner Familie verbracht, schöne Dinge erlebt wie das eben
so ist in einer Familie und bewusst oder unbewusst ganz andere Dinge gemacht als letzte Woche.
Immer noch passiert es, dass mir Dinge wieder einfallen. Ist ja noch nicht lange her. Ein kleiner Löwe
wäre es geworden, dachte ich heute beim Mittagessen als ich mit Ben Späße machte. Der Gedanke
war einfach so da. Weil sich eben schon alles auf den kleinen neuen Menschen eingestellt hatte. Es
begann ja gerade. Eigentlich passierte es genau, als wir uns auf das neue Familienmitglied eingelassen
hatten, als ich mir selbst eingestehen konnte, dass ich das kleine Wesen wirklich schon liebe. Alles
war also in der kurzen Zeit geprägt von das Baby ist schon dabei, in mir… es gibt kein ohne mehr.
Und jetzt gibt es eben doch ein „ohne Baby“. Und so freu ich mich einfach über die vielen ersten Male,
die ich einfach für mich erlebe. Ich habe heute meinen ersten Schweinebraten gemacht.
Ich habe in den letzten Tagen die Badmülleimer geleert und nach draußen gebracht. Ich habe neue
Bettwäsche gekauft und das Bett gestern neu bezogen. Ich hab gestern was für mich gemacht, fürs
wohlfühlen und wenn ich nicht vorher mich dazu entschlossen hätte, die Haare wachsen zu lassen,
hätte ich sie vermutlich gleich abgeschnitten. Ich habe ein Paket mit Klamotten bekommen, in dem
Umstandsmode wie normale Kleidung ist und ich konnte mich erinnern, wie ich mich noch geärgert
hatte, nicht mehr rechtzeitig geschafft zu haben, die normalen Sachen raus gelöscht zu haben,
denn ich könnte sie ja nicht mehr anziehen. Ich hatte auch zwei Babysachen für die Seele bestellt und
das Paket kam genau am Mittwoch an. Gestern probierte ich mich durch die Sachen und werde mir
vermutlich einen „normalen“ Pullover leisten einfach so, für mich.
Ich versuche irgendwie mir vor zustellen, was ich nächste Woche von Freitag bis Montag, vier lange
Tage mit meiner Zeit tun soll und der der Kinder ohne den Mann, der eigentlich mit der Firma weg
mussdarfsollkann. Vier Tage. Ich hoffe, dass ich das gut machen werde, ich bin nämlich im alles allein
tun nicht so grossartig. Bisher hab ich aber Tage ohne immer besser gemeistert. Nun ist die Situation
ein bißchen anders. Ich will die Zeit ohne Stress, ohne große Kinderanmotzereien oder Heulattacken
am Abend gut verbringen und ich hoffe natürlich auf ruhige Nächte.
Ich hab mit einer netten Frau im Kinderhaus gesprochen am Freitag, die uns gerne besucht hätte. Aber
es war zeitlich nicht drin wegen dem Kinderarzttermin. Jetzt hoffe ich, dass ich sie nächste Woche
einladen kann. Beim Kinderarzt und hab was wichtiges checken lassen und die drei Kinder, die hier
husten abhören. Ich hab meine Einkäufe erledigt und werde mich gleich an die Wäsche machen, die
ich letzte Woche Sonntag auch faltete und wo ich noch zum Gatten sagte, dass wäre auch das einzige
vor dem es mir graut: Diese kleinen Teile zum Zusammenlegen.
Ich freu mich auf die Weihnachtsaufführung vom Kindergarten morgen und bin gespannt wie aufgeregt
Zoe wohl sein wird, denn sie spielt die Maria. Ja, ich bin stolz und freu mich einfach drauf mein Kind
zu sehen, denn sie haben alle geübt und ein echtes Vorschulkind darf dann eben auch was aufführen.
Gestern Abend war so ein Moment, wo ich merkte das mir der Familientrubel zu laut und zu viel wurde
und weil Wochenende ist, ich nicht mehr stille, seitdem ich schwanger war, konnte ich einfach so gehen.
Es sollte ein Gedenkgottesdienst stattfinden für Eltern verstorbener Kinder und ich wollte einfach nur
Ruhe und einen Ort wo ich ungestört einfach weinen kann. Weil das Weinen so viel weniger wurde als
fest stand, dass unser Baby nicht mehr bei uns ist. Ich bin dann zur Kirche gefahren mit dem Bus und als
ich ging, hörte ich wieder wie der Zweitkleinste über das Baby sprach und sie mit der Figur redeten. Ich
bin so froh, dass ich sie gekauft habe, nie hätte ich für möglich gehalten wie gut den Kindern das tut.
Einfach unverblümt darüber sprechen und das eine oder andere Mal nochmal „Tschüss“ zu sagen. Ich
fuhr mit dem Bus alle meine Stationen ab, vorbei am Krankenhaus mit den Kreisssäalen, der Frauenarzt-
Praxis. Aber es war gut so.
An der Kirche war es gestern so dunkel und ich traute mich nicht wirklich. Ich bin gar kein regelmässiger
Kirchgänger, kenne all die Rituale nicht. Außerdem war mir nicht wohl dabei. Ich ging einmal herum und
traf auf drei Frauen und wollte gerade gehen, da rief mich eine der Damen und sagte mir, dass es ein
Versehen gegeben haben muss und der Gottesdienst nicht hier, sondern in der Kapelle im Krankenhaus
statt finden sollte. Sie würde hinfahren und ob ich mit wollte. Ich fuhr mit. Im Auto saß ich mit zwei
tollen jungen älteren Damen, die einfach herzlich waren und lustig, einfach fabelhaft. Ich war ganz
fasziniert von der Begegnung. Der Gottesdienst hatte schon angefangen, in kleiner Runde und es lief Eric
Clapton. Ja fies, da lief es einfach. Da hat man einfach keine Chance. Ich hab mich erst gefragt, ob ich da
überhaupt hingehöre in diese Runde, denn mein Kind war ja nur in mir, ich konnte es nicht kennen
lernen und musste es dann verabschieden. Natürlich ein Gedanke, der nachvollziehbar ist, aber es ist
kein Schmerzwettbewerb. Ich war ja da für mich. Aber dennoch ging ich heim mit einer besonderen
noch mal anderen Stimmung. Der Gottesdienst war sehr schön, wir gedachten auch dem Jungen, der
morgens tot im Krankenhaus geboren war, aber danach wollte ich allein sein. Mit mir und meinen
Gedanken und lief das Stück heim.
Zu Hause machte ich das Licht bei den Kleinen aus. Und ging noch mal hoch zu den Großen, gute Nacht
sagen. Noch mal reden und schmusen.
Ich wusste immer, dass ich Glück gehabt hatte mit meinen Kindern. Ich war immer zu tiefst dankbar
und ich sehe nichts als selbstverständlich an in meinem Leben. Ich bin fast ehrfürchtig, ob unseren
ganzen Glücks. Auch und vielleicht weil, wir auch schon soviel zusammen durch gemacht haben.
Aber zusammen. Ich wusste das also immer alles zu schätzen, es ist nichts einfach selbstverständlich,
aber mir war nie klar, wie sehr. Wie wertvoll. Welche Wunder ich da erlebt habe.
Uns bewegt als Paar natürlich wie unser Leben weiter geht, was wir tun. Und wie wir uns verhalten
werden. Und ich kann sagen, ich bereue nichts. Ich kann nicht sagen, ich würde bereuen getestet zu
haben. Sonst hätte ich es ja gar nicht gewusst. Ich kann nicht sagen, ich würde bereuen, dass ich mich
so früh auf mein Kind einlassen konnte. Im Gegenteil, ich habe jeden Tag genossen. Ich kann nicht
sagen, dass ich es bereue es gleich hier und da erzählt zu haben, dass wir guter Hoffnung seien. Es
war alles schon richtig. Und ich wurde so wunderbar aufgefangen. Das würde ich nicht missen wollen.
Eine liebe Freundin sah mich am Freitag, unterhielt sich eine Weile mit mir, nahm mich dann in den
Arm und sagte: „Du bist ein starkes Mädchen. Du hättest mich mal sehen sollen damals.“
Ich bin unendlich traurig. Ich erlebe mich oft trotzig, mit einer Stimmung wo ich nur wütend werde
und nicht trauern will, einfach schreien will, dass ich sofort mein Kind wieder haben will. Dann wieder
bin ich einfach wie in Watte unterwegs, gar nicht richtig da, in den Momenten brauche ich Ruhe und
dann gibt es Löcher und eine mich auffressende Sehnsucht, in der ich für mich sein will, weinen und
ein andern mal einfach mit Menschen zusammen sein, hören was sie tun, wie es ihnen geht und von
ihrem Leben zu lesen und zu hören. Ja, reden ist gut. Aber helfen? Das dauert. Ich fühl mich noch
immer ganz taub. Ich fühle wie schon einmal geschrieben Glück und Freude, aber so ganz tief drinnen
fehlt da ein Stück von mir. Und da bin ich ich drinnen so richtig dumpf, taub. Das ist bisher unser Weg.
Wir gehen Schritt für Schritt. Länger zusammenbrechen fällt aus, wegen ist nicht, aber ich nehme mir
Zeit für genau das, was ich gerade fühle und wonach mir ist. Ich muss auf mich acht geben. Ich bin
wichtig. Ich gebe mein Bestes. Und ich leiste Trauerarbeit, weil es wichtig ist. Für mich.
Morgen dann Nachsorge beim Frauenarzt.

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