Was das mit uns macht

Während wir versuchen unser Leben zu leben, stolpern wir oft. Mich nehmen manche Dinge
viel mehr mit, als früher. Wenn Ben auf die Strasse läuft hier, bin ich unter Spannung. Und wie.
Wenn dann noch ein Auto kommt, umsichtig fährt, rechtzeitig abbremst, mein Kind aber
trotzdem weiter rennt mit einem Ball, den verliert und ich einfach gefühlt viel zu lange brauche,
bis ich ihn auf meinem Arm habe, dann bin ich danach einfach fertig. Emotional. Die Angst
noch mehr zu verlieren ist allgegenwärtig.

Und ich dachte allen ernstes, das würde nur mir oder uns so gehen. Heute kam Noah in den
Garten gelaufen, verstört. Er fing an zu weinen und warf sich in meine Arme. Es dauerte einen
Moment, bis er sagen konnte, was ihn so mit nahm. Ein Nachbarskind hatte zu ihm gesagt, er
würde Ben und Tom töten. Erschießen. Und er hätte Polizisten im Haus, die ihm dabei schon
helfen würden. Noah war so verstört und er glaubte mir kein Wort. Ich konnte sagen, was ich
wollte, er konnte nicht glauben, dass ich beide beschützen würde können. Er konnte nicht
glauben, dass das Nachbarskind gelogen hatte. Er hatte richtige Angst. Panische Angst davor,
dass gleich jemand käme und seine Brüder töten würde.
Es dauert viel zu lange ihn zu beruhigen und ich denke, die Angst bleibt. Ich hab mit dem
Nachbarskind gesprochen und wir haben das Gartentor kurz abgesperrt. Immerhin traute er
sich am Nachmittag noch wieder richtig raus, aber er ist und bleibt verunsichert und ängstlich.
Selbst als die Mutter des Besuchskindes kam und versicherte, sie als Polizistin wäre dafür da,
zu beschützen und nicht um zu töten, sondern um zu helfen, konnte er das nicht richtig
annehmen.

Scheiße ist das. So richtig. Und ich hielt meinen Sohn und weinte mit ihm. Weil ich so schockiert
war. Einfach so entsetzlich traurig, was das mit uns allen macht.

3 Responses to “Was das mit uns macht”

  1. fishly Says:

    Die Angst, die aus der Erkenntnis rührt, dass wir das Leben nicht halten können, ist eine der schlimmsten. Ich habe sie als Kind selbst erlebt und kann dir versichern, dass sie eines Tages der Erkenntnis weicht, dass der Tod ein Teil des Lebens ist. Das klingt banal, weil wir das alle wissen, aber es erfahren zu haben ist einfach etwas anderes.
    Ich wünsche euch von Herzen, dass das Vertrauen in das Leben zurück kommt, dass die Schreckmomente weniger werden und die Sonne öfter scheint. Auch wenn wir uns nicht kennen, im Moment denke ich jeden Tag an dich und deine Familie.

  2. kassiopeia Says:

    Danke dir. Ich hoffe auch, dass wir es irgendwann besser annehmen können- alle.

  3. Evi Says:

    Todesangst kann einen lähmen. Aber lass es nicht zu.

    Weißt du, ich habe zwei ganz ganz nahe Menschen verloren wegen eines Genfehlers, den ich auch habe. Natürlich gehe ich mit einer Scheißangst durchs Leben. Was wird mir passieren und wann?

    Andererseits macht diese Angst mir so sehr bewusst, wie wertvoll das Leben ist, und dieses Bewusstsein möchte ich nicht missen! Es macht mein Leben intensiv.

    Ich habe aber auch so oft Angst mein Kind oder mein Mann könnten sterben. Mehr als vor meinem eigenen Tod. Aber ich nehme die Angst an und versuche es nicht zu verdrängen. Ich sage mir, dass ich halt alles und jeden Tag genießen muss, solange alles gut ist. Und das ich gewisse Dinge weder vorhersehen noch verhindern noch ändern kann.

    Ich weiß, ich klinge immer so altklug. Aber ich mein es ehrlich so.
    Angst ist das stärkste Gefühl was man haben kann, denke ich.
    Deswegen ist es wichtig, dass man lernt damit umzugehen. Deine Kinder lernen da grade was. Das ist sch… und hätte ihnen gern noch ein wenig erspart bleiben können. Aber es wird ihnen auch was Gutes bringen für ihr Leben.