„Aber du musst doch…“

Gestern ist es mir mal wieder anhand eines konkreten Beispiels aufgefallen und ich hatte gehofft, zu schaffen mal wieder ein paar Worte zur Tastatur zu bringen.
Als wir gestern während des Geburtstags mit allen Kindern auf dem Spielplatz zum Bolzen und Energien entladen waren, ist es passiert. Tom wurde alles zuviel, ihm reichte das, er hatte keine Lust mehr und Sorge Noah würde zu Hause sein Lego ohne ihn aufbauen, also wollte er nach Hause. Allein darf er den Weg noch nicht gehen, aber wir waren ja drei Erwachsene auf aktuell neun Kinder dort. Ich kenne mein Kind, ich wog sofort ab. Ich fühlte, was in ihm vorging, aber wissen Sie was? Da war genau der Satz sofort in meinem Hirn, der augenblicklich synchron über die Münder von seiner Oma und seinem Papa kam: „Aber du musst doch hier bleiben, bei deinen Geburtstagsgästen! Du kannst doch nicht einfach gehen und die allein lassen.“
Kennen Sie das?
Mal völlig ab davon, dass es niemanden die Bohne interessiert hat, ob Tom da noch irgendwo auf dem Spielplatz war, aber es ist auch sein Wesen, er braucht Zeit sich zurück zu ziehen, zum Luft holen und Kraft tanken für weitere Abenteuer. Das muss man sehen können, also das Kind, welches genau das in dem Moment braucht, sowie auch diese Muster im Kopf, die nun mal ohne weg zu reden einfach da sind.
Am Ende muss natürlich jeder selbst entscheiden, was er seinem Kind angedeihen lassen möchte und auch weiter geben will, aber es lässt sich beliebig weiter spinnen. „Aber du musst doch „Hallo“ sagen zu deinen Gästen!“, „Aber du musst dich doch bedanken!“ Natürlich sage ich das auch, aber es klappt nicht immer, dann ist mein Kind schüchtern und mag nicht „Hallo“ sagen, sondern sich lieber hinter mir verstecken und manchmal bedankt es sich auch nicht, aber das mache ich dann stellvertretend. (Achtung Kindheitstrauma, „Ruf doch mal die Tante X an und bedank dich für das äh tolle Geschenk!“)
Ich gebe zu ein ganz großes Problem mit diesem Müssen zu haben, was nicht selbstredend heißt, dass meine Kinder kleine Monsterchen sind. Da ist eine ganz feine Linie, zwischen „Mach bitte Platz damit die anderen erst aussteigen können.“ oder „Wenn wir hier so laut sind, das nervt vielleicht andere Leute, die jetzt müde von der Arbeit kommen.“ und „Aber du musst doch jetzt hier bleiben und in dieser Situation ausharren, auch wenn es dir Unbehagen bereitet.“, „Aber du musst doch jetzt über deinen „Schatten“ springen.“- Gegenseitige Rücksichtnahme vs. eigene Psychohygiene. Oft hat das für meinen Geschmack noch ganz viel von diesem „Was sollen die Leute sonst denken?!“ zu tun, was da wie ein Automatismus im ersten Moment hervorkriecht.

Um abschließend bei Gestern zu bleiben, mir hat es total gut getan, da auf meinen Bauch und mein Kind zu hören und ich genoss selber den Moment Ruhe zu Hause. Gemerkt hat es tatsächlich niemand, wir waren halt einfach schon zu Hause, Kinder sind manchmal noch so herrlich unkompliziert.

4 Responses to “„Aber du musst doch…“”

  1. Ramona Says:

    Ah, du sprichst mir aus dem Herzen. ich halte auch sehr wenig vom Müssen. Ich versuche nachhaltig, es aus meinem Sprachgebrauch zu entfernen. Ja auch aus meinem. Wie oft ertappe ich mich dabei, etwas angeblich zu MÜSSEN. (und ja, ich hab da auch noch so ein Ding am Laufen mit dem, was die anderen sagen (könnten)). Schlimm.

    (Du hast es wunderbarst in Worte gefasst. Eigene Psychohygiene. )

    http://jademond.de/ich/die-muss-diat/

  2. FrauPerle Says:

    …und noch nicht so diszipliniert wie wir Erwachsenen. Wo man am Anfang (Baby) noch darauf achten musste, dass sie ihre Aufnahmegrenzen nicht überschreiten, zeigen sie es uns umso älter sie werden umso deutlicher „stop jetzt hier, ich brauche mal Luft um mich zu sortieren“

    Gut dass du auf Euch gehört hast :)

  3. Nadine Says:

    so eine Mama hätte ich mir gewünscht damals. Weniger „Du musst doch.“ Mehr Bauch. So schön! Das war sicher ein ganz besonderes Geburtstagsgeschenk!

  4. frl_mieke Says:

    und wieder staune ich, dass du da meine Gedanken, die ich gerade in den letzten Tagen wieder hatte, in so schöne Worte fasst.
    hast Du nen geheimen Zugang zu meinem Hirn? ;)

    Und ganz wunderbar habt ihr zwei das gemacht. sich einfach mal rausgezogen.
    und gemerkt hats eh keiner. so viel dazu ….