Selbst Schuld!- Weihnachten mit sechs Kindern

In der Nacht ist der Zweitkleinste nach Längerem zu uns ins Bett gewandert, was eine kuschelige Angelegenheit wird. Auch eine enge und gedrängte, zum Schlafen brauche ich eigentlich Platz und Luft, Emil leider nicht, der braucht dann nur seine Mama ganz nahe bei sich, wie Anton, so liege ich zwischen beiden und schütze den Einen vor dem Anderem.
Am Morgen ist der beste Vater meiner Kinder schnell Brötchen und Baguette einkaufen, mit Anton in der Trage, so darf ich versäumten Schlaf mal wieder nachholen.
Als er zurück kommt mit einer Tageszeitung mit dem Titel „So feiern wir mit unseren 12 Kindern“, zaubern wir zusammen ein kleines Frühstück. Noch gibt es Schonkost, aber das erste Kind darf wieder Milch und Marshmallowcreme, dazu gibt es etwas Ei, ansonsten unsere vielen Sorten Honig und Marmelade. Kein an für sich üppiges Festmahl, aber besser als das Frühstück des Tochterkindes. Das sitzt betrübt mit frischen Bauchschmerzen am Tisch und knabbert Salzstangen neben Kamillentee. Sie ist todunglücklich, verständlicherweise.
Der Erstklässler versprüht erneut seinen Ärger darüber, dass er schon wieder nichts aus dem !§$%& Adventskalender haben darf, will den Tisch auch schon ohne Brot, nur mit verdünntem Saft im Magen verlassen, als er gerade noch so zu überreden ist, sich wenigstens ein halbes Brötchen einzuverleiben, dann ist er fort. Wir räumen ab und die Kinder beginnen sich zu ärgern, irgendwo hin muss die blühende Energie ja, also richten sie diese gegeneinander.
Ben provoziert Tom unter anderem mit „Geschreit, geschreit“ und Tom ruft zurück „Das heißt: Geschrien! Geschrien!“ bis sie erneut um den Esstisch rennen und sich gegenseitig verfolgen oder versuchen zu entkommen, was ich bestimmt schon eine Million Mal verboten habe. Sirenengeheul. „Der Ben hat gesagt…“ Das ist wohl der Moment, in dem ich scherzhaft dem Mann verkünde, dass ich Weihnachten für gescheitert erkläre, da ist es nicht mal 11Uhr.
Mich überkommt ein kurzer Putzwunsch, ich räume Spielschrank und Schreibtisch auf, sauge und wische noch einmal den Bereich im Wohnzimmer, damit es nachher wenigstens hier schön ist, hole die Sterne aus dem Schrank, die die Kinder vom Nikolaus bekommen haben und biete den Kindern an, diese zu bemalen.

Ich gehe kurz duschen und flitze dann wieder runter, damit ich so wenig Zeit wie möglich mit den Kindern beim Basteln verpasse, setze mich dazu und bemale den sechsten Stern. Ich bin wieder begeistert wie unterschiedlich alle Arbeiten geworden waren und wie wenig die Kinder unter einander bei sich abgucken, sondern jeder seine eigenen Ideen verwirklicht. Es ist wohl der erste schönste Moment dieses Tages, es ist ruhig, jeder ist bei sich, ich bin verliebt in meine Kinder. „Damit wir dem Christkind oder dem Weihnachtsmann den Weg leuchten können.“
Anschliessend räumen wir zusammen auf und noch während ich Pinsel und Malkasten verräume, beginnt das Fragenkonzert: „Wann schmücken wir den Baum?!“– „Gleich.“ „Schmücken wir gleich den Baum?!“– „Ja.“ „Wann?!“– „Gleich. Erstmal aufräumen.“ „Seid ihr gleich fertig?“ „Ja.“ „Wann schmücken wir den Baum?!“

Endlich schmücken wir den Baum. Feierlich beginnt der Vater die Lichterketten um den Baum zu wickeln. Die Kinder hüpfen aufgeregt neben ihm auf und ab. „Wann dürfen wir den Baum schmücken?!“– „Gleich.“ „Dürfen wir gleich den Baum schmücken?“ „Ja. Wenn ich die Lichterkette angebracht habe.“ „Hast du gleich die Lichterkette angebracht?!“ „Ja.“ „Wann dürfen wir den Baum schmücken?!“ Und dann das Unvorstellbare: Die vorher kontrollierte Lichterkette Nummer 2 ist defekt. Der Vater kontrolliert im Baum alle Kerzen erneut. Nichts. Währenddessen: „Dürfen wir gleich den Baum schmücken?!“ Der Vater nimmt die Kette ab, „Ich fühle mich wie bei den Griswolds!“, die Kinder springen immer noch mit Baumschmuck in den Händen umher. Nichts. Es ist kurz vor 13Uhr, als der Vater mich mit den sechs Kindern allein lässt, um den Supermarkt aufzusuchen, in dem arme Menschen auf Idioten wie uns warten. „Wann kommt Papa wieder?“– „Gleich.“ „Kommt gleich der Papa wieder?!“– „Ja.“ „Wann können wir den Baum schmücken?!“– „Wenn Papa wieder zurück ist.“ „Kommt gleich der Papa wieder?!“– Ich greife zur Fernbedienung und schalte Das Erste ein, dort läuft mal wieder der Rest von „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“.

Als er endlich da ist, hängt er zwei neue und letzte käuflich zu erwerbende Lichterketten in den Baum. Nun zieren ihn drei verschiedene Lichtermodelle. Die Kinder beginnen endlich mit dem Schmücken und ich mache Fotos davon, alles woran wir uns möglicherweise Jahre später erinnern werden.

Wir wollen zusammen „Die Muppets- Weihnachtsgeschichte“ ansehen. Ich bereite einen Teller mit Plätzchen vor, habe aber vergessen Wasser für den Tee zu kochen, was ich gleich bereuen werde- Anfängerfehler! Im Wechsel kommen Kinder in die Küche: „Wann gibt es Kekse?“– „Gleich.“ „Gibt es gleich Kekse?“– „Ja. Wenn der Tee abgekühlt ist, der ist zu heiss.“ „Ist gleich der Tee fertig?“– „Ja.“ „MAMA! Ich hab Hunger! Wann gibt es Kekse?!“

Irgendwann leuchtet der Adventskranz, auf dem Sofatisch stehen Keksteller und Teetassen mit heissem Knusperhäuschentee („Komm die bringen uns sonst um!“, hatte er gesagt.), der Film läuft.

In der Zwischenzeit habe ich die Tomatensuppe abgesiebt, die ich kochte als der Mann Lichterketten jagen war. Da ich entstressen wollte und Zoe frisch krank ist, fällt die Kirche aus. Zu viele Erwartungen an die Kinder sich gut benehmen zu müssen… Fragend gucken wir uns Eltern an? Noch mal raus?! Doch ja, gute Idee. Die Kinder drehen noch mal richtig auf. „Wann kommt der Weihnachtsmann?!“– „Gleich.“ „Kommt gleich der Weihnachtsmann?“– „Ja. Aber noch ist es zu früh, wir gehen jetzt erstmal noch eine Runde raus.“ „Kommt der Weihnachtsmann, wenn wir raus gehen?!“– „Vielleicht.“ (Man schluckt den Satz: Gleich nicht mehr.) „Wann kommt der Weihnachtsmann?!“

Zwischendrin verkündet Mister Obercool alias Noah, dass er ja eh voll Bescheid weiss und daran nicht mehr glaubt. Die Mittleren kloppen sich derweil im Flur. Zoe versucht alles unter Kontrolle zu halten, was das alles auch nicht besser und schon gar nicht leiser macht. Ich hab schon jetzt keine Lust mehr, der Mann riecht das. Und trägt das Baby in der Trage entgegen vorheriger anderer Abmachung, also werde ich die Geschenke hinlegen, wenn alle draussen sind. Ich grummle. Tom ist ohne Mütze draussen, dafür hat er unseren Schlüssel. „Tom?“– Null Reaktion. „TOM?!“– Nichts. „TOM!!! Gib mir bitte unseren Schlüssel.“– Er setzt sich in Bewegung, kommt ganz nahe, bleibt stehen. „Gib mir den Schlüssel. Den brauchen wir.“ – „Ich werf ihn dir zu!“- „Nein!“– „Doch!“- „Nein, bitte nicht. Ich mag nicht mit dem Schlüssel beworfen werden.“ Er deutet den Wurf an, hält inne, ich halte nach wie vor meine Hand hin, er wirft nun doch sachte in meine Hand. Ich brodele. Scheisskack- Machtspiele. „Du brauchst noch eine Mütze.“– Das Kind hört mich nicht mehr. Ich fluche laut. Alle Kinder sind draussen. Ich bin so in Rage, frage mich wofür ich das alles überhaupt mache. Der Mann bildet wieder den perfekten Gegenpool zu mir und legt Plätzchen und Milch auf einem Teller an den Baum, auch Zoes Karte. „Meistens sind sie ganz toll! Jetzt sind sie grad aufgeregt. Aber das kannst du grad nicht sehen. Das ist okay.“ Ich gehe hoch, rupfte das Fenster auf und erinnere erneut das Kind an seine Mütze, es guckt nicht mal. Ich zeige der Luft meinen Mittelfinger, was die Tochter wohl gesehen hat. Ich gehe vor mich hinschimpfend und total besinnlich nach oben und hole die Geschenke aus dem Versteck. Der Mann verlässt das Haus und geht in Ruhe schon einmal vor. Ich drapiere die Geschenke unterm Baum, verstecke die Kekse, schütte die Milch weg, lese die Karte „Lieber Weihnachtsmann, danke für die Geschenke! Wenn es dich wirklich gibt, beantworte bitte Bens Fragen. Deine Zoe!“ (Schluchz! Aber jetzt bloß nicht vergessen wie sauer ich bin!), räume etwas auf, werfe meine Jacke über und die Tür hinter mir zu. Kühle nun draussen ab, denn es ist eisekalt und ich habe keine Mütze dabei.

Auf dem Spielplatz gehe ich mit dem Mann alles durch: eigene Erwartungen, Zufall, Kinder und Ideen… Mister Obercool alias immer noch Noah bewegt sich auf dünnem Eis: „War der Weihnachtsmann schon da?!“– „Nein.“ Er grinst überlegen. Ich grinse nicht. „Wenn ich meinen Quadcopter heute bekomme, kann ich dann nachher noch raus zum Fliegen?!“ – „Nein.“ – „Warum nicht?“ – „Weil du keinen bekommst.“ Ich grinse. „Woher willst du das wissen?!“– Er grinst, ich höre damit wieder auf.

„Geht das die nächsten Jahre so?!“, frage ich den Mann leicht verzweifelt. – „Nein, das hört wieder auf.“ Ich glaube, er lügt mich an. „Du wolltest so viele Kinder“, neckt er mich. Ich grinse. Und ziehe die Kapuze eng um meinen mützenlosen Kopf in dieser Kälte.

Wir laufen gemütlich eine Weile. Langsam dämmert es, wir sehen uns die Lichter der anderen an. Auf dem zweiten Spielplatz bleiben wir nicht lange, Emil mag gehen. Noah und ich wollen seine kleinen Hände wärmen und nehmen sie in unsere, irgendwann bilden wir eine Kette, jeder hält jemanden fest. Es wird immer dunkler, die Sonne ist fast unter gegangen. „Kommt, wir gucken in die Fenster, ob die anderen schon Geschenke unterm Baum haben, vielleicht war der Weihnachtsmann dann auch schon bei uns?“ Aber wir entdecken keine. Als wir langsam wieder in unsere Strasse einbiegen sage ich: „Oder er war zuerst bei uns?!“

Der beste Vater öffnet die Eingangs- und schliesst die Flurtür. Alle ziehen sich aus, waschen ihre Hände. Die Wangen glühen, die Augen sind riesengross aufgerissen. „Kannst du was sehen!?“„Ja! Ja! Da ist was!“ Emil weiss gar nicht was ihn erwartet, aber er darf ganz vorn stehen, noch stehen alle entgegen der Geburtsreihenfolge, damit jeder was sehen kann und die Augen leuchten, als wir das Wohnzimmer betreten. Vom Sofa an wird gerannt. Alle beugen sich über die Geschenke, ein erstes Sortieren und ich erinnere noch einmal an die Regel: „Einer nach dem andern packt aus. Immer nur ein Geschenk. Zoe darf anfangen, weil sie die Gebeutelste ist heute.“ Jeder nimmt sich also ein Geschenk und wartet gespannt. So geht es reihrum, ich kann mit Glück jedem Gesichtsausdruck beim Auspacken sehen und mit der Kamera festhalten. Dann wird gespielt.

Wir denken den Tisch, aber Ben kommt nicht. Zoe ist traurig, weil sie keine Käsebrote zur Tomatensuppe essen darf, Noah freut sich über genau die, Tom mag wieder nichts essen und gleich wieder weiter spielen. Also essen wir etwas zerrissen unsere Schonkost.

Nach dem Duschen, Zähneputzen und ins Pyjamaschlüpfen, bleiben die Jungs oben im Spiel und ich gehe mit Zoe runter, denn eigentlich wollten wir „Kevin- Allein zu Haus“ sehen. Nach einer Dreiviertelstunde kommen auch die Jungs dazu, aber laufen eher umher, suchen und fragen nach Ersatzteilen, es ist wuselig. Als endlich alle im Bett sind, bleib ich mit dem Dauerstillbaby erschlagen von Allem auf dem Sofa und wir Eltern raffen uns auf zu einem letzten Film heute: „Die Geister, die ich rief…“ (und morgen gucken wir auf jeden Fall den „Grinch“.)

6 Responses to “Selbst Schuld!- Weihnachten mit sechs Kindern”

  1. Elisabeth Says:

    Ja, das bleibt so….auch mit zwei Kindern mehr, auch wenn sie schon größer sind…Aufregung, Gewusel, Gestreite, Tränen, Chaos und leuchtende Augen und größtes Glücksgefühl wenn endlich alle im Bett sind!
    Trotzdem sooo schön, so viele sein zu dürfen!
    Frohe Weihnachten Euch!

    Und viele Drahtseil- Nerven fürs neue Jahr.
    Lg. Elisabeth

  2. Isabella Says:

    Ich sags dir ich hab grad mit meiner Mutter und Thomas so gelacht! Genau so!!! Und auch der selbe Vergleich mit den Griswolds! :-)Das Fragenkonzert… die kaputte Lichterkette…. =)) Wir sehem den Film jedes Jahr und ich muss immer wieder lachen. ♡♥♡

  3. Judy Says:

    Ich muss grinsen :P Der BabyChief wollte zwar noch nicht mitschmücken, aber ich fürchte, das kommt nächstes Jahr. Und die Lichterkette – jaaaa, bis die immer hängt, das ist auch so immer ein Abenteuer.

    Also, bis auf das mit den Krankheiten (gute Besserung allen übrigens) fande ich das alles sehr amüsant. Aber ich musste es ja nicht „durchleiden“.

    Alles Liebe Euch ♥♥

  4. kassiopeia Says:

    @Elisabeth: An euch hab ich auch gedacht, ich hoffe ihr hattet schöne Weihnachten! <3

    @Judy und @Isabella: So sollte das auch sein, also zum drüber Lachen hab ich das geschrieben! :) Euch schöne Tage zwischen den Jahren! <3

  5. geologenkinder Says:

    Und ich dachte bei euch läufts an so einen Tag perfekt durchorganisiert :-) Ich hatte nach dem Rausschmiss aus der Kirche am Nachmittag so die Nase von unserer kleinen Katastrophe voll, das das Kind nixs im Sack vom Weihnachtsmann fand.
    Hier mußte ich auch schmunzeln. Guten Rutsch und ein tolles neues Jahr.

  6. Andrea Says:

    Achja, was soll ich sagen? Hier läuft es ähnlich wuselig, trubelig und aber auch mit so vielen so schönen Momenten ab. So ist es, wenn man ganz viele kleine Charaktere hat. Noch dazu immer auch wieder ein krankes Kind dazwischen.

    Ich lese so gerne mit, denn hier fühle ich mich verstanden und zuhause ;-)

    Viele liebe Grüße
    Andrea