Unheldenhafter Alltag

Als ich heute morgen in der Küche stand und einen Tweet las, indem unter anderem ich gefragt wurde, „wie ich das mache“, musste ich lachen und das kam so…

Es ist eine unruhige Nacht. Anton will gefühlt stündlich stillen, aber ich sehe lieber nicht auf die Uhr, als er um 6Uhr wach ist, übergebe ich das Baby an den Vater. Ich brauche noch mehr Schlaf und wir haben da so ein stilles Abkommen, Nils hat nachts ja seine Ruhe und kümmert sich dann morgens um die Kinder, inklusive Wecken, Tisch decken, Brotzeit machen…
An diesem Morgen betritt also Zoe das Schlafzimmer mit Haarbürste und Haargummis gegen halbacht. Emil klettert mit ihrer Hilfe aus dem Bett und stromert durchs Haus. Während ich ihr die Haare flechte, fragt sie mich wie sich Liebe anfühlen würde. Nils kommt mit Anton, übergibt ihn an mich, putzt sich seine eigenen Zähne, dann noch Toms und Bens. Anton schläft beim Stillen in unserem Bett wie erwartet ein und so helfe ich noch kurz, während die Kinder schon mal loslaufen, hole Toms Sporttasche noch einmal hoch, die der Mann einfach runter getragen hatte, stopfe die Skihose rein, renne ein zweites Mal runter und hole zwei Mützen hoch, denn wir beiden haben gesehen, dass er ohne draußen rumläuft, ungewiss ob er eine in der Tasche hat, sicher ist sicher, denn heute geht er Schlittschuhlaufen. Der beste Vater schnappt sich noch seinen Fahrradhelm und weg ist er den Kindern hinterher.
Als der Großteil der Familie das Haus verlassen hat, stelle ich Emil ganz faul eine Schale Kornflakes hin. Viel Zeit werde ich nicht ohne Anton haben, ich würde gern duschen, aber Emil allein hier sitzen lassen, fällt auch aus. Der Kindervater hatte einen Korb Handtücher auf dem Küchentisch abgestellt, also wische ich eine Hälfte des Frühstückstisch ab und fange an die Handtücher zu falten, nach Etagen wie immer. Emil grinst mich frech und niedlich von der Seite an. Ich koche nebenher Wasser und mache mir einen Tee, bringe die Handtücher hoch und hole letzte dreckige runter, flitze in den Keller und schalte eine Maschine Handtücher an, der Trockner läuft schon dank dem Mann und überfliege den Stand der Dinge, jetzt Handtücher, nachher dunkle Wäsche, morgen hell oder weiß, etwas Wolle. Beim Einfüllen des Waschpulvers fällt mir auf, was wir noch alles neu brauchen, versuche es mir zu merken für den abendlichen Einkaufszettel an den Mann. Ich fülle einen halben Korb mit Wäsche in einen anderen, der jetzt etwas sehr voll ist und bringe ihn hoch. Ich weiß, wenn ich jetzt diese Wäsche falte und nachher noch einen Korb, habe ich morgen an dem langen Tag nur einen zu bewältigen.
Emil ist anscheinend satt und derweil aufgestanden, wir gehen Hände waschen und Zähne putzen, ich wickle ihn und ziehe ihn an.
Als ich runter zurück in die Küche gehe, stehe ich immer noch in Unterhose in der Küche, esse ein schnelles Müsli und eine Banane, während ich auf mein Smartphone ein paar Tweets nachlese, stürze nebenher eine halbe Flasche Wasser runter, damit ich meinen Liter am Vormittag schaffe, da höre ich oben schon Anton. Ich muss weiter essen, ohne satte Mutter kein sattes Kind. Ich bitte Emil schon einmal hoch zu gehen, wie schon öfter, doch dieses Mal geht er wirklich hoch. Mit der Nerf seines Bruders, die Batterien brauchen: Einkaufszettel!
Esse etwas ruhiger auf und nehme meine Tasse Tee mit nach oben. Finde Emil neben Anton, der seinen Bruder anschmachtet. Perfekt. Gehe zur Toilette und mache mir Notizen, auch endlich eine Datei auf dem Handy auf, und ergänze nicht mehr in Gedanken meinen Einkaufszettel mit Wattepads und Q-Tipps, was mir beim Gesichtwaschen auffällt. Ich mache mir weiter Notizen zum Vormittag, statt zu duschen, jetzt fängt Anton an zu motzen, erstmal nur ein wenig. Trotzdem frage ich mich was besser ist ihn da lassen und schnell duschen oder ihn herholen. Hole ihn, damit ist mir wohler, aber da weint er auf der Decke. Da hilft nur der Föhn, schalte ihn kurz an, Anton sieht nicht groß glücklicher aus als zuvor, der Schlaf reichte nicht, viel Zeit hab ich nicht. Hüpfe unter die Dusche und rufe nach Emil, der auch jetzt wieder überraschend kommt. Es ist 9Uhr. Ich habe nur noch zwei Stunden und ich muss noch kochen.
Nach dem Duschen mache ich für Anton den Föhn an, putze meine Zähne gleichzeitig und versuche möglichst viel zu schaffen. Komme genau bis zum Abdeckstift und Puder. Der Rest liegt brach. Nehme Anton auf den Arm, als er spuckt, nehme also ein Tuch um ihn und mich etwas trocken zu tupfen und denke, wickeln wäre mal ne gute Idee. Beim Hände waschen im Anschluss, geh ich kurz übers Klo, also wieder Hände waschen, total klug.
Es geht wieder hoch, immer noch mit Anton auf den Arm und hole Klamotten aus meinem Schrank. Lege alles hin. Schlüpfe nur schnell in ein Top, um wenigstens neben einer Unterhose das Nötigste an zu haben, kicke mit dem Fuss die alten Klamotten eine Etage tiefer durch die Treppe. Als ich ins Bad gehe, kotzt Anton erneut, nichts zum aufwischen mehr da, wie klug schon alle Sachen runter befördert zu haben, nehme das frische Handtuch und wische ihn und mich ab, wische den Boden und kicke auch das Handtuch runter. Nun darf aber nichts mehr passieren, habe ja nichts mehr zum Aufwischen denke ich. Da sehe ich das offene Deo, das ich vorhin benutzen wollte, hab ich ganz vergessen, ach ja, da war ich vorhin stehen geblieben und genau mein Duft! Ich föhne einarmig meine Haare trocken, zumindest etwas. Versuche Anton noch mal abzulegen und ich habe Glück, er hat kurz Interesse am schwarzen Föhnkabel. Ich schminke mich zu Ende, wenigstens das Nötigste, juhu und bemerke ich bräuchte mal wieder eine Wimpernzange!
Anton weint, nehme ihn wieder sofort auf den Arm, finde er ist ganz schön nass, also runter und umziehen. Räume vorher das Bad noch etwas auf, so weit das geht mit Baby, hole meine Klamotten vom Bett und gehe vorsichtig die Treppe runter. Als er beim Umziehen immer noch weint, weiß ich kochen brauch ich gerade gar nicht versuchen, also auf das Sofa und stillen (und weiter Notizen machen, sonst ist alles weg). Es ist kurz vor 10Uhr. Ticktack.
Beim stillen schläft er ein, das Nickerchen morgens hat nicht viel gebracht. Versuche ihn vorsichtig abzulegen, doch natürlich wacht er auf und schaut mich aus müden Augen an. Es ist schon 10 nach 10 und ich hab nur noch bis 11Uhr Zeit. Dann muss ich mit anziehen von uns Dreien beginnen. Setze Anton in den Stokke Stuhl und fange an zu schälen, so schnell es geht, denn wer weiss wie lange Anton mich lässt. In dem Moment, als die Zwiebeln im Topf landen und schwitzen, bekomme ich eine Nachricht vom Mann, er bräuchte die Kopie einer Rechnung, also renne ich runter in den Keller und suche nach dem Original. Auf einmal weint Emil aus unbekannten Gründen, also tröste ich ihn und schaue dann, ob das beim Mann so passt. Als ich endlich wieder zum Schäler greife, hat Emil Hunger und wühlt im Kühlschrank. Ich gebe ihm was er will, eine Wiener, die nachher zur Suppe gegessen werden soll. Ich schaffe es tatsächlich, alles zu schälen. Das ist immer eine ganze Menge, denn ich koche nicht für vier eine Kartoffelsuppe, sondern für sieben Menschen. Das alles gelingt nur, indem ich Anton immer wieder einen Kochlöffel und Messbecher reiche, die er noch immerzu fallen lässt.
Also die Suppe köcheln kann, hab ich sogar noch zehn Minuten, also renne ich runter, hole den zweiten Korb Wäsche zum Falten hoch und aus dem Trockner, den ersten hab ich nicht mal berührt, seitdem ich ihn hoch getragen hatte, schmeiße die Handtücher von der Waschmaschine in den Trockner und dunkle Wäsche in die Waschmaschine, schalte beide Maschinen ein und gehe wieder hoch…
Ganz knapp das Wichtigste geschafft, ich bin geduscht, alle Anwesenden sind satt und Mittagessen ist so gut wie fertig, wir probieren das jetzt mit dem entspannten Anziehen und fahren in den Kindergarten… Das tägliche große Einsammeln darf beginnen.

Ich lachte also am Morgen, als ich in der Küche stand, um das oben aufzugreifen, weil ich effektiv nicht viel geschafft habe und wäre ich supermuttilike früher aufgestanden, hätte ich keine wertvolle Zeit mit meiner täglichen Pflege verschwendet. Da mir persönlich mein Schlaf aber viel wichtiger ist und es auch so irgendwie geht, lachte ich. Und so bewundernswert ist es ja nun nicht, morgens in Unterwäsche in der Küche mal eben so zwischen Tür und Angel ein Müsli im Stehen essen zu müssen. :)

6 Responses to “Unheldenhafter Alltag”

  1. Andrea Says:

    Es ist herrlich. Ja so ist es. Hier auch jeden Tag aufs Neue, nur heißen meine zwei Lennart und Josua. Sie funktionieren genauso zusammen oder eben auch nicht zusammen, ich rette genauso meinen Alltag, nur das ich zwar morgens meinen Mann als Frühaufsteher da habe, aber dennoch Jonathan in den WAldorfkiga bringen muss, weil der Örtliche für ihn einfach nicht passte. Das sorgt jetzt für ein noch engeres Zeitfenster und ich muss um acht auch angezogen sein, was nach diesen Stillnächten eigentlich undenkbar ist.

    Viele liebe Grüße
    Andrea

  2. blumenpost Says:

    Hach ich liebe es wenn du deinen Alltag beschreibst.
    Und weißt du, weshalb du – obwohl du selbst das nicht denkst – trotzdem so bewundernswert bist? Weil du das alles mit einer solchen Selbstverständlichkeit und Herzenswärme machst. Dass du trotzdem das Mittagessen kochst und nicht mit Baby auf dem Sofa versumpfst wie ich es machen würde, sondern einfach ohne jammern alle Aufgaben erledigst.
    Ich finde das wirklich klasse. Denke so so oft an dich. ♥

  3. Kleines Haus am See Says:

    …ich musste ein bisschen schmunzeln. Weil es mir – auch wenn ich nur ein Kind habe – genauso geht. Deshalb finde ich es wirklich bewundernswert, wie du das alles mit all deinen Kindern meisterst. Hut ab! :-)

  4. Theresa Says:

    Ach, vielen, vielen Dank für diesen Einblick! Besonders das Kochzeitfenster (Schälen! Schälen! Schälen! Und dann werden einem von der hungrigen Vormittagsmeute gefühlt alle rohen Kartoffeln weggegessen…). Musste heute an dich denken, als ich hochschwanger mit zwei kleinen Jungs und einem Krüppelbuggy aus der Straßenbahn stieg (dabei mit einem der Kleinen auf dem Arm, natürlich) und alle haben mir dabei zugeguckt… Und schön geduldig gewartet, bis ich’s geschafft hatte;)
    Und bald, morgen oder in zwei Wochen, hier dann auch noch so ein spuckendes Wunder. Ich freu mich!
    Wie immer ganz liebe Grüße!!
    Theresa

  5. isabella Says:

    und wie du heldenhaft bist! viele Frauen wünschen isch viele kinder, aber nicht viele bekommen sie auch! das erfordert mut und fleiß und geduld. und das beweist du jeden tag. ich bin vor kaum jemanden ehrfürchtiger, als vor müttern mit so vielen kindern wie du es hast/ihr es habt und auch noch so frisch und optimistisch und liebevoll in die Zukunft blicken! ICh wünsch euch nur das beste <3

    supermami. absolut. ohne wenn und aber.

  6. kassiopeia Says:

    Ich freu mich total über jeden einzelnen Kommentar von euch, so persönlich und herzlich. Danke dafür! <3