4 Wochen Stillen

Da ich Ben nur am Morgen im Kreisssaal gestillte hatte und er den Rest des Tages verschlief, hatte ich
Sorge, dass der Milcheinschuss länger auf sich warten lassen würde. Ich achtete sehr darauf, dass ich
genug aß und trank, um Kraft zu haben, die mein Körper brauchen würde um Milch zu produzieren.
Mir ging es nach der Geburt von Ben sehr gut. Ich war einfach nur glücklich, hielt mein Kind im Arm und
genoss diese erste besondere Zeit. Am nächsten Morgen kam die Hebamme, die ich mir fürs Stillen
extra gesucht hatte zu uns. Sie lobte mich und Ben, aber sie wies mich auch auf meine Fehler hin. Mir
half der geübte Blick von Außen, denn sie zeigte mir schnell, wenn Ben oder ich nicht richtig lag, wie
ich ihn besser halten sollte, ihn locken. Mit jedem Anlegen wurde ich sicherer. Ich war sogar erstaunt
wie gut und rasch das alles klappte, wie gut Ben saugte und wie gut mein Busen das mitmachte. Die
Hebamme war stolz, diese Anerkennung durch sie tat mir gut. Schon am zweiten Abend wurde die
Brust sehr warm. Ich konnte es nicht so richtig glauben, aber da war er schon der Milcheinschuss. Am
nächsten Morgen dann war der Busen wirklich eckig. Die Hebamme machte einen Quarkwickel, weil mir
die Wärme nicht behagte. Aber das war eine riesen Sauerei- wurde nicht wiederholt. Die Brustwarzen
waren zwar stark beansprucht, aber nicht wund. Die Hebamme gab mir eine Ringelblumensalbe zur
Vorbeugung und Linderung. Zusammen mit der Muttermilch, die ich nach jedem Stillen einziehen lies,
wirkte das Wunder. Ich kam wunderbar zurecht. Am Abend des dritten Tages dann wurde der Busen
tatsächlich viereckig. Ich konnte nicht ohne große Schmerzen die Arme anheben. Alles war schwer,
bleiern und druckempfindlich. Nach jedem Stillen legte ich Kühlpads in den BH, der den Busen so gar
nicht mehr richtig fassen konnte. Davor hatte mich die Hebamme gewarnt. DIe Milchplatten schieben
sich übereinander, der Körper produziert überall- auch dort, wo das Kind nicht abtrinkt. Sofort kam bei
mir die Angst hoch eine Brustentzündung zu bekommen, da mir klar war, dass Ben gar nicht schaffen
konnte alles ab zu trinken. Doch ich wurde beruhigt, dass würde nicht passieren, da der Körper von
selbst merkt, dass er zuviel Milch produziert. Ich hoffte, dass das wirklich rasch vorrüber geht und der
Busen wieder kleiner wird- immerhin passte ich nicht in die 75H hinein- und seine alte, weichere Form
annimmt. Ben trank tapfer ab und auch der Busen produzierte nicht mehr allzu viel. Nach einer Woche
hatte sich die Produktion eingespielt, der Busen war wieder wunderbar weich und nicht mehr
druckempfindlich. Dann kam schon der erste Schub. Dauernuckeln an der Brust, aber auch das
verkraftete diese gut. Selbst die Nachwehen waren unter dem Saugen nicht so schlimm wie erwartet. Die
erste Zeit war ich mir nicht sicher, wie ich nun nachts schlafen möchte, um ein Auslaufen und Nasswerden
des Lakens oder Oberteils zu verhindern. Ich benutzte mal nichts, mal die Lilypadz. Mittlerweile schlafe
ich nach einem Tipp von der Dickbauchmarie mit Top und Stilleinlagen in der Nacht, ganz ohne BH-
anders undenkbar. Aber auch das hat sich mittlerweile gut eingespielt- einzig wenn die Milch
einschiesst, brauche ich etwas Schutz für meine Kleidung. Das Einschießen der Milch bleibt bis jetzt
schmerzhaft. Mittlerweile sind die Brustwarzen nach vier Wochen sehr strapaziert, das bedeutet für
mich regelmässige Pflege mit der Salbe sonst habe ich Schmerzen. Obwohl wir uns in der Nacht ja
quasi die Arbeit teilen- ich stille, Nils beruhigt und wickelt- empfand ich das Stillen besonders in
dieser Zeit als belastend. Bis vor kurzem musste ich immer das Licht anmachen, jetzt geht es ohne.
Ich wusste nicht immer wie spät es ist, habe mich immer aufgesetzt, um nicht einzuschlafen und las
während dessen blogs oder twitter, Zeitschriften oder in meinem Buch. Immer öfter schlief ich dabei
ein mit Ben am Busen, wurde später wach und wusste nicht, ob wir immernoch oder schon wieder
stillen, er gut getrunken hat oder nicht, schließlich gib es am Busen keine ml- Anzeige. Ich habe
lange überlegt, ob ich nach Bedarf stillen kann. Ich haderte sehr mit mir, aber es schlauchte. Seitdem
ich mich vorgestern entschieden habe, mehr auf die Uhr zu achten, geht es mir besser. Bei unserem
Ausflug gestern wusste ich genau, wann ich mit ihm rechnen kann und das ich dann Ruhe für ihn
brauche, heute nach dem Kinderarzt, unterwegs zum Kindergarten, Einkaufen und Optiker angewiesen
auf Busse und zu Fuß in der Kälte, half es mir ebenso rechtzeitig ohne Tränen einen ruhigen Ort zu
finden. Es ist schön zu wissen, wann er ungefähr die nächste Mahlzeit braucht und ich freue mich
dann schon auf diese gemeinsame Zeit mit Ben. Nur einmal wach zu werden in der letzten Nacht war
schön. So hatte ich endlich Zeit, ein bißchen am Stück zum schlafen. Ich stillte vorm Zubettgehen,
einmal in der Nacht und gleich morgens. Nach dem morgendlichen Stillen stand ich auf und setzte
mich gemütlich an den Tisch zum Frühstück mit den Kindern, das war schön. Vorher undenkbar, weil
ich gerade erst nach dem Stillen eingeschlafen war oder noch immer stillte. Trotz der Vorteile fiel mir
das Wachwerden in der letzten Nacht viel schwerer, als in den Nächten davor. Ich spürte plötzlich die
letzten Wochen- die Müdigkeit. Stillen ist anstrengend. Man muss nicht nur darauf achten, dass man
gut isst und trinkt, man muss entspannt sein, denn man ist eine Milchproduktionsstätte. Das zerrt auf
Dauer und das merken nicht nur die Brustwarzen. Es ist eine einzigartige Nähe. Man ist allein
verantwortlich für das leibliche Wohl des Kindes. Man braucht nicht auf Zweisamkeit zu verzichten,
man kann aber auch erstmal nichts davon abgeben. Auch wenn man sein Kind kuschelt und schmust,
während man die Flasche gibt, ist man nicht immer nackt dabei. Beim Stillen ist das anders. Gerade das
fällt mir am Schwersten. Mein Körper gehört mir. Ein Busen ist ein Busen- mit oder ohne Milch. Der
Busen ist und bleibt sekundäres Geschlechtsmerkmal. Ich möchte mich nicht nackt ausziehen vor
anderen Menschen mit denen ich nicht das Bett teile. Ich möchte nicht am Tisch sitzen mit gelüftetem
Oberteil. Mir ist es unangenehm Freundinnen zu besuchen, deren Ehemänner von zu Hause aus
arbeiten. Eine vollkommene Lösung habe ich noch nicht gefunden. Ich trage im Moment meist ein
Top unter einem Longsleeve. Zum Stillen ziehe ich das Top unter die Brust, damit ich den BH öffnen
kann und das Longsleeve nach oben, das hat den Vorteil das meine empfindlichen Nieren bedeckt
bleiben, mein Bauch ebenso und nur ein Busen frei liegt. Hat aber den Nachteil, dass es eine ziemliche
Fummelarbeit ist bis man endlich Stillen kann. Ich muss außerdem damit leben, dass Ben mal die
Brust loslässt und ich plötzlich barbusig da sitze. Still-Oberteile gibt es wenig schöne, zudem meist
teuer. Ich habe mir aber ein wunderschönes Stilltuch in dunklem lila gekauft, dass geknöpft wie ein
Poncho den Oberkörper bedeckt. Zwar muss man auch hier den Busen frei machen, wenn man sein
Kind nicht unter dem Tuch stillen möchte -was mir persönlich nicht gefällt- aber, man kann sich
danach unter dem Tuch wieder ganz in Ruhe anziehen, ohne den Blick auf die Brust frei zu geben.
Zusammen mit den Zeitfenstern kam ich gestern und heute sehr gut zurecht.
Es ist ein unbeschreibliches Gefühl wie durch mich und meine Milch unser Ben wächst und gedeiht.
In den letzten vier Wochen hat er 1,2kg zugenommen. Das erfüllt mich mit Stolz. Ihn in meinem Arm
zu halten und zu sehen wie er trinkt, erfüllt mich mit stolz, weil wir es geschafft haben: Wir stillen. Es
kostet nichts, außer Stilleinlagen und einen BH, man wäscht keine zig Fläschen über den Tag verteilt
ab und verschwendet damit kostbare Zeit, man hält kein wimmerndes Kind auf dem Arm, während
man darauf wartet das die blöde Flasche fertig wird, man muss sein Kind nicht hergeben, weil jemand
anderes mal kurz gern eben füttern möchte, man muss nicht noch zusätzlich zu all dem anderen
Zeug noch einen Beutel mit heißem Wasser, Fläschen, Pulver, Löffel und Co herumschleppen- es ist
einfach praktisch. Aber eben nicht einfach. Stillen ist nicht die ungeteilte Glückseligkeit, aber für uns
ist es eben im Moment genau das Richtige.

Klabauter
Danke nochmal von Herzen, wenn auch sehr verspätet an dieser Stelle an Frau Klabauter für das Still-Startpaket!

14 Responses to “4 Wochen Stillen”

  1. Mizz Foxxy Says:

    Das ist in meinen Augen einer Deiner schönsten und intimsten Beiträge. Er ist einzigartig geschrieben. Schreibst Du eigentlich auch manchmal Kurzgeschichten und hast Du mal daran gedacht? Ich finde Deine Art, etwas sehr privates absolut ästhetisch zu beschreiben, einfach nur wunderschön.
    Es beruhigt zu hören, dass bei Euch alles okay ist und ich freue mich, dass vieles nach Deinen Vorstellungen verläuft. Drück Dich!

  2. tonni Says:

    hey, ich finde du machst das ganz ganz grossartig!

  3. Karen Says:

    Ich habe beim zweiten Kind Stilltops für mich entdeckt – also so Tops, die oben wie ein Still-BH gearbeitet sind. Die hatte ich quasi Tag und Nacht wie ein Unterhemnd an und musste nie irgendwo mit nacktem Bauch/Rücken sitzen beim Stillen und auch nicht viel rumfummeln zum Eröffnen der Milchbar. Gab’s ganz preiswert beim örtlichen H&M. Vielleicht willst du’s ja mal ausprobieren. :-)

  4. Rinjah Says:

    Schön das es jetzt so klappt :)

  5. lena Says:

    ich freu mich wirklich sehr, dass es mit dem stillen bei euch beiden so toll klappt.
    ich habe mich auch vor 1 woche dazu entscheiden, nachts nicht mehr auf die uhr zu gucken und bin seitdem deutlich entspannter. wenn marco morgens fragt, wie die nacht war bzw. wie oft jonas trinken wollte, dann kann ich nur mit einem schulterzucken antworten, weil ich es einfach nicht mehr wirklich registriere, wie oft es jetzt wirklich war. und irgendwie ist es auch egal :)

    für stilltops ist h&m wirklich eine gute adresse. die sind auch eigentlich schön lang, sodass die in der hose bleiben können, bzw. die nieren bedecken.

  6. Ansku Says:

    Du Liebe, ich freu mich einfach nur riesig zu hören, dass es diesmal alles für Dich so hervorragend klappt. Weil Du es Dir so sehr gewünscht hast und Dir im Vorraus soviele Gedanken gemacht hast und jetzt ist es genau so eingetreten. Toll!

  7. dickbauchmarie Says:

    oh das klingt toll!und die gewichtszunahme bens spricht j auch bände… ach mensch-schöööööön

  8. Frische Brise Says:

    Freut mich wirklich, daß es so gut klappt!
    Toll, daß Du nach Deinen Flaschenerfahrungen den Mut hattest, es doch zu versuchen.

  9. Silberpfeil Says:

    Ich finde es toll, dass es bei Euch so gut klappt. Ich wünsche Dir das es so wieter geht, und dass ihr rückblickend sagen könnt, es hat sich auf jeden Fall gelohnt. Alles Liebe

  10. kassiopeia Says:

    @MizzFoxxy: So ein Quatsch und nein, ich schreib schon lange keine Kurzgeschichten mehr! Leider, keine Zeit.
    Aber mein Kopf ist voller Ideen! Bin ja froh, wenn ich alle meine Beiträge hier schaffe zu schreiben! :) Von
    Mails mal ganz zu schweigen. Hauptsache ich kann meine Seele hier erleichtern.

    @tonni: Danke, das bedeutet mir wirklich viel!

    @Karen & Lena: Danke für den Tipp mit den Tops (Das klingt mal gut!), aber ich kann damit wenig anfangen,
    dadurch das ich immer BH tragen muss, dauert es so oder so und der Schrank ist voller Tops.

    @Lena: Bei uns ist es genau anders. Ich schaue sehr wohl auf die Uhr und damit komme ich viel besser zurecht.
    Wir haben nun einen richtigen Rythmus und das tut mir gut und der Familie, weil die Zeit die ich für die anderen
    Kinder habe sichtbar wird. Alles wird irgendwie transparenter. So fühlt es sich einfach viel besser an. Muss nur
    die Augen auf halten um einen Schub rechtzeitig zu erkennen, aber das musste ich bei den Flaschenkindern
    ja auch. Und bei Ben merkt man deutlich, ob ihm nur langweilig ist oder er richtigen Hunger hat.

    @Ansku: Danke dir, du Liebe. Ich freu mich auch so! Die ersten Tage rannte ich mit riesigen Augen durch die
    Gegend, weil ich nicht glauben konnte, dass es das schon gewesen sein sollte…

    @dickbauchmarie: Ich bin selber erstaunt wie gut und schnell der Kleine zu nimmt, damit hatte ich mit Mumu
    nicht gerechnet!

    @Frische Brise: Danke! Ich bin froh, dass ich es gemacht habe! Wirklich. Es brach mir bei Tom einfach das
    Herz und das sollte sich bei Ben nicht wiederholen.

    @Silberpfeil: Es hat sich jetzt schon gelohnt, auf jeden Fall. Jetzt bin ich gespannt wie es weiter geht…

  11. tonni Says:

    Gern! Es liest sich so scön und so ehrlich; gerade neulich habe ich mit einer Freundin übers Stillen geredet (sie ist (noch?!) kinderlos und dann 2 Tage später deine Worte gelesen. Anders als ich stille. Und fühle. Aber so echt, so ehrlich und warm und so einfach Euren Weg findend! Und genau darum gehts doch: Ihr zwei, ihr müsst Euren Weg finden und gehen und ich finde es liest sich toll!

  12. bauchherzklopfen Says:

    Ach, das ist toll mal so einen ungeschönten aber trotzdem rührenden Bericht vom Stillen zu hören. Ich brauche auch keine Bilderbuchromantik, um den Wunsch zu haben zu stillen. Deine Aufrichtigkeit tut gut. Danke!

  13. Souffleurlos Says:

    […] beinah vier Monaten stille unseren kleinsten Sohn. Voll. Als hätte ich nie etwas anderes getan. Es klappte zu meiner Verwunderung völlig unkompliziert. Trotzdem war es ein gutes Gefühl eine […]

  14. Judith Says:

    Grade lese ich mir nochmal deine Artikel zum thema stillen durch….bei den beiden großen wollte ich ja nie stillen, war nie ein Thema für mich. Aber jetzt ist irgendwie alles anders und ich möchte es zumindest versuchen. war das bei dir auch so? LG